Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Grunde wie seit Jahren schon: In der ersten Wochenhälfte stehe ich früh auf, lese oder höre Nachrichten, arbeite im Homeoffice in meinem Brotjob und spiele nachmittags ein bisschen Feierabend. Und in der zweiten Wochenhälfte gehe ich in die sehr schöne Bibliothek um die Ecke, um zu schreiben. Und abends treffe ich Freund:innen, gehe ein Bier trinken oder in ein Konzert, ins Kino, zu einer Lesung. Und ansonsten: versuche ich die Lücken zu schaffen, in die alles andere eben hineinpassen muss.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Auch hier wahrscheinlich: mehr oder weniger dasselbe wie immer. Solidarität und Gemeinschaft, dazu das Recht auf Privatheit, das Recht, allein zu sein. Wachheit und Neugier auf den Lauf aller Dinge einerseits, Ruhe- und Rückzugsorte andererseits. Kühle, klare Urteilskraft, dabei Empathie und ein Blick oder Gespür für das Schöne: Zuversicht und produktiver Pessimismus.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur schafft Räume, in denen wir unsere Ängste und unsere Traurigkeiten betrachten können, ohne uns vor dieser Konfrontation zu fürchten. Das sind Räume der Freiheit und der offenen Möglichkeiten, Räume, in denen wir uns selbst begegnen und Erfahrungen machen können, die ans Eingemachte gehen, ohne dass wir uns davor schützen müssen. Sie öffnet in uns, was uns selbst verschlossen ist, und das ist immer stärkend, befreiend.
Literatur macht Mut, sich etwas vorzustellen: ein anderes Leben, eine andere Welt (die unserer verblüffend ähnlich sieht), ein alternatives Ich (das dem unseren geschwisterlich zur Seite steht). Ohne den Spiegel der Kunst könnten wir nie sicher sein, dass es uns gibt.
Was liest Du derzeit?
Eigentlich ständig und immer wieder: Kafka-Briefe (die an Felice Bauer, die an Milena Jesenská), außerdem viel Lyrik (quer durch das Beet, in dem ja ständig so viel wächst und blüht). Zudem Short Stories von Tobias Wolff und Joyce Carol Oates.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Frühaufsteherin
Wozu mit ihr streiten?
Zahlen
beeindrucken sie nicht.
Sie kommt von jenseits
der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Hoffnung –
Frühaufsteherin
am schwärzesten Tag.
(Rainer Malkowski)
Vielen Dank für das Interview, lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen: Andreas Lehmann, Schriftsteller
Zur Person: Andreas Lehmann, geb. 1977 in Marburg, dort aufgewachsen, hat Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz studiert, lebt in Leipzig. Er war zweimal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin und hat Werkstattstipendien der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und der Romanwerkstatt im Literaturforum des Brecht-Hauses Berlin erhalten. Robert Gernhardt Preis 2022, Bad Godesberger Literaturpreis 2023. 2018 erschien sein Debütroman Über Tage, 2021 der Roman Schwarz auf Weiß, 2023 der Erzählband Lebenszeichen und 2026 der Erzählband Kummerflimmern, alle im Karl Rauch-Verlag, Düsseldorf.
https://karl-rauch-verlag.de/autorinnen/autorinnen/autor/43-andreas-lehmann.html
Foto: Andreas Lehmann: Christopher Utpadel
Walter Pobaschnig, 11.5.26