„Also wissen alle, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist“ Annette Hug, Schriftstellerin_Zürich 17.5.2021

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Das Zoom-Loch öffnet überraschende Kanäle: Nach Singapur oder Manila, oder ins Quartier nebenan. Gleichzeitig bricht telefonisch schon Hektik aus, weil hier in der Schweiz Mitte April erste Öffnungen beschlossen worden sind. Zunächst in steigende Infektionszahlen hinein. Alle wissen, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich versuche, mir Ruhe zu bewahren, um übersetzen zu können, denn ich arbeite an einem Gedichtband der philippinischen Dichterin Luna Sicat Cleto.

Annette Hug, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Verstand nicht zu verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Mit Zwanzig habe ich mit Orgelspielen Geld verdient. An dem Instrument faszinierte mich, dass sich die Polyphonie in meinen Körper übersetzte: Die rechte Hand spielte eine bis zwei Stimmen, die linke Hand eine Stimme und die Füße eine vierte. Das funktionierte aber nur, wenn mein Hirn eine etwas mirakulöse Klippe nahm und vierstimmig dachte. Politisch fand ich das berauschend: So müsste ich gesellschaftliche Vorgänge denken können, dachte ich. Nicht die Generallinie oder den Hauptwiderspruch suchen. Komplexe, sich gegenseitig beeinflussende Entwicklungen überhaupt wahrzunehmen, um darüber nachdenken und klug entscheiden zu können, ist schwierig. Das lerne ich in dieser Krise erneut, schmerzhaft. Theater ist noch vielstimmiger als ein Orgelstück. Das ist überlebenswichtig. 

Was liest Du derzeit?

Den Roman «Weiches Begräbnis» von Fang Fang. Sie wurde vor einem Jahr mit ihrem Tagebuch aus Wuhan schlagartig berühmt. Da stellte ich fest, dass von ihrem eigentlichen literarischen Werk auf Deutsch nichts vorliegt. Zum Glück wird viel mehr Chinesisches auf Französisch übersetzt. So konnte ich eine wunderbare Autorin entdecken: Eine radikale Stimme in der literarischen Öffnung nach der Kulturrevolution. Jetzt liegt auch auf Deutsch dieser eine Roman vor. Es geht um brutales Verschweigen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was ich zu jeder Gelegenheit zitieren möchte. Friederike Mayröcker zu Ehren von Elke Erb: «…so rufe ich auf am heutigen Morgen die Dichterin und ihre verhüllte eingehüllte unbetretbare Sprache, ihre undurchdringlichen Sprachhüllen, ihre leuchtende GROTTENSPRACHE, GANGLIENSPRACHE, ihre gemalte ÜBERSETZUNGSSPRACHE, analog einem Wort von Marcel Proust : die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben …»

Annette Hug, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Hug, Schriftstellerin

Annette Hug Autorin – Webseite der Autorin Annette Hug

Fotos_1 und 4 Florian Bachmann; 2 und 3 Corinne Stoll.

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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