„Die Hauptaufgabe von Kunst ist es, Menschen zu berühren, zu bewegen“ Alke Stachler, Schriftstellerin_ Augsburg 23.3.2021

Liebe Alke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe halbtags einen Bürojob in einer Arztpraxis, von dem ich am frühen Nachmittag nach Hause komme. Nach einer kurzen Pause setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite dann an Schreibprojekten oder Lektoratsaufträgen; je nachdem, was ich gerade vorliegen habe. Irgendwann gegen Abend mache ich so gut wie immer noch einen Spaziergang, um mich nochmal zu bewegen und meine Gedanken zu ordnen. Und den Himmel zu sehen. Mir fällt momentan überall die Decke auf den Kopf. Später abends lese ich oder schaue Filme. Alles nicht sehr spektakulär!

Alke Stachler, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, auf sich selbst und andere aufzupassen. Und Geduld und Nachsicht und Verständnis zu haben. Ich sehe, wie die Menschen um mich herum und auch ich selbst immer mehr die Nerven verlieren, zwar im eher kleinen Rahmen, aber es ist ja dennoch real und ernstzunehmend. Da werfen einen plötzlich die kleinsten Dinge aus der Bahn und man heult einen halben Tag lang oder schreit jemanden an. Mit dieser Anstrengung, diesem Kraftakt, der das Leben momentan ist, geht jeder*r anders um. Dafür Verständnis zu haben und ein bisschen zu sehen, dass wir alle gerade am Limit sind, finde ich momentan sehr wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich finde, die Hauptaufgabe von Kunst ist es, Menschen zu berühren, zu bewegen. Das muss nicht immer auf eine angenehme Weise sein! Aber auf eine Weise, dass sich etwas in einem verändert, wenn man es rezipiert. Das würde ich jetzt auch im aktuellen Kontext nicht anders sehen.

Was für einen gesellschaftlichen Neubeginn wesentlich sein wird, kann ich leider nicht beantworten, denn das ist nicht mein Fachgebiet. Vielleicht, wie vorhin gesagt, das Achten aufeinander, und den Blick für die soziale, die interpersonelle Komponente nicht zu verlieren.

Was liest Du derzeit?

„Daring Greatly“ von Brené Brown. Aber ich habe auch immer mehrere Gedichtbände neben dem Bett liegen, momentan zum Beispiel „Mush“ von Sonja vom Brocke.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

People will forget what you said, people will forget what you did, but people will never forget how you made them feel. (Maya Angelou)

Vielen Dank für das Interview liebe Alke, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Alke Stachler, Schriftstellerin

Foto_privat.

21.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der eigene Text kann ein sicherer Ort sein“ Luca Manuel Kieser _ Schriftsteller, Wien 22.3.2021

Lieber Luca Manuel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen so schnell wie möglich an den Schreibtisch. Weil ich kalten Kaffee mag, koche ich den schon am Abend davor. Scheuklappen auf und tippen. Frühstückspause mit Nachrichten. Nochmal bisschen Schreiben. Vor dem Mittagessen Bürokram. Nach dem Mittagessen kurz auf die Couch, dann lesen und nochmal an den Schreibtisch. Manchmal ist dann auch noch ein Workshop zu geben oder an einem Seminar teilzunehmen. Kleine Projekte. Ich versuche so jeden zweiten Tag zu joggen. Am Wochenende gilt es sich gepflegt zu betrinken. Samstag ist Waschtag.

Luca Manuel Kieser, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bei aller Verschiedenheit: Was uns gerade verbindet, ist womöglich sich auflösende Resilienz. Ich persönlich habe seit vielen Jahren mit depressiven Momenten zu kämpfen. Im vergangenen November war es übel. Der eigene Text kann ein sicherer Ort sein. Und Therapie ist natürlich entscheidend. Sonst kann ich nur empfehlen: Den Wecker mit Liegestütze einschüchtern; so lösen sich Angst-bedingte Verspannungen aus der Nacht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass sich funktional nichts groß ändert. Darüber hinaus wird alles narzisstischer. Ich denke, auch Text. Die Folgen hiervon kann ich mir nicht vorstellen.

Was liest Du derzeit?

„Was würden Tiere sagen, würden wir die richtigen Fragen stellen“ von Vinciane Despret.

„Etüden im Schnee“ von Yoko Tawada.

Und, na klar, „Eurotrash“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sollen wir auseinander gehen? Es wäre vielleicht besser.

Morgen hängen wir uns auf.

Pause.

Es sei denn, daß Godot käme.

Und wenn er kommt?

Sind wir gerettet.

Vielen Dank für das Interview lieber Luca Manuel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Luca Manuel Kieser_ Schriftsteller

Luca Manuel Kieser | Literaturhaus Graz (literaturhaus-graz.at)

Foto_privat

16.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Rolle der Kunst und der Literatur könnte sein, diese Zeit zu „konservieren““ Manuela Bibrach _ Schriftstellerin _ Oberlausitz/D_ 22.3.2021

Liebe Manuela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht verändert, da ich schon seit mehreren Jahren im Home-Office am PC arbeite. Was weggefallen ist, sind die Ausflüge in die Stadt, zum Treffen mit anderen AutorInnen und FreundInnen, mit der Familie oder zum Bummeln. Das passiert jetzt alles online oder telefonisch und (leider) gewöhnt man sich auch daran sehr schnell.

Manuela Bibrach, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld. Ich bin selbst ein eher ungeduldiger Mensch aber ich habe in den letzten Jahren Geduld lernen müssen, mit mir und meiner gesundheitlichen und beruflichen Situation. Ich denke, dass weder die Suche nach geheimnisvollen Hintergründen der Pandemie noch offener Ärger etwas an der Situation ändern. Für mich ist das ein rein biologischer Vorfall, mit so etwas mussten Menschen schon immer leben. Wir sind es nicht unbedingt gewöhnt, uns einzuschränken, vielleicht haben viele von uns auch ein bisschen in einer Allmachtsphantasie gelebt (nichts kann mir passieren und das Leben dauert mindestens 85 Jahre). Ich denke allerdings, dass für viele Menschen diese „Unverwundbarkeit“ nie existiert hat oder sie ihnen schon eher genommen wurde, aufgrund von Krankheiten oder Schicksalsschlägen bzw. einfach, weil sie nicht privilegiert geboren wurden. Damit möchte ich die Situation nicht verharmlosen oder die vielen Menschen, deren Existenz durch Corona bedroht ist, zu mehr Gleichmut aufrufen. Jeder ist von dieser Katastrophe anders betroffen und ich denke, wir alle müssen jetzt solidarisch sein und gemeinsam durchhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ehrlich gesagt glaube ich persönlich nicht an einen Aufbruch oder Neubeginn, zumindest nicht im Alltag. Ich denke, dass wir sehr schnell in alte Gewohnheiten zurückfallen werden, sobald die Situation sich wieder entspannt hat. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, er scheut Veränderungen. Die Rolle der Kunst und der Literatur könnte sein, diese Zeit zu „konservieren“, so dass sie nicht allzu schnell in Vergessenheit gerät. Auf uns warten ja noch andere drängende Probleme – der Klimawandel zum Beispiel bedroht uns nach wie vor, nur steht er gerade nicht im Mittelpunkt des Interesses. Ich würde mir wünschen, dass wir als Lehre aus dieser Zeit unter anderem mehr Wertschätzung für den Pflege- und Krankenhausbereich zurückbehalten. Die Menschen, die dort arbeiten, leisten gerade Großes und das sollte nicht direkt wieder in Vergessenheit geraten, sobald die Pandemie vorbei ist. Vielleicht wird es aber auch nie wieder eine Zeit ohne die Bedrohung durch Viren geben, weil wir das Gleichgewicht unseres Planeten nachhaltig aus dem Gleichgewicht gebracht haben? Aber diese Dinge sind sehr komplex und ich wage nicht, sie zu beurteilen. Was die Medizin betrifft, hat sie sicher profitiert von der Turboforschung zu Virus und Impfstoff. Ich las, dass man vergleichbare Verfahren zum Beispiel auch für die Krebstherapie nutzen könnte. Das lässt hoffen, auch wenn der Preis für diesen wissenschaftlichen Fortschritt hoch ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade mehrere Bücher über Stoizismus, weil ich glaube, dass mehr Gelassenheit sehr hilfreich sein kann in allen Bereichen des Lebens. Außerdem lese ich fast täglich ein paar Gedichte zeitgenössischer Autoren. Aktuell habe ich auch noch ein Buch über Focusing auf dem Tisch liegen aber das will nicht nur gelesen sondern auch umgesetzt werden und da fehlt mir gerade – die Geduld.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da fallen mir natürlich viele Dinge ein aber ich entscheide mich für ein Gedicht von Hilde Domin, welches mir gerade jetzt passend erscheint:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Vielen Dank für das Interview liebe Manuela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Manuela Bibrach, Schriftstellerin

Manuela Bibrach – Freie Autorin – manuela-bibrach-autorins Webseite! (jimdofree.com)

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20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Philosoph des Herzens“ Das rastlose Leben des Sören Kierkegaard. Clare Carlisle. Klett-Cotta Verlag.


Kopenhagen. Erste Hälfte des 19.Jahrhunderts. Der Philosoph und Dichter ist
tagsüber auf Spaziergängen zu sehen. Nachts brennt Licht in seinem Zimmer.
Mythen ranken sich um ihn. Sein Leben, seine Liebe, sein Denken. Ein Denken,
das Zeit und Leben verändert…


Sein Name: Sören Kierkegaard.

Das Denken des Philosophen des Existentialismus bringt eine Wende in den
Modellen von Erkenntnis und Weltzugängen der Zeit. Den großen
Denkgebäuden des philosophischen Idealismus stellt Kierkegaard die
unmittelbare Erfahrung und die Entscheidung in Moment und Situation
gegenüber. Jetzt, in der unmittelbaren Gegenwart, ist das Leben am
Entscheidungspunkt und es gilt Position zu beziehen. Zu Welt, Gott und
Zukunft…

Die britische Philosophin und Theologin Clare Carlisle, vielfach ausgezeichnete
Wissenschafterin und Autorin, legt mit „Der Philosoph des Herzens“ einen
biographischen wie philosophischen Zugang zu Leben, Denken und Zeit Sören
Kierkegaards vor, der im spannenden Erzählstil wie der anschaulichen
Erläuterung von Denkmodellen beeindruckt und überzeugt. Die Autorin
etabliert einen ganz neuen spannenden Weg Philosophie Leserinnen und
Lesern näherzubringen und auch einen Impuls für eigenes Nachdenken zu
vermitteln. Zudem ergänzen die Abbildungen im Text wunderbar die Lebensund Denkstationen des sehr bemerkenswerten Philosophen.
„Eine begeisternde Biografie, die vom Philosophen selbst geschrieben sein
könnte – direkt und treffsicher wie ein Pfeil“

Walter Pobaschnig 3_21
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„Die Kunst ist etwas, das uns umgibt und dadurch nährt. So wie Atemluft“ Daniela Krammer, Musikerin_Wien 21.3.2021

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe keinen fixen Tagesablauf – den hatte ich als Musikerin sowieso noch nie, da haben einfach meine Auftritte meine Zeit strukturiert. Auch damals war immer schon die Versorgung meiner Familie (2 Söhne) ein Anker, der immer gleich blieb, während der Berufsalltag sich immer geändert hat. Jetzt ist es wieder die Familie, die mir Halt gibt und wo ich mich im Moment ein bisschen mehr als Köchin austoben kann als normalerweise. Aber Auftitte gibt es ja keine, stattdessen stelle ich mir selbst immer wieder Aufgaben. Im Dezember habe ich einen musikalischen Adventkalender für meine Social-Media-Fans gemacht. Nach einem sehr ruhigen Jänner habe ich dann angefangen, in Parks mit meinem neuen Digital-Saxofon Lieder aufzunehmen und teile die in meinem Youtube-channel.

Daniela Krammer – YouTube

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bei sich bleiben. Oder eher: zu sich kommen. Es tobt ein Sturm an Meinungen und Halbwissen über uns hinweg. Wenn man da nicht etwas hat, an dem man festhalten kann, wenn man sich nicht einen Funken Hoffnung im Herzen bewahren kann, wird man wegespült und ehe man sich versieht, ist man als Corona-Leugner auf der Straße und rennt seltsamen Führerfiguren hinterher.

Deshalb: bei sich bleiben. Zeiten finden, in denen man den Kopf frei bekommt. Beim Wandern, beim Laufen, beim Musikhören. Dann kann man wieder schauen: Was kann ich beeinflussen und was liegt außerhalb meiner Reichweite und muss ich so akzeptieren.

Daniela Krammer, Musikerin

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ob der Musik oder der Kunst eine große sichtbare bzw. hörbare Rolle zukommt, wage ich zu bezweifeln. Die Kunst ist etwas, das uns umgibt und dadurch nährt. So wie Atemluft. Jetzt gerade ist die Atemluft der Kunst gerade sehr dünn, aber durch die verschiedenen Kanäle wie Netflix, Spotify und Youtube merken das die Menschen noch nicht. Noch haben die meisten das Empfinden, dass es uns Musikerinnen und Künstlerinnen nicht so dringend bräuchte. Und vordergründig stimmt das ja. In der Bedürfnispyramide des Überlebens sind wir nicht essentiell wichtig.

Vielleicht werden wir ja als Gesellschaft irgendwann in nächster Zeit die innere Ruhe finden, um zu spüren, worum es im Leben wirklich geht. Jetzt gerade sind alle im Überlebensmodus. Wenn dann die Zeit gekommen ist, werden wir Künstlerinnen wieder da sein und unseren Job tun. Im Moment geht das nur in sehr geringem Ausmaß. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf! Irgendwie geht es immer weiter.

Was liest Du derzeit?

Terry Pratchett, Good Omen.

Ich liebe seine skurilen Geschichten und seinen speziellen Blick auf die Welt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vergeude keine Zeit an Dinge, die du nicht beeinflussen kannst. Es gibt so vieles, dass gerade auf DICH wartet.

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Krammer, Musikerin

Saxolady – saxophone affairs (saxophone-affairs.at)

Foto_privat

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass Poesie in sehr vieler guter Hinsicht auf Lebewesen wirkt, berührt“ Melanie Katz, Schriftstellerin_Zürich 21.3.2021

Liebe Melanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beginne mit dem Auffädeln von, sagen wir: Glasperlen..hundskommun, kennt jede_r und kosten wenig.

Ich  habe derzeit eine intensive Arbeitsphase und lebe relativ streng getaktet (eine für mich eher ungewöhnliche Form, aber anders kriege ich das Auffädeln im HO-Lockdown nicht hin): Aufwachen, sich vom Schlaf verabschieden, aufstehen, bewegen, mich und die Haare schönmachen, essen, lesen, kochen, essen, allein oder zu zweit neben dem Fluss gehen, sitzen, schreiben, telefonieren, dehnen, essen, irgendwas Nutzloses tun oder mit Freund_innen sprechen, schlafen, aufwachen, Träume aufschreiben, weiterschlafen usf.

Das ist ja aber alles relativ gemütlich. In der Schweiz gibt es viel weniger rigide Restriktionen, wie zum Beispiel die Ausgangssperre, die eine Freundin in Paris oder Freunde in Belgien erlebt haben, nicht zu denken an die Situationen, die diverse Freund_innen in südamerikanischen Ländern durchzumachen hatten. Auch in meiner Berliner Heimat ist’s grad glaub weniger gemütlich. Ich lebe relativ nah an urbanen Naturräumen und habe einen grossen Garten; ich kann Freund_innen und Nachbarn besuchen, auch zuhause.

Melanie Katz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Faden, hier: Ich glaube, Berührung ist jetzt für uns alle wichtig. Physische Berührung aber auch psychische – es ist viel die Rede von Einsamkeit und auch von Solidarität. Ich denke bei psychischer Berührung, Berührbarkeit vor allem an das Üben von Empathie, die zwar als Konzept immer gern ganz hochgehalten und in Anspruch genommen wird. De facto scheint es aber schwierig zu sein, sich wirklich in die Lebensentwürfe hinzuversetzen zu können, die fernab von Klein- oder Grossfamiliengefügen bestehen und diese Situation jetzt wahrscheinlich weniger dezent zu spüren kriegen. Noch dazu, wenn es Menschen betrifft, die finanziell weniger gut dastehen, denen macht diese Zeit unter Garantie mehr zu schaffen. Dies lässt sich im Mikro- wie im Makrokosmos sehen. Solidarität hiesse da sicher: berührbar bleiben, nicht aus der eigenen Sicht urteilen, zuhören und miteinander aushalten. Niemand hat ja jetzt Lösungen parat. Einsamkeit entsteht aber sicher aus dem Umstand, dass niemand da ist, der einfach mal die Situation mitschultert. Was ja Solidarität wäre.

Ach, gutes Essen ist wichtig. Schlafen ist wichtig. Träumen (tags und nachts), würde Bettina sagen, ist auch wichtig. Nadine würde sagen: gute Gespräche, Essen UND Bücher. Simonetta, Tova und Vero würden sagen: tanzen! Bernd würde sagen: Aufräumen und Adrian vielleicht Leipzig. Thats all true und noch mehr! Ich bin immer wieder auch sehr dankbar für diese Gespräche und die kleinen Dinge im Alltag, die mir Freude machen und die doch auch immer noch möglich und vielleicht sogar an manchen Stellen wieder mehr möglich sind. Die Rückbesinnung auf das Einfache, all die Möglichkeiten unserer sinnlichen Existenz. Einander nachsichtig, kraftvoll, sanft und gut sein. Auch wenn das ein bisschen altmodisch klingt und natürlich immer eine Übung ist.

Schlussendlich bleibt aber jederzeit und gerade jetzt die Möglichkeit, über das eigene allzu menschliche Gehabe, die persönlichen Verfasstheiten zu lachen.

Ich trage daher immer einen Schwamm bei mir und bin sehr dankbar, dass ich mit Galgenhumor wirklich reichlich gut ausgestattet bin.

Ansonsten geht auch mal Heavy Metal.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe dazu vor zwei Jahren einen Beitrag für das schweizerische Radio gemacht. Tatsächlich ist das eine Frage, die mich sehr umtreibt. Was kann ich beitragen, was kann Kunst, Literatur leisten, wie kann ich Literatur für alle und jeden spürbar, wirksam, zugänglich machen. Ich finde das sehr wichtig, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Poesie in sehr vieler guter Hinsicht auf Lebewesen wirkt, von allen verstanden und rezipiert, erlebt werden kann. Und eben: berührt. Und da wollen wir ja hin (womit jetzt auch hier der rote Faden geknüpft wäre).

 An den gesellschaftlichen Aufbruch glaube ich allerdings nicht. Ich glaube, das ist ein Mythos, der sich aus dem Wunsch nach etwas Halt, etwas Greifbarem in einer erschütterten Zeit geboren wurde. Und ich glaube, dieser Mythos ist das Produkt einer sehr satten Gesellschaft mit, die meinte, ihre Schäflein ins Trockene gebracht zu haben und jetzt sieht, wie ihr so manche fetten Felle davonschwimmen. Wenn man in Schwellen- und Entwicklungsländer schaut, dann fallen derart Spekulationen kaum ins Auge.

Was liest Du derzeit?

Verwobenes Leben von Merlin Sheldrake.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Einleitung

Wie fühlt man sich als Pilz?

„In der feuchten Liebe gibt es Augenblicke, da beneidet uns der Himmel für das, was wir auf Erden können.“ ­–Hafiz

Vielen Dank für das Interview liebe Melanie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Melanie Katz, Schriftstellerin

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20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zusammen als Künstler:innen zeigen, wer wir sind“ Gitta Edelmann, Schriftstellerin_ Bonn 20.3.2021

Liebe Gitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich fast wie immer, wobei es bei mir derzeit keinen Unterschied zwischen Werktag und Wochenende gibt.  Nach dem Frühstück setze ich mich mit dem Laptop auf mein Schreibsofa und beginne zu arbeiten – das heißt meistens zuerst einmal Schreiben am Manuskript. Anderes, wie Bürokram und Ehrenamtliches für meine Autor:innennetzwerke, erledige ich dann später, außer an den Tagen, an denen ich nachmittags noch Kinder in einer Grundschule betreue.

Lesungen und Workshops fallen ja derzeit alle aus, also fällt die Vorbereitung dafür weg. Das ist schade und finanziell natürlich ein heftiger Einschnitt, aber auch gut, weil ich so mehr schreiben kann.

Videokonferenzen habe ich mehrmals die Woche – das ist oft anstrengender als live zusammenzusitzen, aber andererseits spare ich die Anreise. Und es ist schön, wenigstens so unter Leute zu kommen.

Insgesamt tut mir diese zurückgezogene Zeit gut.

Gitta Edelmann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Den Humor nicht verlieren. Schönes suchen – mit den Augen, mit den Ohren, mit dem Herzen. Kontakte pflegen. Zum Glück haben wir ja all die technischen Möglichkeiten, vor 30 Jahren hätte eine Pandemie mit Lockdown noch ganz anders ausgesehen. Ausbrechen aus dem Gewohnten – kreativ werden. Und auch schon mal darüber nachdenken, was jetzt gut ist und beibehalten werden sollte.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob es gesellschaftlich so schnell einen wirklichen Neubeginn geben wird, zu sehr sehnen sich die meisten Menschen nach dem „vor Corona‟. Zu sehr steht „die Wirtschaft‟, wie sie bisher war, im Mittelpunkt des politischen Denkens. Doch längerfristig, glaube ich, wird eine Veränderung stattfinden. Ich weiß, dass sich viele danach sehnen, dass Veränderungen im persönlichen Bereich jetzt schon stattfinden. Und dabei sollte auch die Literatur eine Rolle spielen. Eine künstlerische, aber nicht ausschließlich.

Literatur spiegelt die Gesellschaft. Sie bildet sie nicht nur ab, sondern deutet Ängste und Hoffnungen der Menschen, ihre Wünsche und Träume. Sie zeigt Wege auf, mit der Welt und ihren Herausforderungen umzugehen. Sie bildet, lenkt ab, unterhält, tröstet, weckt Ideen, fordert heraus.

Und – Literatur und Kunst an sich wird in der Öffentlichkeit hoffnungslos unterschätzt, was ihre Bedeutung für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft bedeutet, vielleicht, weil der Begriff „Literatur‟ im Deutschen für viele ein wenig abgehoben klingt und zu sehr an alte Dichter erinnert. Doch gerade jetzt in der Pandemie zeigt sich deutlich, wie wichtig die Arbeit von Autor:innen für unseren Alltag ist. Schließlich schreiben wir nicht nur alle Arten von Büchern für alle Altersgruppen – ohne uns gäbe es auch keine Hörbücher, Hörspiele, Drehbücher, Songtexte …

Und wie würden wir dann einen Lockdown überstehen?

Ich wünsche mir, dass die Arbeit, die Schriftsteller:innen, Musiker:innen und andere Künstler:innen leisten, in Zukunft mehr Anerkennung findet. Dass sie gerechter entlohnt wird. Es kann nicht sein, dass eine Autorin gebeten wird, eine Lesung ohne Honorar zu geben, weil das „doch Werbung‟ für sie sei. Die meisten Menschen – natürlich auch in der Politik – haben keine Ahnung von unserer Arbeit als Soloselbständige und unserem Einkommen.

Ich glaube, daran müssen wir arbeiten, zusammen als Künstler:innen zeigen, wer wir sind. Auch laut und politisch tätig werden. Uns wehren dagegen, dass immer zuerst im Kulturbereich gespart wird. Dass immer noch über das Urheberrecht diskutiert wird, anstatt es endlich so anzuwenden, dass  Urheber:innen gerechter (oder überhaupt mal) für ihre Arbeit entlohnt werden. Damit wir ohne Existenzangst das tun können, was unsere Aufgabe ist: Gesellschaft abzubilden, Ängste und Hoffnungen der Menschen, ihre Wünsche und Träume zu deuten. Wege aufzuzeigen, mit der Welt und ihren Herausforderungen umzugehen. Zu bilden, abzulenken, zu unterhalten, zu trösten, Ideen zu wecken und herauszufordern.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade ein noch unveröffentlichtes Manuskript einer kanadischen Autorin, mit der ich seit meiner Kindheit befreundet bin. Es gefällt mir sehr und ich hoffe, sie findet schnell einen Verlag.

Außerdem schmökere ich in Sachbüchern und im Internet zum Thema London um 1850 für meinen nächsten historischen Roman.

Und ich lese meine eigenen Worte beim Überarbeiten meines Manuskripts und die meiner Co-Autorin für ein Buchprojekt, das wir kapitelweise abwechselnd schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich experimentiere seit einiger Zeit mit Haikus, mal erbaulich, mal trivial, mal kriminell und mal witzig. Das konzentriert meine Gedanken und macht Spaß – kann ich nur empfehlen. Dieser hier ist für euch:

Frühling kommt wieder

ein blaues Band der Hoffnung

Schreibt Haikus, Leute!

Vielen Dank für das Interview liebe Gitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gitta Edelmann, Schriftstellerin

Start – www.gitta-edelmann.de (gitta-edelmann.de)

Foto_privat.

20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es gibt in der Kunstbranche ebenso wenig Gleichheit wie in anderen Berufssparten“ Alexander Strömer, Schauspieler_Wien 20.3.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe das große Glück zurzeit zumindest am Theater proben zu dürfen, wenn auch der Spielbetrieb der Pandemie leider komplett zum Opfer fällt. Somit gelingt es mir meine Familie mit meiner „Berufung“, trotz zeitweiser Kurzarbeit, zu ernähren.

Da auch zu Zeiten der Schulschließungen und Lockdowns, vieles ungewohnt und neu war, stiegen natürlich die Anforderungen an das Zeitmanagement, aber wir nehmen es, wie es ist.

Portrait_Alexander Strömer, Schauspieler

Es ist ein Glück künstlerisch tätig sein zu dürfen, und ein Privileg an einem derartigen Haus wie dem Theater in der Josefstadt in Wien, aber das war nicht immer so: Ich weiß, wie es ist, in prekärer Lage zu arbeiten. Ich war nach einigen wertvollen, erfahrungsreichen Jahren im Engagement, auch fast 10 Jahre freiberuflich tätig, mit Familie, da lernt man einiges kennen.

Der Alltag als Ensemblespieler ist aber durchaus herausfordernd. Wir bereiten die Basis, damit ein Protagonist glänzen kann. Es ist viel Teamwork notwendig, und an unserem Haus herrscht eine familiäre Atmosphäre. Zusätzlich haben mich in den letzten Jahren einige langwierige körperliche Verletzungen beschäftigt, ich weiß also auch dadurch, dass nichts selbstverständlich ist, ich weiß, was es bedeutet sich zurück zu kämpfen, und, dass der Weg zurück auf die Bühne, ähnlich dem Comeback eines Sportlers, harte Arbeit bedeutet und viele Höhen und Tiefen mit sich bringt.

Alexander Strömer  als Trauerweidenwalter in „Die Dreigroschenoper“, Josefstadt/Kammerspiele_Wien

Wie gesagt, komme ich gerade aus den Endproben zu Brechts “ Die Dreigroschenoper“, die ursprünglich am 11.3. Premiere feiern sollte,- in der aktuellen Situation leider ohne Publikum-  ich bin also, vor allem in den letzten Tagen, fast rund um die Uhr im Theater gewesen.

Die brennende Aktualität des Stückes muss ich hier ja gar nicht erst hervorheben. Unter der aufmerksamen, feinfühligen Regie Torsten Fischers spiele ich die Rolle des „Trauerweidenwalter“ und, als eine meiner exotischsten seit je, – eine der Huren.

Die Kolleginnen, die das lesen, werden vielleicht sagen: „Jetzt spielt er uns wieder eine Rolle weg, wo es so schon wenige gibt…“ aber in dem Fall kann ich beruhigen: Die Huren in der Dreigroschenoper sind bei Schauspielerinnen, ob ihrer rein dramaturgischen Bedeutung und einfachen Skizzierung weniger beliebt. Es waren vielmehr die Gründe das Ensemble klein zu halten, aufgrund der ständigen Lage durch Covid, obwohl wir 2x die Woche getestet werden. Des Weiteren war es ein bewusster Schritt seitens des Regieteams, anhand dieser Form der Besetzung, Sexismus und Ungleichbehandlung zu thematisieren. Ganz im Sinne Brechts, wie ich meine, durch Verfremdung.

Alexander Strömer als Hure  in „Die Dreigroschenoper“, Josefstadt/Kammerspiele_Wien

Mich hat diese Rolle, obwohl sie nur aus wenigen Worten, aber viel Körpersprache und Bewegung besteht, derart beeindruckt und mir die Möglichkeit gegeben, einmal vieles aus der weiblichen Sicht zu betrachten, und mir einmal mehr gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, was du tust, sondern wie du es tust: „It’s not the Singer, it’s the Song!“

In der Früh bringen wir, nach einem zeitigen Frühstück unseren Sohn in die Schule, danach bereite ich mich kurz auf die Probe vor, und gehe ins Theater. Dazwischen und an Sonntagen, steht die gemeinsame Zeit mit meiner Familie im Vordergrund. Gemeinsame Aktivitäten oder das gemeinsame kochen. Obwohl meine Frau, die Schauspielerin Dessi Urumova, eine hervorragende Köchin ist, und mich gerne der Küche verweist. Wenn dann noch freie Zeit bleibt, arbeite ich noch etwas an mir, indem ich ein wenig Körperübungen oder Gesangsübungen mache. Und dann ist da ja auch noch der Alltag: Es gibt immer etwas zu tun …

Alexander Strömer, Schauspieler und Dessi Urumova, Schauspielerin_Filmball 2016

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig ist erst einmal das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein zu akzeptieren und es sinnstiftend zu erleben.

Das hört sich nicht leicht an vor allem, wenn existentielle Probleme, finanzielle Einbußen, oder gar Jobverlust das Leben bestimmen. Aber es wäre doch wichtig, jetzt darin eine Gelegenheit zur Beschäftigung mit dem Selbst zu sehen. Zu erkennen, dass nichts unumstößlich ist und danach zu leben.

Dass wir „endliche Geschöpfe“ sind, nicht für die Ewigkeit gebaut. In unserer westlichen Gesellschaft wird das, was Covid aufwirft (Tod, Krankheit, Leid, Endlichkeit, Armut) ja fast professionell ausgeblendet. Die Aufgabe eine neue, gedankliche Solidarität zu finden kommt hinzu. Es trifft letztlich nahezu alle Bevölkerungsschichten.

Rücksicht nehmen, Geduld üben, an sich glauben, nicht verzagen, um nur noch einiges zu nennen …

Angstgefühle kommen da hoch, und es gelingt uns schwer diese zu verdrängen, da wir vieler Verdrängungs- und Ablenkungsmechanismen beraubt sind. Es hängt von Individuum ab, wie damit umgegangen wird, aber es ist für jeden womöglich eine Chance vieles neu zu definieren.

Wir sehnen uns nach unserem „alten Leben“…eine baldige Rückkehr in den alten Trott jedoch, wäre wohl fatal. Da bin ich aber leider nicht allzu optimistisch, denn in vielen Bereichen kündigt sich an, dass ein Umdenken in der Praxis nicht oder wenn, dann nur in Teilbereichen stattfinden wird: Die Schulpolitik spricht schon davon die verlorenen Monate „aufholen zu wollen“, unsere Kinder werden wenig geschont, trotz großer Belastungen, ganz im Gegenteil. Die Wirtschaft bläst aus immenser Not in dasselbe Horn, und alle gutgemeinte Nachhaltigkeit und Klimaaktivität wird, sobald die Pandemie gebrochen ist, fürchte ich, vergessen sein. Es geht, wie immer ums Geld. –  Der Kampf darum, wir in Zukunft noch härter geführt werden, meine ich.

Man wird versuchen alles aufzuholen, was in der Zeit nicht möglich war, ohne zu erkennen, dass es nichts aufzuholen gibt, vor allem nicht Lebenszeit, und, dass man das auch nicht könnte, wenn es etwas aufzuholen gäbe, sondern das Covid dem bisherigen Leben und Treiben eine absolute, schmerzhafte Zäsur gesetzt hat.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Kunst ist Nahrung für die Seele. Kunst bietet die Auseinandersetzung mit dem Ich und Du, und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Kunst stellt Fragen und bietet keine Antworten oder gar Lösungen an sich an, – sollte das zumindest nicht.

Wenn wir es nicht schaffen vieles der „alten Ordnung“ loszulassen, wird es uns schwieriger gelingen uns neu zu er-finden und zu positionieren.

Zurück in „das Alte, Gewohnte“ wird es nicht mehr geben.

Alexander Strömer als Richard Burbage in „Shakespeare in Love“ _Kammerspiele _ Wien

Es gibt zwei Möglichkeiten die Kunst betreffend:

Es wird schon ein allgemeiner Kunst-Hunger offenbar. Viele Leute sehnen sich zutiefst nach Unterhaltung, Inspiration, Kunst und Kulturleben und Begegnungen mit anderen.

Es könnte aber auch durch eine noch länger andauernde Spannung in der Gesellschaft, das Verständnis gegenüber der Kunst weiter schwinden, sodass wir uns zugunsten des Materiellen, für eine geistig verarmte Gesellschaft entscheiden. Das möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Wir Künstler können aus uns heraus eine neue Kraft finden. Die Verwerfungen und die Schieflage, die bereits in der Branche bestanden haben, und in dem, wie die Künstlerschaft von außen wahrgenommen wird, werden ja durch Covid nur verdeckt.

Die Kunstbranche ist im Allgemeinen nicht viel anders als jede andere Branche. Es sollte aber mittlerweile klar sein, sich nicht immer nur in der Position des fairen, menschlichen, Gerechten zu sehen, obwohl ja leider die gleichen Gesetzmäßigkeiten und sagen wir, menschlichen Mechanismen herrschen wie anderswo. Nur vielleicht mit etwas anderen Vorzeichen.

Es gibt ebenso wenig Gleichheit wie in anderen Berufssparten. Einige wenige Agenturen scheinen die Marktlage zu dominieren. Die Newcomer und Senkrechtstarter scheinen nicht vom Himmel gefallen, und mit der vielbesungenen Frage, dass Herkunft keine Rolle spielt, ist es in der Praxis auch nicht weit her. Beispielsweise ist es wirklich nicht leicht überhaupt bzw. zu guten Castings zu kommen, da muss man die richtige Agentur haben. Es kommt wohl in unserer Sparte, speziell Film/Fernsehschauspielerei, vielmehr darauf an, wer kennt wen, als anderswo. Und auch Migration ist in unserer Sparte der Benachteiligung unterworfen.

Meine Frau, beispielsweise, die bulgarisch-stämmige, österreichische Schauspielerin Dessi Urumova gehört zu den schönsten, versiertesten Schauspielerinnen hierzulande, und hat das mit einem sensationellen „Tatort“ unter Beweis gestellt.

Eine Agentur, die zu den Big-Playern gehört, wollte sie aber nicht in ihrem Agentur-Pool aufnehmen, sondern nur „unter der Hand“ vermitteln, das stellte sich meine Frau aber nicht unter einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe vor. Daraufhin blieben plötzlich Angebote am gesamten österreichischen Markt nahezu komplett aus. Glücklicherweise liegen aber, nach langer Durststreck, Aufträge im Ausland in der Projektlade.

Was ich meine: Natürlich sind das ganz grundlegende wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten und leider übliche Vorgangsweisen, aber dann dürfen wir bitte nicht so tun, als ob außerhalb der Kunst und Kulturszene alles verroht, verrottet und aufs Geld aus wäre.

Ich möchte all jenen, die sich benachteiligt fühlen, aber doch in höchster künstlerischer Qualität arbeiten, Mut machen durchzuhalten und sich nicht unterkriegen zu lassen! Stark zu bleiben! Sich nicht erpressen lassen! Und nicht dem „Lohndumping“ in die Hände zu arbeiten!

Also wir, die Kunstschaffenden selbst sind gefordert und müssen einmal innerhalb unseres Kreises für faire, korrekte, transparente Verhältnisse sorgen,- für jene Gleichbehandlung und Chancengleichheit, wie wir sie uns immer von der Politik wünschen-, um erst dann, mit einer neuen Vorbildwirkung, eine neue Gesellschaft einzufordern. 

Was liest Du derzeit?

Vieles …die meisten Bücher mehrmals, beispielsweise begleitet mich „Truth“ schon seit vielen Jahren …

Ken Mogi – Ikigai – Die japanische Lebenskunst – Dumont

John Strelecky – The Big5 of Life – DTV

Susan Batson –Truth – Rugged Land

Sheldon B. Kopp – Mach Schluss mit der Unschuld – Rode

Brecht, Weill,  – Die Dreigroschenoper

…und so vieles auf einmal ….

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ein Zitate-Sammler. Es gibt so viele gute! Für jede Lebenslage!

Hier ein paar wenige, dabei hätte ich so viele mehr …

„Was immer Du kannst oder Dir vorstellst, dass Du es kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie in sich. Beginne jetzt.“

Johann Wolfgang von Goethe

„Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgendetwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“

Bruce Lee

„Wer sich zu groß fühlt, um kleine Aufgaben zu erfüllen, ist zu klein, um mit großen Aufgaben betraut zu werden.“

Jacques Tati

Portrait _Alexander Strömer, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Strömer, Schauspieler

Fotos_1, 2, 3, 5 Alexander Strömer; 4, Harald Klatt; 6, Dimo Dimov.

14.3..2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Corona-Zeiten zeigen deutlich wie sehr unsere Beziehung zum Tod sich geändert hat“ Aaron Whittington, Schriftsteller_ Berlin 19.3.2021

Lieber Aaron, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe meistens sehr früh auf, um 4 Uhr. Ich freue mich immer auf die erste Zigarette und eine Tasse Tee und kann deswegen nicht länger im Bett bleiben. Dann lese ich ca. 2 Stunden. Um 6 Uhr mache ich Apps auf, mit denen ich Fremdsprachen lerne oder Eartraining mache. Ich versuche dabei die Intervalle erkennen zu können und meinen Rhythmus zu verbessern. Bei den Fremdsprachen, übe ich chinesisch, wenn ich mich übermütig fühle, oder Latein, wenn ich etwas Einfacheres brauche.

Nachher kommt  kreative Arbeit. Ich komponiere Musik oder schreibe in meinem Blog oder arbeite an einem Gedicht. Wenn ich keine Lebensmittel im Kühlschrank habe, gehe ich um 7 zum Supermarkt. Zu dieser Uhrzeit ist sehr wenig los und man kommt schnell rein und raus.

Dann habe ich meinen Dayjob. Ich arbeite 5 bis 8 Stunden, aktuell ausschließlich im Homeoffice. Wenn nicht so viel Schnee am Boden liegt, gehe ich gerne Joggen zu Mittag ein paar mal in der Woche.

Nach dem Dayjob manchmal bin ich so gestresst, dass ich nicht weiter an die kreative Arbeit ran kann. Solche Tage sind schwer, und ich lese weiter oder schaue Videos über Musik auf YouTube. An besseren Tagen geht es weiter mit dem Musikmachen bis 20 oder 21 Uhr. Am Samstag mache ich die kreative Arbeit den ganzen Tag, und Sonntag ruhe ich mich aus, manchmal in dem ich durch Berlin wandere und Photos mache. Ich habe angefangen als Dichter, mache aber eine Transition nach Musik, und hoffe dieses Jahr den ersten Track zu veröffentlichen.

Aaron Whittington, Schriftsteller, Musiker


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass viele Menschen den Sinn fürs Mysterium des Lebens verloren haben. Die Corona-Zeiten zeigen deutlich wie sehr unsere Beziehung zum Tod sich geändert hat: der Tod ist jetzt versteckt, während vorher der Tod allgegenwärtig erschien. Ich denke, dass wir versuchen sollen, den Tod als Teil des Leben zu anerkennen. Auf der anderen Seite, scheint dies schwer, wenn wir alle Zeichen des Mysteriums oder Spiritualität verloren haben. Das Projekt meiner Schriften und Musik ist die Wiedererweckung des Mysteriums. Ich halte dies für eine wichtige Aufgabe und würde es sonst nicht unternehmen.

Wenn du Künstler bist, dann ist das Wichtige dabei jeden Tag mindestens ein wenig was zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Effekte von Corona auf die Wirtschaft werden länger dauern. Viele Menschen, die zum ersten Mal während der Pandemie das Lebensmittel oder sonst was online bestellt haben, werden dies weiter tun. Auf der anderen Seite werden Firmen hoffentlich mehr Homeoffice erlauben.

Ich hoffe, dass das Ende der Pandemie eine neue Sozialität einbringen wird, dass wir anerkennen, wie wichtig es ist, die Anwesenheit von anderen Menschen zu genießen. Mir fehlen die Lesungen in Buchläden, die Schauspielkurse, die Nächte im Club oder der Kneipe, Theater, Oper, und Reisen.

Ich denke, dass viele von diesen Sachen dann mit neuem Eifer genossen werden. Wir werden hungrig auf Kunst sein, und mehr davon essen. Wir werden auch mehr davon kreieren – obwohl Corona Zeiten fast ideal sind für einsame Schriftsteller oder Musiker. Ich erwarte besonders gute Stücke in den Berliner Theatern 2021 und 2022.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Ich kann mehr lesen, wenn ich jede Stunde oder so die Gattung oder Autor wechsele. Gerade bin ich bei George Orwells The Road To Wigan Pier, Prousts À la recherche du temps perdu, die Gedichte von Wordsworth, Masse und Macht von Elias Canetti, und ein Fachbuch über die Komposition von Musik.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe letztens Walden gelesen. Echt ein Klassiker! Thoreau ist ein prototypischer Free Spirit aber mit Niveau. Hier ein Zitat, das mich besonders bewegt hat. Es ist eine Formulierung des alltäglichen Gedanken, dass wir im Moment leben sollen. Das besondere daran liegt aus meiner Sicht in die Evokation vom Mysterium der Zeit, und die Unendlichkeiten, die vor und nach unserem Leben stattfinden.

“In any weather, at any hour of the day of night, I have been anxious to improve the nick of time, and notch it on my stick too; to stand on the meeting of two eternities, the past and future, which is precisely the present moment; to toe that line.” (Seite 24 in meiner Aufgabe)

[Vielleicht findet man irgendwo eine deutsche Übersetzung. Ich kann die Stelle selbst nicht übersetzten]

Vielen Dank für das Interview lieber Aaron, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Aaron Whittington, Schriftsteller, Musiker

Aaron Whittington (aaron-whittington.com)

Foto_privat.

19.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kulturförderprogramme im großen Stil sind gefragt“ Michaela Maria Müller, Schriftstellerin_Berlin 19.3.2021

Liebe Michaela Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, Kaffeetrinken, zwei bis drei Stunden Schreibarbeit. Dann Homeschooling, Online-Konferenzen, Meetings, Büroarbeit. Zwischendurch Spazierengehen oder Laufen, um den Kopf freizubekommen. Manchmal auch ein Eisbad in der Havel.

Michaela Maria Müller_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, ist es wichtig, so nah bei sich wie möglich zu bleiben. Bei seinen Bedürfnissen. Und zugleich auf andere achten, empathisch sein. Klingt vielleicht ein bisschen nach Spagat, aber ich versuche, beides im Blick zu behalten. Das letzte Jahr waren eine Anstrengung und ein Einschnitt, der uns unser Leben lang begleiten wird. Vielleicht deshalb: Jetzt nicht zu viel zu schnell wollen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Literatur und der Kunst kommt keine neue Rolle zu, würde ich sagen. Kunstschaffende verbinden alles mit allem. Dann tritt etwas Neues zutage, dem man versucht, eine Form, einen Ausdruck zu geben. Sehen, erkennen, verstehen, benennen. Aber es geht für die Kunstschaffende auch darum, erstmal wieder finanziell auf die Füße zu kommen, und da sind Kulturförderprogramme im großen Stil gefragt, vielleicht wie zu Zeiten des New Deals in den USA.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade: „Ellbogen“ von Fatma Aydemir, ein Tipp von Nadire Biskin, „Mädchen, Frau etc.“ von Bernardine Evaristo, „Dave“ von Raphaela Edelbauer und „Was man sät“ von Marieke Lucas Rijneveld, ein Tipp von Katja Bohnet. Und aus einem Büchertausch mit einem guten Freund: Eva von Redeckers „Revolution für das Leben“. Ich habe es im Tausch für Simone Scharberts „du, alice: Eine Anrufung“ bekommen, und halte es für einen sehr gelungenen Tausch. Zurzeit lese ich sehr langsam und sorgfältig (also hoffentlich!). Manchmal lese ich ein Buch nach dem anderen, jetzt rufen meine Gedanken in die Texte rein, nicht störend, eher produktiv, und ich muss oft pausieren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sich ein neuer Stoff entwickelt und ich ihn erschließe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eine Aussage der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Sie sagte in einem Interview, dass Nicht-Schreibende manchmal denken, dass es beim Schreiben nur um die Tätigkeit des Schreibens an sich ginge. Aber es ist mehr, es geht ums Denken, ums Erfinden. Die Gedanken ruhen nie. So gesehen, sagte sie, hätten Schreibende keinen Urlaub, keine freie Zeit, keine leeren Tage. Alles ist verbunden. Manchmal, berichtete sie, liege sie einfach nur in ihrem Bett. Aber sie arbeite hart, und zwar liegend. Das hatte ich mir so noch nie klargemacht, und es gefällt mir.

Vielen Dank für das Interview liebe Michaela Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michaela Maria Müller, Schriftstellerin

Foto_Uwe Hauth

18.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com