„Wir können die zerbrochenen Teile jetzt anders zusammenfügen“ Leona Stahlmann, Schriftstellerin, Hamburg 23.4.2020

Liebe Leona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch das Schreiben nicht viel anders als vorher. Die ersten Wochen der Pandemie waren für mich ein einziger schwarzer Sog hinein in ein Kaninchenloch aus Schock und Überforderung. Dann habe ich weitergearbeitet. Für meine Schreibarbeiten habe ich immer einen ziemlich ausgeprägten Weltausblendungsmechanismus gehabt; den kurbele ich jetzt noch energischer an als vorher, wie bei diesen Autos auf Schwarzweißfotos, bei denen man den Motor mit einer Kurbel angelassen hat. Ich bin dann sozusagen das Auto und fahre der Wirklichkeit davon. Und hoffe, dass es mir nicht doch noch Zucker in den Tank hagelt. Damit das nicht passiert, lese ich konsequent nichts als Romane und Erzählungen bis zum Abend und erst dann erlaube ich mir Berichterstattungsmedien. Sonst: Kaninchenloch. Und da ist’s mir zu duster.

 

901ede2aac7b953f6bac67bc2cba164d.0

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Alltägliche nicht aus dem Blick verlieren und vor dem Chaos verteidigen. Der Trost der Gewohnheit und der kleinen Routinen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Wesentlich wird sein, die Zäsur durch die Pandemie als solche zu akzeptieren, nicht nur als vorübergehende unangenehme Hautreizung auf der Oberfläche der globalisierten Welt. Es gibt den Riss, das Vorher und das Nachher, und wir können die zerbrochenen Teile jetzt anders zusammenfügen, als sie vorher gewesen sind. Dabei muss alles denkbar sein, man muss sich alles vorstellen dürfen: Vielleicht schaffen wir zusammen eine neue Form, die nicht nur notdürftige Reparatur des brüchigen Alten ist. Und wer, wenn nicht die Künste, sind Experten dafür, Formen für das Unvorstellbare zu finden?

 

Was liest Du derzeit?

Scurati! Und J.G. Ballard.

  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

James Salter, Light Years: „Life is weather, life is meals.“ Gilt auch in Krisen. Vielleicht sogar besonders dann.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Leona, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leona Stahlmann, Schriftstellerin, Journalistin

Aktueller Roman: „Der Defekt“, Kein&Aber Verlag, 2020 

https://www.leonastahlmann.de/

 

13.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Simone Hawlisch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s