„Also wissen alle, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist“ Annette Hug, Schriftstellerin_Zürich 17.5.2021

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Das Zoom-Loch öffnet überraschende Kanäle: Nach Singapur oder Manila, oder ins Quartier nebenan. Gleichzeitig bricht telefonisch schon Hektik aus, weil hier in der Schweiz Mitte April erste Öffnungen beschlossen worden sind. Zunächst in steigende Infektionszahlen hinein. Alle wissen, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich versuche, mir Ruhe zu bewahren, um übersetzen zu können, denn ich arbeite an einem Gedichtband der philippinischen Dichterin Luna Sicat Cleto.

Annette Hug, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Verstand nicht zu verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Mit Zwanzig habe ich mit Orgelspielen Geld verdient. An dem Instrument faszinierte mich, dass sich die Polyphonie in meinen Körper übersetzte: Die rechte Hand spielte eine bis zwei Stimmen, die linke Hand eine Stimme und die Füße eine vierte. Das funktionierte aber nur, wenn mein Hirn eine etwas mirakulöse Klippe nahm und vierstimmig dachte. Politisch fand ich das berauschend: So müsste ich gesellschaftliche Vorgänge denken können, dachte ich. Nicht die Generallinie oder den Hauptwiderspruch suchen. Komplexe, sich gegenseitig beeinflussende Entwicklungen überhaupt wahrzunehmen, um darüber nachdenken und klug entscheiden zu können, ist schwierig. Das lerne ich in dieser Krise erneut, schmerzhaft. Theater ist noch vielstimmiger als ein Orgelstück. Das ist überlebenswichtig. 

Was liest Du derzeit?

Den Roman «Weiches Begräbnis» von Fang Fang. Sie wurde vor einem Jahr mit ihrem Tagebuch aus Wuhan schlagartig berühmt. Da stellte ich fest, dass von ihrem eigentlichen literarischen Werk auf Deutsch nichts vorliegt. Zum Glück wird viel mehr Chinesisches auf Französisch übersetzt. So konnte ich eine wunderbare Autorin entdecken: Eine radikale Stimme in der literarischen Öffnung nach der Kulturrevolution. Jetzt liegt auch auf Deutsch dieser eine Roman vor. Es geht um brutales Verschweigen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was ich zu jeder Gelegenheit zitieren möchte. Friederike Mayröcker zu Ehren von Elke Erb: «…so rufe ich auf am heutigen Morgen die Dichterin und ihre verhüllte eingehüllte unbetretbare Sprache, ihre undurchdringlichen Sprachhüllen, ihre leuchtende GROTTENSPRACHE, GANGLIENSPRACHE, ihre gemalte ÜBERSETZUNGSSPRACHE, analog einem Wort von Marcel Proust : die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben …»

Annette Hug, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Hug, Schriftstellerin

Annette Hug Autorin – Webseite der Autorin Annette Hug

Fotos_1 und 4 Florian Bachmann; 2 und 3 Corinne Stoll.

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern“ Daniela Engist, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 17.5.2021

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage werden stark von den Belangen der zu Hause gestrandeten Kinder strukturiert, aufwecken, Frühstück, Mittagessen, Abendessen, ins Bett schicken. Am Morgen schauen wir, dass sie ihren Fernunterricht auf die Reihe bekommen, dann verziehe ich mich mit meinem Kaffee in mein Arbeitszimmer. Ich hänge viel zu viel im Internet herum, auf Newsportalen, Social-Media-Kanälen, ertappe mich dabei, andauernd meinen E-Mail-Eingang zu checken. Es ist als würde ich einen Heuhaufen durchstöbern, als ob da irgendwo eine Antwort zu finden wäre, irgendein Hinweis, der mich weiterbrächte. Ich habe große Sehnsucht danach, dass etwas in Bewegung kommt. Weil die Welt stillsteht, bewege ich mich, gehe spazieren: hoch auf den Schlossberg, immer die gleiche Strecke. An der immer gleichen Stelle mache ich das immer gleiche Foto: eine Bank zwischen zwei alten Bäumen über der Stadt. Dass sich die Lichtverhältnisse ändern, der Himmel, die Natur, dass da mal ein Mensch sitzt, mal zwei, mal mehr und mal keiner, ist irgendwie tröstlich. Arbeiten, weiterschreiben fällt mir derzeit schwer. Gerade ist mein zweiter Roman „Lichte Horizonte“ erschienen – immer noch zu Unzeiten. Muss mich zusammennehmen nicht andauernd zu denken „eigentlich wäre jetzt, eigentlich würde ich jetzt“.

Daniela Engist_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich spreche nicht so gerne für alle. Dabei kommt meist nur Unzureichendes oder Banales raus. Was mir persönlich hilft, ist mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann, und möglichst wenig Erwartungen zu haben. Ich weigere mich, auf andere zu zeigen und mich ausgeliefert zu fühlen. Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern. Blick senken und einen Schritt nach dem anderen gehen. Das gelingt streckenweise gut, aber manchmal packt mich doch die Verzweiflung. Und dann würde ich mich gerne ins magischen Denken flüchten und mir die Augen zuhalten, und wenn ich die Hände wieder wegnehme, ist alles vorbei.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir werden sehen, was noch vom Vorher übrig sein wird, gesellschaftlich und kulturell. Um so manches wäre es nicht schade, wenn es nicht wiederkäme … . Persönlich bin ich regelrecht begierig darauf, endlich wieder aufzubrechen, auch gerne ins Unbekannte! Ich tripple und trapple auf der Stelle wie ein Rennpferd in der Startbox. Ich brauche keine großen Sicherheiten und Gewissheiten, aber ich brauche Bewegungsfreiheit. Der Literatur mag ich keine Rolle zuweisen, das klingt so, als ob sie einen Auftrag hätte, einen Zweck erfüllen müsste. Kunst soll ins Offene gehen. Das wird nach dieser Pandemie nicht anders sein als vorher. Fiktionale Texte, in denen sich ein Autor, eine Autorin ein Thema vornimmt, nur weil es gerade en vogue oder weil da jemand woke ist, interessieren mich nicht.

Was liest Du derzeit?

Mir fällt auf: ich bewege mich gerade auf ähnlich fahrige Weise durch Texte wie durchs Internet, blättere viel, häufig in bereits Gelesenem. Schon seit Monaten. Bachmann vor und zurück, Undine geht, Der gute Gott von Manhattan, Malina. Das Einzige, was ich in diesem Frühjahr vollständig und intensiv gelesen habe, war das Manuskript eines sehr geschätzten Kollegen. Der Roman erscheint voraussichtlich im Herbst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erst wenn die Phrasen einer Zeit verschwinden, finden wir die Sprache für eine Zeit und wird Darstellung möglich. (…) Es gibt in der Kunst keinen Fortschritt in der Horizontale, sondern nur das immer neue Aufreißen einer Vertikalen.“ Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesungen

Daniela Engist_Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Engist, Schriftstellerin

Daniela Engist | Schriftstellerin (daniela-engist.de)

Fotos_Anja Limbrunner

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Viele Geschichten müssen und wollen erzählt werden“ Christin Amy Artner, Schauspielerin_Wien 16.5.2021

Liebe Christin Amy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich gab es auch vor Corona nicht „den“ Tagesablauf, da jeder Tag projektbezogen unterschiedlich ist. Ich stehe zwischen 6 und 10 Uhr auf, je nachdem wie lange der Abend davor war, ob es einen langen Dreh gab oder ein Projekt ausgearbeitet wurde, oder ich nachts besonders gut schreiben konnte oder um 7 Uhr Drehbeginn ist oder ich am Schneidetisch wieder mal die Zeit übersah….

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Vor Corona gab es allerdings Fixtermine, die jetzt leider wegfallen, wie Fitnesscenter, Gruppentraining und Workshops, die ich für SchauspielerInnen gebe, Live-Auftritte fallen weg, Reisen und Auslandstermine leider auch.

Ich achte sehr auf meine Ernährung und jeder Tag beginnt mit einem Geheimtipp an Powerfrühstück: Kokosjoghurt, Chiasamen, Zimt, Kardamom, Ingwer, Walnüsse, Kokosflocken, Hanfsamen und viel frisches Obst. Danach kann es losgehen. Zwischendurch mache ich Körperübungen und Stimmübungen oder gehe um den Block, um Luft und Sonne zu tanken, sofern es welche gibt.

Was sich noch verändert hat: ich lasse mich nicht mehr stressen und bin gelassener, da ich nicht von einem Termin zum nächsten hetzen kann, weil ja wenige persönliche Termine zurzeit möglich sind…

Ich nütze die Zeit bewusster und finde jeden Tag aufs Neue einen Weg, mit der Situation umzugehen, was nicht immer leicht ist. Selbstverständliche Dinge, wie Nahrungsaufnahme, haben eine noch stärkere Bedeutung bekommen und manchmal bin ich stundenlang in der Küche, backe glutenfreies Brot oder erfinde ein neues Gericht. Dafür hatte ich vor Corona keine Zeit. Diese Tätigkeiten geben mir Ruhe und Kraft. Ich habe das Glück, nicht alleine zu leben und kann viel quality time mit meinen Lieben verbringen. Wir arbeiten alle im Bereich Film und Musik, noch dazu in einem Haus, daher weiß ich, wie privilegiert meine Situation ist. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Durch den Versuch, Kunst und Kultur in unserem Land abzuwürgen, wird sich eine starke, diverse und aktive Kulturszene bilden, eine Szene fernab des mainstreams, aber mit Aussage und Inhalt. Wir hatten jetzt ein Jahr Zeit zu reflektieren, vertiefen, ausmisten, erneuern und fokussieren. Viele Geschichten müssen und wollen erzählt werden. Wir müssen alle umdenken, nicht in schneller, höher, besser, sondern in menschlicher, vorausschauender, liebevoller. Kunst und Kultur hat die Aufgabe, aufzuzeigen, zu polarisieren, frei zu sein, für Freiheit auch zu kämpfen, mutig zu sein und sich gegen Diktate zu stellen.

Alle sprechen von „Umdenken“, aber was bedeutet das? Da ist auch drum-herumdenken mit dabei im Wort und das führt nicht weit. Wir müssen unsere Werte neu betrachten, nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit unseren anderen Sinnen, wie dem Herz und dem Bauch/Intuition.

Was liest Du derzeit?

Neben verschiedenen Drehbüchern auch ein sehr interessantes Buch mit dem Titel „Du bist, was du sagst. Was unsere Sprache über unsere Lebenseinstellung verrät.“ Von Joachim Schaffer-Suchomel und Klaus Krebs.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es ist vielleicht kein schlechtes Ziel im Leben, den höchsten Teil deines Selbst zu kennen, zu erfahren und dort zentriert zu bleiben. Neil Donald Walsh.

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Vielen Dank für das Interview liebe Christin Amy, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Christin Amy Artner – Schauspiel | Sprache | Regie | Drehbuch

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Hotel Regina_10.5.2021

12.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben“ Julia Lacherstorfer, Musikerin_Wien 16.5.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist nach wie vor ganz unterschiedlich! An manchen Tagen genieße ich ruhige Morgenstunden, meditiere, mache Yoga und frühstücke auf der Terrasse! An anderen Tagen starte ich mit einem Stäbchen in der Nase, um mich für eine anstehende Probe zu testen.

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sinn und Sinnlichkeit. Das mag wie eine abgedroschene Floskel klinge, aber ich meine es tatsächlich. Wir brauchen einen Sinn und ein Ziel im Leben, das wir auch unabhängig von äußeren Einschränkungen der Pandemie verfolgen können! Je unsicherer das Außen, umso wichtiger eine Stabilität im Inneren.

Und was uns allen einfach im Moment massiv fehlt ist fast alles, wodurch wir Sinnlichkeit erfahren konnten – sei es im Erleben eines Konzertes, ein gemeinsames Abendessen mit Freund:innen, eine zwanglose Unterhaltung und ein paar Drinks beim Weggehen oder ausgelassenes Tanzen. All das ist im Moment nicht möglich, und wir sind herausgefordert, uns diese Sinnesanregungen in die eigenen 4 Wände zu holen, damit uns das innere Leuchten nicht verloren geht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Aus meiner Sicht ist es einerseits der fast schon überstrapazierte Begriff der Resilienz – unsere Fähigkeit, uns schnell an die neuen gesellschaftlichen und strukturellen Codes und Vorgaben anzupassen und professionell damit umzugehen.

Andererseits fühle ich immer stärker, dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben und in der Vielzahl an Angeboten nicht unterzugehen. Ich finde es wichtig, musikalisch dann was zu sagen, wenn ich was zu sagen habe, und zu schweigen, wenn nicht. Dann gibt es eben andere, die gerade für etwas brennen, aber ohne ein Brennen für etwas, ist es keine Kunst die bestehen kann und gesellschaftlichen Impact hat. Jede Kunstform hilft einer Gesellschaft, sich selbst zu reflektieren und sich gesund weiterzuentwickeln, und Musik schafft das auf eine besonders emotionale Art und Weise.
Ein Konzertbesuch sollte erschütternd sein, bewegend oder zumindest berührend, und sollte das Publikum in einem erweiterten Bewusstseinszustand wieder nachhause entlassen.

Was liest Du derzeit?

BRENÈ BROWN

Verletzlichkeit macht stark.
Wie wir unsere inneren Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Buch beginnt mit einem Roosevelt Zitat, 1910 an der Sorbonne:
„Der Mann in der Arena“

[…] Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolptert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt, und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat. […]

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Julia Lacherstorfer | Ich

Foto_Elsa Okazaki

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich wünsche mir eine neue Kunstökonomie, die nicht an den Kunstmarkt gebunden ist“ Elodie Grethen, Künstlerin_ Wien 15.5.2021

Liebe Elodie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist immer ganz unterschiedlich. Vor dem letzten Lockdown im April des Jahres war ich drei bis vier Tage die Woche im Bildraum 01, um Besucher*innen durch meine Einzelausstellung „Guarding Lions“ zu führen. Jetzt bin ich wieder viel zu Hause.

Elodie Grethen_Künstlerin_selfportrait


Ich versuche immer zur gleichen Zeit aufzustehen, um eine Struktur zu schaffen. Es gelingt nicht immer, oft fange ich schon während des Frühstückes zu arbeiten an und merke erst gegen Mittag, dass ich noch im Pyjama bin. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt immer mehr.

guarding lions 7_Elodie Grethen

Im Moment fotografiere ich ganz wenig, ich arbeite eher am Computer und erledige administrative Sachen oder ich plane die nächste Ausstellung. Eigentlich Sachen, die früher schon Teil meines Alltages waren, die aber jetzt in den virtuellen Raum verlegt worden sind.
Am Nachmittag gehe ich an die frische Luft: Spazieren, Joggen oder Radfahren, egal, Hauptsache Bewegung und runterkommen.

Abends schaue ich meistens einen Film oder ich lese ein Buch.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig wäre in solchen Zeiten, sich keine Sorgen um die eigene Existenz machen zu müssen. Also ganz idealistisch ausgedrückt: faires Wohnen für alle, bedingungsloses Grundeinkommen, eine richtige Sozialpolitik.
Realistischer wäre es aber: Empathie, Ruhe, Kontakt zu Anderen weiterpflegen… und mal wieder ein bisschen Sonne.

guarding lions 9_Elodie Grethen

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat viele systemischen Ungleichheiten sichtbar gemacht und verschärft. Ich bin aber nicht überzeugt, dass wir vor einem Aufbruch stehen. Es hat sich natürlich viel verändert und die derzeitige Situation ist für uns alle komplettes Neuland. Ich hoffe nur, dass wir das als Chance nutzen werden und um selbst zu organisieren und radikaler zu arbeiten.

Die Rolle der Kunst ändert sich dabei aber nicht: Auf Krisen zu reagieren, Wege zu schaffen, Prozesse sichtbar zu machen, das war immer ihre Rolle. Kunst kann und darf alles. Was viel wesentlicher wäre und was ich mir persönlich wünsche, ist eine neue Kunstökonomie, die nicht an den Kunstmarkt gebunden ist und die Hand in Hand mit einer fairen Kulturpolitik gekoppelt ist.

guarding lions 13_Elodie Grethen

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher parallel. Im Moment, « Gender Trouble » von Judith Butler, „SCUM Manifesto“ von Valerie Solanas und immer schlechte Krimis zum Einschlafen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“They say that all these forms denote an outworn language. They say everything must begin over again. They say that a great wind is sweeping the earth. They say that the sun is about to rise.”
Les Guérillères von Monique Wittig.

guarding lions 5_Elodie Grethen

Vielen Dank für das Interview liebe Elodie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elodie Grethen, Künstlerin _Wien_Frankreich

www.elodiegrethen.com

Alle Fotos_Elodie Grethen

15.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir die Vielfalt der Theater unbedingt wiederbeleben und aufrecht erhalten“ Kathrin Beck, Schauspielerin_Wien 15.5.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Großteils regelmäßiger als ich es als freiberufliche Schauspielerin gewohnt bin. Es war
interessant zu erleben, wie sich in dieser außergewöhnlichen und herausfordernden
Zeit ein natürlicher Rythmus eingespielen konnte, der sich nicht nur gut anfühlt,
sondern mir auch Halt und Kraft gibt. Dieser besteht jeden Tag aus einem Wechselspiel
zwischen seelischer, kreativer und administrativer Arbeit.

Kathrin Beck_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebevolll und achtsam mit sich selbst und anderen zu sein. Schöne und positive Aspekte im Hier und Jetzt zu sehen und diesen auch Raum zu geben; sich bewusst täglich Inseln der Erleichterung zu schaffen, um sich eine Form von Ausgleich gegenüber dem Druck und der Last der Pandemie und ihrer Folgen, sowie all den negativen Nachrichten gegenüber zu schaffen. Neben meiner kreativen Arbeit zählen Yoga, Meditation, Schreiben, die Natur und last but not least die Zeit mit meinem Mann zu meinen wichtigsten Kraftquellen. Das ist nicht neu für mich, mir aber durch das vergangene Jahr noch bewusster geworden.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem
Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Erlebnisse miteinander zu teilen und zu verarbeiten war und wird immer ein großes Bedürfnis sein. Ich meine sogar, es ist eine Notwendigkeit, um zu spüren, dass wir nicht alleine sind mit den Herausforderungen, die uns das Leben stellt. Unverändert erzählen wir Schauspieler – alle Künstler – Geschichten und machen Themen aus verschiedensten Perspektiven sichtbar, hörbar, spürbar. Eine Theatervorstellung ist immer ein Dialog zwischen Schauspieler und Publikum, ein momentanes, kollektives, individuelles und unwiederbringliches Erlebnis. Dieses Miteinander kreieren und teilen zu können macht Theater unverzichtbar.

Mein Wunsch an die Gesellschaft in Sachen Kultur ist, dass wir die Vielfalt der Theater unbedingt wiederbeleben und aufrechterhalten. Jedes Haus, jede Theatergruppe hat eine eigene Ausdrucksweise, wodurch sich wiederum das Publikum auf differenzierte Weise gehört, gesehen, inspiriert und abgeholt fühlen kann – eine win-win Situation!

Was liest Du derzeit?

‘Island’ von Aldous Huxley
‘Chatter’ von Ethan Kross

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Move, but don’t move the way fear makes you move. –Rumi

Thoughts are boomerangs, returning with precision to their source. Choose wisley what
you throw.
–Anonymous

Kathrin Beck_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Beck, Schauspielerin

Kathrin Beck – Kathrin Beck, Actress

Fotos _01, 03, 04_Sam Löwenstein_02_Thomas Mikusz

16.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Orkaniden“ Sturmgedichte,  Julia Kulewatz. kul-ja! publishing.

„Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst“, schreibt die Dichterin Hilde Domin. Dazu braucht es für den Menschen „eine Pause, in der die Zeit stillsteht…darin ist die Kunst der Liebe verwandt…“.  Diese Pause ist für Domin eine „aktive Pause“, ein Atemholen, ein Blick und Griff nach Innen und Außen, ein Vorwärtsgehen in Leben, Sinn und Liebe. In allem Sturm der Zeit.

Julia Kulewatz, Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, lädt mit Ihrem ersten zweisprachigen Lyrikband Orkaniden (deutsch/englisch) zu einer poetischen Selbstbegegnung des Menschen, die gleichsam Zeitinseln von Sinn und Welt wiederentdecken lässt. In direkter Selbstaussage und Dialog wird die Erfahrung von Sein in Begegnung und Liebe zur zentralen Selbstvergewisserung und Erkenntnis. Im Fortschreiten darin, in Glück und Scheitern, geht es um Wort und Stimme, die Erfahrenes benennen, sagen und bewahren, leiden und klagen, daraus Kraft schöpfen in Vision und Ausblick im Sturm des Lebens. Der Mensch ist hineingestellt in Zeit und Raum aber nie allein darin. Und aller Anfang ist dabei das Wort im Ich und Du. Dies gilt es immer wieder zu erschaffen, zu benennen und fortzubilden.

Julia Kulewatz ist eine Meisterin der Wort- und Lebensfarben. Ihre Poesie ist ein Kreuzungspunkt von Licht und Dunkel, an dem es um das Innerste, um alles geht. In virtuoser Variation poetischer, mythologischer Referenzen (Genial auch der Bezug und Transfer von Ingeborg Bachmanns „Undine“ Erzählung im Gedicht “Männer mit Namen Hans“) wird das Gedicht zu einer Seelenreise, die Freiheit und Raum eines Lebens öffnet und in Ansprache, Reflexion und Impuls begeistert. Überraschung und Entdeckung – Poesie im besten Sinne!

Es ist ein großes Geschenk, dass uns Julia Kulewatz mit dieser poetischen Reise zu Selbst und Sinn macht. Ein Wort-Geschenk, das auch in seiner wunderbaren Edition mit Illustrationen von Jantien Sturm begeistert!

„Das Gedicht ist unverzichtbar in Selbsterkenntnis, Mut und Freiheit. Es gibt keinen besseren Beweis dafür!“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Den KünstlerInnen wie RezipientInnen beiseitezustehen und gegen den Einheitsbrei zu kämpfen“ crackthefiresister_Künstlerin_Wien 14.5.2021

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich einen „Brotberuf“ habe, unterscheidet sich mein Alltag weniger im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie als bei KünstlerInnen, die sich vollkommen dieser Aufgabe widmen. Den „Kulturbetrieb“ mit all seinen Orten, Menschen und Interaktionen vermisse ich aber auch sehr.

crackthefiresister _Autorin, Texterin, Malerin, Performerin, Musikerin.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In dieser Zeit ist meiner Meinung nach besonders wichtig, das zu bewahren, was uns alle glücklich macht. Also weder Egoismus, noch das Verneinen der eigenen Bedürfnisse, sondern ein Finden der Mitte und eine Extraportion Freude. Damit meine ich freiwillige Rücksichtnahme auf andere Menschen, aber auch im Rahmen der Möglichkeiten sich selbst Freude zu bereiten. Jeder erste Schritt zur Hilfe und zum Wohlbefinden ist wichtig, also eine aktive Bemühung statt bloß zu warten oder zu reagieren. Mir selbst hilft es, positive Beobachtungen auszusprechen, auch wenn sie noch so klein erscheinen. Ruf‘ jemanden an, schreib‘ eine Karte oder kauf dir selbst einen Blumenstrauß und schenk‘ jemandem in der Nachbarschaft eine Blume daraus.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wann und wie ein „Neubeginn“ aussieht, weiß ich nicht. Es wird wohl ein Kontinuum sein, das hier und dort uns bekannte und endlich wieder mögliche Elemente einhakt und mit den neuen Ausweichbemühungen kooperieren muss. Meine Freude wird groß sein, wenn vieles wieder sein darf, das derzeit leider fehlt, aber ich bin vorsichtig mit meinen Zukunftsvisionen, da ich auch nicht mehr weiß als andere. Natürlich gibt es auch jetzt etwas zu tun, das uns hoffentlich weiterhin begleitet: Man schreibt mehr Beiträge für Blogs, Ausstellungen und Veranstaltungen unter freiem Himmel sind geplant und an meinem Buch arbeite ich ohnehin zu Hause. Positive Effekte sind auch bei den Videokonferenzen und Streamings zu bemerken, weil diese nun als Nebeneffekt jene Menschen inkludieren, die auch vor der Pandemie nicht hinaus konnten. Allerdings sind sicherlich viele Leute schon „kastlmüde“ und wollen wieder Kunst und Menschen in ihrer Nähe in 3D, mit Bewegung, Raumtiefe und dem Rhythmus, der sich aus allen interagierenden Elementen ergibt; mit Klang und originalen Hintergrundgeräuschen, mit Gerüchen in Räumen, mit Lichteinfall. Zu jeder Zeit sehe ich es als Aufgabe jeglicher Kunst, sich selbst treu zu bleiben, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, den KünstlerInnen wie RezipientInnen beiseitezustehen und gegen die Nonchalance, gegen den Einheitsbrei zu kämpfen, zu unterhalten, zu verbinden, zum Denken anzuregen, zum Fühlen einzuladen und Grenzen zu überschreiten. Wichtig finde ich dabei, die Grenzen und Gefühle anderer Menschen trotzdem nicht aus den Augen zu verlieren.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Begegnungen zwischen den Worten“ von Silvia Springer und „The Visual Story“ von Bruce Block. Das erstgenannte Buch besteht aus verschriftlichen, wohlgeformten Gedanken und schon die Einleitung schlägt vor, die Texte für sich zu entdecken, mitzunehmen, was man brauchen kann und sein zu lassen, was einen gerade nicht anspricht. Das zweite Buch beschäftigt sich mit den Erzählelementen von (bewegten) Bildern, was zwar nach langweiliger Theorie riechen könnte, aber das Buch ist sehr anschaulich und deutlich konzipiert.

Schließlich lese ich aber zum x – ten Mal mein eigenes Buch, da ich es in vielen einzelnen Schritten bearbeiten muss, wobei meine Konzentration einmal auf inhaltlichen, dann wieder auf metrischen oder orthographischen Details liegen muss. Besonders spannend ist aber das, was ich derzeit mache: das Layout. Mein Buch „Ein Kamel geht spazier’n“ erscheint im Juni in 2 Bänden in einer Auflage von 42 Stück, beinhaltet 464 Reime auf 111 Seiten und – jetzt kommt’s – ist in Blindenschrift und Schwarzschrift ausgeführt, was für das Layoutieren eine Herausforderung ist. Braillezeichen verbrauchen immer gleich viel Platz, egal ob es sich um ein „i“ oder ein „sch“ handelt, durchschnittlich ist ein Text in Braille am Ende dreimal länger als in Schwarzschrift.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt viele schöne Zitate, aber dieses gefällt mir menschlich besonders gut:

Im Zweifelsfall soll man immer das Bessere machen. (Geistlicher Ausspruch)

Vielen Dank für das Interview liebe Claudia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

crackthefiresister _Autorin, Texterin, Malerin, Performerin, Musikerin.

crackthefiresister|Wien|Gesang|Bilder|Performance|Lesung|Interview|Unterricht

Foto 1_Markus Wetzlmayr _ 2_crackthefiresister

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Hoffnung und die Liebe zur Kunst und zum Theater nicht verlieren“ Julia Hagenhofer_ Schauspielerin _Wien 14.5.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt üblicherweise um 6:00 morgens. Kurz nach dem Wecker läuten drehe ich Musik auf, mache mich frisch für den Tag und versuche noch schnell ein wenig Haushalt zu erledigen bevor es für mich um 7:15 in die Arbeit geht. Dort singe, tanze, spiele und lache ich von 8:00-12:00 mit den kleinen Kindern meiner Kindergartengruppe, in der ich als Teilzeitpädagogin arbeite. Nach Dienstschluss und meinem 40-minütigen Spaziergang nach Hause, beginnt der künstlerische Teil meines Tages. Zu Hause angekommen finden meine Privatstunden in Tanz, Gesang und Schauspiel statt, in denen ich mich insbesondere auf die paritätische Prüfung zur Musicaldarstellerin vorbereite. Anschließend heißt es für mich singen üben, Uniseminare besuchen, Haushalt erledigen, Texte lernen und für Prüfungen lernen.

Julia Hagenhofer, Darstellende Künstlerin in Privatausbildung

Kurz vor 18:00 ist Bauchmuskeltraining an der Reihe und ab 18:00 beginnen meine Abendtanzkurse oder meine Zeit das in Tanzen neu Erlernte zu üben.

Nach einer Runde Dehnen ist es für mich Zeit zu duschen, Haare zu waschen und zu föhnen. Nach einem Abendessen und Zähne putzen geht es für mich zwischen 0:00 und 01:00 ins Bett.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass wir alle in dem Jahr gelernt haben, wie wichtig es ist, auf sich selbst, seine Familie und Freunde und auf die eigene Gesundheit zu schauen. Ich hatte früher das Gefühl mein Leben spielt sich wie ein Hamsterrad ab und durch die Pandemie ist ein Teil von mir zu Ruhe gekommen und hat sich mehr auf mich als Person fokussiert. Auch wenn ich immer noch einen vollgefüllten Tagesablauf habe, merke ich, dass sich viel Druck, den ich mir selbst immer gemacht habe, gelöst hat.

Trotz allem musste in diesem Jahr jede im Kunstbereich tätige Person stark zurückstecken und deshalb finde ich es umso wichtiger die Hoffnung und die Liebe zur Kunst und zum Theater dabei nicht zu verlieren.

Auch wenn die Kunst, die Musik und das Theater vielleicht in Zeiten einer Pandemie nicht als systemrelevant definiert werden hat es trotzdem eine unfassbar große Relevanz. Kunst, Theater und Musik gibt den Menschen – ob KünstlerIn oder ZuseherIn – unfassbar viel und schafft es Menschen auf diversen Ebenen zu erreichen, sie auf eine Reise mitzunehmen und zu berühren. Kunst und Kultur wird gebraucht und ist wichtig. Und das muss man sich auch in schwierigen Zeiten vor Augen halten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass ein Neubeginn eine großartige Chance sein kann, etwas zu verändern. Gerade im Bereich von Theater/Schauspiel und der Kunst an sich erhoffe ich mir eine Veränderung und eine Weiterentwicklung im positiven Sinne. Ich erhoffe mir, dass der Bereich keine Unsicherheiten, insbesondere im finanziellen Sinne, mehr mit sich bringt, dass dieser Sparte eine größere Relevanz seitens der Regierungen dieser Welt zugesprochen wird und, dass die Menschen nach dieser mittlerweile sehr langen Zeit der Pandemie zu schätzen wissen, wie wichtig das Theater/ Schauspiel und die Kunst an sich ist. 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich etwas lesen möchte, was mich interessiert, lese ich meistens unterschiedliche Blogs. Im Moment lese ich allerdings insbesondere sehr langwierig, wissenschaftliche Texte von meinen Seminaren auf der Universität.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben Theater ist, dann such dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht“ – William Shakespeare

„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen“ – Dietrich Bonhoeffer

„Work hard, be kind and amazing things will happen” – Conan O’Brien

„Believe you can, and you’re halfway there” – Theodor Roosevelt

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musical-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Hagenhofer_Darstellende Künstlerin in Privatausbildung

Fotos_Selbstporträt_Julia Hagenhofer

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vielleicht kann die Krise unseren Sinn für Werte wieder wecken“ Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler_Kassel/D 13.5.2021

Lieber Jörn-Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich gehe einem Brotberuf nach, mit dem ich mein Künstlerdasein finanziere. Ich mache kein Homeoffice, in dieser Hinsicht hat sich also nicht sehr viel geändert. Ansonsten halte ich mich seit gut einem Jahr sehr streng an die Kontaktbeschränkungen. Darunter leidet natürlich (ich schreibe nur in Bezug auf meine Künstlerexistenz) vor allem der Austausch mit Kollegen.

Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler

Ich engagiere mich in verschiedenen Gruppen. Ich bin Mitglied in der Kasseler Künstlergruppe Kunstbalkon (https://kunstbalkon.de/), gehöre zum Forum für ästhetische Praxis (https://www.aesthetische-perspektiven.de/), betreibe mit fünf weiteren Künstler:innen den Blog 8Argos (https://8argos.jimdofree.com/8argo/) und bin im Vorstand des documenta-Forums Kassel (https://documentaforum.de/)

Für die meisten dieser Gruppen gehören natürlich eigentlich der regelmäßige Austausch und Treffen zum Kern dessen, was man eigentlich macht. Doch die Treffen sind nun auf Zoom & Co verlegt. Das ist zwar für eine Zeit lang okay ist, aber natürlich kein vollwertiger Ersatz. Für die Künstlergruppe Kunstbalkon heißt das darüber hinaus, dass unser Ausstellungsbetrieb sehr stark eingeschränkt ist.

Meine eigentliche künstlerische Arbeit besteht im Wesentlichen aus Zeichnen. Mein Gefühl ist, dass ich seit Corona sogar noch mehr und intensiver zeichne als zuvor. Dass unser Leben einen Anfang und ein Ende hat, ist „thematisch“ (oder wie man es auch nennen will) öfter in den Arbeiten präsent. Insgesamt ist die ironische Dimension meiner Arbeit etwas in den Hintergrund getreten und die lyrische steht mehr im Vordergrund – wenn ich mich nicht in mir selbst irre.

Ich hoffe, dass in diesem Jahr die wichtige Ausstellung im Hugenottenhaus Kassel „Doppelzimmer“ vom 16. Juli bis 26. September 2021 über die Bühne gehen kann. Auch hier hängt natürlich alles an der zukünftigen Corona-Entwicklung. Dort werde ich (hoffentlich) mit der geschätzten Kollegin Kathrin Brömse Zeichnungen zeigen können. In den 24 Räume des Hauses zeigen im Sommer Zweiergruppen aus ganz Deutschland ihre Kunst > https://hugenottenhaus.com/

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vertrauen und Solidarität. Vernunft. Ein Sinn für Poesie.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich habe nicht die geringste Ahnung, ehrlich gesagt. Ich hoffe, dass Kunst eine Kraft gegen den Nihilismus ist. Unter Nihilismus verstehe ich die Idee, dass nichts einen Wert in sich selbst hat. Dass die Kunst hier eine Gegenkraft ist, wäre schön – ich würde aber nicht darauf wetten. Aber: vielleicht kann die Krise selbst unseren Sinn für Werte wieder wecken – wer weiß das schon. Manchmal lernt man die Dinge nämlich erst dann richtig zu schätzen, wenn sie einem fehlen.

Staunen, A4, Mischtechnik auf Papier, 2020 _ Jörn-Peter Budesheim

 

Was liest Du derzeit?

Vieles. Insbesondere lese ich intensiv in einem Buch, zu dem ich selbst einen kleinen Teil beitragen durfte, nämlich den Gedichtband von Jana Volkmann „Investitionsruinen“. Darin finden sich ca. zwei Dutzend Zeichnungen von mir. Es entstanden in der „Corona-zeit“ > https://janavolkmann.wordpress.com/2021/01/08/investitionsruinen

Ansonsten lese ich (neben anderem) einiges zu Beuys, der in diesem Jahr 100 geworden wäre. Das Buch „Joseph Beuys“ von Philip Ursprung scheint mir dabei sehr empfehlenswert zu sein.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ihr lest keine Gedichte? Seid ihr wahnsinnig?“ (N.N.)

Vielen Dank für das Interview lieber Jörn-Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jörn-Peter Budesheim_Bildender Künstler

… wurde 1960 in Marburg geboren. Er lebt und arbeitet als bildender Künstler in Kassel. In den letzten Jahren konzentriert sich seine künstlerische Arbeit nahezu ausschließlich auf die Zeichnung, in der Regel kleinere Werke auf Papier. Sein Thema ist der Mensch („Ein Zeichen sind wir, deutungslos.“ Hölderlin)

https://sites.google.com/view/budesheim

Foto_Andreas Maria Schäfer > 2019 in der Galerie 17QM, Marburg

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com