„Die Arbeit der Suche nach Orientierung, nach Gedanken, welche in die Zukunft tragen werden“ Dragica Rajcic Holzner, Schriftstellerin_ Zürich 19.5.2021

Liebe Dragica, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wir sind Ende April in Rogoznica in Kroatien angekommen, hier arbeite ich am einfachsten, also wenn die Bücher ausgepackt sind, die Internetverbindung wieder kommt, das Notwendigste erledigt ist, Behörden, Familie; Spargeln suchen, dann über den kommenden Text nachdenken. Zwei Frauen, Wally Neuzil und Simone Weil, beschäftigen mich so sehr, die eine Model, die andere Philosophin, darüber schreibe ich bzw. denke ich nach, Tag für Tag. Ich schaue zurück auf den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, und die Frauenfragen – aktuell auf andere Art immer noch – ; eventuell verbergen sich dort auch Impulse für heute, sicher aber finden muss ich sie und in einen Text überführen… schreibend.

Dragica Rajčić Holzner _ Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich komme aus einem verlorenen (falschen) ideologischen WIR der sozialistischen Gesellschaft, welches sich dann in ein WIR  einer nationalistischen Gesellschaft übergossen hat, Gott sei Dank war ich dann im Ausland bis heute. Für mich und uns alle ist es besonders wichtig, sich selber nicht im Massenwahn zu ertränken – und da meine ich nicht nur die Extremistischen. Hermann Broch würde  sagen, „Anstand zu wahren“ ist notwendig, auch für  mich selber besonders wichtig, und das darf jede(r) für sich selber entscheiden, was sie/er/es für wichtig findet.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

AUF-/AB-Bruch, – in diesem Verb oder Nomen steht schon auch die Antwort drin, mit vielem muss man abbrechen, da liegt auch die Chance, eine geschenkte durch das Virus fast?

Im UF verbirgt sich die Mühsal und die Arbeit der Suche nach Orientierung, nach Gedanken, welche in die Zukunft tragen werden, ja, auch Rückfälle gehören dazu und das Wissen, früher war nichts besser, und sie haben es auch geschafft.

Der Kunst – wozu auch Literatur hoffentlich gehört – kommt keine besondere Rolle zu, die Kunst unter wechselnden Bedingungen muss und soll nur Herz und Kopf eines jeden Menschen beflügeln auf der Suche nach Glück, Gerechtigkeit und Freiheit für die Umgebung und sich selbst. Kunst ist Teil von jedem und nicht außerhalb als Gebrauchsmaschine und damit ist sie immer dialogisch, auch im Scheitern. Ja, Scheitern ist vielleicht auch ein Weg der Erkenntnis, nicht Siegen in Wettbewerben. Oder?, sagen die Schweizer.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zuviel – weil es bei mir  Arbeits-lesen und Vergnügen-lesen gibt, aber ein Lesen leidet immer darunter.

Alleswiederlesen  von Simone Weil, 1909 in Paris als Tochter einer jüdisch-bürgerlichen Familie geboren, hat sich politisch  engagiert als Gewerkschafterin, Marx-Kritikerin und Teilnehmerin am Spanischen Bürgerkrieg. Fand später Orientierung an christlicher Mystik wie auch an platonischem und buddhistischem Denken. Sie starb im Exil 1943 im englischen Ashford, weil sie verhungerte, aus Solidarität mit ihren Landsleuten.

Das beste Buch des Jahrzehnts ist für mich „Löwen wecken“ der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen.

Da denkt ein Neurochirurg, welcher einen eritreischen Flüchtling überfährt und vom Tatort flüchtet: „Der kleine Junge, der beim ersten Anblick eines Obdachlosen auf der Strasse dermassen losgeheult hatte, dass seine Grossmutter, die dabei war, ihn bis heute daran erinnerte. Wann hatte er aufgehört, Obdachlose unsicher anzustarren, und angefangen, ihrem Blick um jeden Preis auszuweichen? …“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Verlust der Berührung mit der Wirklichkeit ist das Böse“. Aus:

Schwerkraft und Gnade – Verlag Matthes & Seitz Berlin (Simone Weil)

Vielen Dank für das Interview liebe Dragica, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Dragica Rajčić Holzner _ Schriftstellerin

HOME | dragica-rajcic (dragicarajcic.ch)

ausgezeichnet mit dem Schweizer Literaturpreis 2021

Dragica Rajčić Holzner (schweizerkulturpreise.ch)

Foto_Florian Bachmann.

21.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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