„Es obliegt uns, der Gesellschaft, Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen“ Sandra Gugic, Schriftstellerin, 25.5.2020

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich und doch gleichförmig. Ich habe ein kleines Kind, mein Partner und ich teilen uns die Betreuung, das Kind braucht Struktur ebenso wie Abwechslung und vor allem Spaß. Am späten Nachmittag beginnt mein Arbeitstag, meine Schreibzeit, manchmal arbeite ich bis spät nachts. Gegen die Lockdown-Tristesse und Klaustrophobie sind wir möglichst viel draußen mit dem Kind. Die Tage sind eng getaktet, oft stressig, vergehen sehr schnell und langsam zugleich. In Kürze geht mein neuer Roman „Zorn und Stille“, der bei Hoffmann und Campe erscheinen wird, in Druck. Wir schaffen uns aber auch Raum für entspannte Abende, trotz allem.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Miteinander lachen ist wichtig, den Humor nicht verlieren, gerade jetzt. Ich mag die virtuellen Veranstaltungsangebote, höre mir viele Lesungen an und mag das Zuhören ebenso wie das selbst Vorlesen. Auch die virtuellen Treffen mit Freund*innen, die Gespräche und Diskussionen. Für mich allein praktiziere ich Yoga und Meditation um zur Ruhe zu kommen. Das wichtigste für uns als Gesellschaft ist, sich nicht von Ängsten und Verschwörungsphantasmen anstecken zu lassen. Politisch wach zu sein.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu? 

Der Literatur kommt die Rolle zu, mutig und wachsam zu bleiben. Eigentlich ändert sich die Rolle der Literatur also nicht. Und überhaupt: Wird sich die Gesellschaft wirklich verändern, werden wir uns wirklich verändern? Das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Vor allem aber muss die Literatur am Leben bleiben, damit sie etwas verändern kann oder aufzeigen, durch das Wort, den Text, die Sprache. Es obliegt uns, der Gesellschaft, diese Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen. Nach wichtigen Büchern und Stimmen Ausschau zu halten, auch abseits der Feuilletons und Bestsellerlisten.

 

Was liest Du derzeit?

Ich komme derzeit leider kaum zum Lesen, Kind und Arbeit lassen wenig Luft dafür. Meist lese ich Texte, die ich für die Recherche brauche. Ich lese auch möglichst viel Zeitung, das tue ich eigentlich immer. Und Lyrik, die kann man auch in kleinen Zeitfenstern lesen, da sie selten einer Chronologie der Ereignisse folgt, aktuell schmökere ich in „Teilchenland“ von Caca Savic und „Made in China“ von Lea Schneider (beides im Verlagshaus Berlin erschienen). Und Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ habe ich wieder aus dem Regal gefischt. Das passt sehr gut zur aktuellen Stimmung. Vielleicht lese ich doch nicht so wenig, wie es mir scheint.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste.“ Fernando Pessoa, Buch der Unruhe

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine aktuellen Bücher – Roman „Astronauten“, Beck Verlag; Lyrik „Protokolle der Gegenwart“ Verlagshaus Berlin – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Gugic, Schriftstellerin, 

http://sandragugic.com/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto: Sandra Gugic

 

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