„Erzählungen – solche, die sich einige Tage lang wie ein Filter über die Welt legen, und so dabei helfen, die Dinge neu zu sortieren. Immer und immer wieder“ Seraina Kobler, Schriftstellerin _ Zürich_2.11.2020

Liebe Seraina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Um mich aufzuwecken genügt ein Flüstern. Milope, fordert meine jüngste Tochter mit schlafschweren Augen. So leise, dass man es zuerst kaum hört. Doch ich weiß: Die Forderung schwillt an, kommt man ihr nicht nach. Wenn sie dann an ihrer Flasche mit Hafermilch saugt, strecken wir unter der warmen Decke die Beine aneinander. Ich habe wieder damit begonnen, morgens die Nachrichten zu lesen. Eigentlich hätte ich das gerne anders. Aber ich habe das Gefühl, wachsam sein zu müssen. Nach dem Frühstück bringt mein Mann die beiden jüngeren Töchter in die Kita und den Kindergarten. Die großen Jungs sind meist schon früher weg. Der Stundenplan ist gnadenlos.

Wenn ich Büro machen muss, bleibe ich noch eine Weile Zuhause. Das hat den Vorteil – oder je nach dem auch den Nachteil -,  dass ich «nebenbei» Haushalt machen kann. Ordnung und feste Abläufe beruhigen mich. Das hängt damit zusammen, dass ich schwer konzentrieren kann, wenn nicht alles an seinem Platz ist. Deshalb gehe ich zum Schreiben in mein Atelier im Zürcher Niederdorf. Es liegt in einem Hinterhof. Es gibt Zeichnungen aus dem Mittelalter, da ist das alte Wäschehäuschen schon drauf. Beschattet wird es von der schwarzen Esche, die auch im «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller eine Rolle spielt.

Mittags gehe ich entweder Sport machen oder (im Sommer, Anm.) eine Runde im See schwimmen. Seit Corona habe ich viel weniger Sitzungen. Dafür schreibe ich mehr. Nicht nur Literatur. Auch Auftragsarbeiten. Besonders freue ich mich, wenn ich einen Text lektorieren darf, wie kürzlich den Roman einer jungen Autorin. Gegen halb sechs gondle ich mit meinem holländischen Lastenrad den Berg hinauf. Die Kinder abholen. Dann folgt in unterschiedlicher Reihenfolge: Essen kochen. Wäsche abhängen. Hausaufgaben kontrollieren. Wasserkefir abgießen. Sauerteig mischen. Küche aufräumen. Oft hole ich den Laptop nochmals, wenn die Kinder schlafen. Gerade die fiktionalen Texte schreibe ich gerne im Halbdunkel. Nachts, wenn alle schlafen. Wenn es gut läuft, vergesse ich dabei die Zeit. Kurz vor dem Einschlafen kommen mir dann oft noch Dinge in den Sinn, die ich am nächsten Tag tun muss. Erst wenn ich mir selbst eine Mail mit einer Liste und dem Betreff Morgen geschickt habe, schlafe ich ein.

seraina Kobler _ Foto _ Annick Ramp

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie. Nerven. Ausdauer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wünsche mir, dass die Literatur das schafft, worin die schnelllebige Medienlandschaft oft versagt: Zusammenhänge erschließen. Nicht mit Fakten, wie das die Wissenschaft tut, sondern mit Erzählungen. Solchen, die wachrütteln. Uns zum Lachen bringen. Und zum Weinen. Die sich einige Tage lang wie ein Filter über die Welt legen, und so dabei helfen, die Dinge neu zu sortieren. Immer und immer wieder.

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein Büchermessie. Meine Lesestapel sind in der ganzen Wohnung verteilt. Umgehauen hat mich «1000 Serpentinen Angst» von Olivia Wenzel. Ein beeindruckendes Debüt hat Victor Jestin mit «Hitze» vorgelegt. Ich freue mich auf den Roman «Erdbebenwetter» von Zaia Alexander und natürlich auf die «Hyäne» von Benjamin Von Wyl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«Alles ist Wechselwirkung» Alexander von Humboldt, Forschungsreisender

Es ist das Zitat, dass ich auch für den Roman ausgewählt habe. Humboldt war einer der Ersten, der den Klimawandel beschrieben hat. Oder besser gesagt: Die Voraussetzungen dafür. Nichts auf dieser Welt kann isoliert betrachtet werden. Wir sind alle Teile von fragilen Systemen. Das möchte ich gerne in meiner Prosa zeigen: Wie groß die Tragweite unseres Tuns ist.

Vielen Dank für das Interview liebe Seraina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Seraina Kobler, Schriftstellerin

Seraina Kobler ist Journalistin und Schriftstellerin. Im September erscheint  ihr Roman-Debüt «Regenschatten» im Kommode Verlag. Sie hat vier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Rezension:

https://literaturoutdoors.com/2020/09/30/regenschatten-seraina-kobler-roman-kommode-verlag/

Buchtrailer «Regenschatten»

Foto_Annick Ramp

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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