„Literatur ist kritisch, frei, darf sich nichts und niemandem anbiedern“ Erwin Uhrmann, Schriftsteller _ Wien 28.10.2020

Lieber Erwin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um 7 Uhr auf und arbeite mich durch den Tag. Im Unterschied zu früher bin ich an den Abenden mehr zu Hause, weil es derzeit kaum Veranstaltungen gibt. Im Februar habe ich an einem neuen Roman zu schreiben begonnen. Während des Lockdowns ist es mir schwerer gefallen, daran zu arbeiten. Es gab jedoch genug andere Dinge zu tun, wie etwa mit den Autor*innen der Lyrikreihe, die ich im Limbus Verlag herausgebe, an einer Videoserie mit Wohnzimmerlesungen zu arbeiten. Nachdem alle zu Hause waren, ließ es sich gut koordinieren. Schließlich habe ich bis zum Sommer einige kürzere Texte geschrieben, wie etwa einen Essay für das Buch „Die Windhose vom 13. Oktober 1870“ von Gregor Mendel, für das meine Frau Johanna Uhrmann die Illustrationen gemacht hat. Während des Lockdowns haben wir beide an diesem Projekt gearbeitet, was schön war. Den Mendel-Text haben wir letzten Sommer im Mendel Museum in Brünn entdeckt. Das Buch erscheint jetzt im Herbst im Limbus Verlag.

Anfang Juli bin ich wieder gut in den Schreibprozess und in die Welt meines Romanprojekts hineingekommen.

Erwin Uhrmann - Foto - Julian Tapprich

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Trotz der momentan getrübten Sicht auf die Welt ist es notwendig das große Ganze zu sehen, in der Vogelperspektive zu bleiben. Es gibt einen rapiden Klimawandel, humanitäre Katastrophen, ein globales Ungleichgewicht. All das passiert gleichzeitig, kann richtig unübersichtlich werden und einen überfordern. Die Folge ist Verdrängung. Deshalb ist es wichtig, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Die Klimabewegung und Black Lives Matter machen Hoffnung. Solidarität und Empathie sind – trotz all des Zanks in den sozialen Medien – notwendiger denn je.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schreiben, der Kunst an sich zu?

Die Rolle der Literatur oder eben auch der Kunst an sich bleibt unverändert, egal, was passiert. Das bedeutet: sie ist kritisch, frei, darf sich nichts und niemandem anbiedern. Für mich ist die Lyrik eine der freiesten Kunstformen, sicher auch weil sie am Buchmarkt eine so geringe Rolle spielt.

 

 

Was liest Du derzeit?

Eben fertiggelesen: Ur und andere Zeiten von Olga Tokarczuk.

Gerade angefangen: Logbuch eines Schwimmers von Roger Deakin und Nach der Natur von W.G. Sebald

Lyrikbuch, das ich gerade lese: Jahrbuch der Lyrik 2020, herausgegeben von Christoph Buchwald und Dagmara Kraus bei Schöffling

Herbstneuerscheinung, auf die ich mich schon freue: Am Ufer meines Setzkastens von Gabriele Petricek

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat aus dem Gedicht „Wien, Lerchenfelder Straße“ von Timo Brandt aus seinem aktuellen Gedichtband „Das Gegenteil von Showdown“, das lyrische Ich steht am Fenster und schaut auf die Straße.

Woher kommt der Wunsch,
das alles zu verstehen?
Mein Wunsch, mehr zu sehen,
als ich sehe?

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Erwin, viel Freude weiterhin für Deine so großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Erwin Uhrmann, Schriftsteller

http://www.erwinuhrmann.com/

Foto_Julian Tapprich

 

20.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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