„Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern“ Daniela Engist, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 17.5.2021

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage werden stark von den Belangen der zu Hause gestrandeten Kinder strukturiert, aufwecken, Frühstück, Mittagessen, Abendessen, ins Bett schicken. Am Morgen schauen wir, dass sie ihren Fernunterricht auf die Reihe bekommen, dann verziehe ich mich mit meinem Kaffee in mein Arbeitszimmer. Ich hänge viel zu viel im Internet herum, auf Newsportalen, Social-Media-Kanälen, ertappe mich dabei, andauernd meinen E-Mail-Eingang zu checken. Es ist als würde ich einen Heuhaufen durchstöbern, als ob da irgendwo eine Antwort zu finden wäre, irgendein Hinweis, der mich weiterbrächte. Ich habe große Sehnsucht danach, dass etwas in Bewegung kommt. Weil die Welt stillsteht, bewege ich mich, gehe spazieren: hoch auf den Schlossberg, immer die gleiche Strecke. An der immer gleichen Stelle mache ich das immer gleiche Foto: eine Bank zwischen zwei alten Bäumen über der Stadt. Dass sich die Lichtverhältnisse ändern, der Himmel, die Natur, dass da mal ein Mensch sitzt, mal zwei, mal mehr und mal keiner, ist irgendwie tröstlich. Arbeiten, weiterschreiben fällt mir derzeit schwer. Gerade ist mein zweiter Roman „Lichte Horizonte“ erschienen – immer noch zu Unzeiten. Muss mich zusammennehmen nicht andauernd zu denken „eigentlich wäre jetzt, eigentlich würde ich jetzt“.

Daniela Engist_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich spreche nicht so gerne für alle. Dabei kommt meist nur Unzureichendes oder Banales raus. Was mir persönlich hilft, ist mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann, und möglichst wenig Erwartungen zu haben. Ich weigere mich, auf andere zu zeigen und mich ausgeliefert zu fühlen. Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern. Blick senken und einen Schritt nach dem anderen gehen. Das gelingt streckenweise gut, aber manchmal packt mich doch die Verzweiflung. Und dann würde ich mich gerne ins magischen Denken flüchten und mir die Augen zuhalten, und wenn ich die Hände wieder wegnehme, ist alles vorbei.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir werden sehen, was noch vom Vorher übrig sein wird, gesellschaftlich und kulturell. Um so manches wäre es nicht schade, wenn es nicht wiederkäme … . Persönlich bin ich regelrecht begierig darauf, endlich wieder aufzubrechen, auch gerne ins Unbekannte! Ich tripple und trapple auf der Stelle wie ein Rennpferd in der Startbox. Ich brauche keine großen Sicherheiten und Gewissheiten, aber ich brauche Bewegungsfreiheit. Der Literatur mag ich keine Rolle zuweisen, das klingt so, als ob sie einen Auftrag hätte, einen Zweck erfüllen müsste. Kunst soll ins Offene gehen. Das wird nach dieser Pandemie nicht anders sein als vorher. Fiktionale Texte, in denen sich ein Autor, eine Autorin ein Thema vornimmt, nur weil es gerade en vogue oder weil da jemand woke ist, interessieren mich nicht.

Was liest Du derzeit?

Mir fällt auf: ich bewege mich gerade auf ähnlich fahrige Weise durch Texte wie durchs Internet, blättere viel, häufig in bereits Gelesenem. Schon seit Monaten. Bachmann vor und zurück, Undine geht, Der gute Gott von Manhattan, Malina. Das Einzige, was ich in diesem Frühjahr vollständig und intensiv gelesen habe, war das Manuskript eines sehr geschätzten Kollegen. Der Roman erscheint voraussichtlich im Herbst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erst wenn die Phrasen einer Zeit verschwinden, finden wir die Sprache für eine Zeit und wird Darstellung möglich. (…) Es gibt in der Kunst keinen Fortschritt in der Horizontale, sondern nur das immer neue Aufreißen einer Vertikalen.“ Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesungen

Daniela Engist_Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Engist, Schriftstellerin

Daniela Engist | Schriftstellerin (daniela-engist.de)

Fotos_Anja Limbrunner

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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