Kunst geht und findet ihren Weg. An jedem Ort. Kunst ist präsent in unterschiedlicher Form an gesellschaftlichen Begegnungsorten und Schnittflächen. Diese können ganz direkt gesucht und konzipiert werden, als Bühne und Gemeinschaftsereignis. Oder als Aktion, im partizipativen Prozess der Entstehung und Entwicklung. Gleichsam als offenes Kunstwerk, das seinen Platz in Gesellschaft und Welt findet. Je nach der Zeit.
Viktor Rogy(1924 – 2004), österreichischer Aktions- und Performancekünstler, lebte Kunst in diesem Sinne als Erfahrung, Mitteilung und Ereignis und ging dabei einen selbstbewussten, konsequenten Weg. In Kärnten aufgewachsen, seinen Vater gewaltsam im nationalsozialistischen Widerstand verloren, suchte er nach dem Krieg sein künstlerisches Interesse partizipativ in der Mitarbeit an Kunstprojekten weiterzuentwickeln. Dabei kam es im Prozess persönlicher Inspiration und gesellschaftlicher Fragestellungen zu einem außergewöhnlichen ästhetischen Ausdruck, der sich auch unmittelbar in der Stadt Klagenfurt zeigte. Das Cafè „Om“ vor Ort wurde etwa zu einem intellektuellen Treffpunkt und Austausch wie Mittelpunkt des künstlerisch wie gesellschaftlich interessiertem Leben.
Wolfgang Koch, Kulturjournalist, geht in seinem vorliegenden Buch nun umfassend auf Leben und Wirken Viktor Rogys ein und öffnet dabei außergewöhnliche Lebens-, Werk-, und Bilddokumente des Künstlers. In acht umfassenden Kapitel werden Lebensstationen, Wirkung und Nachwirkungen, ausführlich in Recherche, Berichten und Interviews dargestellt und ergeben so ein künstlerisches Zeitzeugnis, das in Weg und dessen Gesamtdarstellung beeindruckt.
„Eine ganz außergewöhnliche Gesamtdarstellung eines Künstlers, der in seiner Vielfältigkeit und Kompromisslosigkeit beeindruckt“
Liebe Britta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
6.15 joggen gehen, anschließend bis zum Nachmittag in meinem ziemlich anstrengenden Brotjob arbeiten. Danach brauche ich mindestens eine Stunde, um wieder normal zu werden. Kochen, essen, Musik hören, draußen herumlaufen. Wenn ich es noch irgendwie hinkriege, arbeite ich abends so lange ich kann am aktuellen Manuskript.
Britta Boerdner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir nicht durchdrehen. Geduld, Nachsicht, Zuhören, Zuversicht. Auch, dass wir uns vornehmen, später – nach allem – genau das nicht zu vernachlässigen. Und auch diejenigen nicht vergessen, die draufzahlen mussten, deren Welt stehengeblieben ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich fürchte mich vor Corona-Romanen. Ein Auftrag zur Nachbereitung lässt noch lange keine gute Literatur entstehen. Die wird sowieso weiterhin das machen, was sie immer macht: versuchen, die Welt zu verstehen. Aber nicht, uns die Welt zu erklären. Und schon gar nicht programmatisch per zugewiesener Rolle. Wie immer werden Geschichten erzählt werden, in denen der Komplexität von Empfindungen, Ängsten, Widersprüchen nachgegangen wird. Dabei wird das, was wichtig und wesentlich ist, ganz unwillkürlich zutage treten. Literatur wird uns in enge Räume führen, auf weite Strecken schicken, in die Ferne schauen und wunde Stellen erkennen lassen, durchlässiger machen, aber auch Atem schöpfen lassen. Generell wird die Kunst bei allen, die sie sowieso zu schätzen wissen, einen großen Hunger nach Leben stillen, denke ich. Mir zumindest geht es so, dass ich mir vornehme, in Zukunft fast jeden Tag ins Kino, Theater, Konzert zu gehen, weil es mir so fehlt, dieses Große und Weite.
Was liest Du derzeit?
Zum x-ten Mal Marguerite Duras, Der Mann im Flur; Tim Winton, Breath; Ulrich Peltzer, Das bist du; Yevgeniy Breyger, Gestohlene Luft
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?
Try to be a mensch! (Oscar Madison zu Felix Ungar in The Odd Couple)
Britta Boerdner, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Britta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Wie ist es möglich, da zu sein?“ Bernhardt Jammernegg, Michaela Khom, Jakub Kavin
19.Mai 2021. Wiedereröffnung der Theater in Österreich. Erinnerungen, Gedanken begleiten auf dem Weg zum ersten Live-Bühnenabend nach dem Lockdown. Wann ging das letzte Mal das Bühnenlicht an? Im November letzten Jahres, oder?
Vor dem Theater Arche in der Münzwardeingasse 2a im sechsten Wiener Gemeindebezirk befinden sich schon Besucher*innen im angeregten Gespräch. Ein Wiedersehen nach langer Zeit. Besondere Augenblicke. Augen und Blicke lachen.
Die so engagierte Theaterleitung, der Theaterdirektor Jakub Kavin und Manami Okazaki, Sopranistin, Schauspielerin, Co-Leitern und musikalische Leiterin des Theaters, begrüßen die vielen Ankommenden und leiten in den Innenbereich zur Registrierung. Eine Routine, die schon selbstverständlich geworden ist. Die Freude auf den ersten Theaterabend ist rundum wahrzunehmen und zu spüren.
Dann der Gang in den Theaterraum. Es sind ganz bewusste Schritte, die alle jetzt in den Raum und zu den Sitzplätzen setzen. Wenig wird gesprochen, die Wirkung, die Aura des Theaters wird gleichsam wieder inhaliert. Ein langer Atemzug der Seele. Tief und fest. Da braucht es nicht viele Worte. Die Sinne haben zu tun und sie genießen es.
Auf der Bühne Dunkelheit. Drei zarte, durchsichtige Vorhänge und ein Keyboard umreißen den Spielraum. Dann ein Lichtkegel. Ein Anfang. Ein Sinnbild auch für die Zeit, das Erlebte. Eine Zeit, die viel an Innerem ins Dunkel wie ins Licht brachte. Fernes und Nahes eines Lebens.
So ist es heute und so war es damals.
Im Leben eines Dichters etwa – Rainer Maria Rilke. Es sind Gedanken an seine Mutter, die ihn jetzt im schmalen Lichtschein in der Dunkelheit umgeben. Die starken Bilder der Kindheit sind es. Und die Fragen – Wie war es? Wer war ich? Wie habe ich erlebt und was blieb?
Und da Lou Andreas-Salomé, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin, Philosophin. Ihr Blick fällt auf die Seele des Dichters, des Mannes. Wer bist Du? Wer willst Du sein? Ihr Wort ist aufmerksam und einfühlsam. Du darfst sein. Du Mensch, Mann, Künstler.
Es ist jetzt ein Tanz in Musik, Wort und Stille. Spiegelbilder begegnen sich. Stehen zart in Licht und Schatten. Sagen und fragen. Denken und schweigen. Singen und begegnen. Geben Räume, Wege frei, lassen Erinnerungen zu und lassen Erinnerungen verschwinden. Kosten das Licht und nehmen das Jetzt an. Wie es ist. Eine Suche. Leben und Liebe – Wie ist es möglich, da zu sein?
Die Uraufführung „Wie ist es möglich, da zu sein?“ des Theater Arche Wien am Wiedereröffnungstag der Theater in Österreich ist eine sehr poetische feinfühlige Hommage an die Einsamkeit und Kraft des Lebens und der Liebe. Texte, Erinnerungen von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas Salomè sind szenische Ausgangs- und Angelpunkte eines Theaterabends, der Spannungen von Bedürfnis und Identität gleichsam zeitlos begeisternd anschaulich macht.
Das Ringen des Menschen um Erkenntnis und künstlerischen Ausdruck zwischen Begehren und Passion ist die Mitte der Dichtung Rilkes wie des schriftstellerischen Werkes von Andreas-Salomè. Die Inszenierung schafft es mittels einer beeindruckenden schauspielerischen wie musikalischen Präsenz und Variation Poesie wie Reflexion zu verbinden und gleichsam in den Raum fließen zu lassen. Zart und bitter, in aller Kraft und Schönheit des Wortes und der Musik. Das ist ein ganz besonderer Kunstgriff, der auf allen Ebenen aufgeht. Poesie und Sinn werden zur packenden Ansprache, die in das Herz von Mensch und Zeit treffen.
Es ist ein Theaterabend, der meisterhaft erzählend in Wort und Musik nachdenken und träumen lässt.
Die hervorragenden Darsteller*innen Jakub Kavin – brilliante Inszenierung wie Schauspielpräsenz im facettenreichen, auch mehrsprachigen, Spiel – Bernhardt Jammernegg – wie gewohnt glänzende, kraftvolle wie einfühlsame Darstellung, diesmal auch mit beeindruckendem Gesang und Michaela Khom – einzigartig wie die Schauspielerin und Musikerin in Spiel und Stimme, Wort und Musik, überzeugt, zweifellos eine Entdeckung des Wiener Theaters in seiner variantenreichen Verbindung von Musik und Darstellung – beschenken das Publikum auf allen Theaterlinien. Ebenso ist das Kostümbild, Bühnen-, Musik- wie Lichttechnik zu loben.
Theater als Genuss für alle Sinne. Und das zur richtigen Zeit. Vielen herzlichen Dank!
Wie ist es möglich, da zu sein _ Uraufführung Theater Arche_Wien
eine Collage aus Texten von Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé
Premiere 19.Mai. 2021 um 19:30h
weitere Vorstellungen 20, 21. und 22. Mai sowie 27., 29. und 30. Juni 2021 jeweils um 19:30 Uhr.
Regie: Jakub Kavin. Musik: Michaela Khom und Bernhardt Jammernegg. mit: Michaela Khom, Jakub Kavin und Bernhardt Jammernegg. Kostüme: Christian Alfred Kahrer
Da ich eine Nachteule bin und erst nachts schlafen gehe, stehe ich dementsprechend spät auf. Nach meinem Frühstücks-Apfel trainiere ich gerne um so gut in den Tag zu starten – von Pilates über HIIT bis hin zu Yin Yoga ist alles dabei.
Danach koche ich auch schon zu Mittag und versuche meinen Nachmittag – sofern ich keine Pilates Klassen unterrichte – so kreativ wie möglich zu verbringen (Singen, Tanzen, Lesen, Basteln, neue Hobbies probieren etc). Hier ist dann auch Zeit für etwaige „Home Office“ Arbeiten wie beispielsweise E-Mails abarbeiten oder Video Auditions filmen und schneiden.
Meinen Tag lasse ich dann nach dem Abendessen ausklingen mit einer Runde lernen für mein Fernstudium und abschließend schau ich noch ein paar Folgen Serien auf Netflix zum Abschalten.
Nicht zu vergessen: all das mache ich, während ich mich um meine zwei jungen Kätzchen kümmere und sie beschäftige.
Tina Rosensprung, Musicaldarstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Positiv und beschäftigt zu bleiben! Für die meisten Menschen ist dies eine besonders schwere Zeit. Wir dürfen uns davon jedoch nicht runter ziehen lassen. Es wird wieder bergauf gehen. Vielleicht nicht so bald und schnell wie erhofft, aber es kann nur noch besser werden. Menschen haben schon weitaus Schlimmeres überstanden!
Deshalb: positiv bleiben! Es wird eine Zeit nach Corona geben.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ohne Kunst und Kultur geht gar nichts!
Gerade in Zeiten wie diesen merke ich, wie sehr Kunst im Alltag bereits integriert ist. Denn was wäre ein Tag ohne Musik im Radio oder auf Youtube, Spotify, …? Was wäre ein Abend ohne den Fernseher und Netflix? All das gehört auch irgendwie zu Kunst dazu. Und ohne ihr hätte ich die Lockdowns beim besten Willen wirklich nicht überstanden.
Ich hoffe, dass sämtliche Kulturformen, jetzt wo sie uns weggenommen wurden, noch mehr wertgeschätzt werden, sobald wir alle endlich wieder ins Theater, Konzert und Museum dürfen. Denn hier geht es nicht nur um Unterhaltung, sondern sie haben auch einen sozialen Aspekt, der nicht außen vor gelassen werden darf.
Wesentlich wird dabei jedoch sein, dass sich diese Kultureinrichtungen auch an die neuen Bedürfnisse seiner Rezipienten anpassen. Einige Häuser bieten ja beispielsweise schon Online Streams an und ich bin der Meinung, dass die Digitalisierung ein wesentlicher Teil unserer kulturellen Zukunft sein wird.
Was liest Du derzeit?
„Die subtile Kunst des Daraufscheißens“ von Mark Manson
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Fake it ‘till you make it“
Ich weiß, es ist nicht gerade literarisch – zudem ist es nicht mal wirklich ein Zitat sondern eher ein Motto – aber diese sechs Worte begleiten mich schon lange und haben mir oft durch schwierige Situationen geholfen.
Vielen Dank für das Interview liebe Tina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musicalprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist die Weite, die sein Leben und seine Regentschaft bestimmen. Die Weite im Kopf – in Gedanken, in Vernunft und Wagnis. Die Weite der Erfahrungen, der Sinne, die gesehen, gerochen, gefühlt haben müssen was sonst nur in Gesetz und fern des Lebens ist. Die Weite der Religion, der Formen christlicher Sinnstiftung. Die Weite menschlicher Arbeit in ihrer Vielfalt und Anstrengung. Und die Weite des Herzens, mit welcher der junge Thronfolger und Monarch sein Leben und seine Herrschaft zu verbinden sucht. Herz und Vernunft, die immer nah beim Menschen sein müssen, um zu verstehen aber auch verändern zu können und zu müssen…
Monika Czernin, Politikwissenschafterin, Philosophin, Filmemacherin und Regisseurin, legt mit „Der Kaiser reist inkognito“ ein beeindruckendes Porträt eines mutigen wie außergewöhnlichen Regenten vor, der in vielem seine Zeit überraschte wie herausforderte und dieser in vielem voraus war.
Das Buch ist chronologisch in neun Kapitel eingeteilt, die jeweils Zeitspannen und die umfassenden Reisen des Monarchen wie die zusammenhängenden Schwerpunkte seines Wirkens mit den Auswirkungen und Folgen darstellen.
Die Autorin schafft es hervorragend, Gesellschaft und Zeit lebendig werden zu lassen und so reisen Leserin und Leser gleichsam mit, sowohl geographisch wie inhaltlich. Dieses bunte wie eindringliche Panoptikum von Epoche, Herrschaft und Mensch führt dabei auch dringende Gegenwartsfragen vor Augen und deren gesellschaftliche Herausforderungen im Zusammenhang globaler Entwicklung und Aufgabe.
„Ein mutiger, unkonventioneller, zeitübergreifend impulsgebender Herrscher im beeindruckenden Porträt“
Liebe Dragica, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wir sind Ende April in Rogoznica in Kroatien angekommen, hier arbeite ich am einfachsten, also wenn die Bücher ausgepackt sind, die Internetverbindung wieder kommt, das Notwendigste erledigt ist, Behörden, Familie; Spargeln suchen, dann über den kommenden Text nachdenken. Zwei Frauen, Wally Neuzil und Simone Weil, beschäftigen mich so sehr, die eine Model, die andere Philosophin, darüber schreibe ich bzw. denke ich nach, Tag für Tag. Ich schaue zurück auf den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, und die Frauenfragen – aktuell auf andere Art immer noch – ; eventuell verbergen sich dort auch Impulse für heute, sicher aber finden muss ich sie und in einen Text überführen… schreibend.
Dragica Rajčić Holzner _ Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich komme aus einem verlorenen (falschen) ideologischen WIR der sozialistischen Gesellschaft, welches sich dann in ein WIR einer nationalistischen Gesellschaft übergossen hat, Gott sei Dank war ich dann im Ausland bis heute. Für mich und uns alle ist es besonders wichtig, sich selber nicht im Massenwahn zu ertränken – und da meine ich nicht nur die Extremistischen. Hermann Broch würde sagen, „Anstand zu wahren“ ist notwendig, auch für mich selber besonders wichtig, und das darf jede(r) für sich selber entscheiden, was sie/er/es für wichtig findet.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
AUF-/AB-Bruch, – in diesem Verb oder Nomen steht schon auch die Antwort drin, mit vielem muss man abbrechen, da liegt auch die Chance, eine geschenkte durch das Virus fast?
Im UF verbirgt sich die Mühsal und die Arbeit der Suche nach Orientierung, nach Gedanken, welche in die Zukunft tragen werden, ja, auch Rückfälle gehören dazu und das Wissen, früher war nichts besser, und sie haben es auch geschafft.
Der Kunst – wozu auch Literatur hoffentlich gehört – kommt keine besondere Rolle zu, die Kunst unter wechselnden Bedingungen muss und soll nur Herz und Kopf eines jeden Menschen beflügeln auf der Suche nach Glück, Gerechtigkeit und Freiheit für die Umgebung und sich selbst. Kunst ist Teil von jedem und nicht außerhalb als Gebrauchsmaschine und damit ist sie immer dialogisch, auch im Scheitern. Ja, Scheitern ist vielleicht auch ein Weg der Erkenntnis, nicht Siegen in Wettbewerben. Oder?, sagen die Schweizer.
Was liest Du derzeit?
Ich lese zuviel – weil es bei mir Arbeits-lesen und Vergnügen-lesen gibt, aber ein Lesen leidet immer darunter.
Alleswiederlesen von Simone Weil, 1909 in Paris als Tochter einer jüdisch-bürgerlichen Familie geboren, hat sich politisch engagiert als Gewerkschafterin, Marx-Kritikerin und Teilnehmerin am Spanischen Bürgerkrieg. Fand später Orientierung an christlicher Mystik wie auch an platonischem und buddhistischem Denken. Sie starb im Exil 1943 im englischen Ashford, weil sie verhungerte, aus Solidarität mit ihren Landsleuten.
Das beste Buch des Jahrzehnts ist für mich „Löwen wecken“ der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen.
Da denkt ein Neurochirurg, welcher einen eritreischen Flüchtling überfährt und vom Tatort flüchtet: „Der kleine Junge, der beim ersten Anblick eines Obdachlosen auf der Strasse dermassen losgeheult hatte, dass seine Grossmutter, die dabei war, ihn bis heute daran erinnerte. Wann hatte er aufgehört, Obdachlose unsicher anzustarren, und angefangen, ihrem Blick um jeden Preis auszuweichen? …“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Verlust der Berührung mit der Wirklichkeit ist das Böse“. Aus:
Vielen Dank für das Interview liebe Dragica, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit April bin ich in Theaterproben, das heißt mein Tagesablauf erinnert an Zeiten vor Covid. Morgendliche Rituale, wie meinen geliebten schwarzen Tee mit Hafermilch und Honig und dann ab in die Probe. Jedoch steht auch leider bereits für dieses Projekt fest, dass die Premiere verschoben werden muss. Somit genieße ich noch meine zwei Wochen „Alltag“ und sauge dankbar wie ein Schwamm den Kontakt zu meinen Kolleg*Innen und die Freude am gemeinsamen Arbeiten auf. Sonst hatte mein Tagesablauf im vergangen Jahr ganz unterschiedliche Gesichter. Mal sehr strukturiert, an anderen Tagen leger, da habe ich stundenlange Spaziergänge gemacht und nichts „gebraucht“, die Situation auf mich wirken lassen und versucht mit diesen Emotionen umzugehen.
Isabella Händler, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde das ist wirklich schwer zu sagen. Ich hatte im vergangenen Jahr so viel Meinung zu so vielen Themen, dass mir momentan irgendwie die Meinung ausgegangen ist. Oder anders gesagt, mein subjektives Empfinden ändert wenig bis nichts an dieser Situation. Jedoch was ich tun kann, ist reflektiert Maßnahmen einzuhalten um für, und als Teil der Gemeinschaft durchzuhalten. Etwas was ich empfehlen kann ist, am Ende meines Tages mich an 3 schöne Dinge zu erinnern die ich erlebt habe. Ob ein Sonnenstrahl oder ein Lächeln eines Nachbarn, ein leckeres Butterbrot oder der Lieblingssong im Radio. Für mich steckt viel Freude in kleinen Dingen- dieses bewusste wahrnehmen von Kleinigkeiten die einem gut tun hat mich positiv gestärkt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Nach so einer Ausnahmesituation wäre es natürlich toll mit Zuversicht und positiven Glaubenssätzen der Zukunft entgegenzugehen. Altbekannte Missstände konnten durch die Pandemie weniger leicht verschleiert werden. Stimmen wurden laut(er) bzw. mehr gehört, da man es sich nicht „leisten“ konnte, diese unter den Teppich zu kehren, da ja die gesamte Welt zuguckte. Kunst und Kultur unterstützen meiner Meinung nach diese Prozesse, stellen Systeme neu auf, verarbeiten diese, regen zu neuen Denkweisen an und ermöglichen dem Zuseher ein Ventil der Verarbeitung. Verarbeiten werden wir einiges müssen und deshalb freue ich mich schon sehr auf alles was da kommen wird.
Was liest Du derzeit?
Valerie Fritsch „Herzklappen von Johnson und Johnson“ und das Buch „Im Grunde Gut“ von Rutger Bregman.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt“. – Albert Camus
Isabella Händler, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Isabella Händler, Schauspielerin
Fotos_Florian Lierzer
21.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Nach Wien kam ich durch Zufall. Ich habe mich an mehreren Schauspiel-Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum beworben. Nach der Aufnahme musste ich innerhalb von 10 Tagen nach Wien. Bin dann hängengeblieben. Das ist jetzt fünf Jahre her.
Mein Weg zum Schauspiel hat auch indirekt mit Wien zu tun (lacht). Als ich sieben Jahre alt war, schleppte mich mein Papa in das Musical „Elisabeth“ in Essen. Ich habe dann die CD rauf und runtergesungen. Dann spielte ich Schultheater. Ich habe immer Orte gesucht, an denen ich Theater machen kann. Mit sechzehn war ich am Tic-Theater Wuppertal. Dann ging es Schritt für Schritt mit Ausbildung und Engagements weiter.
Wien ist jetzt mein Zuhause geworden.Am Anfang war es schwierig aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl.
Je mehr man Wien kennt, desto mehr muss man diese Stadt lieben.
In Österreich dauert das Ankommen, das Angenommensein länger als in anderen Ländern – bis es so weit ist, sich Wienerin nennen zu dürfen. Ich habe noch immer nicht zu 100% das Gefühl, dass es so ist.
Ich lebe im sechsten Bezirk. Der Naschmarkt ist da ein toller Ort. Samstags am Morgen schaue ich aus dem Fenster und es sind schon so viele Menschen da. Das ist cool.
Es gibt so viel zu entdecken in dieser Stadt. Auch weniger Bekanntes wie etwa den böhmischen Prater.
Menschen machen eine Stadt aus. Ohne Menschen ist eine Stadt kühl.
Orte verknüpfen sich mit Erlebnissen. Neulich war ich mit einer Freundin spazieren, die gerade viel Liebeskummer hat, und zum Hinsetzen mussten wir immer wieder den Ort, die Sitzbank, wechseln, da es so viele Erinnerungen für sie gab.
Man erschließt sich neue Bezirke einer Stadt im Wohnen. Ich kenne im siebten/achten Bezirk jedes Cafè, jede Gasse. Der dritte Bezirk, der Romanschauplatz, ist für mich noch unerschlossen.
Im zweiten Studienjahr hat mir ein Dozent auf meine Frage nach zu lesenden Büchern fünf Bücher empfohlen – da war Malina dabei. Ich las es und es hat etwas ausgelöst. Ich habe es aber nie richtig fassen können. Dann kam ich auf den Film „Malina“. Das war im Zuge eines Referates auf der Uni. Malina ist schwer in Worte zu fassen, zu begreifen.
Malina ist ein Spiegel von Wien. Cafès, Orte. Es ist auch ein älteres, anderes Wien. Ivan fährt ja etwa immer mit dem Auto. Das ist für mich untypisch. Typisch ist auch die Wiener Wohnung im Roman.
Orte wirken immer unbewusst.
Die Persönlichkeit in Malina, die aus zwei klassisch binären Polen besteht, ist ein faszinierender Zugang. Da könnte auch eine Transidentität hineingelesen werden. Die Schriftstellerin wird als Frau wahrgenommen, am Ende verschwindet dieser Teil der Figur und es bleibt Malina.
Wir leben in einem binären Geschlechtersystem seit der Aufklärung. Mann und Frau wurden hier als Gegensätze konstruiert, ihnen wurden gegensätzliche Attribute zugeschrieben. Unser Denken ist in diesem Code gefasst. Kant u. C.G.Jung sind Ausdruck und Form dieser Tradition. Dies verändert sich im Moment. Diversität ist gerade ein Prozess.
Gefühlt hat die Gesellschaft was Feminismus angeht in den späten 1990er/2000er Jahren stagniert. Jetzt in den letzten Jahren tut sich wieder sehr viel. 50 Jahre Malina – es herrscht immer noch das Patriarchat. Auch wenn sich gesetzlich einiges positiv verändert hat.
Dominanz und Narzissmus, Ivan im Roman, das hat sich in dieser harten Struktur schon verändert. Es ist aber nicht verschwunden.
Dominanz wofür? Wenn wir über Utopien nachdenken – es braucht weniger Dominanz und mehr Empathie, das Herstellen von Augenhöhe. Sich und seiner Wünsche und jener des Gegenübers gewahr werden und Empathie und Kommunikationsfähigkeit entwickeln, anstatt Dominanz.
Empathie könnte den Schleier von Dominanz ersetzen.
Matriarchat ist nicht die Umdrehung von Patriarchat. Vielleicht könnten wir kulturell einfach Dominanz vergessen? (Lacht). Das wäre doch schön, es geht doch um ein Miteinander, um Empathie.
Persönlich beobachte ich bei manchen cis Männern (cis = bei Geburt zugewiesene Geschlechtsidentität, Anm.) den Trend/Hang zur Bindungsangst, auch eine emotionale Unreife. Was, denke ich, ebenfalls viel mit patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft zu tun hat.
Frauen und non-binäre Personen, denen bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeschrieben wurde, werden hingegen dazu sozialisiert, die Rolle des Care-Takers anzunehmen und dabei die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen. Das ist ja auch im Roman so. Ivan hat seine Issues (Issue- emotionale Problemstellung; Anm.) und sie leidet daran. Zwei Welten treffen da aufeinander. In Ansätzen sehe ich das heute auch so. Dies hat viel mit Geschlechterbildern zu tun.
Patriarchale Sozialisierung prallt in cis heterosexuellen Beziehungen aufeinander. Damit das funktionieren könnte, bräuchte es die Aufopferung der Frau. Das widerspricht feministischen Idealen und ist natürlich grundsätzlich ungesund für beide.
Weiße heterosexuelle Männer haben sehr viel Macht gebündelt, intersektionaler Feminismus will dieses Bündel auflösen. Dass Macht einigermaßen gleich verteilt ist.
Die Philosophin Judith Butler sagt in ihrem Werk „Gender Trouble“, dass Machtstrukturen schon in der Konstruktion der binären Kategorien Mann und Frau eingeschrieben sind – es geht jetzt nicht darum in der binären Waage Mann Frau die Macht auszugleichen sondern die Waage auseinander zu nehmen.
Auch viele cis Männer leiden am Mannsein. Es ist mega ungesund, wenn gesagt wird „Männer weinen nicht“, „Ein Mann muss immer stark sein“ – das ist unmenschlich. Das ist eine Belastung. Die Jungs in meiner Schulklasse hatten da etwa viel Identitätsdruck.
Identitäten sind nie ganz innerlich frei. Da kommt viel von außen.
Es gibt bessere Identitätskategorien, wenn die Identitätskategorie Geschlecht wegfällt.
Was ist Liebe? Darf ich da Bücher empfehlen? (lacht) – Eva Illouz, „Warum Liebe weh tut“ und Liv Strömquist, „Der Ursprung der Liebe“, „Der Ursprung der Welt“ und „Ich fühl`s nicht“. Da werden die Einflüsse von Patriarchat und Neoliberalismus auf die Liebe dargelegt. Sehr spannend.
Mensch kann in der Liebe glücklich sein – ja!
Meine Beziehung ist frei von gesellschaftlichen Vorstellungen an Beziehung und Geschlecht. Ich habe eine Utopie der Liebe und alles andere stört da nicht, ist da nicht. Es ist ein Wunder, das ich im Moment erlebe, ich weiß nicht warum. Glück? (lacht)
Wenn sich Menschen finden, in denen ihre Vorstellungen von Unterordnung, Schutz passen, ist das auch, wertfrei gesehen, wunderbar. Beziehungsdynamiken sind sehr individuell.
Man kann auch in einer Beziehung einem masochistischen Part zustimmen, wenn es glücklich macht. Das kann auch total feministisch sein.
Gelebter Feminismus ist Freiheit.
Zur Frau im Roman, wenn sie meine beste Freundin wäre, würde ich sagen – renn`!
Wie kommt man aus so einer Beziehung wie im Roman aus? Ich weiß es nicht. Wir alle sind sozialisiert im Geschlechtermodell. Das ist in uns drin. Wie Kapitalismus, Neoliberalismus.
Schluss machen, aus der Ungargasse rausgehen!
Ja, es gibt Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube an die Liebe.
Liebe wächst und entwickelt sich.
Ich bin glücklich verliebt, es klappt super. Da ist jetzt alles leicht. Da kann ich mich auch im Romanbeginn wiedererkennen.
Wenn ich spiele, ist alles aus dem Unbewussten. Es kommt nicht aus dem Kopf sondern aus etwas tiefer Gesetztem. Es ist ein Schatz, mit dem die Auseinandersetzung lohnt, dem Platz einzuräumen.
Im Roman sind es Traumata und sie ist in einer Schleife gefangen. Sie kommt da nicht ganz raus. Es gibt keinen progress.
Ingeborg Bachmann sprach ja von einer Autobiographie. Die Schleifen der Gedanken wird man erst los, wenn man hinschaut.
Wiederholung entsteht durch Nicht-Auseinandersetzen. Das Unbewusste sucht die Auseinandersetzung.
Kunst kann Gedankenschleifen brechen. Eine Bühne ist auch stellvertretend, ein Ort der Reflexion eigener Schatten. Eine katharsis.
Psychoanalyse ist sehr wichtig. Da steckt viel drin, das einen persönlich und künstlerisch ausmacht – Intuition, Bauchgefühl. Es lohnt sich aber auch künstlerisch Vertrauen zu lernen.
In Malina ist viel von Bachmann zu spüren. Das kann jetzt aber auch ein Irrglaube sein.
Da ist viel Wärme, ich spüre eine Nähe zu Bachmann. Ich habe keine Ahnung warum.
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:
Lara Sienczak _ Schauspielerin _Wien.
Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_3_2021
Sie ist der Superstar der modernen Musik. Und sie ist knapp zwanzig Jahre alt. Jeden Tag sind es tausende Bilder von ihr, die weltweit medial kursieren. Der kometenhafte Aufstieg der in Kalifornien geborenen singer-songwriterin manifestiert sich etwa in den vier Grammy Auszeichnungen 2020 wie dem Titelsong des aktuellen James Bond Filmes. Billie Eilish prägt in Musik und Stil eine Generation. Mit Begeisterung, Spannung und großem Interesse werden weitere Schritte ihrer künstlerischen Projektschritte erwartet.
Ebenso interessiert aber auch Ihr Weg zur Musik und das künstlerische Aufsteigen in diese Höhen von Popularität, die im modernen Medienzeitalter in ganz besonderer wie intensiver Form ihren Ausdruck finden.
Schon als Kind wollte Billie immer wieder in die Kamera sehen. Es gab da keine Scheu und ihre Familie hielt diese Momente des Heranwachsens, des Kennenlernens und Spiel mit der Welt im Bild fest. Jetzt ist der Superstar wiederum im Mittelpunkt einer Bilderwelt, jener der Musikwelt in Fan- und Medienwelt, die alle Schritte und Momente des Stars begleiten.
Inmitten dieser täglichen wie fordernden Bilderwelten hält nun Billie Eilish inne und blickt auf die Bilder ihrer Kindheit. In die zahlreichen Fotoalben ihrer Kindheit. Sie wählt dabei Momente aus und verbindet diese mit den Gegenwartsmomenten auf Bühne und aktuellem Leben in der Öffentlichkeit.
Die umfassende Bilddarstellung des vorliegenden Bandes beeindruckt dabei in Vielseitigkeit wie Aussagekraft. Es sind ganz besondere Augenblicke und Einblicke in ein Künstler- wie Privatleben, das in dieser Form einzigartig ist.
Da ist etwa ein Bühnenfoto, das den Superstar im liveact umringt von Handycameras zeigt und damit Atmosphäre wie auch das unmittelbare Ausgesetztsein anschaulich macht. Im Kontrast dazu stehen Fotos der Kindheit im privaten Moment des familiären Bezogenseins und intimen Glück. Diese Kontraste prägen eine moderne Musikkarriere und Billie Eilish bringt dies grandios auf den Punkt bzw. auf das Bild.
„Ein Leben – Bild an Bild an Bild. Ein genialer biographischer Kunstgriff des Superstars“
„Billie Eilish“ übersetzt von: Viola Krauß
336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Piper Verlag
Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht trotz, oder vielleicht auch gerade wegen Corona jeden Tag anders aus. Da ich zur Zeit in einem Festengagement an einem Theater in München bin, wir aber Spielstopp haben, kann ich meine Tage so gestalten und füllen wie ich möchte.
Ich stehe meist spät auf, esse einen Apfel, erledige anfallende PC Arbeit. Danach tu ich etwas für mich, lese ein Buch oder bewege mich, gehe spazieren, lerne tanzen in einem Onlinekurs, oder schau eine Serie, telefoniere mit Freunden, oder erarbeite neue Theaterabende. Ich versuche mich permanent im Jetzt zu halten und mir keine Sorgen um das Morgen zu machen.
In diesen Zeiten ist es wichtig füreinander da zu sein, sich gut zu behandeln, sich gegenseitig zu unterstützen, freundlich und offen zu bleiben und Zeichen zu erkennen, wenn jemand deine Hilfe braucht. Auch wenn die Lage angespannt ist, sollten wir unsere Herzlichkeit, unser Lachen nicht verlieren.
Wir sollten uns gegenseitig ermutigen und bestärken, aufbauen und zusammenarbeiten, aneinander wachsen und uns aus dieser Krise gemeinsam herausarbeiten.
Wichtig ist zudem dass wir jetzt auch nach Innen schauen, unser starres Räderwerk mit neuen Überzeugungen und Möglichkeiten ölen, Altes loslassen, überholte Gewohnheiten aufgeben, uns dem Neuem öffnen und akzeptieren dass die Welt voll von Ambiguität ist.
Jeder einzelne von uns sollte mit sich die Frage klären: Wie verhalte ich mich zu, und im Umgang mit den vielfältigen Wahrheiten einer uneindeutigen Welt? Denn genau das ist die Welt: uneindeutig. Im Innen und Außen. Was gibt mir Halt und Stärke in solchen Zeiten?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Kunst hat von jeher auf Missstände aufmerksam gemacht, aufgedeckt, getröstet, entlarvt, ist Spiegel und Zerrspiegel unseres Zeitgeistes, hat das unsichtbare sichtbar gemacht, eine andere Welt geschaffen.. Kunst wird sich weiterhin mit dem Phänomen der Mehrdeutigkeit unserer bunten, widersprüchlichen Welt auseinandersetzen und sich an ihr abarbeiten.
Der Mensch braucht diese Widersprüchlichkeit der Welt und seines Hierseins, um sich selbst zu entdecken. Ein großer Anteil aller Menschen wird immer mit der Unentscheidbarkeit und Vagheit des Lebens hadern und sich irgendwo zwischen den Polaritäten des Lebens suchen und positionieren wollen. Und solange der Mensch das tut, so lange finden und erfinden wir Kunst, zwischen den Zeilen, den Noten, den lustvoll verspielten Rüschen der Mode, im Pinselschwung, im Hammerschlag…
Wir brauchen die Kunst so sehr um das Absterben des Individuellen zugunsten des Typus zu vermeiden. Kunst ist die kraftvolle, verdichtete Bewegung gegen die eindeutige Vereindeutigung der Welt.
Wir brauchen die Kunst, damit uns das Grauen vor der Monotoniesierung der Welt nicht auffrisst. Diese Angst vor der Nivellierung auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die Bräuche der Völker schleifen sich ab. Trachten werden Uniform. Sitten international. Die Städte ähneln sich immer mehr. Da ist diese leise Angst vor dem Aufhören aller Individualität. Alles gleich, lässt sich leichter kontrollieren. Kunst wird sich vielen polarisierenden, brennenden Fragen unserer Zeit entgegenstellen.
Was liest Du derzeit?
Momo von Michael Ende
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
wir sind eins
verloren
eins ums andere
im meer der kreuze
auf brettern stehend die die seele deuten
vereiste herzen auftauen
erstickte seelen entschleiern
morgentau trinken
wie saure milch
und wenn es auf und nieder wallt
und immer weiter im gesetz
die brust sich hebt und senkt
hüllt mich das nichts in seine wogen
und lügt mir fülle vor wo keine ist
nur heiße luft
– Christine (macht sich Gedanken über Kunst & Theater & das Leben an sich während Corona).
Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!