„Es gibt in der Kunstbranche ebenso wenig Gleichheit wie in anderen Berufssparten“ Alexander Strömer, Schauspieler_Wien 20.3.2021

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe das große Glück zurzeit zumindest am Theater proben zu dürfen, wenn auch der Spielbetrieb der Pandemie leider komplett zum Opfer fällt. Somit gelingt es mir meine Familie mit meiner „Berufung“, trotz zeitweiser Kurzarbeit, zu ernähren.

Da auch zu Zeiten der Schulschließungen und Lockdowns, vieles ungewohnt und neu war, stiegen natürlich die Anforderungen an das Zeitmanagement, aber wir nehmen es, wie es ist.

Portrait_Alexander Strömer, Schauspieler

Es ist ein Glück künstlerisch tätig sein zu dürfen, und ein Privileg an einem derartigen Haus wie dem Theater in der Josefstadt in Wien, aber das war nicht immer so: Ich weiß, wie es ist, in prekärer Lage zu arbeiten. Ich war nach einigen wertvollen, erfahrungsreichen Jahren im Engagement, auch fast 10 Jahre freiberuflich tätig, mit Familie, da lernt man einiges kennen.

Der Alltag als Ensemblespieler ist aber durchaus herausfordernd. Wir bereiten die Basis, damit ein Protagonist glänzen kann. Es ist viel Teamwork notwendig, und an unserem Haus herrscht eine familiäre Atmosphäre. Zusätzlich haben mich in den letzten Jahren einige langwierige körperliche Verletzungen beschäftigt, ich weiß also auch dadurch, dass nichts selbstverständlich ist, ich weiß, was es bedeutet sich zurück zu kämpfen, und, dass der Weg zurück auf die Bühne, ähnlich dem Comeback eines Sportlers, harte Arbeit bedeutet und viele Höhen und Tiefen mit sich bringt.

Alexander Strömer  als Trauerweidenwalter in „Die Dreigroschenoper“, Josefstadt/Kammerspiele_Wien

Wie gesagt, komme ich gerade aus den Endproben zu Brechts “ Die Dreigroschenoper“, die ursprünglich am 11.3. Premiere feiern sollte,- in der aktuellen Situation leider ohne Publikum-  ich bin also, vor allem in den letzten Tagen, fast rund um die Uhr im Theater gewesen.

Die brennende Aktualität des Stückes muss ich hier ja gar nicht erst hervorheben. Unter der aufmerksamen, feinfühligen Regie Torsten Fischers spiele ich die Rolle des „Trauerweidenwalter“ und, als eine meiner exotischsten seit je, – eine der Huren.

Die Kolleginnen, die das lesen, werden vielleicht sagen: „Jetzt spielt er uns wieder eine Rolle weg, wo es so schon wenige gibt…“ aber in dem Fall kann ich beruhigen: Die Huren in der Dreigroschenoper sind bei Schauspielerinnen, ob ihrer rein dramaturgischen Bedeutung und einfachen Skizzierung weniger beliebt. Es waren vielmehr die Gründe das Ensemble klein zu halten, aufgrund der ständigen Lage durch Covid, obwohl wir 2x die Woche getestet werden. Des Weiteren war es ein bewusster Schritt seitens des Regieteams, anhand dieser Form der Besetzung, Sexismus und Ungleichbehandlung zu thematisieren. Ganz im Sinne Brechts, wie ich meine, durch Verfremdung.

Alexander Strömer als Hure  in „Die Dreigroschenoper“, Josefstadt/Kammerspiele_Wien

Mich hat diese Rolle, obwohl sie nur aus wenigen Worten, aber viel Körpersprache und Bewegung besteht, derart beeindruckt und mir die Möglichkeit gegeben, einmal vieles aus der weiblichen Sicht zu betrachten, und mir einmal mehr gezeigt, dass es nicht darauf ankommt, was du tust, sondern wie du es tust: „It’s not the Singer, it’s the Song!“

In der Früh bringen wir, nach einem zeitigen Frühstück unseren Sohn in die Schule, danach bereite ich mich kurz auf die Probe vor, und gehe ins Theater. Dazwischen und an Sonntagen, steht die gemeinsame Zeit mit meiner Familie im Vordergrund. Gemeinsame Aktivitäten oder das gemeinsame kochen. Obwohl meine Frau, die Schauspielerin Dessi Urumova, eine hervorragende Köchin ist, und mich gerne der Küche verweist. Wenn dann noch freie Zeit bleibt, arbeite ich noch etwas an mir, indem ich ein wenig Körperübungen oder Gesangsübungen mache. Und dann ist da ja auch noch der Alltag: Es gibt immer etwas zu tun …

Alexander Strömer, Schauspieler und Dessi Urumova, Schauspielerin_Filmball 2016

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig ist erst einmal das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein zu akzeptieren und es sinnstiftend zu erleben.

Das hört sich nicht leicht an vor allem, wenn existentielle Probleme, finanzielle Einbußen, oder gar Jobverlust das Leben bestimmen. Aber es wäre doch wichtig, jetzt darin eine Gelegenheit zur Beschäftigung mit dem Selbst zu sehen. Zu erkennen, dass nichts unumstößlich ist und danach zu leben.

Dass wir „endliche Geschöpfe“ sind, nicht für die Ewigkeit gebaut. In unserer westlichen Gesellschaft wird das, was Covid aufwirft (Tod, Krankheit, Leid, Endlichkeit, Armut) ja fast professionell ausgeblendet. Die Aufgabe eine neue, gedankliche Solidarität zu finden kommt hinzu. Es trifft letztlich nahezu alle Bevölkerungsschichten.

Rücksicht nehmen, Geduld üben, an sich glauben, nicht verzagen, um nur noch einiges zu nennen …

Angstgefühle kommen da hoch, und es gelingt uns schwer diese zu verdrängen, da wir vieler Verdrängungs- und Ablenkungsmechanismen beraubt sind. Es hängt von Individuum ab, wie damit umgegangen wird, aber es ist für jeden womöglich eine Chance vieles neu zu definieren.

Wir sehnen uns nach unserem „alten Leben“…eine baldige Rückkehr in den alten Trott jedoch, wäre wohl fatal. Da bin ich aber leider nicht allzu optimistisch, denn in vielen Bereichen kündigt sich an, dass ein Umdenken in der Praxis nicht oder wenn, dann nur in Teilbereichen stattfinden wird: Die Schulpolitik spricht schon davon die verlorenen Monate „aufholen zu wollen“, unsere Kinder werden wenig geschont, trotz großer Belastungen, ganz im Gegenteil. Die Wirtschaft bläst aus immenser Not in dasselbe Horn, und alle gutgemeinte Nachhaltigkeit und Klimaaktivität wird, sobald die Pandemie gebrochen ist, fürchte ich, vergessen sein. Es geht, wie immer ums Geld. –  Der Kampf darum, wir in Zukunft noch härter geführt werden, meine ich.

Man wird versuchen alles aufzuholen, was in der Zeit nicht möglich war, ohne zu erkennen, dass es nichts aufzuholen gibt, vor allem nicht Lebenszeit, und, dass man das auch nicht könnte, wenn es etwas aufzuholen gäbe, sondern das Covid dem bisherigen Leben und Treiben eine absolute, schmerzhafte Zäsur gesetzt hat.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Kunst ist Nahrung für die Seele. Kunst bietet die Auseinandersetzung mit dem Ich und Du, und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Kunst stellt Fragen und bietet keine Antworten oder gar Lösungen an sich an, – sollte das zumindest nicht.

Wenn wir es nicht schaffen vieles der „alten Ordnung“ loszulassen, wird es uns schwieriger gelingen uns neu zu er-finden und zu positionieren.

Zurück in „das Alte, Gewohnte“ wird es nicht mehr geben.

Alexander Strömer als Richard Burbage in „Shakespeare in Love“ _Kammerspiele _ Wien

Es gibt zwei Möglichkeiten die Kunst betreffend:

Es wird schon ein allgemeiner Kunst-Hunger offenbar. Viele Leute sehnen sich zutiefst nach Unterhaltung, Inspiration, Kunst und Kulturleben und Begegnungen mit anderen.

Es könnte aber auch durch eine noch länger andauernde Spannung in der Gesellschaft, das Verständnis gegenüber der Kunst weiter schwinden, sodass wir uns zugunsten des Materiellen, für eine geistig verarmte Gesellschaft entscheiden. Das möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Wir Künstler können aus uns heraus eine neue Kraft finden. Die Verwerfungen und die Schieflage, die bereits in der Branche bestanden haben, und in dem, wie die Künstlerschaft von außen wahrgenommen wird, werden ja durch Covid nur verdeckt.

Die Kunstbranche ist im Allgemeinen nicht viel anders als jede andere Branche. Es sollte aber mittlerweile klar sein, sich nicht immer nur in der Position des fairen, menschlichen, Gerechten zu sehen, obwohl ja leider die gleichen Gesetzmäßigkeiten und sagen wir, menschlichen Mechanismen herrschen wie anderswo. Nur vielleicht mit etwas anderen Vorzeichen.

Es gibt ebenso wenig Gleichheit wie in anderen Berufssparten. Einige wenige Agenturen scheinen die Marktlage zu dominieren. Die Newcomer und Senkrechtstarter scheinen nicht vom Himmel gefallen, und mit der vielbesungenen Frage, dass Herkunft keine Rolle spielt, ist es in der Praxis auch nicht weit her. Beispielsweise ist es wirklich nicht leicht überhaupt bzw. zu guten Castings zu kommen, da muss man die richtige Agentur haben. Es kommt wohl in unserer Sparte, speziell Film/Fernsehschauspielerei, vielmehr darauf an, wer kennt wen, als anderswo. Und auch Migration ist in unserer Sparte der Benachteiligung unterworfen.

Meine Frau, beispielsweise, die bulgarisch-stämmige, österreichische Schauspielerin Dessi Urumova gehört zu den schönsten, versiertesten Schauspielerinnen hierzulande, und hat das mit einem sensationellen „Tatort“ unter Beweis gestellt.

Eine Agentur, die zu den Big-Playern gehört, wollte sie aber nicht in ihrem Agentur-Pool aufnehmen, sondern nur „unter der Hand“ vermitteln, das stellte sich meine Frau aber nicht unter einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe vor. Daraufhin blieben plötzlich Angebote am gesamten österreichischen Markt nahezu komplett aus. Glücklicherweise liegen aber, nach langer Durststreck, Aufträge im Ausland in der Projektlade.

Was ich meine: Natürlich sind das ganz grundlegende wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten und leider übliche Vorgangsweisen, aber dann dürfen wir bitte nicht so tun, als ob außerhalb der Kunst und Kulturszene alles verroht, verrottet und aufs Geld aus wäre.

Ich möchte all jenen, die sich benachteiligt fühlen, aber doch in höchster künstlerischer Qualität arbeiten, Mut machen durchzuhalten und sich nicht unterkriegen zu lassen! Stark zu bleiben! Sich nicht erpressen lassen! Und nicht dem „Lohndumping“ in die Hände zu arbeiten!

Also wir, die Kunstschaffenden selbst sind gefordert und müssen einmal innerhalb unseres Kreises für faire, korrekte, transparente Verhältnisse sorgen,- für jene Gleichbehandlung und Chancengleichheit, wie wir sie uns immer von der Politik wünschen-, um erst dann, mit einer neuen Vorbildwirkung, eine neue Gesellschaft einzufordern. 

Was liest Du derzeit?

Vieles …die meisten Bücher mehrmals, beispielsweise begleitet mich „Truth“ schon seit vielen Jahren …

Ken Mogi – Ikigai – Die japanische Lebenskunst – Dumont

John Strelecky – The Big5 of Life – DTV

Susan Batson –Truth – Rugged Land

Sheldon B. Kopp – Mach Schluss mit der Unschuld – Rode

Brecht, Weill,  – Die Dreigroschenoper

…und so vieles auf einmal ….

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich bin ein Zitate-Sammler. Es gibt so viele gute! Für jede Lebenslage!

Hier ein paar wenige, dabei hätte ich so viele mehr …

„Was immer Du kannst oder Dir vorstellst, dass Du es kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie in sich. Beginne jetzt.“

Johann Wolfgang von Goethe

„Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgendetwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“

Bruce Lee

„Wer sich zu groß fühlt, um kleine Aufgaben zu erfüllen, ist zu klein, um mit großen Aufgaben betraut zu werden.“

Jacques Tati

Portrait _Alexander Strömer, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Strömer, Schauspieler

Fotos_1, 2, 3, 5 Alexander Strömer; 4, Harald Klatt; 6, Dimo Dimov.

14.3..2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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