„Die Sehnsucht Kunst zu machen – sich wieder zu verbinden mit dem Archaischen, mit dem Urmenschlichen, mit der Sehnsucht zu leben“ Amèlie Tambour _ Berlin 1.11.2020.

Liebe Amelie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich und mein Mann bringen unsere Kinder zur Schule bzw. in den Kindergarten, im Anschluss fahre ich in mein Studio, unterrichte dort SchauspielerInnen bis 15 Uhr, wir holen die Kinder wieder ab, gehen einkaufen, machen Abendessen, bringen die Kinder ins Bett, setzten uns an den Bürokram, fallen ins Bett. Am nächsten Tag dasselbe. Seit der Coronazeit habe ich so viel Arbeit wie noch nie. Viele Schauspieler, die normalerweise drehen würden, kommen jetzt zu mir in den Unterricht.

Amelie Tambour

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich interpretiere diese Krise als Zurückschlagen der Welt/des Universums gegen die Menschheit, ein Racheakt gegen all die Verbrechen, die wir der Erde antun und insgeheim wünsche ich mir manchmal, dass das Virus nicht aufgeben wird, bis die Menschheit es geschafft hat unser System über den Haufen zu werfen, um Platz zu schaffen für ein menschenfreundliches, lebensbejahendes, umweltfreundliches System. Vielleicht sollten wir alle mehr an Veränderung glauben und diesen Schrei der Welt als ernsthaftes Warnsignal wahrnehmen und nicht darauf warten, bis endlich wieder alles so wird wie früher.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich habe in den letzten Jahren den Zugang zum Theater verloren. Der Eindruck, das Theater beschäftige sich mit vielem, aber nicht mit dem Menschlichen, ermüdet mich. Es ist müßig zu versuchen, die Aufgabe der Kunst und des Theaters zu definieren, aber wenn ich eines darüber sagen müsste, dann ist es, dass Kunst aus dem Bauch kommt und nicht aus dem Kopf. Ich denke, dass die Menschheit sich über die Zeit vergiftet hat, weil wir alle mit dem Kopf durchs Leben gehen und unser Bauchgefühl, das Gefühl für uns selbst, das Gefühl für das was wir brauchen und lieben, verloren haben. Die Rolle der Kunst, des Theaters, die Sehnsucht Kunst zu machen und zu rezipieren, rührt doch aus der Not, aufgeweckt zu werden, sich wieder zu verbinden mit dem Archaischen, mit dem Urmenschlichen, mit der Sehnsucht zu leben. Ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern, dass das Theater sich so weit davon entfernt hat und angefangen selber etwas zu schaffen, was dieser Sehnsucht nach Leben folge leistet.

 

Was liest Du derzeit?

Die Schachnovelle, Stefan Zweig

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Manchmal muss man sein Herz am Anfang über die Hürde werfen.“ Willy Brandt

Vielen Dank für das Interview liebe Amèlie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Amèlie Tambour, Schauspielerin

https://studiotambour.com/

Foto_privat.

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s