„Zusammen als Künstler:innen zeigen, wer wir sind“ Gitta Edelmann, Schriftstellerin_ Bonn 20.3.2021

Liebe Gitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich fast wie immer, wobei es bei mir derzeit keinen Unterschied zwischen Werktag und Wochenende gibt.  Nach dem Frühstück setze ich mich mit dem Laptop auf mein Schreibsofa und beginne zu arbeiten – das heißt meistens zuerst einmal Schreiben am Manuskript. Anderes, wie Bürokram und Ehrenamtliches für meine Autor:innennetzwerke, erledige ich dann später, außer an den Tagen, an denen ich nachmittags noch Kinder in einer Grundschule betreue.

Lesungen und Workshops fallen ja derzeit alle aus, also fällt die Vorbereitung dafür weg. Das ist schade und finanziell natürlich ein heftiger Einschnitt, aber auch gut, weil ich so mehr schreiben kann.

Videokonferenzen habe ich mehrmals die Woche – das ist oft anstrengender als live zusammenzusitzen, aber andererseits spare ich die Anreise. Und es ist schön, wenigstens so unter Leute zu kommen.

Insgesamt tut mir diese zurückgezogene Zeit gut.

Gitta Edelmann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Den Humor nicht verlieren. Schönes suchen – mit den Augen, mit den Ohren, mit dem Herzen. Kontakte pflegen. Zum Glück haben wir ja all die technischen Möglichkeiten, vor 30 Jahren hätte eine Pandemie mit Lockdown noch ganz anders ausgesehen. Ausbrechen aus dem Gewohnten – kreativ werden. Und auch schon mal darüber nachdenken, was jetzt gut ist und beibehalten werden sollte.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich weiß nicht, ob es gesellschaftlich so schnell einen wirklichen Neubeginn geben wird, zu sehr sehnen sich die meisten Menschen nach dem „vor Corona‟. Zu sehr steht „die Wirtschaft‟, wie sie bisher war, im Mittelpunkt des politischen Denkens. Doch längerfristig, glaube ich, wird eine Veränderung stattfinden. Ich weiß, dass sich viele danach sehnen, dass Veränderungen im persönlichen Bereich jetzt schon stattfinden. Und dabei sollte auch die Literatur eine Rolle spielen. Eine künstlerische, aber nicht ausschließlich.

Literatur spiegelt die Gesellschaft. Sie bildet sie nicht nur ab, sondern deutet Ängste und Hoffnungen der Menschen, ihre Wünsche und Träume. Sie zeigt Wege auf, mit der Welt und ihren Herausforderungen umzugehen. Sie bildet, lenkt ab, unterhält, tröstet, weckt Ideen, fordert heraus.

Und – Literatur und Kunst an sich wird in der Öffentlichkeit hoffnungslos unterschätzt, was ihre Bedeutung für den einzelnen Menschen und die Gesellschaft bedeutet, vielleicht, weil der Begriff „Literatur‟ im Deutschen für viele ein wenig abgehoben klingt und zu sehr an alte Dichter erinnert. Doch gerade jetzt in der Pandemie zeigt sich deutlich, wie wichtig die Arbeit von Autor:innen für unseren Alltag ist. Schließlich schreiben wir nicht nur alle Arten von Büchern für alle Altersgruppen – ohne uns gäbe es auch keine Hörbücher, Hörspiele, Drehbücher, Songtexte …

Und wie würden wir dann einen Lockdown überstehen?

Ich wünsche mir, dass die Arbeit, die Schriftsteller:innen, Musiker:innen und andere Künstler:innen leisten, in Zukunft mehr Anerkennung findet. Dass sie gerechter entlohnt wird. Es kann nicht sein, dass eine Autorin gebeten wird, eine Lesung ohne Honorar zu geben, weil das „doch Werbung‟ für sie sei. Die meisten Menschen – natürlich auch in der Politik – haben keine Ahnung von unserer Arbeit als Soloselbständige und unserem Einkommen.

Ich glaube, daran müssen wir arbeiten, zusammen als Künstler:innen zeigen, wer wir sind. Auch laut und politisch tätig werden. Uns wehren dagegen, dass immer zuerst im Kulturbereich gespart wird. Dass immer noch über das Urheberrecht diskutiert wird, anstatt es endlich so anzuwenden, dass  Urheber:innen gerechter (oder überhaupt mal) für ihre Arbeit entlohnt werden. Damit wir ohne Existenzangst das tun können, was unsere Aufgabe ist: Gesellschaft abzubilden, Ängste und Hoffnungen der Menschen, ihre Wünsche und Träume zu deuten. Wege aufzuzeigen, mit der Welt und ihren Herausforderungen umzugehen. Zu bilden, abzulenken, zu unterhalten, zu trösten, Ideen zu wecken und herauszufordern.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade ein noch unveröffentlichtes Manuskript einer kanadischen Autorin, mit der ich seit meiner Kindheit befreundet bin. Es gefällt mir sehr und ich hoffe, sie findet schnell einen Verlag.

Außerdem schmökere ich in Sachbüchern und im Internet zum Thema London um 1850 für meinen nächsten historischen Roman.

Und ich lese meine eigenen Worte beim Überarbeiten meines Manuskripts und die meiner Co-Autorin für ein Buchprojekt, das wir kapitelweise abwechselnd schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich experimentiere seit einiger Zeit mit Haikus, mal erbaulich, mal trivial, mal kriminell und mal witzig. Das konzentriert meine Gedanken und macht Spaß – kann ich nur empfehlen. Dieser hier ist für euch:

Frühling kommt wieder

ein blaues Band der Hoffnung

Schreibt Haikus, Leute!

Vielen Dank für das Interview liebe Gitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gitta Edelmann, Schriftstellerin

Start – www.gitta-edelmann.de (gitta-edelmann.de)

Foto_privat.

20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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