„Kultur ist ein Grundnahrungsmittel, ohne das man nicht lange auskommt“ Lisa Sommerfeldt_Schauspielerin, Schriftstellerin_Bonn 24.5.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es sind ruhige, schöne, produktive Tage. Wie aus der Welt gefallen. Kein frühes Aufstehen, jeder lebt nach seinem Rhythmus, wir bleiben lange wach. Der anfängliche Stress mit dem Homeschooling hat sich gelegt, neue Routinen sind entstanden. Meine Arbeit geht weiter wie vor der Krise, ich habe großes Glück gehabt.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es darf keine Selektion geben. Kein Leben darf gegen ein anderes aufgewogen werden. Wir müssen alles dafür tun, dass es nicht zu Triage-Situationen kommt, in denen Alte und Kranke aussortiert werden. Ich bin für eine langsame, kontrollierte Lockerung der Corona-Maßnahmen. Mit dieser Krise müssen wir umsichtig und kreativ umgehen. Gleichzeitig gilt es, andere Themen nicht aus dem Blick zu verlieren: die Versorgung von Kranken, die kein Corona haben, häusliche Gewalt, die Lage der Flüchtlinge in Griechenland und der Türkei, den Klimawandel und die Frauenquote.

 

Lisa_Sommerfeldt _ Julia Klug

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Ganz wesentlich ist für mich, dass der Neubeginn im Zeichen von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit steht. Die Krise ist eine Irritation des Kapitalismus: Unproduktivität, Häuslichkeit, Entschleunigung als neue Tugenden. Kaum Flugzeuge am Himmel. Mehr Fahrräder als Autos auf den Straßen. Der Blick in eine utopische, aber mögliche Zukunft. Vielleicht hat das einen bleibenden Eindruck hinterlassen und lässt sich zumindest teilweise in die neue Normalität hinüber retten. Brüssel macht es im Moment vor. Und vielleicht hat auch der Applaus für die Pflegekräfte und im Kontrast dazu ihr miserables Gehalt nachdenklich gestimmt – oder die Vergleichbarkeit von aufgestocktem Kurzarbeitergeld und dem Gender Pay Gap. Die Kunst hat immer die Aufgabe, Realitäten zu reflektieren, da hinzusehen, wo es unangenehm wird. Die Kunst kann helfen, einzuordnen und zu verstehen. Und die Kunst kann Gemeinsamkeiten erzeugen und Themen über Humor entschärfen. Ich denke, nach diesen Monaten ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen wird das Publikum ausgehungert zurückkehren. Und vielleicht ist manchem auch bewusst geworden, dass Kultur ein Grundnahrungsmittel ist, ohne das man nicht lange auskommt.

 

 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich schreibe, lese ich nicht. Im Moment recherchiere ich sehr viel für meine aktuellen Auftragsarbeiten. Aber wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe, belohne ich mich mit einem Buch. Dann nehme ich mir ein oder zwei Tage frei und lese. Besonders beeindruckt haben mich in letzter Zeit „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann und „Alles ist jetzt“ von Julia Wolf.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Einzige, was Kunst kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Heiner Müller

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Sommerfeldt, Schauspielerin, Dramatikerin, Schriftstellerin

Texte

Foto: Julia Klug

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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