„Big Sur – Geschichte einer unbezähmbaren Küste“ Jens Rosteck. mareverlag.

Big Sur. USA. Kalifornien. Ein Küstenstreifen. Rund 80 Meilen. Ein Sehnsuchtsland zu jeder Sehnsuchtszeit – „Kein Ort – eher eine Gemütsverfassung. So etwas wie ein Codewort für eine ungebrochene, stets erneuerbare Faszination…“.

Eine „Wildnis“, die Ruhe, Einsamkeit und so viel Raum bietet. Für Neubeginn und Begegnung. Wort und Aufbruch. Leben und Vision. Literatur, Musik und Kunst. Es sind Namen wie Henry Miller, Jack Kerouac oder Joan Baez, die für ein Lebensgefühl von Freiheit und Erfahrung der 1960er Jahre stehen und Big Sur wurde für sie zum Anker von Idee und Experiment. Ein Traum von Mensch und Welt gewinnt hier Gestalt und Form. Inspiration und Impuls finden sich hier und lassen neue Wege gehen wie zurückkehren, um wieder Halt und Kraft zu finden – „Die Einsamkeit war genau das Richtige für mich…(Henry Miller)“

Jens Rosteck, promovierter Musik- und Kulturwissenschaftler, Autor mehrerer Städteporträts wie hervorragender Biografien, legt mit „Big Sur“ eine wunderbare Verbindung dieser Schwerpunktinteressen wie -themen vor. Die Liebe und Leidenschaft wie die Kenntnis und Reflexion zu Ort und Mensch, Mensch und Ort, finden im vorliegenden Buch einen persönlichen wie kulturhistorischen Ausdruck, der von der ersten Seite an zu packen und begeistern weiß. Der Aufbau des Buches selbst folgt den Wegen von Landschaft und Mensch und lässt beide zu Wort kommen und so eine rhythmische wie spannende Annäherung an ein Phänomen wie einen Traum von Welt zu, der zu aller Zeit seine Wichtigkeit wie Notwendigkeit hat.

„Ein Buch als spannende kulturgeschichtliche Zeitreise wie als stille, kraftvolle Vision von Mensch und Welt“

Walter Pobaschnig 11_20

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„Erzählungen – solche, die sich einige Tage lang wie ein Filter über die Welt legen, und so dabei helfen, die Dinge neu zu sortieren. Immer und immer wieder“ Seraina Kobler, Schriftstellerin _ Zürich_2.11.2020

Liebe Seraina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Um mich aufzuwecken genügt ein Flüstern. Milope, fordert meine jüngste Tochter mit schlafschweren Augen. So leise, dass man es zuerst kaum hört. Doch ich weiß: Die Forderung schwillt an, kommt man ihr nicht nach. Wenn sie dann an ihrer Flasche mit Hafermilch saugt, strecken wir unter der warmen Decke die Beine aneinander. Ich habe wieder damit begonnen, morgens die Nachrichten zu lesen. Eigentlich hätte ich das gerne anders. Aber ich habe das Gefühl, wachsam sein zu müssen. Nach dem Frühstück bringt mein Mann die beiden jüngeren Töchter in die Kita und den Kindergarten. Die großen Jungs sind meist schon früher weg. Der Stundenplan ist gnadenlos.

Wenn ich Büro machen muss, bleibe ich noch eine Weile Zuhause. Das hat den Vorteil – oder je nach dem auch den Nachteil -,  dass ich «nebenbei» Haushalt machen kann. Ordnung und feste Abläufe beruhigen mich. Das hängt damit zusammen, dass ich schwer konzentrieren kann, wenn nicht alles an seinem Platz ist. Deshalb gehe ich zum Schreiben in mein Atelier im Zürcher Niederdorf. Es liegt in einem Hinterhof. Es gibt Zeichnungen aus dem Mittelalter, da ist das alte Wäschehäuschen schon drauf. Beschattet wird es von der schwarzen Esche, die auch im «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller eine Rolle spielt.

Mittags gehe ich entweder Sport machen oder (im Sommer, Anm.) eine Runde im See schwimmen. Seit Corona habe ich viel weniger Sitzungen. Dafür schreibe ich mehr. Nicht nur Literatur. Auch Auftragsarbeiten. Besonders freue ich mich, wenn ich einen Text lektorieren darf, wie kürzlich den Roman einer jungen Autorin. Gegen halb sechs gondle ich mit meinem holländischen Lastenrad den Berg hinauf. Die Kinder abholen. Dann folgt in unterschiedlicher Reihenfolge: Essen kochen. Wäsche abhängen. Hausaufgaben kontrollieren. Wasserkefir abgießen. Sauerteig mischen. Küche aufräumen. Oft hole ich den Laptop nochmals, wenn die Kinder schlafen. Gerade die fiktionalen Texte schreibe ich gerne im Halbdunkel. Nachts, wenn alle schlafen. Wenn es gut läuft, vergesse ich dabei die Zeit. Kurz vor dem Einschlafen kommen mir dann oft noch Dinge in den Sinn, die ich am nächsten Tag tun muss. Erst wenn ich mir selbst eine Mail mit einer Liste und dem Betreff Morgen geschickt habe, schlafe ich ein.

seraina Kobler _ Foto _ Annick Ramp

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie. Nerven. Ausdauer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wünsche mir, dass die Literatur das schafft, worin die schnelllebige Medienlandschaft oft versagt: Zusammenhänge erschließen. Nicht mit Fakten, wie das die Wissenschaft tut, sondern mit Erzählungen. Solchen, die wachrütteln. Uns zum Lachen bringen. Und zum Weinen. Die sich einige Tage lang wie ein Filter über die Welt legen, und so dabei helfen, die Dinge neu zu sortieren. Immer und immer wieder.

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein Büchermessie. Meine Lesestapel sind in der ganzen Wohnung verteilt. Umgehauen hat mich «1000 Serpentinen Angst» von Olivia Wenzel. Ein beeindruckendes Debüt hat Victor Jestin mit «Hitze» vorgelegt. Ich freue mich auf den Roman «Erdbebenwetter» von Zaia Alexander und natürlich auf die «Hyäne» von Benjamin Von Wyl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«Alles ist Wechselwirkung» Alexander von Humboldt, Forschungsreisender

Es ist das Zitat, dass ich auch für den Roman ausgewählt habe. Humboldt war einer der Ersten, der den Klimawandel beschrieben hat. Oder besser gesagt: Die Voraussetzungen dafür. Nichts auf dieser Welt kann isoliert betrachtet werden. Wir sind alle Teile von fragilen Systemen. Das möchte ich gerne in meiner Prosa zeigen: Wie groß die Tragweite unseres Tuns ist.

Vielen Dank für das Interview liebe Seraina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Seraina Kobler, Schriftstellerin

Seraina Kobler ist Journalistin und Schriftstellerin. Im September erscheint  ihr Roman-Debüt «Regenschatten» im Kommode Verlag. Sie hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Rezension:

„Regenschatten“ Seraina Kobler. Roman. Kommode Verlag

Buchtrailer «Regenschatten»

Foto_Annick Ramp

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Sehnsucht Kunst zu machen – sich wieder zu verbinden mit dem Archaischen, mit dem Urmenschlichen, mit der Sehnsucht zu leben“ Amèlie Tambour _ Berlin 1.11.2020.

Liebe Amelie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich und mein Mann bringen unsere Kinder zur Schule bzw. in den Kindergarten, im Anschluss fahre ich in mein Studio, unterrichte dort SchauspielerInnen bis 15 Uhr, wir holen die Kinder wieder ab, gehen einkaufen, machen Abendessen, bringen die Kinder ins Bett, setzten uns an den Bürokram, fallen ins Bett. Am nächsten Tag dasselbe. Seit der Coronazeit habe ich so viel Arbeit wie noch nie. Viele Schauspieler, die normalerweise drehen würden, kommen jetzt zu mir in den Unterricht.

Amelie Tambour

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich interpretiere diese Krise als Zurückschlagen der Welt/des Universums gegen die Menschheit, ein Racheakt gegen all die Verbrechen, die wir der Erde antun und insgeheim wünsche ich mir manchmal, dass das Virus nicht aufgeben wird, bis die Menschheit es geschafft hat unser System über den Haufen zu werfen, um Platz zu schaffen für ein menschenfreundliches, lebensbejahendes, umweltfreundliches System. Vielleicht sollten wir alle mehr an Veränderung glauben und diesen Schrei der Welt als ernsthaftes Warnsignal wahrnehmen und nicht darauf warten, bis endlich wieder alles so wird wie früher.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich habe in den letzten Jahren den Zugang zum Theater verloren. Der Eindruck, das Theater beschäftige sich mit vielem, aber nicht mit dem Menschlichen, ermüdet mich. Es ist müßig zu versuchen, die Aufgabe der Kunst und des Theaters zu definieren, aber wenn ich eines darüber sagen müsste, dann ist es, dass Kunst aus dem Bauch kommt und nicht aus dem Kopf. Ich denke, dass die Menschheit sich über die Zeit vergiftet hat, weil wir alle mit dem Kopf durchs Leben gehen und unser Bauchgefühl, das Gefühl für uns selbst, das Gefühl für das was wir brauchen und lieben, verloren haben. Die Rolle der Kunst, des Theaters, die Sehnsucht Kunst zu machen und zu rezipieren, rührt doch aus der Not, aufgeweckt zu werden, sich wieder zu verbinden mit dem Archaischen, mit dem Urmenschlichen, mit der Sehnsucht zu leben. Ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern, dass das Theater sich so weit davon entfernt hat und angefangen selber etwas zu schaffen, was dieser Sehnsucht nach Leben folge leistet.

 

Was liest Du derzeit?

Die Schachnovelle, Stefan Zweig

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Manchmal muss man sein Herz am Anfang über die Hürde werfen.“ Willy Brandt

Vielen Dank für das Interview liebe Amèlie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Amèlie Tambour, Schauspielerin

Studio Tambour

Foto_privat.

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn Kunst und Kultur heruntergefahren oder ins Internet verlegt werden, berauben wir uns einer Kraftquelle, die wir gerade jetzt dringend brauchen“ Christian Hölbling, Kabarettist_ Schiefling/Wörthersee _ 31.10.2020

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diverse Papa-Dienste für meine jüngere Tochter, mich um mein neu angeschafftes Elektroauto kümmern, eventuelle Rückreise der älteren Tochter aus dem Lock-Down-Paris planen, dazwischen Veranstaltungen absagen, mich auf die neue Staffel „Vurschrift is Vurschrift“ auf puls4 vorbereiten, Laub rechen, Staubsaugen.

Christian Hölbling _ Kabarettist, Sänger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht in Panik geraten, Ruhe bewahren, Immunsystem stärken, sich bewegen in der Natur, in Kontakt bleiben, kommunizieren. Wir erleben gerade eine Wendezeit, wo alles, was nicht stimmig ist, in Frage gestellt wird. Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Wer glaubt, dass „nach Corona“ alles weitergeht wie bisher, hat nichts verstanden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?

Kunst und Kultur sind nicht nur ein großer Wirtschaftsfaktor, sie sind ein Grundnahrungsmittel für die Seele. Wenn dieser Bereich heruntergefahren oder ins Internet verlegt wird, berauben wir uns einer Kraftquelle, die wir gerade jetzt dringend brauchen. Auf den Großteil des Krempels, der unsere Konsumgesellschaft am Laufen hält, können wir verzichten, aber Kunst und Kultur sind unverzichtbar, machen uns als Menschen aus.

Was liest Du derzeit?

Jonathan Safran Foer: „Fleisch essen“. Kann sein, dass ich nach der Lektüre Vegetarier werde. Foer erzählt nichts wirklich Neues, aber dieser gebündelte Wahnsinn, den wir Menschen betreiben, kann sich nur ändern, wenn man selbst aktiv wird.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn nichts mehr wichtig ist, gibt es nichts zu retten.“

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Hölbling, Kabarettist und Sänger

Foto_Arnold Pöschl

30.10.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Fallen“ Paul Auer. Roman. Septime Verlag.

Da ist das Aufwachen. Das Gewitter im Kopf. Die Gedanken über Tag, Leben und Auswege. Blitze im Kopf zwischen Kloster und Kugel. Religion und Rasierklinge – „Zittern, beben und heulen…“.

Dann das Alltägliche. Anziehen, Küche, sehen nach den Mitbewohnern. Da ist das Buch – „Eumeswil“. Das Geburtstagsgeschenk.Worte und Verschwinden. Neue Welten. Wiederkehr oder Auferstehung – „Derlei Aufopferung ging an die Substanz, emotional, intellektuell, körperlich…Den Tod wünschte er sich zurück…jedenfalls keine Kompromisse mehr…“.

Das Leben draußen vor der Tür. Außerhalb des Kopfes und der Gedankenflüge. Judit, die neue Nachbarin. Ihre Wege und Träume…

Und die Wolken. Die Sonne, die Wasser, die Früchte und die Flügel. Die Farben – „Da war Lachen und Freude und Spiel…schwiegen wir, so träumten wir, und sprachen wir, so träumten wir…“.

Aber die Farben ändern sich. Schnell und unerbittlich. Bild und Rahmen. Es verschwimmt und zerbricht…alles wird jetzt anders für Christian, Stefan, Tommy…

Der österreichische Autor Paul Auer, der bereits mit seinem Debütroman „Kärntner Ecke Ring“ (2017) begeisterte,legt mit „Fallen“ eine fulminante Reise zu innerster Lebenswahrnehmung und -erfahrung vor, die in Erzählspannung wie ihrem weiten Spektrum von pointierten Denkräumen begeistert. Es geht um den Menschen und seine Lebenskraft von morgens bis abends. Dabei begegnet so viel im Innen und Außen an Sinn und Traum. Und die Grenzen verschwimmen dabei. Wenn es um den Menschen der Gegenwart geht, darf es keine Tabus geben. Dazu braucht es Sprachexperimente und Paul Auer setzt dieses fulminant. Der Autor öffnet im literarischen Kunstgriff Fundamente abendländischen Denkens in den Bewährungsproben und existentiellen Dramen des Alltagslebens von Anforderung und Bedürfnis.

„Ein Roman, der Sinn und (Alb)Traum unvergleichlich in Sprache zu verzaubern weiß.“

Walter Pobaschnig 11_20

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„Die Konsumspirale dreht sich für viele langsamer, manche sind auch rausgeschleudert worden“ PJ Sturm, Schriftstellerin _ Wien 30.10.2020

Liebe Petra Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich gehöre zu jenen, die die letzten Monate als entschleunigend empfunden haben. Nicht gerade im Sommer, da arbeitete ich vertretungsweise in der Redaktion einer Zeitung und saß mitunter bis Mitternacht vorm Computer, aber von März bis Juni war es so. Und jetzt wird es wieder so sein, so die Mutmaßung. Abseits der Sorge um andere, die der Risikogruppe angehören oder weniger privilegiert sind, hat mir persönlich der „Stillstand“ tatsächlich Ruhe und Stille gebracht. Ich hab weniger gemacht, das dafür gründlicher.

Man muss dazusagen, dass Homeofffice für mich ein Normalzustand ist. Ich arbeite seit vielen Jahren selbstständig als freie Journalistin und Texterin. Und als Radhistorikerin und Autorin ist mir auch alles willkommen, was Ablenkung vom Schreibprozess von Außen dezimiert. Auch das Prekäre ist mir bekannt – Aufträge können jederzeit wegfallen, fixe Monatsgehälter sind die Ausnahme. Urlaube verbringe ich ohnehin zumeist abseits der touristischen Zentren, in einsamen Bergdörfer etwa, oder ich bin mit Rad oder Trekkingrucksack unterwegs.

Was jetzt nicht heißt, dass ich sofort ins ungehinderte und unlimitierte Schreiben gekommen wäre. Die ersten Wochen hat mich die Krise sehr beschäftigt (auch die mediale Berichterstattung) und ich musste mich schon auch erst in ihr einrichten.

Aber dann ging es, und ich hab – ganz Corona-Klischee – an meinem ersten Roman gearbeitet. Und ich habe auch künstlerische Projekte verwirklicht, die ich vielleicht sonst nicht gemacht hätte. Gemeinsam mit anderen kurze Filme machen etwa, sich eine Flötenrevue ausdenken, die im Kongressbad umgesetzt wurde, oder mit einer Performerin gemeinsam Radreigen-Workshops geben auf leeren Plätzen in der Stadt: Menschen tanzen per Rad miteinander, fahren Loops und bilden Formationen, ihre Räder mit Boxen bestückt.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, wirklich viele Menschen haben die letzte Monate gespürt, wie durchdrungen unser aller Leben von Konsum und der steten Anhäufung von Dingen ist. Die Konsumspirale dreht sich für viele langsamer, manche sind auch rausgeschleudert worden. Man muss den Schutz der Umwelt und einen Umbau der Produktionsweisen jetzt unbedingt zusammen denken. Beuys hat sich 1973  in Filz gewickelt und drei Tage mit einem Coyoten in ein Hotelzimmer eingesperrt. Müssen wir als Gesellschaft tatsächlich in einen mehrmonatigen Lockdown, um zu begreifen, dass wir nachhaltigere Produktionsweisen brauchen? In dieser Umgestaltung stecken Gemeinsinn, Empathie, Gleichheit und Zusammenhalt, alles was eine Gesellschaft und letztendlich jeder einzelne von uns doch am dringendsten bräuchte, nicht nur in der Krise, möchte man meinen. Wenn es jetzt nicht um das Wesentliche geht, wann dann?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke Kunst kann Veränderungen anregen, ihnen Ausdruck verleihen oder sie begleiten, im besten Fall gibt sie ihnen eine Seele. Ich glaube bei Literatur schreibt sich das Gesellschaftspolitische zunehmend in die Figuren ein. Gut so! Literatur kann die Widersprüche aufzeigen, die Einstellungen und Menschen anhaften, kann Komplexität versuchen. Literatur muss nicht den Weg der Populisten gehen und vermeintlich eindeutige Wahrheiten und Überzeugungen verkaufen. Besser Ambivalenzen aushalten lernen, weniger werden sie die nächsten Monate sicher nicht.

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Was liest Du derzeit?

Ich mische gerne Literatur, Theorie, aktuelles und historisches

momentan lese ich u.a.:

„Zur Kritik der Weiblichkeit“ von Rosa Mayreder

Schön, ganz in ein Textwerk hineinzugehen, von dem ich vorher nur  Ausschnitte kannte.

„Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber, in knapper Form wird Wesentliches erfasst, Brüchen in der Biografie Platz gegeben und eine „Heldin“ mit allen Widersprüchen, die in vielen ihrer Handlungen und Entscheidungen liegen, porträtiert.

„Vom Land“ von Dominik Barta, in immer mehr Romanen bekommen Lebensumstände und soziale Milieus, die lange nicht als literarisch genug galten, eine Stimme, das finde ich super.

„Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge“ von Jane Bennett

Macht klar, warum es Sinn macht uns selbst und unsere nichtmenschliche Umwelt fundamental auf andere Weise zu begreifen.

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hmm, vielleicht gleicht etwas aus dem letztgenannten Buch, daran denke ich vor jedem Gang zum Mistkübel:

„Wozu sich für die Vitalität der Materie aussprechen? Weil ich vermute, dass das Bild einer toten oder durch und durch instrumentalisierten Materie die menschliche Hybris und unsere die Erde zerstörenden Eroberungs- und Konsumfantasien nährt“ (Jane Bennett)

Das klingt auf den ersten Blick nach Katastrophenalarm, ist aber total logisch, oder?

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Vielen Dank für das Interview liebe Petra Johanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

PJ Sturm, Schriftstellerin

Fotos_1,2,3 PJ Sturm; 4 _  Atelier Falsoni/Jens Lindworsky,

23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Solidarität. Und: Ins Schweigen hineinschreien“ Petra Kislinger, Schriftstellerin _Wien_29.10.2020

Liebe Petra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein epischer Tagesablauf gerät zu einem wahren Durcheinander.

Petra Kislinger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität. Und: Ins Schweigen hineinzuschreien.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst als Spiegel der Gesellschaft muss ständig in Bewegung bleiben und immer auch provozieren.

 

Was liest Du derzeit?

Judith Butler: Vom Unbehagen der Geschlechter.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer den Raum der Kunst benutzen kann, wird so leicht kein Terrorist.“ C. Schlingensief.

Vielen Dank für das Interview liebe Petra, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Petra Kislinger, Schriftstellerin

Foto_privat

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„John Lennon – Genie und Rebell“ Lesley-Ann Jones. Piper Verlag.

1980. New York. Es ist eine vorbereite Rückkehr des Superstars der 1960/70er Jahre in die Musikwelt eines neuen Jahrzehnts. Die Jahre davor hatte John Lennon seiner Familie gewidmet und war mit neuen Musikproduktionen nicht an die Öffentlichkeit getreten. Der so talentierte, engagierte und schillernde Musiker, der zunächst mit den Beatles in den 1960er Jahren (Trennung 1970) neue Maßstäbe in moderner Musik setzte und danach mit seiner Solokarriere und den Friedensprojekten weltweit Impulse setzte, zog sich Mitte der 1970er Jahre familiär zurück.

Gemeinsam mit seiner Frau, der japanischen Künstlerin Yoko Ono, plant er nun einen neues Musikalbum und die Arbeiten dazu sind im vollen Gange. Oft geht es spätnachts nachhause zum Hotel Dakota Building. So auch an dem Abend des 8.Dezember. Lennon und Yoko Ono kehren gegen 23.00h vom Studio zurück. Lennon lässt den Fahrer vor dem Hotel halten und geht mit Yoko Ono zu Fuß in das Gebäude. Als sie den Torbogen passieren fallen Schüsse. John Lennon bricht getroffen zusammen. Lennon wird ins Roosvelt General Hospital eingeliefert und stirbt noch vor Mitternacht.

Eine Flamme und Feuer in Genialität, Geist und Engagement verlischt mit vierzig Jahren. Ein Leben, so voll von Träumen, Erfolgen und Inspirationen. Ein Leben, dem zu folgen anlässlich des 40.Todestages eine so lohnende Aufgabe ist…

Die renommierte Journalistin und Autorin Lesley-Ann Jones geht nun in Ihrer Biografie des britischen Musiksuperstars John Lennon (1940 – 1980) den Anfängen, Aufstieg und den Höhepunkten wie privaten Lebensphasen des genialen Musikers nach und lässt diese Stationen in mitreißendem Wort wie beeindruckenden Fotos folgen.

„Ein beeindruckendes Musikerleben und eine mitreißende Biografie, die auch für die Gegenwart Inspiration und Impuls sind“

Walter Pobaschnig 10_20

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„Literatur ist kritisch, frei, darf sich nichts und niemandem anbiedern“ Erwin Uhrmann, Schriftsteller _ Wien 28.10.2020

Lieber Erwin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 7 Uhr auf und arbeite mich durch den Tag. Im Unterschied zu früher bin ich an den Abenden mehr zu Hause, weil es derzeit kaum Veranstaltungen gibt. Im Februar habe ich an einem neuen Roman zu schreiben begonnen. Während des Lockdowns ist es mir schwerer gefallen, daran zu arbeiten. Es gab jedoch genug andere Dinge zu tun, wie etwa mit den Autor*innen der Lyrikreihe, die ich im Limbus Verlag herausgebe, an einer Videoserie mit Wohnzimmerlesungen zu arbeiten. Nachdem alle zu Hause waren, ließ es sich gut koordinieren. Schließlich habe ich bis zum Sommer einige kürzere Texte geschrieben, wie etwa einen Essay für das Buch „Die Windhose vom 13. Oktober 1870“ von Gregor Mendel, für das meine Frau Johanna Uhrmann die Illustrationen gemacht hat. Während des Lockdowns haben wir beide an diesem Projekt gearbeitet, was schön war. Den Mendel-Text haben wir letzten Sommer im Mendel Museum in Brünn entdeckt. Das Buch erscheint jetzt im Herbst im Limbus Verlag.

Anfang Juli bin ich wieder gut in den Schreibprozess und in die Welt meines Romanprojekts hineingekommen.

Erwin Uhrmann - Foto - Julian Tapprich

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Trotz der momentan getrübten Sicht auf die Welt ist es notwendig das große Ganze zu sehen, in der Vogelperspektive zu bleiben. Es gibt einen rapiden Klimawandel, humanitäre Katastrophen, ein globales Ungleichgewicht. All das passiert gleichzeitig, kann richtig unübersichtlich werden und einen überfordern. Die Folge ist Verdrängung. Deshalb ist es wichtig, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Die Klimabewegung und Black Lives Matter machen Hoffnung. Solidarität und Empathie sind – trotz all des Zanks in den sozialen Medien – notwendiger denn je.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schreiben, der Kunst an sich zu?

Die Rolle der Literatur oder eben auch der Kunst an sich bleibt unverändert, egal, was passiert. Das bedeutet: sie ist kritisch, frei, darf sich nichts und niemandem anbiedern. Für mich ist die Lyrik eine der freiesten Kunstformen, sicher auch weil sie am Buchmarkt eine so geringe Rolle spielt.

 

 

Was liest Du derzeit?

Eben fertiggelesen: Ur und andere Zeiten von Olga Tokarczuk.

Gerade angefangen: Logbuch eines Schwimmers von Roger Deakin und Nach der Natur von W.G. Sebald

Lyrikbuch, das ich gerade lese: Jahrbuch der Lyrik 2020, herausgegeben von Christoph Buchwald und Dagmara Kraus bei Schöffling

Herbstneuerscheinung, auf die ich mich schon freue: Am Ufer meines Setzkastens von Gabriele Petricek

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat aus dem Gedicht „Wien, Lerchenfelder Straße“ von Timo Brandt aus seinem aktuellen Gedichtband „Das Gegenteil von Showdown“, das lyrische Ich steht am Fenster und schaut auf die Straße.

Woher kommt der Wunsch,
das alles zu verstehen?
Mein Wunsch, mehr zu sehen,
als ich sehe?

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Erwin, viel Freude weiterhin für Deine so großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Erwin Uhrmann, Schriftsteller

Foto_Julian Tapprich

 

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir können im Theater ein Miteinander erzeugen“ Anna Rieser_ Schauspielerin _ Linz 27.10.2020

Liebe Anna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Sommer hatte ich keinen geregelten Tagesablauf, jeder Tag war anders. Das genoss ich. Eine Schildkröte lief mir zu, ich habe in Berlin gearbeitet und dann wieder die Stube eines alten Bauernhauses ausgemalt.

Ich versuche im Hier und Jetzt zu sein, was mir mal mehr, mal weniger gelingt.

Anna Rieser

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksicht, Respekt, Wertschätzung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ob es tatsächlich ein Neubeginn ist, vor dem wir stehen? Das wäre erstrebenswert, nach der Entschleunigung, die so viele von uns erlebt haben / erleben mussten. Meine Beobachtung ist allerdings eine andere. Ist das Leben in unserer Gesellschaft nicht wieder genauso hektisch, genauso einsam und selbstbezogen wie vor dem lockdown?

Würde ein Neubeginn denn nicht gerade am Miteinander etwas ändern? Eine größere Aufmerksamkeit für das Gegenüber schaffen, für die Umwelt?

Wir können im Theater ein Miteinander erzeugen, zumindest für kurze Zeit. Ein gemeinsames Denken, vielleicht Umdenken. Und vielleicht nimmt das dann jemand mit nach draußen. Das Gemeinsame.

Was liest Du derzeit?

Die Politiker von Wolfram Lotz. Das wird eine meiner ersten Arbeiten in Wien am Theater sein.

Nebenher lese ich derzeit noch Robert Seethalers „Das Feld“ und „Gott ist nicht schüchtern“ von Olga Grjasnowa.

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Aus „Wofür es sich zu leben lohnt“ von Robert Pfaller:

Herr Pfaller, wofür lohnt es sich zu leben?

Robert Pfaller: Die Antworten kennt jeder: Mit Freunden ein Bier trinken, in einem zärtlichen Moment eine Aussicht genießen, beim Kaffee eine Zigarette rauchen, Ballspielen an einem Maiabend. Für verschwindend kleine Dinge.

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Filmprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Rieser, Schauspielerin

https://www.landestheater-linz.at/public/Person%20Details?pid=2793

30.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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