„Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes“ Tamara Stajner, Musikerin, Autorin, Performerin _ Wien 27.5.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das Vertraute hat sich vor sechzig Tagen aufgelöst. Bis dahin wurde meine Zeit von Säulen in Form von Konzerten, Tourneen, Performances, Kunstprojekten, Aufnahmen und Unterricht getragen, die sich von Woche zu Woche in wandelnden Tageskompositionen manifestierten. Diese tief verankerten Tragemauern wurden durch das vom Virus losgelöste strukturelle Gewitter abgerissen. Das Neue hat noch keine greifbare Form, ich ahne bloß die schattenhaften Umrisse.

Zu Beginn war es, als würde ich von einem ausgebrannten Aschefeld aus in den Tag schauen; ein in sich gekehrter Horizont ohne sichtbare Ankerpunkte des Altvertrauten. Die radierte Zeit stand leer vor mir, mein Terminkalender bis in den Herbst gelöscht. In den ersten Wochen breitete sich eine Lähmung über mein gesamtes Dasein aus; ich beobachtete, nahm wahr, suchte nach einem Halt, einer Orientierung, die Erstarrung der Außenwelt spiegelte sich in meiner inneren Welt wider, die Tage zerbrachen, glitten mir durch die Finger, ließen sich nicht fangen.

 

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In jenen Märztagen waren der klarblaue Himmel und die Vogelstimmen aus dem nahen Schönbornpark das Natürlichste; beides nahm ich verstärkt wahr, wenn ich morgens noch im Bett liegend die Vorhänge zur Seite schob und mich das in der Frühmorgensonne glänzende Gold der Jugendstilfassaden des Hauses gegenüber blendete. Die Dauer änderte sich, die Zeit dehnte sich, wurde nackt, enthüllt, die Sinneswahrnehmung klarer, die Stimmen transparenter, die Farben plastischer, die Gerüche eindringender. Erst die Worte Paul Celans, die Zeit kehrt zurück in die Schale, halfen mir zu meiner eigenen Rückkehr in mich selbst.

Seitdem konnten sich bloß zwei gleichbleibende Elemente des Tages durchsetzen; das erste der Morgen, der kurz vor fünf Uhr Früh anfängt, eine Zeit des Wachwerdens, in der mir das Bewusstsein Verborgenes, Dunkles zuflüstert, die Vergänglichkeit fataler erscheint als später am Tag, manchmal versuche ich nach diesem leisen Morgengeflüster wieder einzuschlafen, zumindest mit geschlossenen Lidern zu liegen, doch meistens stehe ich auf; die Morgengrauenstunden, die mir das Gefühl geben, meiner eigenen Zeit im Voraus zu sein, waren mir immer die wertvollsten. Ich öffne die Fenster, lasse die feuchte Morgentauluft aus dem Schönbornpark hinein fließen, dehne mich lang, dusche kalt, während der Kaffee kocht, trinke wie jeden Morgen meinen Gemüse-Obst-Zaubertrunk und tauche danach die vier Datteln eine nach der anderen in den Kardamomkaffee. Bei der vierten hört das erste Element des Vorhersehbaren an meinem Tagesablauf auf und geht in das zweite, den Hunger, über. Ein Hunger, der nicht mit dem Essbaren zu stillen ist, ein uralter Hunger nach Empfinden, Erleben, Verbinden, der Hunger nach Schönheit des Seins, der mich dazu zwingt, meine Lebensweise in einen fortwährenden, unaufhörlichen Arbeitsprozess, in einen ästhetischen Kosmos zu verwandeln; sein Schauplatz das Florianigassenland.

 

Wenn die Idee reif ist und die Phase eines intensiven Arbeitsprozesses einsetzt, dann bin ich wie gefesselt davon, bis ich es vollendet habe, so kann ich leicht schnell und zielgerichtet sein, kann wochenlang, monatelang, in meiner eigenen Zelle eingesperrt arbeiten ohne dabei müde zu werden. Doch wenn die Idee noch im Kokon reift, dann ist die Gangart eine andere, kreisende, entgleisende, ich verliere mich in Fragmenten, im Waldgeflecht der inneren Impulse, ich suche, warte, versuche.

Inmitten dieser Kreise und Entgleisungen befinde ich mich derzeit. In der Vielschichtigkeit meiner Medien ist es immer eines, das dominiert; manchmal führt das Schreiben, dann wiederum Musik, performative Arbeit, oft ist es der schlichte Nebengedanke eines Dritten, auf dem mein Bewusstsein hängen bleibt und daraus neue Impulse schöpft, oder ein Bild, das die Wellen in mir loslöst, es gibt Tage, an denen von außen betrachtet gar nichts geschieht; ich bewege mich punktuell durch den Raum, vom Sessel zum Sofa, ausharrend wie eine Hochschwangere und ich weiß, dass es im Inneren brüht; all diese Zustände verflechten sich wie Fäden hinter dem Schein einer realen Welt ineinander, führen mich intuitiv weiter, bis das Kind reif ist.

Am späten Nachmittag unternehme ich ausgedehnte Spaziergänge, versuche einen unbekannten Weg zu nehmen, doch immer denselben gehe. Der Tag bestimmt alleine seine Färbung, ich empfinde mich dabei als Medium, durch das sich eine der unzähligen Lebensweisen äußert. Zweifle viel, lache viel; bevor ich einschlafe, bin ich nie satt. Früher war es die Mutter, die mir eine Geschichte am Bett vorlas, jetzt ist es die Stimme eines Hörbuchs, die mich vom Rand des Bettes in die Nacht begleitet.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein paar Werkzeuge aus meinem Hexenkessel:

  1. Die Joker-Karte: Humor
  2. Wenn diese verliert: Ein Schlupfloch, einen Zufluchtsort finden, daraus die Außenwelt als Reflexionsfläche der inneren betrachten, die Übungsfelder erkennen, wertfrei den Status Quo betrachten. nach dieser Bestandsaufnahme in Zuwendung bleiben.
  3. Dorthin gehen, wovor man Angst hat; zulassen, fühlen, loslassen. Sich der eigenen Vergänglichkeit und der der Umgebung wieder bewusst werden, die Qualität der Zeit erkennen, mit Veränderung mitgehen, nicht festhalten.
  4. Lieben, den physischen Körper aktivieren, Routinen brechen, Routinen etablieren, Glückshormone aufwecken.
  5. Kinder beobachten.
  6. Einen Film anschauen, wenn der eigene unausstehlich wird.
  7. Meistens wird danach einem die zweite Joker-Karte zugeworfen. Diese gewinnt.

9.Thomas Bernhard – Monologe auf Mallorca. Ein Lachfaltenzauberer.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst zu?

Literatur, Musik und Kunst sind primärste, ursprünglichste Lebensäußerungen durch Sprache, Klang und jede andere Art ästhetischer Manifestation. Sie berühren, begeistern – bewegen den Geist.

Wir erfahren eine Verschiebung, die uns fremd ist; wie wenn ein Kind aus einer vertrauten Welt gerissen wird und in eine versetzt, die zwar ähnlich, sogar gleich aussieht, und doch anders funktioniert. Das Kind beobachtet die neuen Umstände, orientiert sich, hört zu, schmeckt, riecht, nähert sich an, weicht zurück, urteilt nicht, nimmt sich Zeit, solange es will, da es ohnehin in der Zeitlosigkeit lebt. Wenn es bereit ist, beginnt es die neuen Elemente miteinander zu verflechten, Geschichten zu erfinden, Sandschlösser zu bauen, es läuft zu anderen Kindern, lädt sie ein in sein undefiniertes Universum, zwanglos spielt es im Neugut, ohne zu wissen, was es ist, ohne Bedürfnis nach Klassifizierung.

Wir Künstler dürfen uns an dem Kindsein orientieren, beobachten und vertrauen, dass die Zeit, die scheinbar an uns vorbei gleitet unsichtbare Spuren in die Zellen eingraviert, die Samen zum Keimen einlegt, die sich später, wenn es Zeit ist, in einer künstlerischer Form manifestieren werden.

Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes, die Elementarteilchen werden durchsichtiger, die Gesellschaftskonturen präziser; wie bei der Restaurierung eines Kunstwerks enthüllt sich die Originalsubstanz.

Nach sechzig Tagen, seitdem die Zeit zurück in die Schale gekehrt ist, wie ich gerne an Celans Worte denke, kann ich immer noch keine klassische Musik hören, auch spielen fällt mir schwer. Als würde ich an einer Wunde reiben, eine Welt wachrufen, die still steht und dabei essenziell ist, zurückkommen wird, doch wer weiß, wie. Musik ist Schwingung. Während eines Konzertes synchronisiert sich das Bewusstsein der Zuhörer auf eine gemeinsame Frequenz, wodurch ein gewaltiges Transformationspotenzial entsteht. Ohne Kunst, ohne Literatur, ohne Musik kommt es in der Gesellschaft zu einem unnatürlichen, befremdlichen Stillstand.

Der Wahlspruch der Secession, Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit, lebt auf, bloß diesmal in einer neuen Ordnung: Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Freiheit.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese und höre. In meinem Hörbuch Repertoire befindet sich eine Sammlung, die mich in täglichen Fragmenten begleitet, einige daraus: Holzfällen. Eine Erregung und Alte Meister von Thomas Bernhard, großartig von Thomas Holtzmann vorgetragen, ein garantiertes Lachprogramm, genauso lache ich auch beim Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, vorgetragen von Peter Simonischek und Gert Voss, problemlos weiter. In die Herzzeit, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gesprochen von Johanna Wokalek und Jens Harzer, habe ich mich während des vergangenen Sommers in Portugal verliebt und auf meinen Spaziergängen durch Porto fortwährend den Stimmen der beiden gelauscht. Seitdem ist Porto für mich mit Ingeborg und Paul durchwebt, höre ich die Herzzeit in Wien, so weiß ich genau, wo, an welcher Stelle der Stadt ich dieselben Worte in Porto gehört hatte. Auch den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld, von Jens Harzer und Ulrich Noethen gesprochen, höre ich mir immer wieder an. Das für die beiden Ohrmuscheln. Wenn ich nicht höre, dann lese ich derzeit in Camus Die Pest, Kunderas Das Buch der lächerlichen Liebe, Musils Der Mann ohne Eigenschaften und zur Entspannung in einem Buch über das Beziehungs-Burnout.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?

Ist was ich sehe und höre und rieche

nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?

Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,

die wirklich die Bösen sind?

Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,

bevor ich wurde, nicht war,

und daß einmal ich, der ich bin,

nicht mehr der ich bin, sein werde?

 

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Musik-, Schreib- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Stajner, Musikerin, Schriftstellerin, Performerin

http://www.tamarastajner.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“_Wien 15.5.2020

 

 

16.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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