„Mich beunruhigt etwas die aufkeimende Kontrolleuphorie“ Harald Darer, Schriftsteller, Wien 24.4.2020

Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe zwei Kinder die meinen Tagesablauf bestimmen: Frühstück für sie herrichten, sie füttern, sie unterrichten, Mittagessen für sie herrichten, sie füttern, einkaufen gehen, sie weiter unterrichten, und so weiter. Ich schaue aber auch viel in die Gegend hinein, am liebsten mit einem Kaffeehäferl in der Hand und in der Sonne sitzend. Außerdem ist die Tube einer speziellen Hautcreme meiner Frau auf rätselhafte Weise verschwunden. Seit zwei Wochen treffen wir einander immer wieder einmal in verschiedenen Zimmern der Wohnung und suchen danach (mit wölfischem Blick, aber dennoch erfolglos). Dabei trage ich zumeist einen sogenannten „Onesie“, also einen Strampelanzug für Erwachsene, den ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe. Meine Frau trägt neuerdings Töffler-artige Schlapfen in der Wohnung. Ich fürchte, meine jüngere Tochter hat mit der Creme die Nachbarskatze „gefüttert“ und die Tube verschwinden lassen. Sie kann sehr bestimmend und raffiniert sein. Grundsätzlich haben die vergangenen Tage und Woche etwas Kontemplatives, dem ich, zugegeben, einiges abgewinne.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich nicht gegenseitig aufzureiben, die Situation ist mühsam genug. Feindseligkeiten sind bestmöglich zu vermeiden. Innerhalb der Familie und außerhalb. Humor schadet nie, der kann einen selbst und Andere von äußerlichen und innerlichen Blessuren gut bewahren. Mich beunruhigt etwas die aufkeimende Kontrolleuphorie des Staates und seinen ausführenden Organen, die von vielen Bürgern ebenso euphorisch-dankbar angenommen wird. Ist das die österreichische Lust zur Kleinlichkeit? Der Hang zu selbstlosen Schadenfreude? Ich weiß es nicht. Seid nett zueinander! Seien Sie keine unfreundliche Spinatgans! Es kostet nichts.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich weiß überhaupt nicht ob das tatsächlich so ist. Natürlich geraten momentan viele in finanzielle und somit existenzielle Turbulenzen. Ob das zu einem gesellschaftlichen Aufbruch oder einem Neubeginn führt wird sich zeigen. Schön wäre es, wenn er positiv wird. Sätze wie: „Die Welt wird nach Corona nicht mehr so sein wie früher“, oder: „In Zeiten wie diesen, und so weiter“, finde ich bereits abgeschmackt und klingen in meinen Ohren wie Werbeslogans von Schlagzeilenverkäufern, derer sich die Zeitungen über Gebühr bedienen um ihren Artikeln mehr Dramatik zu verleihen. Menschen die in sogenannten prekären Verhältnissen leben und arbeiten, waren es vorher schon gewohnt vor persönlichen Neubeginnen zu stehen. Von Ländern, die nicht zur sogenannten westlichen Welt gehören gar nicht erst zu reden. Da ist bei uns schon eine ordentliche Portion Hybris dabei. Wesentlich wird sein, nicht einfach wieder so weiterzumachen wie bisher, und das wird, denke ich, schwierig werden, weil grundsätzlich haben wir es eh gemütlich gehabt vorher, nicht wahr? Was die Literatur betrifft- das Schöne an ihr ist ihre Langsamkeit, das schätze ich zurzeit besonders. Durch die Corona-Krise hat sich ihre Rolle als Lebensretterin für mich nicht geändert, das war vorher so und das wird nachher so sein. Vielleicht hat man als Autor hier einen gewissen Vorteil, weil man viel mit sich selbst und seinen Gedanken beschäftigt ist und mit irgendwelchen Sätzen und Wörtern herumhängt als wären sie lebendig. Vielleicht sind sie es ja auch. Man darf nur nicht vergessen hie und da seinen Strampelanzug zu waschen.

 

Was liest Du derzeit?

„Wunder“ von Wsewolod Petrow, einem Vertreter des russischen Absurdismus. Kommt mir aber momentan ziemlich un-absurd und real vor.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe meinen aktuellen Roman „Blaumann“ ein Motto vorangestellt, das gut zu unserer verordneten Kasernierung passt: „Die Jahre verfliegen, nur der Nachmittag zieht sich“.

Alles Gute!

Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Harald Darer, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Blaumann“, Picus Verlag, 2019

https://der-darer.net/

 

13.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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