„Die Konsumspirale dreht sich für viele langsamer, manche sind auch rausgeschleudert worden“ PJ Sturm, Schriftstellerin _ Wien 30.10.2020

Liebe Petra Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich gehöre zu jenen, die die letzten Monate als entschleunigend empfunden haben. Nicht gerade im Sommer, da arbeitete ich vertretungsweise in der Redaktion einer Zeitung und saß mitunter bis Mitternacht vorm Computer, aber von März bis Juni war es so. Und jetzt wird es wieder so sein, so die Mutmaßung. Abseits der Sorge um andere, die der Risikogruppe angehören oder weniger privilegiert sind, hat mir persönlich der „Stillstand“ tatsächlich Ruhe und Stille gebracht. Ich hab weniger gemacht, das dafür gründlicher.

Man muss dazusagen, dass Homeofffice für mich ein Normalzustand ist. Ich arbeite seit vielen Jahren selbstständig als freie Journalistin und Texterin. Und als Radhistorikerin und Autorin ist mir auch alles willkommen, was Ablenkung vom Schreibprozess von Außen dezimiert. Auch das Prekäre ist mir bekannt – Aufträge können jederzeit wegfallen, fixe Monatsgehälter sind die Ausnahme. Urlaube verbringe ich ohnehin zumeist abseits der touristischen Zentren, in einsamen Bergdörfer etwa, oder ich bin mit Rad oder Trekkingrucksack unterwegs.

Was jetzt nicht heißt, dass ich sofort ins ungehinderte und unlimitierte Schreiben gekommen wäre. Die ersten Wochen hat mich die Krise sehr beschäftigt (auch die mediale Berichterstattung) und ich musste mich schon auch erst in ihr einrichten.

Aber dann ging es, und ich hab – ganz Corona-Klischee – an meinem ersten Roman gearbeitet. Und ich habe auch künstlerische Projekte verwirklicht, die ich vielleicht sonst nicht gemacht hätte. Gemeinsam mit anderen kurze Filme machen etwa, sich eine Flötenrevue ausdenken, die im Kongressbad umgesetzt wurde, oder mit einer Performerin gemeinsam Radreigen-Workshops geben auf leeren Plätzen in der Stadt: Menschen tanzen per Rad miteinander, fahren Loops und bilden Formationen, ihre Räder mit Boxen bestückt.

Radserie2_C_PJSTURM

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, wirklich viele Menschen haben die letzte Monate gespürt, wie durchdrungen unser aller Leben von Konsum und der steten Anhäufung von Dingen ist. Die Konsumspirale dreht sich für viele langsamer, manche sind auch rausgeschleudert worden. Man muss den Schutz der Umwelt und einen Umbau der Produktionsweisen jetzt unbedingt zusammen denken. Beuys hat sich 1973  in Filz gewickelt und drei Tage mit einem Coyoten in ein Hotelzimmer eingesperrt. Müssen wir als Gesellschaft tatsächlich in einen mehrmonatigen Lockdown, um zu begreifen, dass wir nachhaltigere Produktionsweisen brauchen? In dieser Umgestaltung stecken Gemeinsinn, Empathie, Gleichheit und Zusammenhalt, alles was eine Gesellschaft und letztendlich jeder einzelne von uns doch am dringendsten bräuchte, nicht nur in der Krise, möchte man meinen. Wenn es jetzt nicht um das Wesentliche geht, wann dann?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke Kunst kann Veränderungen anregen, ihnen Ausdruck verleihen oder sie begleiten, im besten Fall gibt sie ihnen eine Seele. Ich glaube bei Literatur schreibt sich das Gesellschaftspolitische zunehmend in die Figuren ein. Gut so! Literatur kann die Widersprüche aufzeigen, die Einstellungen und Menschen anhaften, kann Komplexität versuchen. Literatur muss nicht den Weg der Populisten gehen und vermeintlich eindeutige Wahrheiten und Überzeugungen verkaufen. Besser Ambivalenzen aushalten lernen, weniger werden sie die nächsten Monate sicher nicht.

Radserie3_C_PJSturm

 

Was liest Du derzeit?

Ich mische gerne Literatur, Theorie, aktuelles und historisches

momentan lese ich u.a.:

„Zur Kritik der Weiblichkeit“ von Rosa Mayreder

Schön, ganz in ein Textwerk hineinzugehen, von dem ich vorher nur  Ausschnitte kannte.

„Annette, ein Heldinnen-Epos“ von Anne Weber, in knapper Form wird Wesentliches erfasst, Brüchen in der Biografie Platz gegeben und eine „Heldin“ mit allen Widersprüchen, die in vielen ihrer Handlungen und Entscheidungen liegen, porträtiert.

„Vom Land“ von Dominik Barta, in immer mehr Romanen bekommen Lebensumstände und soziale Milieus, die lange nicht als literarisch genug galten, eine Stimme, das finde ich super.

„Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge“ von Jane Bennett

Macht klar, warum es Sinn macht uns selbst und unsere nichtmenschliche Umwelt fundamental auf andere Weise zu begreifen.

MethodReadian_SW_C_PJSturm

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hmm, vielleicht gleicht etwas aus dem letztgenannten Buch, daran denke ich vor jedem Gang zum Mistkübel:

„Wozu sich für die Vitalität der Materie aussprechen? Weil ich vermute, dass das Bild einer toten oder durch und durch instrumentalisierten Materie die menschliche Hybris und unsere die Erde zerstörenden Eroberungs- und Konsumfantasien nährt“ (Jane Bennett)

Das klingt auf den ersten Blick nach Katastrophenalarm, ist aber total logisch, oder?

Reenactment_sw_C_Atelier Falsoni_Jens Lindworsky.

Vielen Dank für das Interview liebe Petra Johanna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

PJ Sturm, Schriftstellerin

Fotos_1,2,3 PJ Sturm; 4 _  Atelier Falsoni/Jens Lindworsky,

23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s