„Mit Literatur und Kunst können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen“ Katharina Adler. Schriftstellerin _ München 1.10.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Arbeiten, schreiben ist für mich zentral. Darum herum die Alltagsdinge und Familie, Freunde, Sport, Spaziergänge, Bücher, Filme, Ausstellungen. Das alles miteinander in Einklang zu bringen, gelingt oft und manchmal nicht. Auch das war schon vor dem Virus so. Und trotzdem hat sich Corona über vieles gelegt. Eine gewisse Leichtigkeit Menschen zu treffen oder an vielbesuchte Orte zu gehen ist fort. Sorge ist dafür da, wie es mit Lesungen, Theater, Konzerten, dem Nachtleben weiter gehen soll. Im Sommer half die warme Luft, die lauen Abende draußen. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir im Herbst und Winter die Euphorie stickiger Räume fehlen wird. Das ist mir erst so wirklich klar geworden: an ungelüfteten Orten habe ich schon so viel Großartiges erleben dürfen.

Katharina Adler _ Christoph Adler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bemerke in letzter Zeit immer wieder den Wunsch bei mir, dass alles schnell vorbei gehen soll und wir zurück zu dem können, wie es vor dem Virus war. Doch dann zügele ich mich. Zurück. Das kann es doch auch nicht sein.
Die „Krise als Chance“ ist eine Floskel, auf die ich bisher in allen Krisen meines Lebens eindreschen wollte. Mittendrin sah ich da nie eine Chance, fand es einfach nur fürchterlich. Wenn es dann aber ausgestanden war, musste ich mir eingestehen, ich war an einem anderen Punkt als zuvor. Meist an einem besseren.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass ich Krisen willkommen heiße. Dieses Virus fordert zu viele Tote, zu viele Kranke, zu viele Einbußen – emotional, finanziell, kulturell, besonders die Bildung betreffend usw. – um das alles als Chance verbrämen zu können. Aber wenn die Krise schon einmal da ist, dann ist das wenigstens ein Schimmer am dunklen Horizont. Deshalb glaube ich, gerade ist es wichtig, Geduld zu haben und sich die Zeit zu nehmen Fragen zu stellen. Welches Potential birgt die Situation, trotz allem? Was könnte danach besser sein als zuvor?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe erst einmal, dass wir es als Aufbruch und Neubeginn begreifen und nicht als Einbruch und Stagnation. Wenn das gelingt, wäre das ja schon enorm. Für Aufbrüche waren die Literatur und Kunst schon oft seismographische Instrumente. Mit diesen Instrumenten können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen. Da ist erst mal alles möglich, jenseits der alltäglichen Realität. Aber im besten Fall ist die Realität dann von der Imagination beeinflusst. Darin liegt viel Potential.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade einen Roman fertiggelesen, der schon lange auf meiner Liste stand: „Ghana must Go“ von Taiye Selasi. Prosa, die umhaut und virtuos afrikanisches Erzählen zwischen Nigeria und Ghana mit dem Genre des amerikanischen Familienromans verknüpft.

Ansonsten arbeite ich mich gerade durch Bücher zum Thema „Solidarität“. Teils aus Interesse, aber auch als Überblicksrecherche für meinen neuen Roman.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe, ehrlich gesagt, keine große Vorliebe für Zitate, auch wenn es zweifellos ganz großartige gibt. Und doch habe ich oft das Gefühl, es sind Aphorismen, die Einsicht und Inspiration simulieren, wo es sich doch einfach nur um ein paar aus dem Zusammenhang gerupfte Sätze handelt. Es herrscht eine Tendenz gerne Dinge auf einen Nenner bringen oder in ein paar Sätzen zusammenfassen zu wollen (auch bei mir). Aber ich glaube, es ist letztlich ein größerer Gewinn, sich in komplexere Zusammenhänge hineinzudenken. Ausführlichkeit. Das wäre mein Impuls. Aber über alle, die so ein richtig griffiges Zitat aus dem Ärmel schütteln, das einem den Atem nimmt und dann vielleicht kurz neu denken lässt, freu ich mich schon auch.

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Katharina Adler, Schriftstellerin

Foto_Christoph Adler

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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