„Die Corona-Zeiten zeigen deutlich wie sehr unsere Beziehung zum Tod sich geändert hat“ Aaron Whittington, Schriftsteller_ Berlin 19.3.2021

Lieber Aaron, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe meistens sehr früh auf, um 4 Uhr. Ich freue mich immer auf die erste Zigarette und eine Tasse Tee und kann deswegen nicht länger im Bett bleiben. Dann lese ich ca. 2 Stunden. Um 6 Uhr mache ich Apps auf, mit denen ich Fremdsprachen lerne oder Eartraining mache. Ich versuche dabei die Intervalle erkennen zu können und meinen Rhythmus zu verbessern. Bei den Fremdsprachen, übe ich chinesisch, wenn ich mich übermütig fühle, oder Latein, wenn ich etwas Einfacheres brauche.

Nachher kommt  kreative Arbeit. Ich komponiere Musik oder schreibe in meinem Blog oder arbeite an einem Gedicht. Wenn ich keine Lebensmittel im Kühlschrank habe, gehe ich um 7 zum Supermarkt. Zu dieser Uhrzeit ist sehr wenig los und man kommt schnell rein und raus.

Dann habe ich meinen Dayjob. Ich arbeite 5 bis 8 Stunden, aktuell ausschließlich im Homeoffice. Wenn nicht so viel Schnee am Boden liegt, gehe ich gerne Joggen zu Mittag ein paar mal in der Woche.

Nach dem Dayjob manchmal bin ich so gestresst, dass ich nicht weiter an die kreative Arbeit ran kann. Solche Tage sind schwer, und ich lese weiter oder schaue Videos über Musik auf YouTube. An besseren Tagen geht es weiter mit dem Musikmachen bis 20 oder 21 Uhr. Am Samstag mache ich die kreative Arbeit den ganzen Tag, und Sonntag ruhe ich mich aus, manchmal in dem ich durch Berlin wandere und Photos mache. Ich habe angefangen als Dichter, mache aber eine Transition nach Musik, und hoffe dieses Jahr den ersten Track zu veröffentlichen.

Aaron Whittington, Schriftsteller, Musiker


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass viele Menschen den Sinn fürs Mysterium des Lebens verloren haben. Die Corona-Zeiten zeigen deutlich wie sehr unsere Beziehung zum Tod sich geändert hat: der Tod ist jetzt versteckt, während vorher der Tod allgegenwärtig erschien. Ich denke, dass wir versuchen sollen, den Tod als Teil des Leben zu anerkennen. Auf der anderen Seite, scheint dies schwer, wenn wir alle Zeichen des Mysteriums oder Spiritualität verloren haben. Das Projekt meiner Schriften und Musik ist die Wiedererweckung des Mysteriums. Ich halte dies für eine wichtige Aufgabe und würde es sonst nicht unternehmen.

Wenn du Künstler bist, dann ist das Wichtige dabei jeden Tag mindestens ein wenig was zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Effekte von Corona auf die Wirtschaft werden länger dauern. Viele Menschen, die zum ersten Mal während der Pandemie das Lebensmittel oder sonst was online bestellt haben, werden dies weiter tun. Auf der anderen Seite werden Firmen hoffentlich mehr Homeoffice erlauben.

Ich hoffe, dass das Ende der Pandemie eine neue Sozialität einbringen wird, dass wir anerkennen, wie wichtig es ist, die Anwesenheit von anderen Menschen zu genießen. Mir fehlen die Lesungen in Buchläden, die Schauspielkurse, die Nächte im Club oder der Kneipe, Theater, Oper, und Reisen.

Ich denke, dass viele von diesen Sachen dann mit neuem Eifer genossen werden. Wir werden hungrig auf Kunst sein, und mehr davon essen. Wir werden auch mehr davon kreieren – obwohl Corona Zeiten fast ideal sind für einsame Schriftsteller oder Musiker. Ich erwarte besonders gute Stücke in den Berliner Theatern 2021 und 2022.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Ich kann mehr lesen, wenn ich jede Stunde oder so die Gattung oder Autor wechsele. Gerade bin ich bei George Orwells The Road To Wigan Pier, Prousts À la recherche du temps perdu, die Gedichte von Wordsworth, Masse und Macht von Elias Canetti, und ein Fachbuch über die Komposition von Musik.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe letztens Walden gelesen. Echt ein Klassiker! Thoreau ist ein prototypischer Free Spirit aber mit Niveau. Hier ein Zitat, das mich besonders bewegt hat. Es ist eine Formulierung des alltäglichen Gedanken, dass wir im Moment leben sollen. Das besondere daran liegt aus meiner Sicht in die Evokation vom Mysterium der Zeit, und die Unendlichkeiten, die vor und nach unserem Leben stattfinden.

“In any weather, at any hour of the day of night, I have been anxious to improve the nick of time, and notch it on my stick too; to stand on the meeting of two eternities, the past and future, which is precisely the present moment; to toe that line.” (Seite 24 in meiner Aufgabe)

[Vielleicht findet man irgendwo eine deutsche Übersetzung. Ich kann die Stelle selbst nicht übersetzten]

Vielen Dank für das Interview lieber Aaron, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Aaron Whittington, Schriftsteller, Musiker

Aaron Whittington (aaron-whittington.com)

Foto_privat.

19.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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