„Ich glaube nicht an DEN Neubeginn“ Caca Savic, Schriftstellerin_Berlin 28.5.2020

Liebe Caca, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Arbeit wurde plötzlich sichtbarer. Ich bin tagsüber nicht mehr allein, obwohl kein Besuch kommt.
Im Yoga-Hund zwischen Schreibtisch und Schultisch.
Im Livestream baue ich Szenen meiner Ichs nach. Mal mit Schnurrbart vor dem Bücherregal, aber auch im Badezimmer und in der Badewanne.
Ich zähle die Jogger auf der Straße, keine Hamsternden mehr.
Die sterile Handrückenhaut reißt, auf Papier scheinen Schuppen zu sein.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe zum Denken, Solidarität. Und zwar Branchen und Grenzen und Geschlechter und Sprachen und Alter übergreifend. Eh wie immer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich glaube nicht an DEN Neubeginn. An EU-Außengrenzen stehen immer noch Menschen und wir stehen vor den Shopping Centern.
Wir sind doch in Kontexten, kommen von irgendwoher und gehen in die Zeit weiter. Die Literatur kann das nicht alles überschreiben, aber vielleicht übertreiben. Sie baut Räume und braucht Zeit und Interesse.

Caca Savic

Was liest Du derzeit?

Sabine Scholl, Anna Herzig, Friederike Mayröcker, Marlene Streeruwitz, Martin Peichl, Gottfried Benn, Saša Stanišić, David Albahari, James Baldwin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht kann die Poesie gar keine Wahrheiten sagen; aber sie kann wahr sein, weil die Wirklichkeit, die mit den Worten folgt, wahr ist.
(aus: Der Geheimniszustand, Inger Christensen)

Vielen Dank für das Interview liebe Caca, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Caca Savic, Schriftstellerin

Foto_privat.

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„Die Chance etwas zu verändern, endlich Auf- und Auszubrechen war selten größer“ Lisa Habermann, Schauspielerin_ Volksoper Wien, 27.5.2020

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesrhythmus hat sich sehr in Richtung Abend/Nacht verlagert. Wenn ich es nicht schaffe um 23:00Uhr ins Bett zu gehen, bekomme ich einen kreativen Schub, eine Art Aufregung, die mich bis spät nachts wach hält. Ich liebe die Ruhe der Nacht. Den Pflichten des Tages enthoben, habe ich große Freude daran, zu arbeiten. Mit meinen Gesangsübungen muss ich allerdings bis zum nächsten Morgen warten, leider.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, die Dinge die uns eigentlich gut tun, drängen sich in der erzwungenen Leere regelrecht auf. Wenn man es erst geschafft hat, alle Schuld nicht arbeiten zu können, wie man es gewöhnt ist, abzulegen, entsteht der Raum im Kopf um Ideen oder lang ersehnte Wünsche wahrzunehmen. Oder man bemerkt, welche Dinge man zu lange aufgeschoben, sich aufgehoben hat, was es zu klären gibt. Wenn man diese Situation gut für sich nützt, bringt man sich so, Schritt für Schritt bei, sich selbst, aus eigener Kraft, zu helfen.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Ich komme aus dem Bereich des Musiktheaters und meines Empfindens nach, stand hier schon lange eine Veränderung an, eine Entwicklung oder viel mehr ein Umdenken. ‚Musical‘ ist Teil der Unterhaltungskultur und wurde, meiner Meinung nach, leider des Öfteren eher als Quoten Verbesserer missbraucht und DAS, was die Kunst der Unterhaltung ausmacht ist es, die Menschen zu berühren. Man darf die Theaterbesucher nicht als die Masse verstehen, die es zu unterhalten gilt und sich anmaßen zu wissen was ‚Man‘ sehen möchte, sondern sich wieder darauf besinnen was ‚Man‘ als einer von Allen, erzählen möchte, welche Geschichte uns gerade Jetzt besonders berührt, oder entlastet, oder mitfühlen lässt. Wir wollen alle Fühlen. Das wurde in den letzten Wochen doch sehr klar. Wir suchen nach Empfinden, nach Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit und einer spannenden neuen Perspektive. Die Chance etwas zu verändern, endlich Auf- und Auszubrechen war selten größer.

 

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Was liest Du derzeit?

Ich habe mich natürlich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt und nach – „Der gute Gott von Manhattan‘- angefangen Ihre Liebesbriefe an und von Paul Celan zu lesen genannt – „Herzzeit“ –

Ebenso eine Einführung und Interpretation der Arbeit von Kafka und die Kurzgeschichte – Leben und Schreiben –

Sowie – Haben und Nichthaben – von Ernest Hemingway

 

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Meine Mutter hat mich gestern mit einem wunderschönen Zitat von Ingeborg Bachmann beschenkt.

„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“

Also: Back to school, sag ich nur.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Lisa Habermann, Schauspielerin

https://www.volksoper.at/volksoper_wien/ensemble/solisten/Habermann_Lisa.de.php

 

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„Die Bagage“ Monika Helfer. Roman. Hanser Verlag

 

 

1914. Die Welt in Bewegung. Politik und Poker. Eitelkeit und Untergang. Hier am Berg ist das Leben was es ist. Das tägliche Erwachen zwischen Familie und Wäsche. Im Bett gibt es so wenig Platz wie in allem und für alle hier. Der Mann hat das Sagen. Oder das Schweigen. Und das kann ein Leben lang sein, hier im Dorf. Wie das Reden unten im Tal über die „Bagage“.

Dazwischen der Blick ins Weite, oben und unten, wenn die weiße Wäsche im Wind vor dem Haus weht und das Kind das Leben zeichnet. Doch der Stift ist ein Nagel. Des nicht Loskommens und der Kreuzigung. Das Müde sein, das Augen schließen am Abend, das ist alles. Das wenige Leben festhalten. In Dunkelheiten. Im Schwarz der Haare.

Dann der Brief. Der Krieg beginnt. Da wird auch vor der „Bagage“ nicht Halt gemacht. Der Postadjunkt kommt mit dem Fahrrad. Josef, der Hausherr, tauscht jetzt die Waffen und das Feld. Maria wird allein mit den Kindern sein und es wird auch eine Freiheit sein. Wie immer nur bis zum Morgen. Das muss genügen für ein Leben lang. Eine Nacht lang…

 

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer lässt in Ihrem neuesten Roman Leserin und Leser in gewaltiger Sprachkraft begeistert in die ländliche Lebensrealität des beginnenden 20.Jahrhunderts eintauchen. Es ist die direkte unmittelbare Form des Erzählens, die Seite um Seite gleichsam wie in einem Familienalbum blättern lässt und bis zum mitreißenden Romanfinale nicht loslässt.

Ein besonderes Stück Literatur in bester narrativer Energie, die durch und durch elektrisiert. Die große Aufmerksamkeit für das Leben und seine Wirkmächtigkeit über Generationen hinweg wird hier außergewöhnlich in Worte gefasst.

„Ein faszinierender Roman, der dramatisch am reißenden stummen Fluss des Lebens teilnehmen lässt“

 

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„Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes“ Tamara Stajner, Musikerin, Autorin, Performerin _ Wien 27.5.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das Vertraute hat sich vor sechzig Tagen aufgelöst. Bis dahin wurde meine Zeit von Säulen in Form von Konzerten, Tourneen, Performances, Kunstprojekten, Aufnahmen und Unterricht getragen, die sich von Woche zu Woche in wandelnden Tageskompositionen manifestierten. Diese tief verankerten Tragemauern wurden durch das vom Virus losgelöste strukturelle Gewitter abgerissen. Das Neue hat noch keine greifbare Form, ich ahne bloß die schattenhaften Umrisse.

Zu Beginn war es, als würde ich von einem ausgebrannten Aschefeld aus in den Tag schauen; ein in sich gekehrter Horizont ohne sichtbare Ankerpunkte des Altvertrauten. Die radierte Zeit stand leer vor mir, mein Terminkalender bis in den Herbst gelöscht. In den ersten Wochen breitete sich eine Lähmung über mein gesamtes Dasein aus; ich beobachtete, nahm wahr, suchte nach einem Halt, einer Orientierung, die Erstarrung der Außenwelt spiegelte sich in meiner inneren Welt wider, die Tage zerbrachen, glitten mir durch die Finger, ließen sich nicht fangen.

 

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In jenen Märztagen waren der klarblaue Himmel und die Vogelstimmen aus dem nahen Schönbornpark das Natürlichste; beides nahm ich verstärkt wahr, wenn ich morgens noch im Bett liegend die Vorhänge zur Seite schob und mich das in der Frühmorgensonne glänzende Gold der Jugendstilfassaden des Hauses gegenüber blendete. Die Dauer änderte sich, die Zeit dehnte sich, wurde nackt, enthüllt, die Sinneswahrnehmung klarer, die Stimmen transparenter, die Farben plastischer, die Gerüche eindringender. Erst die Worte Paul Celans, die Zeit kehrt zurück in die Schale, halfen mir zu meiner eigenen Rückkehr in mich selbst.

Seitdem konnten sich bloß zwei gleichbleibende Elemente des Tages durchsetzen; das erste der Morgen, der kurz vor fünf Uhr Früh anfängt, eine Zeit des Wachwerdens, in der mir das Bewusstsein Verborgenes, Dunkles zuflüstert, die Vergänglichkeit fataler erscheint als später am Tag, manchmal versuche ich nach diesem leisen Morgengeflüster wieder einzuschlafen, zumindest mit geschlossenen Lidern zu liegen, doch meistens stehe ich auf; die Morgengrauenstunden, die mir das Gefühl geben, meiner eigenen Zeit im Voraus zu sein, waren mir immer die wertvollsten. Ich öffne die Fenster, lasse die feuchte Morgentauluft aus dem Schönbornpark hinein fließen, dehne mich lang, dusche kalt, während der Kaffee kocht, trinke wie jeden Morgen meinen Gemüse-Obst-Zaubertrunk und tauche danach die vier Datteln eine nach der anderen in den Kardamomkaffee. Bei der vierten hört das erste Element des Vorhersehbaren an meinem Tagesablauf auf und geht in das zweite, den Hunger, über. Ein Hunger, der nicht mit dem Essbaren zu stillen ist, ein uralter Hunger nach Empfinden, Erleben, Verbinden, der Hunger nach Schönheit des Seins, der mich dazu zwingt, meine Lebensweise in einen fortwährenden, unaufhörlichen Arbeitsprozess, in einen ästhetischen Kosmos zu verwandeln; sein Schauplatz das Florianigassenland.

 

Wenn die Idee reif ist und die Phase eines intensiven Arbeitsprozesses einsetzt, dann bin ich wie gefesselt davon, bis ich es vollendet habe, so kann ich leicht schnell und zielgerichtet sein, kann wochenlang, monatelang, in meiner eigenen Zelle eingesperrt arbeiten ohne dabei müde zu werden. Doch wenn die Idee noch im Kokon reift, dann ist die Gangart eine andere, kreisende, entgleisende, ich verliere mich in Fragmenten, im Waldgeflecht der inneren Impulse, ich suche, warte, versuche.

Inmitten dieser Kreise und Entgleisungen befinde ich mich derzeit. In der Vielschichtigkeit meiner Medien ist es immer eines, das dominiert; manchmal führt das Schreiben, dann wiederum Musik, performative Arbeit, oft ist es der schlichte Nebengedanke eines Dritten, auf dem mein Bewusstsein hängen bleibt und daraus neue Impulse schöpft, oder ein Bild, das die Wellen in mir loslöst, es gibt Tage, an denen von außen betrachtet gar nichts geschieht; ich bewege mich punktuell durch den Raum, vom Sessel zum Sofa, ausharrend wie eine Hochschwangere und ich weiß, dass es im Inneren brüht; all diese Zustände verflechten sich wie Fäden hinter dem Schein einer realen Welt ineinander, führen mich intuitiv weiter, bis das Kind reif ist.

Am späten Nachmittag unternehme ich ausgedehnte Spaziergänge, versuche einen unbekannten Weg zu nehmen, doch immer denselben gehe. Der Tag bestimmt alleine seine Färbung, ich empfinde mich dabei als Medium, durch das sich eine der unzähligen Lebensweisen äußert. Zweifle viel, lache viel; bevor ich einschlafe, bin ich nie satt. Früher war es die Mutter, die mir eine Geschichte am Bett vorlas, jetzt ist es die Stimme eines Hörbuchs, die mich vom Rand des Bettes in die Nacht begleitet.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein paar Werkzeuge aus meinem Hexenkessel:

  1. Die Joker-Karte: Humor
  2. Wenn diese verliert: Ein Schlupfloch, einen Zufluchtsort finden, daraus die Außenwelt als Reflexionsfläche der inneren betrachten, die Übungsfelder erkennen, wertfrei den Status Quo betrachten. nach dieser Bestandsaufnahme in Zuwendung bleiben.
  3. Dorthin gehen, wovor man Angst hat; zulassen, fühlen, loslassen. Sich der eigenen Vergänglichkeit und der der Umgebung wieder bewusst werden, die Qualität der Zeit erkennen, mit Veränderung mitgehen, nicht festhalten.
  4. Lieben, den physischen Körper aktivieren, Routinen brechen, Routinen etablieren, Glückshormone aufwecken.
  5. Kinder beobachten.
  6. Einen Film anschauen, wenn der eigene unausstehlich wird.
  7. Meistens wird danach einem die zweite Joker-Karte zugeworfen. Diese gewinnt.

9.Thomas Bernhard – Monologe auf Mallorca. Ein Lachfaltenzauberer.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst zu?

Literatur, Musik und Kunst sind primärste, ursprünglichste Lebensäußerungen durch Sprache, Klang und jede andere Art ästhetischer Manifestation. Sie berühren, begeistern – bewegen den Geist.

Wir erfahren eine Verschiebung, die uns fremd ist; wie wenn ein Kind aus einer vertrauten Welt gerissen wird und in eine versetzt, die zwar ähnlich, sogar gleich aussieht, und doch anders funktioniert. Das Kind beobachtet die neuen Umstände, orientiert sich, hört zu, schmeckt, riecht, nähert sich an, weicht zurück, urteilt nicht, nimmt sich Zeit, solange es will, da es ohnehin in der Zeitlosigkeit lebt. Wenn es bereit ist, beginnt es die neuen Elemente miteinander zu verflechten, Geschichten zu erfinden, Sandschlösser zu bauen, es läuft zu anderen Kindern, lädt sie ein in sein undefiniertes Universum, zwanglos spielt es im Neugut, ohne zu wissen, was es ist, ohne Bedürfnis nach Klassifizierung.

Wir Künstler dürfen uns an dem Kindsein orientieren, beobachten und vertrauen, dass die Zeit, die scheinbar an uns vorbei gleitet unsichtbare Spuren in die Zellen eingraviert, die Samen zum Keimen einlegt, die sich später, wenn es Zeit ist, in einer künstlerischer Form manifestieren werden.

Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes, die Elementarteilchen werden durchsichtiger, die Gesellschaftskonturen präziser; wie bei der Restaurierung eines Kunstwerks enthüllt sich die Originalsubstanz.

Nach sechzig Tagen, seitdem die Zeit zurück in die Schale gekehrt ist, wie ich gerne an Celans Worte denke, kann ich immer noch keine klassische Musik hören, auch spielen fällt mir schwer. Als würde ich an einer Wunde reiben, eine Welt wachrufen, die still steht und dabei essenziell ist, zurückkommen wird, doch wer weiß, wie. Musik ist Schwingung. Während eines Konzertes synchronisiert sich das Bewusstsein der Zuhörer auf eine gemeinsame Frequenz, wodurch ein gewaltiges Transformationspotenzial entsteht. Ohne Kunst, ohne Literatur, ohne Musik kommt es in der Gesellschaft zu einem unnatürlichen, befremdlichen Stillstand.

Der Wahlspruch der Secession, Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit, lebt auf, bloß diesmal in einer neuen Ordnung: Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Freiheit.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese und höre. In meinem Hörbuch Repertoire befindet sich eine Sammlung, die mich in täglichen Fragmenten begleitet, einige daraus: Holzfällen. Eine Erregung und Alte Meister von Thomas Bernhard, großartig von Thomas Holtzmann vorgetragen, ein garantiertes Lachprogramm, genauso lache ich auch beim Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, vorgetragen von Peter Simonischek und Gert Voss, problemlos weiter. In die Herzzeit, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gesprochen von Johanna Wokalek und Jens Harzer, habe ich mich während des vergangenen Sommers in Portugal verliebt und auf meinen Spaziergängen durch Porto fortwährend den Stimmen der beiden gelauscht. Seitdem ist Porto für mich mit Ingeborg und Paul durchwebt, höre ich die Herzzeit in Wien, so weiß ich genau, wo, an welcher Stelle der Stadt ich dieselben Worte in Porto gehört hatte. Auch den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld, von Jens Harzer und Ulrich Noethen gesprochen, höre ich mir immer wieder an. Das für die beiden Ohrmuscheln. Wenn ich nicht höre, dann lese ich derzeit in Camus Die Pest, Kunderas Das Buch der lächerlichen Liebe, Musils Der Mann ohne Eigenschaften und zur Entspannung in einem Buch über das Beziehungs-Burnout.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?

Ist was ich sehe und höre und rieche

nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?

Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,

die wirklich die Bösen sind?

Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,

bevor ich wurde, nicht war,

und daß einmal ich, der ich bin,

nicht mehr der ich bin, sein werde?

 

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Musik-, Schreib- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Stajner, Musikerin, Schriftstellerin, Performerin

http://www.tamarastajner.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“_Wien 15.5.2020

 

 

16.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sind alle systemrelevant“ Isabella Jeschke, Schauspielerin_ Wien 26.5.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ohne Wecker aufstehen, meinen Basilikum gießen, meistens Kaffee trinken und eine Runde laufen gehen, ich lese zurzeit viele Zeitungsartikel und schaue mir viele Dokus an über Raum und Zeit, das beamt mich woanders hin und ich merke wie klein wir eigentlich sind und dass es so viel gibt, das wir nicht wissen, das beruhigt mich seltsamerweise dann auch wieder sehr, weil es vieles so zunichte macht. Ich entwickle Ideen für neue Projekte und koche sehr viele Rezepte mit Teig, weil ich schon immer mal wissen wollte wofür ich glattes und wofür ich griffiges Mehl verwenden muss.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle besonders wichtig ist, kann ich nur schwierig beantworten, weil ich nicht in die Menschen hineinschauen kann, aber von mir gesprochen: Wichtig sind natürlich Solidarität und Aufmerksamkeit, aber auch unbedingt Skepsis. Nicht nur hinnehmen, sondern auch kritisch hinterfragen und Haltung zeigen. Wir sind alle systemrelevant.

 

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In Deinen Produktionen mit dem E3 Ensemble Wien wie dem aktionstheater ensemble geht es wesentlich um den Menschen in seinen An-Herausforderungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und Gegebenheiten. Das Denken, Fühlen und Handeln der/des Einzelnen wird thematisiert. Welche Bezüge bzw Impulse ziehst Du jetzt daraus für einen gelingenden Lebensalltag in Zeiten der Pandemie?

Ich merke, dass mir dieses „ruhig-sein“ auch meine Stimme und mein Mitspracherecht an der Gesellschaft nimmt oder zumindest eingeschränkt wird und ich das Bedürfnis hätte viel lauter zu sein. Die Ungleichheiten, die es bisher innerhalb unserer Gesellschaft gab, sind nicht erst durch die Krise entstanden, sondern kommen durch sie ans Tageslicht und mir ist wichtig, mich dazu zu äußern. Normalerweise geschieht das durch die Theaterperformances beim E3 Ensemble und beim aktionstheater ensemble, aber das liegt zurzeit still. Die kritische Betrachtung der Gesellschaft und Politik ist jedenfalls etwas, das sich in meinen Gedanken und Gesprächen als Kraft erweist, aus der ich auch sehr viel künstlerische Energie schöpfen kann. Nur weil wir gerade nicht auf der Bühne stehen, heißt es nicht, dass es in uns nicht stürmt und arbeitet. Die Produktionen, die nach dieser Zeit zur Uraufführung kommen werden, werden mit Sicherheit eine besonders intensive Energie aufweisen.

 

Was liest bzw siehst Du derzeit?

Ich habe vor kurzem „Die Liebhaberinnen“ von Eflriede Jelinek fertig gelesen und lese jetzt „China am Ziel! Europa am Ende?“ von Christoph Leitl.
Und ich schaue gerade auf ARTE die Dokureihe: „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ über die Entstehung des Universums bis hin zur Fragestellung nach Raum und Zeit und Illusionen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Produktionen möchtest Du uns mitgeben?

„Manchmal schaue ich die Politikerrede und den Porno. Gleichzeitig. Da die Politikerrede, da der Porno.“ HEILE MICH, aktionstheater ensemble

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Jeschke, Schauspielerin, Regisseurin

http://www.isabellajeschke.com/

 

Foto_Isabella Jeschke _ in literarischer Fotoinszenierung „Ungargassenland“ _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann_Wien 12.5.2020.

Foto_Walter Pobaschnig.

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es obliegt uns, der Gesellschaft, Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen“ Sandra Gugic, Schriftstellerin, 25.5.2020

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich und doch gleichförmig. Ich habe ein kleines Kind, mein Partner und ich teilen uns die Betreuung, das Kind braucht Struktur ebenso wie Abwechslung und vor allem Spaß. Am späten Nachmittag beginnt mein Arbeitstag, meine Schreibzeit, manchmal arbeite ich bis spät nachts. Gegen die Lockdown-Tristesse und Klaustrophobie sind wir möglichst viel draußen mit dem Kind. Die Tage sind eng getaktet, oft stressig, vergehen sehr schnell und langsam zugleich. In Kürze geht mein neuer Roman „Zorn und Stille“, der bei Hoffmann und Campe erscheinen wird, in Druck. Wir schaffen uns aber auch Raum für entspannte Abende, trotz allem.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Miteinander lachen ist wichtig, den Humor nicht verlieren, gerade jetzt. Ich mag die virtuellen Veranstaltungsangebote, höre mir viele Lesungen an und mag das Zuhören ebenso wie das selbst Vorlesen. Auch die virtuellen Treffen mit Freund*innen, die Gespräche und Diskussionen. Für mich allein praktiziere ich Yoga und Meditation um zur Ruhe zu kommen. Das wichtigste für uns als Gesellschaft ist, sich nicht von Ängsten und Verschwörungsphantasmen anstecken zu lassen. Politisch wach zu sein.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu? 

Der Literatur kommt die Rolle zu, mutig und wachsam zu bleiben. Eigentlich ändert sich die Rolle der Literatur also nicht. Und überhaupt: Wird sich die Gesellschaft wirklich verändern, werden wir uns wirklich verändern? Das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Vor allem aber muss die Literatur am Leben bleiben, damit sie etwas verändern kann oder aufzeigen, durch das Wort, den Text, die Sprache. Es obliegt uns, der Gesellschaft, diese Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen. Nach wichtigen Büchern und Stimmen Ausschau zu halten, auch abseits der Feuilletons und Bestsellerlisten.

 

Was liest Du derzeit?

Ich komme derzeit leider kaum zum Lesen, Kind und Arbeit lassen wenig Luft dafür. Meist lese ich Texte, die ich für die Recherche brauche. Ich lese auch möglichst viel Zeitung, das tue ich eigentlich immer. Und Lyrik, die kann man auch in kleinen Zeitfenstern lesen, da sie selten einer Chronologie der Ereignisse folgt, aktuell schmökere ich in „Teilchenland“ von Caca Savic und „Made in China“ von Lea Schneider (beides im Verlagshaus Berlin erschienen). Und Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ habe ich wieder aus dem Regal gefischt. Das passt sehr gut zur aktuellen Stimmung. Vielleicht lese ich doch nicht so wenig, wie es mir scheint.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste.“ Fernando Pessoa, Buch der Unruhe

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine aktuellen Bücher – Roman „Astronauten“, Beck Verlag; Lyrik „Protokolle der Gegenwart“ Verlagshaus Berlin – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Gugic, Schriftstellerin, 

http://sandragugic.com/

 

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Foto: Sandra Gugic

 

„Kultur ist ein Grundnahrungsmittel, ohne das man nicht lange auskommt“ Lisa Sommerfeldt_Schauspielerin, Schriftstellerin_Bonn 24.5.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es sind ruhige, schöne, produktive Tage. Wie aus der Welt gefallen. Kein frühes Aufstehen, jeder lebt nach seinem Rhythmus, wir bleiben lange wach. Der anfängliche Stress mit dem Homeschooling hat sich gelegt, neue Routinen sind entstanden. Meine Arbeit geht weiter wie vor der Krise, ich habe großes Glück gehabt.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es darf keine Selektion geben. Kein Leben darf gegen ein anderes aufgewogen werden. Wir müssen alles dafür tun, dass es nicht zu Triage-Situationen kommt, in denen Alte und Kranke aussortiert werden. Ich bin für eine langsame, kontrollierte Lockerung der Corona-Maßnahmen. Mit dieser Krise müssen wir umsichtig und kreativ umgehen. Gleichzeitig gilt es, andere Themen nicht aus dem Blick zu verlieren: die Versorgung von Kranken, die kein Corona haben, häusliche Gewalt, die Lage der Flüchtlinge in Griechenland und der Türkei, den Klimawandel und die Frauenquote.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Ganz wesentlich ist für mich, dass der Neubeginn im Zeichen von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit steht. Die Krise ist eine Irritation des Kapitalismus: Unproduktivität, Häuslichkeit, Entschleunigung als neue Tugenden. Kaum Flugzeuge am Himmel. Mehr Fahrräder als Autos auf den Straßen. Der Blick in eine utopische, aber mögliche Zukunft. Vielleicht hat das einen bleibenden Eindruck hinterlassen und lässt sich zumindest teilweise in die neue Normalität hinüber retten. Brüssel macht es im Moment vor. Und vielleicht hat auch der Applaus für die Pflegekräfte und im Kontrast dazu ihr miserables Gehalt nachdenklich gestimmt – oder die Vergleichbarkeit von aufgestocktem Kurzarbeitergeld und dem Gender Pay Gap. Die Kunst hat immer die Aufgabe, Realitäten zu reflektieren, da hinzusehen, wo es unangenehm wird. Die Kunst kann helfen, einzuordnen und zu verstehen. Und die Kunst kann Gemeinsamkeiten erzeugen und Themen über Humor entschärfen. Ich denke, nach diesen Monaten ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen wird das Publikum ausgehungert zurückkehren. Und vielleicht ist manchem auch bewusst geworden, dass Kultur ein Grundnahrungsmittel ist, ohne das man nicht lange auskommt.

 

 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich schreibe, lese ich nicht. Im Moment recherchiere ich sehr viel für meine aktuellen Auftragsarbeiten. Aber wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe, belohne ich mich mit einem Buch. Dann nehme ich mir ein oder zwei Tage frei und lese. Besonders beeindruckt haben mich in letzter Zeit „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann und „Alles ist jetzt“ von Julia Wolf.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Einzige, was Kunst kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Heiner Müller

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Sommerfeldt, Schauspielerin, Dramatikerin, Schriftstellerin

Texte

Foto: Julia Klug

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt“ Kathrin Röggla, Schriftstellerin_ 23.5.20

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Kinder, Haushalt Schreiben, Kinder, Schreiben, Haushalt, Kinder, Kinder, von 7.00-22.30

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Allmende, eine gute soziale und gesundheitspolitische Absicherung. Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt, und nicht alles auf „normal“ versucht sich wieder einzuschießen.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Sichtbarkeit für die Problemlagen zu erstellen, die unterschiedlichsten Erfahrungswelten zu verknüpfen, Eigensinn und Ernsthaftigkeit mit Spiel zu verbinden. Zum Lachen zu bringen. Möglichkeitsräume aufzuzeigen.

 

Was liest Du derzeit?

Albert Camus, Kurt Tucholsky, Lucia Berlin und Eva Horn übers Anthropozän

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kurt Tucholsky, 1926 in der Weltbühne, „Gruß nach vorn“: „Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Röggla, Schriftstellerin

https://www.kathrin-roeggla.de/

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Die Literaturszene braucht gemeinsame Strategien“ Katherina Braschel, Schriftstellerin_22.5.2020

Liebe Katherina wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf wurde durch die Covid-Krise vielleicht ein wenig kompatibler mit anderen Menschen als er sonst ist. Wenn ich es mir einrichten kann, beginnen meine Tage um ca. 11 Uhr am Vormittag und enden um ca. 2 Uhr in der Nacht. Diesen Rhythmus beizubehalten ging jetzt relativ gut, da Termine am Vormittag ohnehin quasi ganz wegfallen.
Ich stehe auf, frühstücke, lese Nachrichten oder höre Radio, erledige dann Mails und so weiter, verbringe einen großen Teil jedes Tages mit dem Telefonieren, Sprach- oder Textnachrichten austauschen mit Freund*innen und meiner Familie, gehe eventuell spazieren, einkaufen und setze mich, wenn es geht, gegen Abend ans Schreiben. Allerdings hemmt mich die anhaltende Ungewissheit der Gesamtsituation momentan sehr dabei.
Ich lese momentan auch viel, mehr als zuvor oder verbringe den Abend mit den Menschen, mit denen ich zusammen wohne. Die ersten fünf Isolationswochen war ich alleine isoliert, hatte nur Kontakt mit meiner Mutter und das stets mit zwei Metern Abstand. Das war eine sehr aufreibende, intensive Erfahrung, dieses Fehlen von Anderen, das Fehlen von Berührungen etc. Bei der ersten Berührung nach fünf Wochen, eine Umarmung einer Freundin, hatte ich Tränen in den Augen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das aufeinander Schauen, aneinander Denken, nachfragen, füreinander da sein. Besonders für Menschen, die alleine sind, alleine wohnen oder die jetzt besonders gefordert sind. Menschen mit psychischen Problemen, die sich jetzt eventuell intensivieren, Menschen mit Kindern, die seit Wochen nicht mehr durchatmen können. Menschen mit finanziellen Problemen, gravierenden Zukunftsängsten. Ungewollt Schwangere. Die Liste ist lang.
Besonders wichtig finde ich auch, gerade angesichts der ständigen Betonung des Nationalen, insbesondere durch den Kanzler, nicht den Blick für andere Geschehnisse zu verlieren. Dass Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa bewusst dem Sterben überlassen werden, das ist Mord (und gleichzeitig nichts Neues, die Situation wird durch den Virus nur nochmals verschärft). Dass viele Menschen keine Wohnung haben, in der sie #stayathome machen können.

 

Katherina Braschel _ Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Covid-Krise hat sehr viele Mechanismen und Dynamiken, die in unserer Gesellschaft ohnehin bestehen, verdeutlicht und verstärkt zu Tage treten lassen, zumindest habe ich das sehr stark so erfahren. Diese Dinge werden „nach Corona“ (wie und wann auch immer das sein wird) nicht weg sein, im Gegenteil. Wichtig wird das sein, was jetzt auch wichtig ist, insofern: siehe meine letzte Antwort.
Es fallen jetzt schon so viele durch den Rost, wesentlich wird sein, das weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren und so gut es geht etwas dagegen zu unternehmen.
Ich weiß nicht, ob der Literatur speziell eine andere Aufgabe als sonst zukommen wird. Die Verantwortung, die man als Schreibende*r den Figuren, dem Stoff, der Sprache etc. gegenüber hat, bleibt dieselbe.

Natürlich würde ich mir aber wünschen, dass die Literaturszene sich auf die eine oder andere Weise gemeinsam Strategien des Abfederns überlegt. Für diejenigen, die bei allen Förderungen herausgefallen sind, für uns Frühjahrserscheinungen von 2020, für diejenigen, die aufgrund anderer Verpflichtungen wie Care-Arbeit Monate an Arbeitszeit verloren haben…

 

Was liest Du derzeit?

Viel. Und sehr unterschiedliches.
Ich habe einige Frühjahrserscheinungen gelesen, z.B. „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher oder „Und wie wir hassen!“ herausgegeben von Lydia Haider.
Zudem lese ich immer wieder Texte von befreundeten Schriftsteller*innen, an denen gerade gearbeitet wird.
Außerdem lese ich „Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl“ von Erica Fischer über NS-Widerstand. Dann immer wieder ein paar Seiten in „Das obszöne Werk“ von Georges Bataille und vor ein paar Tagen habe ich auch noch „The Terrible“ von Yrsa Daley-Ward angefangen. Es ist momentan ein bisschen viel, aber ich genieße es auch.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kein Mensch ist illegal.“
Das ist vielleicht kein klassisches Textzitat, aber eine Tatsache, derer wir uns immer wieder bewusst werden müssen. Menschen sind nicht illegal, können es nicht sein, es ist ein System, das über (Il-)Legalität und Legitimität entscheidet und dieses System ist auch nur eine Erzählung.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katherina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katherina Braschel, Schriftstellerin

Foto_ Mark Daniel Prohaska

 

12.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es“ Verena Stauffer, Schriftstellerin _ Wien 21.5.2020

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage, seit sich die Kronenkrankheit auf die Länder gesetzt hat, sind spitz geworden, hart, glatt an den Kanten, mit hohen Zacken und blendenden Spiegelungen. Sie sind ungerecht, brutal und bekränzt. Wenn man aber in ihnen sitzt, dann fühlen sie sich groß und weich an. Sie dehnen sich aus, erweitern sich wie Kolonialbestrebungen früherer Königreiche, werden größer und entfernen sich von ihren nächsten. In einem Tag sind jetzt viele, ihre Namen verschlucken sie selbst. Auch halten sie nicht, was sie einst versprochen haben, sondern tragen Neues heran. Die neuen Tage setzen über, in ein scheinbar fremdes Land, denn ich fühle, wie sich die zu den Handlungen gehörenden Gedanken verändert haben, das führt zu einer Veränderung der gesamten Ansicht

Die Zukunft könnte ein Bär auf zwei Pfoten sein, und niemand weiß, welches Gebiet er bewandern will, sage ich zu einer Freundin. Besser wir halten viel Honig bereit. Die Zukunft wohnt auf einem zu hohen Berg, niemand kann sagen, wie sie zu bergen ist, man kann ja nicht in die Zukunft hineingraben wie in einen Stollen, um aus ihr das Glitzernste herauszuholen – aber, warum eigentlich nicht?, frage ich sie. Ich setze meine Maske auf, zum Schutz gegen den feinen Staub, den Schutt und den Dreck, den ich fortzukarren habe

Das mache ich für die Neugeborenen und für die Föten, damit ihre Augen das Schönste sehen, von der Welt

Die alte Zeit holt niemanden mehr ein, wir sind ihr davongezogen, glanzlos. Leb wohl! Ich stehe am Fenster und blicke ihr hinterher, jetzt liegt sie schon weit zurück, ein Teil von mir ist in ihr geblieben

 

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Die Tage, die jetzt sind, sie bringen die Holunderaugen zum Schaukeln, die Wolken wippen auch, sie wiegen sich hin und her wie die Fragen, die ich mir stelle. Deshalb begann ich ihren Lauf auszuheben, herauszuschaufeln die Aussagen der Vergangenheit aus ihren Gruben. Sie kamen in den letzten Wochen auf mich zu, auch jene der Verstorbenen und jetzt entschwinden sie langsam wieder. Sie und ich, wir konnten einander in dieser Zeit noch einmal begegnen, auch das haben die großen Tage hervorgebracht. Nur Antworten gab es keine, die Verstorbenen können nichts mehr über die Gegenwart sagen, sie standen seltsam ratlos vor mir.

Es ist immer noch heuer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Gesellschaft ist in ihrem Denken entzweigerissen – eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es –

da denke ich an das Wesen der Demokratie, für deren Erhalt eine Meinungs- und Gesinnungspluralität notwendig ist, denn stünden alle hinter einer Ansicht, dann würde eine Kraft zu mächtig und wir liefen Gefahr totalitären Ansprüchen ausgesetzt zu werden

 

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Es ist wichtig für mich an den Gebirgsgraten dieser Zeit mich aufzuschürfen, zur eigenen Stimme in der Tiefe, im Inneren, im Erinnern sich selbst wiederzufinden:

die Eselin, den Glückskerl, den Clown

 

die Wüterin

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Nun aber setze ich lieber wieder meine Maske auf, die Maske der Belustigung ist es nicht, denn wer von Belustigung spricht, der schwebt meist schon in Gefahr, weil es ihm ernst ist

 

Das mag ich, wenn jemand über ihm ernste Dinge scherzen kann

 

Es ist mir, als wüchse tags Neues aus den sich verwandelnden Geschehnissen, nachts schlafe ich in einer Krone aus Erde

 

Glitzernd vor mir die Zukunft, ein Fisch, oder ein Bär mit einem Fisch in der Hand, oder ein glänzender Berg, mit einem Bären mit einem Fisch in der Hand, oder wie die Kronenkrankheit mit uns in der Hand, oder wie der Kronenkrankheitskönig auf einem glänzenden Berg mit einem Bären mit einem Fisch, der Kronenkrankheit und uns in der Hand

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

 

Es ist einerseits wichtig niemanden zurückzulassen, sich für soziale Gerechtigkeit noch stärker einzusetzen. Es ist auch an der Zeit nicht weniger, sondern mehr zu verlangen: noch mehr Freiheit. Noch mehr Unterstützung. Eine Umverteilung von Kräften und Macht

Weniger Massenkonsum, weniger Flugzeuge, weniger Verkehr

Die Welt noch einmal neu zu bauen!

Bücher sind Staumauern gegen totalitäre Bestrebungen der Staaten, gegen eine Radikalisierung der Bevölkerung gegenüber Minderheiten. Vor den Büchern stehen die Schriftsteller*innen, die Dichter*innen, hinter den Büchern die Leserschaft, so bildet sich ein dicker Wall, der dagegenhält

Manchmal sind es Bücher allein, die Trost oder Freude spenden, die einen über schwierige Zeiten retten, mich retten sie

 

Was liest Du derzeit?

 

Oh, so viel, viele der Neuerscheinungen, ich möchte lesen und lesen, auch deshalb ist es gut, dass die Tage größer geworden sind

Poschmann, Warzecha, Küchenmeister, Bulucz, Szalay, Okopenko … Adler, Helfer, Meschiks Vaterbuch. Valerie Fritsch, Adalbert Stifter, Hendrik Jackson, Yevgeniy Breyger, Daniel Falb, Sonja vom Brocke, Uljana Wolf und viele mehr …

… aber auch Wissenschaftstheorie, Waldenfels „Erfahrung, die zur Sprache drängt“, über Jean Amery und Paul Feyerabend und ein sehr interessantes Buch über die Geschichte des Transithandels von Lea Haller

 

Welche Textstelle, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Gedichtband möchtest Du uns mitgeben?

 

„Vorurteile ohne Kausalität oder die Diskreditierung weiblicher Kronen:

Für den Krokus dieser Welt. Und plötzlich in der Lage zu sein

sie doch noch einmal neu zu bauen“

 

Aus: OUSIA; Verena Stauffer. Kookbooks, März 2020.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Lyrikband und Deine kreativen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Verena Stauffer, Schriftstellerin

11.5..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Fotos_Station bei Bachmann_Romanschauplatz_Malina 16.5.20

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

 

Weitere Informationen:

 

Die aktuelle Rezension zu OUSIA von Jürgen Brôcan auf fixpoetry:

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/verena-stauffer/ousia-1

 

Online-Auftritt von Verena Stauffer beim Literaturfestival Viral:

https://www.facebook.com/glitteratur/videos/278919649771734/UzpfSTcwMzkyNDgxMToxMDE1ODIzMzIxMTcyNDgxMg/

 

OUSIA, zu bestellen u.a. bei:

https://www.graetzlbuchhandlung-lainz.at

 

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948336042/Stauffer-Verena/Ousia?bpmctrl=bpmrownr.1%7Cforeign.193171-1-0-0

 

https://autorenbuchhandlung.buchkatalog.de/Product/3000002745991/18705/10002/-3/Buecher_Drama-und-Lyrik_Lyrik/Verena-Stauffer/Ousia/4099276460822241232/4099276460822241224/4099276460822241224