„Dass Poesie in sehr vieler guter Hinsicht auf Lebewesen wirkt, berührt“ Melanie Katz, Schriftstellerin_Zürich 21.3.2021

Liebe Melanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich beginne mit dem Auffädeln von, sagen wir: Glasperlen..hundskommun, kennt jede_r und kosten wenig.

Ich  habe derzeit eine intensive Arbeitsphase und lebe relativ streng getaktet (eine für mich eher ungewöhnliche Form, aber anders kriege ich das Auffädeln im HO-Lockdown nicht hin): Aufwachen, sich vom Schlaf verabschieden, aufstehen, bewegen, mich und die Haare schönmachen, essen, lesen, kochen, essen, allein oder zu zweit neben dem Fluss gehen, sitzen, schreiben, telefonieren, dehnen, essen, irgendwas Nutzloses tun oder mit Freund_innen sprechen, schlafen, aufwachen, Träume aufschreiben, weiterschlafen usf.

Das ist ja aber alles relativ gemütlich. In der Schweiz gibt es viel weniger rigide Restriktionen, wie zum Beispiel die Ausgangssperre, die eine Freundin in Paris oder Freunde in Belgien erlebt haben, nicht zu denken an die Situationen, die diverse Freund_innen in südamerikanischen Ländern durchzumachen hatten. Auch in meiner Berliner Heimat ist’s grad glaub weniger gemütlich. Ich lebe relativ nah an urbanen Naturräumen und habe einen grossen Garten; ich kann Freund_innen und Nachbarn besuchen, auch zuhause.

Melanie Katz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Faden, hier: Ich glaube, Berührung ist jetzt für uns alle wichtig. Physische Berührung aber auch psychische – es ist viel die Rede von Einsamkeit und auch von Solidarität. Ich denke bei psychischer Berührung, Berührbarkeit vor allem an das Üben von Empathie, die zwar als Konzept immer gern ganz hochgehalten und in Anspruch genommen wird. De facto scheint es aber schwierig zu sein, sich wirklich in die Lebensentwürfe hinzuversetzen zu können, die fernab von Klein- oder Grossfamiliengefügen bestehen und diese Situation jetzt wahrscheinlich weniger dezent zu spüren kriegen. Noch dazu, wenn es Menschen betrifft, die finanziell weniger gut dastehen, denen macht diese Zeit unter Garantie mehr zu schaffen. Dies lässt sich im Mikro- wie im Makrokosmos sehen. Solidarität hiesse da sicher: berührbar bleiben, nicht aus der eigenen Sicht urteilen, zuhören und miteinander aushalten. Niemand hat ja jetzt Lösungen parat. Einsamkeit entsteht aber sicher aus dem Umstand, dass niemand da ist, der einfach mal die Situation mitschultert. Was ja Solidarität wäre.

Ach, gutes Essen ist wichtig. Schlafen ist wichtig. Träumen (tags und nachts), würde Bettina sagen, ist auch wichtig. Nadine würde sagen: gute Gespräche, Essen UND Bücher. Simonetta, Tova und Vero würden sagen: tanzen! Bernd würde sagen: Aufräumen und Adrian vielleicht Leipzig. Thats all true und noch mehr! Ich bin immer wieder auch sehr dankbar für diese Gespräche und die kleinen Dinge im Alltag, die mir Freude machen und die doch auch immer noch möglich und vielleicht sogar an manchen Stellen wieder mehr möglich sind. Die Rückbesinnung auf das Einfache, all die Möglichkeiten unserer sinnlichen Existenz. Einander nachsichtig, kraftvoll, sanft und gut sein. Auch wenn das ein bisschen altmodisch klingt und natürlich immer eine Übung ist.

Schlussendlich bleibt aber jederzeit und gerade jetzt die Möglichkeit, über das eigene allzu menschliche Gehabe, die persönlichen Verfasstheiten zu lachen.

Ich trage daher immer einen Schwamm bei mir und bin sehr dankbar, dass ich mit Galgenhumor wirklich reichlich gut ausgestattet bin.

Ansonsten geht auch mal Heavy Metal.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe dazu vor zwei Jahren einen Beitrag für das schweizerische Radio gemacht. Tatsächlich ist das eine Frage, die mich sehr umtreibt. Was kann ich beitragen, was kann Kunst, Literatur leisten, wie kann ich Literatur für alle und jeden spürbar, wirksam, zugänglich machen. Ich finde das sehr wichtig, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass Poesie in sehr vieler guter Hinsicht auf Lebewesen wirkt, von allen verstanden und rezipiert, erlebt werden kann. Und eben: berührt. Und da wollen wir ja hin (womit jetzt auch hier der rote Faden geknüpft wäre).

 An den gesellschaftlichen Aufbruch glaube ich allerdings nicht. Ich glaube, das ist ein Mythos, der sich aus dem Wunsch nach etwas Halt, etwas Greifbarem in einer erschütterten Zeit geboren wurde. Und ich glaube, dieser Mythos ist das Produkt einer sehr satten Gesellschaft mit, die meinte, ihre Schäflein ins Trockene gebracht zu haben und jetzt sieht, wie ihr so manche fetten Felle davonschwimmen. Wenn man in Schwellen- und Entwicklungsländer schaut, dann fallen derart Spekulationen kaum ins Auge.

Was liest Du derzeit?

Verwobenes Leben von Merlin Sheldrake.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Einleitung

Wie fühlt man sich als Pilz?

„In der feuchten Liebe gibt es Augenblicke, da beneidet uns der Himmel für das, was wir auf Erden können.“ ­–Hafiz

Vielen Dank für das Interview liebe Melanie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Melanie Katz, Schriftstellerin

minipli

Foto_privat.

20.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s