Lieber Werner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ausschlafen!
Frisches Croissant holen (bin fürn Monat in Paris), Verlagskorrekturen für meinen neuen Roman („Was möglich ist“) durchschauen, durchs touristenleere Quartier spazieren, Apèro, im Tagebuch den Tag noch einmal auferstehen lassen.
Träumen!
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das wir nicht für andere festlegen, was besonders wichtig sein soll.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaub`, die Literatur feiert den Aufbruch und Neubeginn schon seit Jahrhunderten. Begleitet diese kritisch und setzt sie in Zusammenhänge. Das soll die Literatur auch jetzt tun. Dabei nicht vergessen, dass sie noch nie ganz mit der Zeit gegangen ist.
Aber sie kann natürlich auch ganz anders: Ablenken, Aufrühren, Einfühlen, querdenken, Utopien und Zusammengehörigkeit entwerfen, Nachdenken und Musik sein.
Und dann wieder, die Literatur tut ja von selbst nix – da müssen schon die Autorinnen und Autoren die Verantwortung für übernehmen.
Was liest Du derzeit?
Baudelaire: Le Spleen de Paris
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Von Ilse Aichinger: Und hätt ich keine Träume / so wär ich doch kein anderer / ich wär derselbe ohne Träume / wer rief mich heim?
Vielen Dank für das Interview lieber Werner, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Werner Rohner, Schriftsteller
Foto_ Christoph Oeschger
23.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Es ist eine poetische Stimme, die das 20.Jahrhundert im Angesicht des Weltkrieges und den Prozessen von Untergang und Orientierung erschütterte und bis in die Gegenwart nichts an dramatischer wie kritischer Ansprache verloren hat.
Der Dichter Georg Trakl (*1887 Salzburg +1914 Galizien) war Kriegsteilnehmer und damit unmittelbar mit den täglichen Schrecken konfrontiert wie auch mit dem Zerfall eines Imperiums. Diesem großen Drama der Welt korrespondierte die persönliche Seelenerschütterung. Beides findet in seinen Gedichten Ausdruck, die in unvergleichlicher Bildsprache Dunkelheiten, Schmerz und Ausweglosigkeiten poetisch thematisieren. So ist die Dichtung Georg Trakls ein lebendiges Mahnen wie Reflektieren von Krieg und Frieden in Welt und Seele. Und eine Ansprache an die Kraft und Schönheit von Sprache auch in schwärzester Nacht von Mensch und Gesellschaft.
Der Dichter Georg Trakl war aber auch ein Briefschreiber an Familie, Freunde, Verleger und Kunstkollegen. Diese geben einen sehr anschaulichen Eindruck der künstlerischen Etappen wie Herausforderungen eines Dichterlebens der Zeit.
Die vorliegende bibliophile Neuausgabe des Gesamtwerkes von Georg Trakl (Gedichte, Nachlass/Fragmente/Dramen, Briefe, Lebenschronik) des renommierten Trakl Kenners und Leiter der Georg Trakl Forschungs- und Gedenkstätte in Salzburg, Hans Weichselbaum, ist nun eine kompakte Zusammenfassung von Dichtung und Lebenszeugnissen eines der wesentlichsten Dichter der Moderne. Zudem bietet es sensationelle bisher nie veröffentlichte Gedichte. Es ist Herausgeber wie Verlag herzlich zu danken, dass dies ermöglicht wurde!
„Ein ganz wichtiger editorischer Meilenstein in herausfordernden Zeiten!„
Liebe Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf schaut generell immer anders aus, Routine gibt’s fast nicht!! Aber im Moment nehme ich mein Soloalbum in meinem Wohnzimmer auf. Das bedeutet:
7:00 aufstehen
8:00 Frida in den Kindergarten bringen
9:00-15:00 intensivst aufnehmen
Nachmittags bis abends Zeit im Garten/Sandkiste/Schwimmteich/… verbringen
Nachts aufnehmen, durchhören und editieren
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Vertrauen in einander.
Mut zu Reformen.
Mut zu Perspektivenwechsel.
Zeit nutzen um gute Musik zu erfinden oder zu proben.
Gesammelt für finanzielle Fairness kämpfen, Vermögensverteilung statt arm wird ärmer und reich wird reicher.
Mir ist auch wichtig den Fokus auf Gleichberechtigung zu legen, auf die Frauen, die in Zeiten von COVID-19 doch öfter Doppelrollen (Kinderbetreuung und Arbeit) einnehmen und damit finanziell geschwächt werden und dies nicht automatisch ausgeglichen wird.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich hoffe, dass wir, unsere Gesellschaft aus dieser Krise lernt, und ich bin mir sicher, dass wir das tun.
Ich finde Musik und Kunst sind ein Barometer wie es einer Gesellschaft geht. Wie frei man denken darf, wie kreativ man sein darf, wie innovativ man sein darf. Aber auch ein Barometer des Glücklichseins, der Zufriedenheit, der Schönheit, des Aufarbeitens von Gesellschaftlichen Traumata.
Wir Künstler&Musiker müssen, wie wahrscheinlich sehr viele andere Berufsgruppen auch, hart einstecken wenn’s ums Finanzielle geht, wenn’s um Arbeitsbedingungen geht. Ich werde jetzt im Moment öfter gefragt 2 Konzerte an einem oder mehrere Abende mit gleichem Programm für die gleiche oder sogar weniger Gage zu spielen.
Das ist von Veranstalter Seite aus verständlich, für Künstler aber ein wesentlicher Mehraufwand, der wenigstens mit gleicher Gage vergütet werden soll.
Da müssen wir auch stark bleiben, sodass es kein bodenloses Preisdumping gibt.
(Sophie Abraham_Cellistin _ Trio Frühstück _ Clara Frühstück, Klavier _ Maria Sawerthal, Violine)
Was liest Du derzeit?
Der Hase mit den Bernsteinaugen von Edmund de Waal
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
There is a Crack in everything, That is wäre the light comes in.
L.Cohen
Vielen Dank für das Interview liebe Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Literaturoutdoors_ im Gespräch:Jana Volkmann, Schriftstellerin_ Romanneuerscheinung „Auwald“
Erstveröffentlichung 28.8.2020_Verbrecher Verlag.
Liebe Jana, vielen Dank für unseren Interviewtermin hier in Wien auf der Donauinsel bei der Wasserschisprungschanze und dem folgenden Weg zum „Toten Grund“ ins ursprüngliche Auwald-Gebiet der Stadt.
Welche Zugänge hast Du zur Natur?
Eigentlich gar keine. Ich bin nicht mit viel Natur groß geworden. Meine Natur war sehr klein, Garten und etwas Wald. Ich bin kein nature writer.
Dein neuer Roman „Auwald“ erschien am 28.8. des Jahres. 2020 ist auch das Gedenkjahr der „La divina commedia“ (1320) von Dante Alighieri. Der Weg in Dunkelheit und Licht, Begegnungen, Erfahrungen, Reflexionen sind auch in Deinem Roman zentral. Siehst Du thematische Parallelen?
Ich denke, dass diese Tunnelgeschichten Urbilder sind, die viele mythologische Referenzen haben. Bei meinem Roman hatte ich dies aber nicht so im Kopf und dachte auch nicht an die Bilder, auf die dies zurückgreift. Es ist aber eine interessante Assoziation. Die kreisförmige Bewegung im Roman führt ja vom Tunnel wieder zum Tunnel. Ich bin mir bewusst, dass es sehr viele Anknüpfungspunkte in der Literaturgeschichte dazu gibt.
Dein Roman nimmt in Wien seinen Ausgangspunkt. Judith ist hier verbunden mit Arbeit und Lebenswelt, zugleich jedoch eine Suchende, Fragende nach Erfahrung und Welt. Ist Judith der Prototyp des Menschen unserer Zeit – im Hiersein und dem Unterwegssein in Gedanken und Aufbruch?
Ich glaube nicht. Ich sehe nicht die Möglichkeit über die Generation der Gegenwart, deren Teil ich auch bin, so zu schreiben, dass es eine Figur gibt, die diese repräsentiert. Unsere Zeit ist sehr stark fragmentiert und Lebensläufe sind sehr individualisiert, dass ich sehr stark das Gefühl habe, dass es gar nicht darum geht stellvertretend zu sein für Mensch und Zeit, die Idee davon. Es war im Schreiben des Romans nicht mein Ziel eine Repräsentationsfigur der Zeit zu erschaffen. Wenngleich die Biographie der Romanfigur natürlich vom Zeitgefüge beeinflusst ist.
Ein Unterwegssein in Zufall und Begegnung kennzeichnet den Weg Judiths. Dies erinnert an amerikanische Erzähltraditionen der Moderne, etwa an Paul Auster.
Paul Auster hat mich sehr geprägt, vor allem die Frühwerke, etwa „Die Musik des Zufalls“. Der Zufall, die Kontingenz, die Begegnung von Menschen, die in einem Moment nur der Ort des Zusammenkommens verbindet, das sind auch wesentliche Elemente in meinem Schreiben. Die Zufälligkeiten und Möglichkeiten des Lebens sind sehr wichtig für mich.
Judith ist interessiert und aufmerksam in der Begegnung wie aber auch zielgerichtet im Festhalten an persönlicher Richtung. Trifft dies ins Herz des modernen Menschen und seinen Unsicherheiten und Herausforderungen in der Gegenwart?
Sicherlich, in diesem Jahr ist dies ja viel offensichtlicher geworden als die Jahre davor. Wir sind in viel sicheren und vorhersehbaren Zeiten sozialisiert worden und plötzlich gibt es so viele Unwägbarkeiten, die aber auch Ungleichheiten in der Gesellschaft offenbaren. Der Roman ist aber vor diesen Ereignissen der Pandemie entstanden.
Bewegung und Begegnung sind bei Judith zentral. Ist dies ein Kennzeichen unserer Zeit?
Der Begriff der Bewegung muss sehr stark aufgefächert werden. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Bewegung in der Gegenwart. Da ist die Bewegung im sozialen Status in der Welt, die touristische Bewegung. Es ist aber für mich sehr fraglich, worin da die Beweglichkeit besteht, es ist ja nur eine Körperbewegung. Es erinnert an die Gehäusefahrten im 19. Jahrhundert in der Kutsche. Das war auch ein Reisen in Isolation, in einer Miniaturenklave. Und dann der Aspekt der Arbeitsnomaden zwischen Erntehelfern und dem silicon valley. Die Gegenwart ist sehr schwer zu greifen, wenn wir den Finger darauflegen sollen.
Auch Judith würde diese globalisierte, erschlossene Welt zur Verfügung stehen. Die geistige Beweglichkeit spielt da eine ganz wichtige Rolle. Es ist ein großes Glück, wenn beides zusammenfällt – freie Bewegung und Offenheit für wirkliche Begegnung. Bewegung in zwei Richtungen – Neues kennenlernen und dann eine Perspektive von außen zu gewinnen, um das Eigene neu zu sehen. Aber das ist nicht immer der Fall, auch bei mir selbst nicht. Es gibt unterschiedliche Arten sich zu bewegen und Judith bildet mehrere Formen davon ab, zeitversetzte Prozesse von Bewegung.
Judith bewegt sich in der Natur auf unbekannten Wegen mit allen Herausforderungen. Welches Verhältnis hat sie zur Natur?
Judith ist ein Stadtmensch. Sie merkt zunächst, dass sie in der Natur nicht zuhause ist. Da ist etwas Feindseliges. Das ist sehr wechselseitig. Am Weg in und durch die Natur verdichtet sich dies. Sie arbeitet zwar mit Holz hat aber kein romantisches Verhältnis zur Natur.
Ist der Roman ein Plädoyer für den Wert menschlicher Begegnung im Wahrnehmen, Erfahren und Erleiden von Naturmacht, -übermacht?
Dieser Zugang gefällt mir. Was Judith am Stärksten verändert ist ja die Begegnung mit Menschen. Da passiert ganz Tiefes. Ob in Berlin oder Bratislava. Aber diese Begegnung funktioniert ja auch mit Tieren, domestizierten Tieren.
Im Roman begegnet Judith Robert, der materielle Besitzansprüche sehr kritisch sieht und dies auch unmittelbar lebt.
Ich habe ein Herz dafür. Ich wurde einmal von einem guten Bekannten als Proudhonistin (Anm: Pierre-Joseph Proudhon, franz.Ökonom/Soziologe, 19.Jhdt.) bezeichnet. Für die anarchistische Weltsicht der Diebe habe ich Sympathie und ich wollte im Schreiben sehen was passiert. Es ist eine Umkehrung klassischer Diebesgeschichten. Es gibt keine Explosionen, keine spektakulären Zugüberfälle wie in Western-Genres etwa. Das Messgerät steht dann bei Robert einfach im Garten und niemand vermisst es.
Judith ist in der jüdisch-christlichen Tradition eine starke Frauenfigur, die ihre Gruppe, Menschen um sich stärkt. War diese Judith Vorbild für die Romanprotagonistin?
Judith ist im Roman eine eigenständige Frau, aber auch mit großer Verletzbarkeit. Ich schätze dies an Menschen an sich. Judith ist ja stark und unerschrocken, aber sie leidet auch an der Zerbrechlichkeit von Mensch, Tier, Welt. Dieses zu sehen, ist für sie schlimmer als ihre eigene Verwundung. Sie hat beide Seiten.
Namen sind sehr bedeutsam im Roman. Ein Name mit breiteren Assoziationsraum war wichtig. Die jüdische Tradition bietet da viel.
Wie kam es zu Idee und Konzeption des Romans?
Das ist eine schwierige Frage. Ich weiß es nicht mehr. Es hat sich sehr stark fortentwickelt. Es war sehr lebendig und unkontrollierbar. Von der Figur und der Schiffssituation begründet. Geschichten vom Verschwinden fand ich immer gut, spannend ist vor allem, was macht dies mit den Menschen, die zurückbleiben.
Die Topographie Wien_Bratislava ist im Roman zentral, warum hast Du diese Schauplätze gewählt?
Ich lebe seit acht Jahren in Wien und es hat mich sehr begeistert, dass zwei Hauptstädte in rund 60 km Entfernung liegen und trotzdem auch einander sehr fern sind. Ich kenne viele Menschen, die in Wien geboren sind und noch nie in Bratislava waren und kein Bewusstsein für die Nachbarhauptstadt haben. Die Landschaft zwischen den Städten hat mich auch fasziniert, weil sie sehr stark Erde und Wasser verbindet. Es ist ja eine Art Landschaftssymbiose.
Zwei Länder, in topographischer Nähe und gesellschaftspolitischer Entfernung, ist dies auch ein Bild für das Europa der Gegenwart?
Es fällt mir derzeit sehr schwer optimistisch an Europa zu glauben. Jetzt im Moment dieses Interviews brannte vor ein paar Tagen das Flüchtlingslager in Moria und ein unglaublicher Zynismus tritt zutage. Unglaublich, dass in Europa keine Möglichkeit gefunden wird, diese Menschen würdig zu behandeln. Damit ist eigentlich alles gesagt. Die Idee einer Gemeinschaft über nationale Grenzen hinaus ist sehr schön. Aber ich möchte diesen Gedanken lieber noch größer, über Europa hinausdenken.
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Ich bin früh darin bestärkt worden. Berlin war dann vor zehn Jahren eine wesentliche Station, vor allem die Lesebühnen. Ein besonderer Kulturraum mit dankbarem Publikum. Dieses Nach-Außen-Gehen, dass nicht nur für sich schreiben sondern für sein Publikum, war ein ganz wichtiger Schritt für mich.
Wie lange hast Du am aktuellen Roman gearbeitet?
Rund fünf Jahre. Das war ein Prozess mit anderen Projekten, Arbeit.
Wie schreibst Du?
Ich habe keine fixen Schreibzeiten. Ich schreibe sehr gerne in Bibliotheken. Konzentrierte Menschen bilden da so eine Art Schwarm. Das finde ich sehr schön. Ich schreibe auch viel zuhause, brauche da absolute Ruhe. Ich bin sehr geräuschempfindlich. Ich kann nicht überall schreiben und nicht immer.
Du hast für Deinen Roman auch unmittelbar in Wien/Bratislava recherchiert.
Ich hatte ein Reisestipendium für Bratislava, das war ein Luxus für das Romanschreiben. In einer Wiener Tischlerei habe ich Einblick in die Arbeitsabläufe bekommen, die Gestaltung der Räume – vom Groben zum Feinen, von der Anlieferung bis zur Herstellung. Eine Nachbarin hat das eingefädelt. Ich wohne im 15. Bezirk Wiens und es gibt da eine unglaubliche große Zahl an Handwerksbetrieben.
Machst Du persönlich Abenteuerurlaube?
Nein, ich war einmal in Nepal, da war eine längere Tour geplant, es wurde aber jemand krank, damit kam es nicht dazu. Ich betreibe auch keine gefährlichen Sportarten. Reisen ist immer ein Abenteuer, aber gezielt unternehme ich keine Abenteuerreisen.
Was sind Deine weiteren Schreibpläne?
Nächstes Frühjahr erscheint ein Gedichtband. Die Arbeit am neuen Roman ist bereits im Gange. Es gibt große Motivation.
Vielen herzlichen Dank für das Interview und viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman „Auwald“!
Janna Volkmann _ Roman „Auwald“ _Verbrecher Verlag.
Liebe Jacqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Lieber Walter, mein Tagesablauf ist momentan etwas kaltgestellt, d.h. ich gehe es moderat an. Lese viel, und grabe meinen Garten um, der sich während Covid prächtig entwickelt hat. Ansonsten verbringe ich nach wie vor viel Zeit am Computer, das permanente Umbuchen von Projekten schafft Unmengen an organisatorischer Umwälzarbeit. Im Gegensatz zu der Zeit vor Covid richtet sich die Arbeit mehr nach Innen, was ich auch genieße. Dennoch fehlen mir die Proben, die Vorstellungen, die Auseinandersetzung mit dem Publikum.
Jacquline Kornmüller_Regisseurin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nun, das kann ich nur für mich selbst beantworten. Für mich ist es die Gelassenheit. Wobei mich manches derzeit daran hindert. Ich kann nicht gelassen bleiben, wenn ich sehe, dass Österreich keine Flüchtlinge aus Moria aufnimmt. Das verstört zutiefst. Ich kann nicht gelassen bleiben mit dem Wissen, dass dort Menschen, Familien, Kleinstkinder im Dreck herumsitzen und in diesem Zustand der Pandemie auf sich selbst angewiesen sind. Es sind wenn ich es richtig gelesen habe 13.000 Menschen. Vor ca einer Woche bin ich am Semmering spazieren gegangen, zugegeben einen Weg den ich nicht kannte, er ging von einem Hotel aus, das in Österreich weltberühmt ist, dem Hotel Pannhans. Nun wie ich auf der Suche nach dem Weg von einer vorbeigehenden Dame erfahren habe steht dieser Riesenschuppen leer, weil ein ukrainischer Inverstor dieses und einige andere Hotels der Gegend aufgekauft haben soll, und der lässt nun alles leer stehen. Ich bin mir sicher dass mindestens tausend Menschen dort vorübergehend untergebracht werden könnten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wittgenstein schreibt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ Momentan scheint es so als ob nichts der Fall ist. Vor kurzem war ich in St Petersburg, fing an mit einem Ensemble von russischen KünstlerInnen zu probieren, überraschend, elektrisierend. Dann ein Covid Fall im Team, Verschiebung der Produktion. Und dennoch heiße Schwüre, wilde Prophezeiungen und am Ende wird es doch der Fall sein, und auf diesen Tag freue ich mich ab jetzt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese zur Zeit viele Bücher von Amélie Nothomb, die ich erst vor kurzem für mich entdeckt habe, eine Eröffnung ist ihr Buch Biographie des Hungers.
Ein Zitat über das ich nachdenke:
Die Bewohner von Nie haben keine Hoffnung. Ihre Währung ist die verfliegende Zeit. Sie sind unfähig, etwas zur Seite zu legen, ihr Leben verrinnt in den Abgrund, der Tod heißt und ihre Hauptstadt ist.
Vielen Dank für das Interview liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Herbert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin relativ gut beschäftigt. In Vorbereitung für ein Theaterstück, welches wir hoffentlich im Herbst spielen können, gestern hatte ich einen Drehtag in München. Mal sehen wie es weitergeht.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Vernünftig und besonnen mit der schwierigen Zeit umgehen, Kontakte pflegen, die Zeit zum Lernen nutzen, für uns Schauspieler: Daten in den Schauspielerportalen pflegen. Und nicht vergessen: Die Zeit auch zum Nichtstun nutzen..
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich bin arbeitstechnisch ein hoffnungsloser Optimist und kann mich an ein Bildchen an der Wand in meinem Elternhaus erinnern: Immer wenn du glaubst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Das gilt ganz besonders für die Kunst inkl. Schauspiel die ja in allen Bereichen leidet. Ja, es ist unglaublich hart im Moment. In den Theatern muss wieder gespielt werden, dann eben mit viel weniger Besuchern. Und so wie der Staat der Wirtschaft unter die Arme greift, muss das auch bei den Theatern gemacht werden. Wenn weniger Besucher erlaubt sind, dann muss die Differenz zumindest zum Teil ausgeglichen werden um ein Überleben zu sichern. Stellen Sie sich vor: wenn Kultur rein wirtschaftlich gesehen wird, dann wäre der Großteil der Theater (und vieler anderer Kulturbereiche) zum Sterben verurteilt.
Was das Persönliche betrifft: Und selbst wenn es auch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist, der sich im Zuge von Corona Gedanken über Nachhaltigkeit und bewusst konsumieren macht, dann ist das schon was.
Wie gering der Anteil auch sein mag, alles ist besser als nichts.
Was liest Du derzeit?
The Spy and the Traitor. Die wahre Geschichte eines KGB Spions, der für die Briten spioniert hat. Äußerst spannend, interessant und lesenswert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da kann ich gerne nochmals meinen vorgenannten Kalenderblatt-Spruch ein weiteres Mal verwenden:
Immer wenn du glaubst es geht nicht mehr kommt von irgendwo ein Lichtlein her
Vielen Dank für das Interview lieber Herbert, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Da ist das Schluchzen von unten. Vom Wohnzimmer. Die Mutter auf dem Sofa. Die Kinder streicheln, sprechen. Aber da ist Angst, wenn die Kinder von der Schule nachhause kommen und allein mit ihr sind…
Immer wieder kommt die Mutter in das Krankenhaus. Geschlossene Abteilung. Neuroleptika, ungesüßter Früchtetee und Stromschläge. Die Kinder besuchen sie. Sehen, hören. Alles und mehr. Sie malen Monster in die Schulhefte.
„“Ah, „ein Drache“, sagte er (Anm.der Vater) und deutete auf die Bibel, die offen neben ihm lag. „Da kommt auch ein Drache vor“…
Das Bad ist im Keller. Stromausfall. Auch hier Dunkelheit. Und ein Teelicht. Das ist viel jetzt…
Dann die Tage bei der Großmutter. Mutter kommt zurück. An guten Tagen gibt es Lasagne…
So viel passiert jetzt im Kopf des Jungen, das Leben und die Tage fallen wie schwerer Regen vom Himmel, Jahr um Jahr…
Der österreichische Schriftsteller und Musiker Stephan Roiss legt mit „Triceratops“ einen Roman vor, der in direkter, intensiver wie virtuoser, Sprachgewalt das Drama einer und der Welt einzigartig in Wort wie Spannung setzt. Der facettenreiche Erzählrhythmus zieht in Erschütterung und Neugierde Leserin und Leser hinein in einen Kosmos einer Familie, der alles und jedes erschüttert und zerfetzt.
„Stephan Roiss schreibt virtuos und mitreißend über eine Welt aus den Angeln. Ein Romanereignis.“
Liebe Sabine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vormittags schreibe, denke, konzipiere ich. Nachmittags schwimme ich. Danach erledige ich die leichteren Arbeiten, wie E-Mails, Kooperationsprojekte und treffe mich mit Vertrauten.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zuversicht, Gesundheit, Zusammenhalt
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube nicht, dass wir schon so weit sind, an einen tatsächlichen Neubeginn zu denken. Ich lebe weiter im Ungewissen und verlasse mich nicht allzu sehr auf Geplantes. Ich versuche, mich im Ungewissen einzurichten, denn die bisherigen Strategien, bei mir z.B. ständiges Unterwegssein, funktionieren nicht mehr. Literatur ist für mich sowohl Kommunikationsmittel als auch ein Bereich, in den ich eintauchen kann und in dem meine eigenen Regeln gültig sind. Das kann entlastend oder auch belastend sein. Im allgemeinen wünsche ich mir, dass wieder mehr gelesen wird, Verlage und Buchhandel bestätigen das aber leider nicht.
Was liest Du derzeit?
Ich bereite eine Veranstaltungsserie zum Thema „Geschichte Schreiben“ vor und dazu lese ich die Werke zeitgenössischer Autor*innen, wie Mahlke, Cusanit, Schwarz, Wodin, etc. Und ich lese Klassisches, z.B. Die Argonauten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich stehe in Briefkontakt mit einer jungen iranischen Dichterin Maryam Al-Attah, die im Irak aus politischen Gründen in einer Art Isolation lebt. Sie überrascht mich immer wieder mit ihren Weisheiten:
„Vielleicht gab die Herrschaft des Virus über die Menschheit uns den Anlass zurück, das Leben zu lieben, oder es aus der Alltagsroutine zurückzugewinnen. Den Tag wieder mit Mut zu beginnen, um dem Unbekannten zu begegnen, etwas nicht Besonders zu tun.“
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich war die letzten Wochen und Monate mit der Fertigstellung meines zweiten Buches („In einer komplizierten Beziehung mit Österreich“, Erscheinungstermin: 14.9.2020) beschäftigt, habe währenddessen aber sehr stark gespürt, wie sehr mir Kulturveranstaltungen und das Wiener Nachtleben, in welches diese eingebettet sind, abgehen – auch als Teil meines kreativen Prozesses. Für mein Schreiben, das weiß ich jetzt, brauche ich nicht nur die Ruhe, da brauche ich vor allem auch den Lärm.
Es war eine entsprechend große Erleichterung, als Ende Juni die von Raoul Eisele und mir organisierte Lesereihe „Mondmeer und Marguérite“ fortgesetzt werden konnte. Und in der ersten Juliwoche habe ich gemeinsam mit Verena Stauffer die Open-Air-Lesung „This ain’t no picnic“ mit neun Autor*innen für einen guten Zweck organisiert. (Weil Literatur eben nicht nur zwischen zwei Buchseiten oder im digitalen Raum existiert, weil Texte auch eine Stimme, ein Publikum und vor allem den unmittelbaren Austausch brauchen.)
Ich verbringe meine Tage damit, viel zu lesen und sammle Ideen für die nächsten Projekte (bis ich die passende Sprache für den nächsten Text, das nächste Buch gefunden habe).
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
„mein himmel ist nicht voller geigen / sondern voll solidarität“ habe ich bei Elfriede Gerstl gefunden. Ich denke, das brauchen wir jetzt: Solidarität, die über sich selbst als Schlagwort und Hashtag hinausgeht, mit anderen Worten: tatsächlichen Zusammenhalt. (Und viel Geduld auch, vor allem mit uns selbst und mit den Menschen, die uns nahe sind – wir dürfen nicht vergessen, dass wir gerade ein kollektives Trauma aufarbeiten müssen und das Wegfallen von gewohnten Abläufen.)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Covid-19 hat die Bruchstellen unserer Gesellschaft aufgezeigt. Wie wichtig Schule zum Beispiel ist, um eine gewisse Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. Oder wie heraufordernd das wochenlange „home schooling“ für Alleinerziehende war. Die Profiteure (ich gendere hier absichtlich nicht) dieser Krise sind die großen Konzerne und Politiker (auch hier verwende ich bewusst die männliche Form), die auf Kontrolle durch Angst und Falschinformation setzen. Während auf der anderen Seite kleinere Unternehmen vor einer ungewissen Zukunft stehen und viele Menschen in „systemrelevanten“ Berufen Applaus, nicht aber kürzere Arbeitszeiten oder fairen Lohn bekommen.
Versucht man in Österreich die 35-Stunden-Woche (für Pflegekräfte zum Beispiel) zu diskutieren, rennt man gegen eine Wand, dann werden sofort Totschlagargumente ausgepackt, dann heißt es: „Jobvernichtungsmaschine“ (klingt ein wenig nach Thomas Bernhard, ist aber ein Zitat von Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer).
Kunst und Literatur haben (unter anderem) die Aufgabe diese Bruchstellen zu beleuchten, und genau hinzuschauen, wohin wir uns gesellschaftlich und politisch bewegen. Wir müssen laut werden, wenn feministische Themen wieder vermehrt in den Hintergrund gerückt werden, wenn die Demokratie von Seiten der Politik gezielt untergraben wird, wir müssen und dürfen (vielleicht zum Teil utopische) Gegenentwürfe anbieten, die dabei helfen, Fehlentwicklungen zu entlarven.
Was liest Du derzeit?
Lyrik von Verena Stauffer („Ousia“), Essays von Dubravka Ugrešić („Lesen verboten“), Prosa von Barbara Rieger („Friss oder stirb“) und Science-Fiction von Jeff VanderMeer („Dead Astronauts“). Außerdem lese ich mich gerade durch das Gesamtwerk von Elfriede Gerstl!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„I am ready to be every animal you leave behind“ ist ein Satz aus Ocean Vuongs Lyrik-Band „Night Sky with Exit Wounds“, der auch seinen Weg hinein in mein Buch gefunden hat.
Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Leonie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wie im normalen Schauspielerinnen-Alltag ist auch zurzeit kein Tag wie der andere. Ich lerne Spanisch (online), halte mich mit Home-Workouts fit, probiere neue Rezepte aus, plane neue Produktionen und schreibe mein erstes Theaterstück.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zuversicht. Es wird dauern bis wir gelernt haben mit dem Virus und dessen Folgen umzugehen. Doch es ist wichtig den Mut nicht zu verlieren und weiterhin seine Ziele zu verfolgen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Für mich persönlich bedeutet es mir selbst klar zu werden wie es beruflich für mich weitergehen soll. Ich sehe diesen Aufbruch als einen Neuanfang.
Kunst ist sehr wohl systemrelevant. Die Kultureinrichtungen müssen daran arbeiten, den Status von Kunst und Kultur in der Gesellschaft zu verbessern. Es ist auch wichtig, dass die Rahmenbedingungen für Kunstschaffende verbessert werden. Denn eins ist klar: fehlt die Kultur eines Tages, wird man sie sehr vermissen.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich „Alte, Weiße Männer“ von Sophie Passmann.
In dem Buch geht die Autorin in mehreren Texten dem Klischeebild vom mächtigen, alten weißen Mann auf den Grund.
Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?
„Ich wollte besser, schneller, höher fliegen als alle anderen. Ich war die erste Frau die den Atlantik im Alleinflug überquerte. Das reichte mir aber nicht. Also flog ich Strecken, die niemand zuvor geflogen ist, oder versuchte meine Vorgänger in der Zeit zu überbieten. Aber auch das war mir nicht genug. Ich wusste, dass es eine Sache gibt, die ich noch versuchen musste. Diese eine Sache von der ich wusste, dass ich keine Ruhe finden würde wenn ich es nicht täte. Ich muss es tun. Ich kann es tun. Ich werde es tun. Ich werde die Welt umrunden.“
– Amelia Earhart (aus dem Stück „Frauenzimmer“, eine Produktion des ALICE Ensemble)
Mich fasziniert diese Motivation, dieses unendliche Streben nach mehr. Es inspiriert mich, das Bestmögliche aus mir herauszuholen.
(Alice Ensemble „Frauenzimmer“)
Vielen Dank für das Interview liebe Leonie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!