„Es könnte auch sein, dass Literatur alles nur schlimmer macht“ Anselm Neft, Schriftsteller_Hamburg 31.3.2020

Lieber Anselm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich generell zu Hause schreibe, ändert sich an meiner Arbeitsweise nichts. Allerdings kann ich derzeit weder Schauplätze des nächsten Romans bereisen noch in Bibliotheken recherchieren. Und die Abende und Wochenenden gestalten sich anders: sonst bin ich zwei-, dreimal in der Woche zum Boxen gegangen, zu Lesungen, zu Freunden, in Kneipen oder Cafés. Auch unsere Lesebühne hier in Hamburg kann derzeit nicht mehr stattfinden. Der Sport fehlt mir jetzt gerade am meisten. Allerdings hat der Verein gerade damit begonnen Lehrvideos online zu stellen und ermuntert seine Mitglieder zu einer täglichen Routine. Das alles ist natürlich weitgehend irrelevant bis gelogen: Tatsächlich findet ein Großteil meines Leben in einer Parallelwelt statt, in der ich gefangen bin und aus der ich, wenn überhaupt, nur schreibend und fiktiv berichten kann.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich vermute: Zuwendung. Rücksichtnahme. Geld. Gutes Immunsystem. Internet. Und wie immer: Glaube, Liebe, Hoffnung.

 

Welche Bezüge aus Deinen Literaturprojekten nimmst Du jetzt in die Bewältigung der aktuellen Situation mit und welche Rolle kommt der Literatur in diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu?

 

Ich verstehe die erste Frage nicht. Und auf die zweite weiß ich keine Antwort. Vielleicht passt zu beiden Fragen: Ich habe die Fähigkeit eine weitere Welt zu erfinden und mich hauptsächlich darin zu bewegen, das ist wahrscheinlich für mich und andere hilfreich. Ich bin mir aber nicht sicher. Es könnte auch sein, dass Literatur, das erfundene Leben, als Ersatz für (körperliche) Lebendigkeit und Nähe eine Droge ist, die alles nur schlimmer macht. Ich habe über diese Frage mal einen vielleicht etwas zu hermetischen Text in Klagenfurt vorgelesen. Hör ihn dir bitte noch einmal an!

 

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Was liest Du derzeit?

W.G. Sebald „Austerlitz“ und „Das Lachen der Täter“ von Klaus Theweleit. Außerdem lese ich gerade zwischendurch noch mal Kurzgeschichten von Robert Aickman, „The Swords“ ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Und dann liegt hier schon das neue Buch von Benjamin Maack auf dem Nachttisch: „Wenn das noch geht, dann kann es nicht so schlimm sein“.

 

Welchen Textimpuls aus Deinen Romanen möchtest Du uns mitgeben?

„Ich erhob mich vom Bett, stöhnte leise und begann, mich anzuziehen.“ (aus „Die bessere Geschichte“)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Anselm, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und Deine weiteren  Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anselm Neft, Schriftsteller

Aktueller Roman: Anselm Neft, Die bessere Geschichte (Rowohlt Verlag, 2019)

 

31.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig _2018, Bachmannpreis.

 

https://literaturoutdoors.com

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