„Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht“ Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin_ Leipzig_28.9.2020

Liebe Jayne-Ann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht anders als zuvor, abgesehen davon, dass ich vor der Pandemie öfters in die Stadt gefahren bin und Leute getroffen habe, was jetzt leider seltener passiert. Meistens bin ich vor sechs Uhr morgens schon auf, drehe per Rad eine Runde (ein Vorteil der Stadtrand-Lage), schreibe Tagebuch, arbeite an Texten, lektoriere, am Vormittag. Der Nachmittag gehört eher der Vereinstätigkeit (als Vorstandsvorsitzende in einem Landeskulturverband), da ist etliches zu regeln, von Stellenbesetzungen bis hin zur Neu-Planung von Veranstaltungen, von denen die meisten im ersten Halbjahr ja ausgefallen sind. Abends komme ich zum Lesen, Radio hören …

Jayne-Ann Igel

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gegenseitige Rücksichtnahme, solidarisches Verhalten, Hilfe anbieten, wo man die Notwendigkeit sieht – das gilt für mich im privaten wie öffentlichen Raum. Und daran sollten sich auch die Akteurinnen und Akteure in der Politik orientieren, im Sinne des Gemeinwohls, nicht am Gewinnstreben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wäre glücklich, könnte es diesen Neubeginn geben, statt des „Weiter so“, das sich ja schon wieder abzeichnet. Wir haben in den letzten Monaten immer wieder wahrnehmen können, wie wichtig beispielsweise eine funktionierende Öffentliche Daseinsvorsorge ist, und wie sehr sie unter der neoliberalen Ausrichtung der gesellschaftlichen Belange schon gelitten hat. Wie viele Menschen unterm Gebot von Selbstoptimierung und Selbstausbeutung leiden, der marktförmigen Verfasstheit, die in alle Lebensbereiche Einzug gehalten hat.

Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht, doch in der künstlerischen Weltsicht, Wirklichkeitsaneignung und Perspektive ist ein Hauch davon noch zu spüren. Hier kommt „Undenkbares“ ins Spiel, hat eine Entgrenzung statt, ist der Mut zum Wagnis noch vorhanden.

 

Was liest Du derzeit?

Es sind mehrere Bände, die ich parallel lese: Uwe Preuss „Katzensprung“, Ro

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Apropos Neubeginn, ich denke in diesem Zusammenhang an ein paar Zeilen von Marion Poschmann:  „Die politische Idee des Industriegebiets, dessen Bodenbelag von weitem wie Teppich wirkt, wäre ganz Innenraum: Bar jeden Wetters, bar jeder Obdachlosigkeit: Wo es in allen Lagerhallen ebenso aussieht wie außerhalb. Dazu kommen Automobile, auf Teppichen ausgestellt, hoher Komfort für Geräte, die lediglich über geliehene Intelligenz verfügen. Gerät, dessen Bilder verbreitet werden wie Herrscherporträts.“ (aus: Niedere Arbeiten, divenhaft ausgeführt. In: All dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. Hrsg. Anja Bayer u. Daniela Seel, kookbooks, 2016).

Vielen Dank für das Interview liebe Jayne-Ann, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin

https://umtriebe.wordpress.com/

Foto_privat.

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s