„Bürgerliches Trauerspiel“ Martin Gruber und aktionstheater ensemble. Mitreißende Uraufführung WERK-X, Wien, 1.10.2020.

Zuerst ist da die Kreide. Und die Linie, die Grenze. Das Eigene, das Unsrige. Und das Verbot. Und die Lust daran. Das muss sein. Das ist das Spiel. Das sind die Regeln. Woher sonst die Lust nehmen? Seit Lessing…

Das Unbehagen und das Schuldgefühl. Alles hat seinen Preis. Was nichts kostet. Wir wissen um Wert und Sinn. Um Opfer.

Die Kreide macht die Stimme sanft. Mensch ärgere Dich nicht. Versteckt das Innere.

Bis das Dunkle in uns rauskommt. Der Wolf. Bis wir zerfetzen, fressen. Bis alles zerplatzt. Wie das Virus. Aber nein, so weit ist es nicht. Die Kreide hält. Nur einen Fuß sind wir drüber. Draußen ist das Virus…

Das Innen hält. Hält fest zusammen.

Der Liegestuhl und der Alkohol.

Wir sind synchron.

Für unseren Müll gibt es Käfige. Vom Balkon bis Kuba.

Wir sind nicht allein, oder? Liebe, Beziehung, Freundschaft. Wir wissen was Papa und Mama dazu sagen.

Thymian-Sex im Liegestuhl allein ist wunderbar. Und dazu Tränen am Bahnhof jetzt.

Saufen und kochen. Der SUV und die Fahne. Der Kaiser und die Trauer.

Und auch für unsere Schuld ist Platz. Wir wissen uns zu helfen.

Unsere Welt ist erklärt. Von klein auf. Mit ausgeschlagenen Schneidezähnen.

Und der Wolf ist draußen…

Pandemie. Here we go…

Bis es dunkel wird…

Das Aktionstheater Ensemble zieht unserer Zeit den Backenzahn. Den eitrigen. Den stinkenden. Den verwachsenen. Und es macht dies mit künstlerischer Dynamik und Raffinesse, die einzigartig sind. Eine solche Kraft, Wucht und Intelligenz lassen nur begeistert staunen.

Martin Gruber und das aktionstheater ensemble ziehen in der großartigen Uraufführung „Bürgerliches Trauerspiel“ alle Register bester Schauspielkunst, die packt und schüttelt, berührt und still wie nachdenklich werden lässt. Inszenierung und Spiel erschaffen so dichte Momente des Ausdrucks und der Ansprache, dass das Publikum nie davor sondern immer mittendrin ist. Und dabei sich im Sessel manchmal etwas zusammenzieht, weil es so unmittelbar trifft und offenlegt.

Das aktionstheater ensemble stellt die Frage – Wer bin ich? – an das Wohnzimmer unserer Zeit. Es reißt die Tapeten der Generationen herunter und blickt auf die nackte Mauer. Zu dem Mobiliar in Raum und Kopf darin. Packt mit fulminantem Spielwitz den wackeligen Zahn von Wert und Gesellschaft. Dieser Griff an die Wurzel kommt an. Ist zu spüren. Schmerzt. Das Publikum entscheidet dann selbst ob Plombe oder Wurzelbehandlung, Implantat oder Brücke. Im Wohnzimmer. Zuhause. Mit einem künstlerischen Röntgen im Liegestuhl, das besser nicht sein könnte.  Pandemie, here we go. Prost.

BÜRGERLICHES TRAUERSPIEL (2020)

Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble in Koproduktion mit Landeshauptstadt Bregenz/Bregenzer Frühling, Landestheater Linz, in Kooperation mit WERK-X Wien.

Regie: Martin Gruber; Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth,

Dramaturgie:  Martin Ojster, Andreas Erdmann; Musik: Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos; Bühne, Kostüme: Valerie Lutz; Regieassistenz: Tanja Regele, Hacer Göcen; Mit: Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle, Benjamin Vanjek und Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos.

Nächster Spieltermin_ Sa. 3.10., WERK-X, Oswaldgasse 35A, 1120

http://aktionstheater.at/produktionen/buergerliches-trauerspiel-2020/   2.10.2020

Walter Pobaschnig, literaturoutdoors, 1.10.2020

Alle Fotos_Romana Fürlinger_Walter Pobaschnig

„Literatur muss die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten“ Giuliano Musio_Schriftsteller _Bern _ 2.10.2020

Lieber Giuliano, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Inzwischen kann ich besser mit der ständigen Ungewissheit darüber umgehen, ob der nächste Auftritt, die nächste Lesereise stattfinden wird. Ich konzentriere mich auf die verlässlichen und von Corona unabhängigen Lebensbereiche: feste Tagesrituale und die Arbeit am nächsten Buch.

Giuliano Musio Affolter Savolainen

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für unsere eigene Fehlerhaftigkeit, unser Unwissen und unseren subjektiven Blick den Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität voranbrächte. Das bedeutet, dass es die Bereitschaft braucht, die eigenen Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen und gegebenenfalls zu ändern, Fehler einzugestehen, zuzuhören, statt sich von bloßer Empörung leiten zu lassen, und vorsichtig mit Urteilen zu sein. Ich arbeite selbst an all diesen Punkten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin leider weniger optimistisch und glaube, dass wir unsere alten Gewohnheiten nicht so schnell loswerden. Die Hoffnung auf Veränderung muss dennoch aufrechterhalten bleiben, selbst wenn diese nur im Kleinen stattfinden sollte. Für mich muss Literatur die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten. Im Idealfall macht sie beides zugleich.

 

Was liest Du derzeit?

»Happy End« von Joachim Lottmann und »Eisfuchs« von Tanya Tagaq.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Man darf unklar von dem reden, wohin das Licht der klaren Sprache nicht leuchtet.« (Jean Améry)

Vielen Dank für das Interview lieber Giuliano, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Giuliano Musio, Schriftsteller

https://www.giulianomusio.com/

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mit Literatur und Kunst können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen“ Katharina Adler. Schriftstellerin _ München 1.10.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Arbeiten, schreiben ist für mich zentral. Darum herum die Alltagsdinge und Familie, Freunde, Sport, Spaziergänge, Bücher, Filme, Ausstellungen. Das alles miteinander in Einklang zu bringen, gelingt oft und manchmal nicht. Auch das war schon vor dem Virus so. Und trotzdem hat sich Corona über vieles gelegt. Eine gewisse Leichtigkeit Menschen zu treffen oder an vielbesuchte Orte zu gehen ist fort. Sorge ist dafür da, wie es mit Lesungen, Theater, Konzerten, dem Nachtleben weiter gehen soll. Im Sommer half die warme Luft, die lauen Abende draußen. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir im Herbst und Winter die Euphorie stickiger Räume fehlen wird. Das ist mir erst so wirklich klar geworden: an ungelüfteten Orten habe ich schon so viel Großartiges erleben dürfen.

Katharina Adler _ Christoph Adler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bemerke in letzter Zeit immer wieder den Wunsch bei mir, dass alles schnell vorbei gehen soll und wir zurück zu dem können, wie es vor dem Virus war. Doch dann zügele ich mich. Zurück. Das kann es doch auch nicht sein.
Die „Krise als Chance“ ist eine Floskel, auf die ich bisher in allen Krisen meines Lebens eindreschen wollte. Mittendrin sah ich da nie eine Chance, fand es einfach nur fürchterlich. Wenn es dann aber ausgestanden war, musste ich mir eingestehen, ich war an einem anderen Punkt als zuvor. Meist an einem besseren.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass ich Krisen willkommen heiße. Dieses Virus fordert zu viele Tote, zu viele Kranke, zu viele Einbußen – emotional, finanziell, kulturell, besonders die Bildung betreffend usw. – um das alles als Chance verbrämen zu können. Aber wenn die Krise schon einmal da ist, dann ist das wenigstens ein Schimmer am dunklen Horizont. Deshalb glaube ich, gerade ist es wichtig, Geduld zu haben und sich die Zeit zu nehmen Fragen zu stellen. Welches Potential birgt die Situation, trotz allem? Was könnte danach besser sein als zuvor?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe erst einmal, dass wir es als Aufbruch und Neubeginn begreifen und nicht als Einbruch und Stagnation. Wenn das gelingt, wäre das ja schon enorm. Für Aufbrüche waren die Literatur und Kunst schon oft seismographische Instrumente. Mit diesen Instrumenten können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen. Da ist erst mal alles möglich, jenseits der alltäglichen Realität. Aber im besten Fall ist die Realität dann von der Imagination beeinflusst. Darin liegt viel Potential.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade einen Roman fertiggelesen, der schon lange auf meiner Liste stand: „Ghana must Go“ von Taiye Selasi. Prosa, die umhaut und virtuos afrikanisches Erzählen zwischen Nigeria und Ghana mit dem Genre des amerikanischen Familienromans verknüpft.

Ansonsten arbeite ich mich gerade durch Bücher zum Thema „Solidarität“. Teils aus Interesse, aber auch als Überblicksrecherche für meinen neuen Roman.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe, ehrlich gesagt, keine große Vorliebe für Zitate, auch wenn es zweifellos ganz großartige gibt. Und doch habe ich oft das Gefühl, es sind Aphorismen, die Einsicht und Inspiration simulieren, wo es sich doch einfach nur um ein paar aus dem Zusammenhang gerupfte Sätze handelt. Es herrscht eine Tendenz gerne Dinge auf einen Nenner bringen oder in ein paar Sätzen zusammenfassen zu wollen (auch bei mir). Aber ich glaube, es ist letztlich ein größerer Gewinn, sich in komplexere Zusammenhänge hineinzudenken. Ausführlichkeit. Das wäre mein Impuls. Aber über alle, die so ein richtig griffiges Zitat aus dem Ärmel schütteln, das einem den Atem nimmt und dann vielleicht kurz neu denken lässt, freu ich mich schon auch.

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Katharina Adler, Schriftstellerin

Foto_Christoph Adler

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Regenschatten“ Seraina Kobler. Roman. Kommode Verlag

Der suchende Blick zu den Staren am Himmel. Es ist schon November. Sie kommen nicht. Ihre Bewegung, das Einssein, das Weiter ohne tägliche Gedanken. Das fehlt jetzt. Wie die Wolken…Und wie weiter jetzt in der umgebenden Katastrophenlandschaft? In der Hitze. Das warme Wasser überall. Die dampfenden Wälder…

Sie blickt aus dem Fenster und denkt nach. Denkt zurück. An die Welt und ihre Wege. Damals. Die Liebe. Die Bewegung. Das Einssein. Das Weiter ohne tägliche Gedanken…David. Jetzt der Riss. Sein Verschwinden….

Doch noch einmal erinnern. Den Anfang. Den süßen Wein. Das immergleiche Lied. Das Wort am Sofa – „Wir sprangen über die Sätze, beendeten sie füreinander, dass es bald egal schien, von wem sie kamen…“.

Lebensfarben. Liebesfarben. Rausch der Tage und Nächte…

Und die neue Wohnung. Ein Neubeginn. Neues Leben. Überall. Auch in ihr. Und nun Herausforderungen. Entscheidungen. Wege…und die Welt geht unter…

Seraina Kobler legt mit „Regenschatten“ einen spannenden Roman zur Zeit vor, der das Leben in aller Leichtigkeit und Dramatik von Mensch, Liebe und zerbrechender Welt am Hals und Kragen zu packen weiß. Die in Zürich lebende Autorin setzt die Unabwägbarkeiten von Tag und Nacht eines Lebens vor den kraftvollen Spiegel der Sprache und lässt Licht und Schatten von Bewegung und Ereignis mitreißend darauf fallen und prallen. Jedes Wort trifft ins Herz von Traum und Hoffnung, Sonnenstrahlen und Regenschatten über einer untergehenden Welt.

„Ein Roman, der Wert und Zeit des Lebens fulminant am Kragen packt.“

Walter Pobaschnig 9_20

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„Literatur beschreibt die Welt, und sie kann das auch komplexer als im Vampir- und Kettensägen-Epos“ Martina Bergmann, Schriftstellerin_ Borgholzhausen_30.9.2020

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer: Ich stehe um ungefähr halb acht Uhr auf, trinke Kaffee und erledige etwas Hausarbeit. Ich müsste um neun Uhr im Buchladen sein, was aber nie so ganz auf den Punkt klappt. Egal, schließlich bin ich da der Chef. Ich packe die Warenlieferungen aus, fahre den Computer hoch und gehe nochmal kurz außer Haus, um mit dem Nachbarn weiter Kaffee zu trinken. Bis um zehn lese ich Zeitung oder schaue an die Wand. Und dann geht der Tag los. Ich bediene Kunden und schreibe Seiten. So gegen neunzehn Uhr wundere ich mich, dass ich tatsächlich ungefähr erledigt habe, was für den Tag anlag. Dann fahre ich nach Hause und bin privat.

Martina Bergmann 2

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Dass wir uns nicht verdrießen lassen. Wir haben immer noch Strom, Wasser, Telefon und genug zu essen im Kühlschrank. Solange das gegeben ist, rege ich mich aus Prinzip nicht auf und bekomme auch schlechte Laune, wenn andere es mit ihrem Gemecker übertreiben.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur beschreibt die Welt, und sie kann das auch komplexer als im Vampir- und Kettensägen-Epos. Da wir in aufregenden Zeiten gehen, freue ich mich auf weniger langweilige Bücher. Ich gebe mir auch wirklich Mühe, selbst keinen Blödsinn zu schreiben.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade verschiedene Bücher von Frauen, die an der Seite eindrucksvoller Männer gelebt haben, zum Beispiel Karola Bloch und Marlene Hobsbawm. Und die sind auch jeweils eindrucksvoll! Das ist für meine Arbeit. Und privat amüsiere ich mich mit Lily King, Writers & Lovers. Da geht es ja um eine Frau, die um absolut jeden Preis Bücher schreiben will. Als ich fünfzehn war, wollte ich selber auch schon mal Schriftstellerin werden. Papa hat mir dann einen Job beim Haller Kreisblatt organisiert. Morgens die Zeitung austragen. Man musste dazu um vier Uhr oder so aufstehen. Er meinte, wieso, ist doch mit Geschriebenem. Ich meinte, ich mach garantiert nie wieder eine Arbeit, wo man so früh aufstehen muss und wurde erst mal Buchhändlerin. Im Buchhandel zu arbeiten, heißt nämlich auch (Nebeneffekt), man muss um neun oder zehn da sein. Als ich bei Thalia war, sogar oft erst um halb zwölf. Das fand ich toll. Ich bin gar keine Langschläferin, aber ich mochte den Verlauf eines Arbeitstages, der nicht so früh zu Ende ist. Ich schreibe meine Bücher auch eher nachmittags und abends.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Das Leben ist schön.

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Martina Bergmann, Schriftstellerin

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„Die Verarmung des Gemeinsamen – Kunst und Literatur kann hier themenführend sein“ Renate Silberer, Schriftstellerin_Linz _ 29.9.2020

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Sommer war es fast genauso, wie in der ersten Lockdown-Phase. Meine beiden Kinder waren ferienbedingt zu Hause, wir verbrachten den Tag gemeinsam. Zwischendurch hatte ich meine Schreibzeiten. Ich arbeite an meinem Roman, der sich mit den Auswirkungen der NS-Pädagogik auf die Folgegenerationen befasst, und im März 2021 erscheinen wird.

Renate Silberer

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle, keine Ahnung. Für mich ist wichtig, dass die Schulen wieder geöffnet sind und alle Kinder einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Die Zeiten des monatelangen homeschoolings sind hoffentlich vorbei.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube die Isolation des Einzelnen wird ein größeres Thema werden und die Frage, wie sich diese Vereinsamung in unserer Gesellschaft auswirken wird, gerade auch in Kombination mit dem sich verbreitenden Narzissmus. Die Verarmung des Gemeinsamen, Kunst und Literatur kann hier schon themenführend sein.

 

Was liest Du derzeit?

Sympathiezauber, Texte zur Ethnografie von Michale Taussnig. Von Rosmarie Waldrop, Reproduktion von Profilen. Von Byung-Chul Han, Kapitalismus und Todestrieb und die Essays von Asli Erdogan, Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Zwischendurch lese ich immer wieder Gedichte und Texte von Elke Erb.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schon seit Jahren eines meiner Lieblingszitate von Fredric Jameson: „Es scheint für uns heute leichter zu sein, uns den endgültigen Ruin der Erde und der Natur vorzustellen als den Zusammenbruch des Kapitalismus; vielleicht liegt das an einer Schwäche unserer Einbildungskraft.“

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Renate Silberer, Schriftstellerin

Willkommen

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„Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht“ Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin_ Leipzig_28.9.2020

Liebe Jayne-Ann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht anders als zuvor, abgesehen davon, dass ich vor der Pandemie öfters in die Stadt gefahren bin und Leute getroffen habe, was jetzt leider seltener passiert. Meistens bin ich vor sechs Uhr morgens schon auf, drehe per Rad eine Runde (ein Vorteil der Stadtrand-Lage), schreibe Tagebuch, arbeite an Texten, lektoriere, am Vormittag. Der Nachmittag gehört eher der Vereinstätigkeit (als Vorstandsvorsitzende in einem Landeskulturverband), da ist etliches zu regeln, von Stellenbesetzungen bis hin zur Neu-Planung von Veranstaltungen, von denen die meisten im ersten Halbjahr ja ausgefallen sind. Abends komme ich zum Lesen, Radio hören …

Jayne-Ann Igel

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gegenseitige Rücksichtnahme, solidarisches Verhalten, Hilfe anbieten, wo man die Notwendigkeit sieht – das gilt für mich im privaten wie öffentlichen Raum. Und daran sollten sich auch die Akteurinnen und Akteure in der Politik orientieren, im Sinne des Gemeinwohls, nicht am Gewinnstreben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wäre glücklich, könnte es diesen Neubeginn geben, statt des „Weiter so“, das sich ja schon wieder abzeichnet. Wir haben in den letzten Monaten immer wieder wahrnehmen können, wie wichtig beispielsweise eine funktionierende Öffentliche Daseinsvorsorge ist, und wie sehr sie unter der neoliberalen Ausrichtung der gesellschaftlichen Belange schon gelitten hat. Wie viele Menschen unterm Gebot von Selbstoptimierung und Selbstausbeutung leiden, der marktförmigen Verfasstheit, die in alle Lebensbereiche Einzug gehalten hat.

Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht, doch in der künstlerischen Weltsicht, Wirklichkeitsaneignung und Perspektive ist ein Hauch davon noch zu spüren. Hier kommt „Undenkbares“ ins Spiel, hat eine Entgrenzung statt, ist der Mut zum Wagnis noch vorhanden.

 

Was liest Du derzeit?

Es sind mehrere Bände, die ich parallel lese: Uwe Preuss „Katzensprung“, Ro

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Apropos Neubeginn, ich denke in diesem Zusammenhang an ein paar Zeilen von Marion Poschmann:  „Die politische Idee des Industriegebiets, dessen Bodenbelag von weitem wie Teppich wirkt, wäre ganz Innenraum: Bar jeden Wetters, bar jeder Obdachlosigkeit: Wo es in allen Lagerhallen ebenso aussieht wie außerhalb. Dazu kommen Automobile, auf Teppichen ausgestellt, hoher Komfort für Geräte, die lediglich über geliehene Intelligenz verfügen. Gerät, dessen Bilder verbreitet werden wie Herrscherporträts.“ (aus: Niedere Arbeiten, divenhaft ausgeführt. In: All dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. Hrsg. Anja Bayer u. Daniela Seel, kookbooks, 2016).

Vielen Dank für das Interview liebe Jayne-Ann, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin

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„In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“ Martin Peichl. Kremayr&Scheriau Verlag

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A love story. Apfelstrudelgeruch. Schweineblutgeruch. Regenwasser. Schlittschuhlaufen am Löschteich. Kühlschrank und Aschenbecher. Marta. Der Acht-Finger-Ferdi. Der Blick zurück und dann in das Schnapsglas…

Wir lieben uns mit Messer, Gabel, Schere, Licht. Jelena. „Wenn Jelena von offenen Beziehungen spricht, dann stelle ich mir ein Pflaster vor, das man nicht schnell gut herunterzieht…“. Donaukanal. Bar. Und der Blick auf den Rücken in der Dusche. Keine Besitzansprüche nur eine geeignete Landestelle…

In meinem Bier hängt ein Haar von Dir. Drinking with benefits. Die Fotoalben. Der Blick auf den Vater. Später der Gang in den Wald „…ich betrete ihn mit dem Gefühl als müsste da etwas warten auf mich, eine Antwort zum Beispiel, aber da ist nichts, nur ein Specht, der das tote Holz einer Birke bearbeitet…“. Die Runde durchs Dorf. Schreibtischlampe und Schatten…

„Wir haben Angst vor der politischen Entwicklung in Österreich, vor der nächsten Wahl. Wir haben Angst…und Du hättest gerne ein zweites Kind, diesmal von mir…“

Die Welt, die Gedanken. Alles passt auf einen Bierdeckel. Schwer und leicht. Da und dort. Und es geht weiter…

Martin Peichl, vielfach ausgezeichneter österreichischer Autor, legt mit „In einer komplizierten Beziehung mit Österreích“  eine rasante Textreise in das unmittelbare Erleben einer bruchstückhaften Welt im Kleinen und Großen vor, die in sprachlicher wie persönlicher Direktheit Zeit und Leben gnadenlos an der Seele packt und erschüttert. Der Autor versteht es beeindruckend Textmontage als Stilmittel zu Ansprache und Reflexion zu setzen und schließt damit an große Traditionen moderner Literatur an – Mut zu Sprache und Experiment, um sich dem Leben zu stellen. Und das gelingt – und wie!

„Martin Peichl führt eine einzigartig variantenreiche wie direkte Sprachklinge und trifft damit ins rasende Herz der Welt“

 

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„Kunst und Literatur sind vielleicht auch Orte des Trostes“ Kaska Bryla, Schriftstellerin _ Wien 27.9.2020

Liebe Kaśka, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach über zwei Monaten eines komplizierten Covid-19-Verlaufs, ziehe ich jetzt seit Wochen eine Krähe groß. Sie stand plötzlich da, verirrt und verwirrt. Ich hatte bisher keine Ahnung von Vögeln. Mein Mitbewohner, der Tierarzt ist, sagt sie sei im Teenageralter. Übrigens heißt sie Karl. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr, wie es zu dieser Namenswahl kam. Ihr Geschlecht kennen wir nicht.

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Auch Tiere sind ja als Teenager sehr eigen. Jetzt, da es so heiß ist, hat Karl zwei Lieblingsbeschäftigungen: Mit offenem Schnabel im Schatten schlafen oder mich von der Arbeit abhalten. Auf den Laptop einhacken, über die Tastatur laufen, sich auf meinen Kopf setzen, meine Haare kämmen oder nach Essen schreien, das sie zuerst im Kropf, dann in Blumentöpfen versteckt.

Seit Karl ist mein Blick sehr oft in den Baumwipfeln, wo ich nach ihr suche, wenn sie nicht um mich herum hüpft.

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Im August erschien mein Debütroman „roter Affe“ im Residenz Verlag und im Oktober kommt die sechste Ausgabe der Literaturzeitschrift PS – Politisch Schreiben heraus. Ihr Thema ist das Prosadebüt. Für beide Projekte bin ich gespannt, was der Restsommer und Herbst ihnen bieten wird.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei. Was für unterschiedliche Auswirkungen sie auf unsere Leben haben wird, im einzelnen wie im kollektiven, wird sich erst zeigen. Jetzt heißt es noch aushalten, durchhalten und den Humor nicht verlieren. Trotz allem.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, die Kunst und die Literatur werden die Rolle haben, die sie immer haben: Orte der Reflexion, der Kritik, der Kreativität, Orte an denen man miteinander lacht oder sich streitet. Vielleicht auch Orte des Trostes.

Was liest Du derzeit?

Vor mir aufgestapelt liegen:

Sharon Dodua Otoo „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…“, Jamal Tuschick „Bis zum Ende der B-Seite“, Ika Elvau „Identitätskrise 2.0“, Marion Messina „Fehlstart“, Lene Albrecht „Wir, im Fenster“, Raphaela Edelbauer „Das Flüssige Land“, Ivana Sajko „Familienroman“, Maxim Biller „Sechs Koffer“, Sabine Scholl „O“, Sylwia Chutnik „Weibskram“, Nora Wicke „Vierstromland“, Alex Riedel „Sonne Mond Zinn“, Olivia Wenzel „1000 Serpentinen Angst“, Christine Koschmieder „Trümmerfrauen“, demnächst auch „Die Sommer“ von Ronya Othmann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Beständigkeit ist die letzte Zuflucht des Fantasielosen.

Vielen Dank für das Interview liebe Kaśka, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke dir für diesen schönen Blog!

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Kaśka Bryla, Schriftstellerin

https://www.kaskabryla.com/

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„Die Kunst, die Literatur ist das, was sie immer ist: ein Experimentierfeld des Lebens“ Stefan Kutzenberger, Schriftsteller_Wien_26.9.2020

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, bei mir hat sich glücklicherweise am Tagesablauf praktisch seit Corona nichts geändert. Ich sehe die Kinder mehr, was ja sehr positiv ist, aber schreiben ist ohnehin immer home office, also ist von dem her alles gleich.

Stefan Kutzenberger _EK

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt ist es wichtig auf die Wissenschaft zu hören. Wenn diese oft mal verwirrend ist und verschiedene Lösungsvorschläge gibt, sich selbst widerspricht, etc., dann ist das der Beweis, dass sie funktioniert. Wissenschaft hat nämlich die Fähigkeit dazuzulernen, sich zu korrigieren, feiner und besser zu werden. Alles Eigenschaften, die Verschwörungstheorien nicht bieten können, denn diese wissen immer auf alles eine Antwort, und diese ist in Stein gemeißelt, kann nicht adaptiert werden, sich nicht anpassen, nicht dazulernen – und ist deshalb immer falsch.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst, die Literatur ist das, was sie immer ist: ein Experimentierfeld des Lebens. In der Naturwissenschaft kann man einen Versuch so lange wiederholen, bis man ein Ergebnis hat. Im Leben geht das nicht. Alles kann man nur einmal machen, es ist unmöglich zu fragen, was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Job hätte, sogar, was wäre, wenn ich heute Früh mit dem anderen Fuß aufgestanden wäre. Man weiß es einfach nicht, und wird es nie wissen. Die Literatur kann aber diese Möglichkeiten aufzeigen und durchspielen, und dafür werden wir sie immer brauchen.

 

Was liest Du derzeit?

 „Gift“ von Tove Ditlevesen, ein ganz wunderbarer, schonungsloser, harter, aber immer auch witziger autofiktionaler Roman aus dem Dänemark von 1971.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wird schon wieder.

 

 Ebeltoft, 5.8.2020

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Stefan Kutzenberger, Schriftsteller

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