„Dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben“ Julia Lacherstorfer, Musikerin_Wien 16.5.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist nach wie vor ganz unterschiedlich! An manchen Tagen genieße ich ruhige Morgenstunden, meditiere, mache Yoga und frühstücke auf der Terrasse! An anderen Tagen starte ich mit einem Stäbchen in der Nase, um mich für eine anstehende Probe zu testen.

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sinn und Sinnlichkeit. Das mag wie eine abgedroschene Floskel klinge, aber ich meine es tatsächlich. Wir brauchen einen Sinn und ein Ziel im Leben, das wir auch unabhängig von äußeren Einschränkungen der Pandemie verfolgen können! Je unsicherer das Außen, umso wichtiger eine Stabilität im Inneren.

Und was uns allen einfach im Moment massiv fehlt ist fast alles, wodurch wir Sinnlichkeit erfahren konnten – sei es im Erleben eines Konzertes, ein gemeinsames Abendessen mit Freund:innen, eine zwanglose Unterhaltung und ein paar Drinks beim Weggehen oder ausgelassenes Tanzen. All das ist im Moment nicht möglich, und wir sind herausgefordert, uns diese Sinnesanregungen in die eigenen 4 Wände zu holen, damit uns das innere Leuchten nicht verloren geht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Aus meiner Sicht ist es einerseits der fast schon überstrapazierte Begriff der Resilienz – unsere Fähigkeit, uns schnell an die neuen gesellschaftlichen und strukturellen Codes und Vorgaben anzupassen und professionell damit umzugehen.

Andererseits fühle ich immer stärker, dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben und in der Vielzahl an Angeboten nicht unterzugehen. Ich finde es wichtig, musikalisch dann was zu sagen, wenn ich was zu sagen habe, und zu schweigen, wenn nicht. Dann gibt es eben andere, die gerade für etwas brennen, aber ohne ein Brennen für etwas, ist es keine Kunst die bestehen kann und gesellschaftlichen Impact hat. Jede Kunstform hilft einer Gesellschaft, sich selbst zu reflektieren und sich gesund weiterzuentwickeln, und Musik schafft das auf eine besonders emotionale Art und Weise.
Ein Konzertbesuch sollte erschütternd sein, bewegend oder zumindest berührend, und sollte das Publikum in einem erweiterten Bewusstseinszustand wieder nachhause entlassen.

Was liest Du derzeit?

BRENÈ BROWN

Verletzlichkeit macht stark.
Wie wir unsere inneren Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Buch beginnt mit einem Roosevelt Zitat, 1910 an der Sorbonne:
„Der Mann in der Arena“

[…] Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolptert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt, und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat. […]

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Julia Lacherstorfer | Ich

Foto_Elsa Okazaki

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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