„Diese seltsame jetzige und dann schon gestrige Situation in Kunst zu verwandeln“ Leander Fischer, Schriftsteller_7.4.2020

 

Lieber Leander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, absurderweise hat sich mein Tagesablauf kein bisschen verändert. Albert Vigoleis Thelen spricht ja schon vom Schriftsteller als Stubenhocker, und Selbstbespiegelung geht nicht nur in „Die Insel des zweiten Gesichts“ auf Mallorca zwischen den eigenen vier Wänden am besten. Da muss man ja bloß ehemalige FPÖ-Koryphäen fragen. Auch Musik, die Nachrichten, Satireserien und Filme, wissenschaftliche sowie fiktionale Literatur, die mein Schreiben hauptsächlich speisen, konsumiere ich recht gerne windgeschützt und in geheizten Räumen. Traurig wird es wohl erst, wenn der Frühling draußen hinterm Fenster vor der Tür steht, in der Tür und sagt: „na, versucht mal, mit mir zu telefonieren.“ Klimawandel, könnte man sich auch mal wieder drüber unterhalten. Ich glaube, der CO²-Ausstoß geht runder grade, so ganz generell.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dasselbe wie immer, keine Panik, Gelassenheit, Gymnastik, Lesen.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?
Ich schreibe gerne über Tüftler, die sich zurückziehen, um herumzubasteln. Dummerweise erweisen sich Buchstaben recht oft als widerspenstiges Material. Insofern ist die Frage vielleicht gar nicht, welche Bezüge ich aus dem Schreiben in die Bewältigung der aktuellen Situation mitnehme, sondern viel eher, wie mir die aktuelle Situation dabei hilft, das Schreiben zu bewältigen. Erstmal stellt die jetzige Phase der Pandemie ja eine in unserer neoliberalen Epoche extrem rare Ressource zur Verfügung, und zwar Zeit. Prinzipiell glaube ich, dass Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit eine ganze Weile verjähren, sozusagen gären müssen im Kunstschaffenden, bevor sie überhaupt in einen Werkprozess einfließen können. Insofern will ich auch meinen, dass der Vorrat an verarbeitbarem Material momentan noch nicht aufgebraucht sein dürfte, und Kunstschaffende das nützen sollten. Ich denke, erst in ein paar Jahren ist es wieder nötig, unsere Wohnungen zu verlassen, uns erneut an die Erdoberfläche zu wagen, um frische Eindrücke zu sammeln wie Eichhörnchen Nüsse. Wahrscheinlich werden wir uns dann aber gar nicht allzu lang mit diesen Früchten beschäftigen, werden sie erstmal vergraben oder liegen lassen, und wieder unseren Winterschlaf antreten, uns in unseren Kobel zurückziehen, uns erneut ans Tüfteln machen, weil eben dann der Tag gekommen sein wird, diese seltsame jetzige und dann schon gestrige Situation in Kunst zu verwandeln. Und sollten uns in der Zwischenzeit, oder auch in der Zukunft, heute, morgen, oder übermorgen trotzdem irgendwann die Ideen ausgehen, wie wir unsere Zeit rumbringen, ein paar gute Bücher gibt es ja schon, „Die Stadt der Blinden“ beispielsweise, „Der Tod in Venedig“ das erst unlängst erschienene, absolut umwerfende Buch „Wie ich in einer mailändischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte“, „Die Pest“, und wers noch nicht gelesen hat, Infinite Jest.

 

Was liest Du derzeit?

Momentan lese ich Angela Lehner, Vater Unser, ein Buch, von dem ich von der ersten Seite an überzeugt war, für dessen Lektüre ich mir aber nie die Zeit genommen habe. Die Protagonistin ist in der Irrenanstalt Steinhof interniert, und ich denke oft, okay, liebe Frau Gruber, du hast also Probleme. Schön, das reimt sich sehr unrein aber doch auf Quarantäne. Es ist ein recht lustiges Buch, zu lachen hat man genug. Das tut gut gerade in diesen dunklen Tagen, nur Mut.

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Welchen Textimpuls aus Deinen Literaturprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Einen kleinen Teaser in eigener Sache, und zwar einen etwa einseitigen Ausschnitt aus einem Hörspiel, das ich für Deutschlandradio schreibe, verfasst witzigerweise im Oktober vergangenen Jahres, als noch kaum die Rede von Corona war. Ich werde nämlich im Oktober normalerweise jedes Jahr krank:
„Es war derzeit heißt und August. Eine Südwestströmung herrschte und füllte das Sommerloch. Zeitungen feilten an Schlagzeilen und spielten auf Spanische Grippe an. Denn ein Virus kursierte auf den Boulevards und spukte durch Umtrunkstuben von Krug zu Krug. Es reichte eine wiederverwendete Halbe, speichelkontaminiert der Zapfhahn. Alsbald lag ein weiteres Glas daran, wie unstillbare Säuglinge, die im Anschluss Mütter-Väter-Verwandten-Münder küssen. Die Grippe grassierte an Lippen entlang durch Absturzschuppen und infizierte die Filter und Tips herumgereichter Kippen und Spliffs. Die sickness schlich in Wirtslungen und trudelte weiter in den Clubuntergrund, den supersonic-Saibling, die acid-Äsche, das crazy Werk und die ille Forelle, alle am Kanal gelegen. Im Outdoorbereich regnete es Kontakte und nicht allzu selten Gegrapsche. Im Bauch der Hallen hagelte das Stroboskop. Licht brachte die tanzenden Körper erst zum Schwitzen und dann zum Gleißen. Der Film rann langsam nackte Arme hinab und die leichten T-Shirts trieften bald, die schweren Jeans zum Auswringen nass. Die Tropfen krochen in die Socken und flatschten durch die Löcher in zertanzten Turnschuhsohlen zu Boden. Wie frisch gewienert glitschte die Tanzfläche und bald der ganze Club ein einziger Pfuhl. Die Party kochte und die Moleküle hopsten, die Tanzenden rasten in vor Fieber vibrierender Luft. Klang schlug in perlenglänzende Gesichter, Schallwellen drangen in Ohrmuscheln, und zur Sperrstunde strebten alle heim, wie Quellen der Krankheit, die sich ein Delta bahnen aus dem Springbereich der Clubs, der desease Saibling, die amphe-Äsche, das ätzende Werk und die sicke Forelle. Und so sprudelt der Virus mutiert durch Studentenbuden, strudelt Stiegen und Treppenhäuser hinauf, tröpfcheninfiziert die Nachbarn beim sporadischen Hallosagen, setzt sich an Briefkästen und Wassergläsern fest, Zahnputzbecher und DHL-Pakete, danke, dass Sie das annehmen. Die Pandemie legte so viele Kinder flach, dass Herr Gerber eines Morgens ganz alleine in seinem Hallenbad saß. Kein Schwimmschulkurs war da, klasse!“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Leander und viel Erfolg für Deine aktuellen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leander Fischer, Schriftsteller, Deutschlandfunk Preisträger 2019_Klagenfurt. 

 

23.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _ Klagenfurt 2019.

 

https://literaturoutdoors.com

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