„morgentau trinken/wie saure milch“ Christine Winter, Schauspielerin_ München 18.5.2021

Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf sieht trotz, oder vielleicht auch gerade wegen Corona jeden Tag anders aus. Da ich zur Zeit in einem Festengagement an einem Theater in München bin, wir aber Spielstopp haben, kann ich meine Tage so gestalten und füllen wie ich möchte.

Ich stehe meist spät auf, esse einen Apfel, erledige anfallende PC Arbeit. Danach tu ich etwas für mich, lese ein Buch oder bewege mich, gehe spazieren, lerne tanzen in einem Onlinekurs, oder schau eine Serie, telefoniere mit Freunden, oder erarbeite neue Theaterabende. Ich versuche mich permanent im Jetzt zu halten und mir keine Sorgen um das Morgen zu machen.

Christine Winter_Schauspielerin / Theaterregisseurin / Texterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In diesen Zeiten ist es wichtig füreinander da zu sein, sich gut zu behandeln, sich gegenseitig zu unterstützen, freundlich und offen zu bleiben und Zeichen zu erkennen, wenn jemand deine Hilfe braucht. Auch wenn die Lage angespannt ist, sollten wir unsere Herzlichkeit, unser Lachen nicht verlieren.

Wir sollten uns gegenseitig ermutigen und bestärken, aufbauen und zusammenarbeiten, aneinander wachsen und uns aus dieser Krise gemeinsam herausarbeiten.

Wichtig ist zudem dass wir jetzt auch nach Innen schauen, unser starres Räderwerk mit neuen Überzeugungen und Möglichkeiten ölen, Altes loslassen, überholte Gewohnheiten aufgeben, uns dem Neuem öffnen und akzeptieren dass die Welt voll von Ambiguität ist.

Jeder einzelne von uns sollte mit sich die Frage klären: Wie verhalte ich mich zu, und im Umgang mit den vielfältigen Wahrheiten einer uneindeutigen Welt? Denn genau das ist die Welt: uneindeutig. Im Innen und Außen. Was gibt mir Halt und Stärke in solchen Zeiten?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat von jeher auf Missstände aufmerksam gemacht, aufgedeckt, getröstet, entlarvt, ist Spiegel und Zerrspiegel unseres Zeitgeistes, hat das unsichtbare sichtbar gemacht, eine andere Welt geschaffen.. Kunst wird sich weiterhin mit dem Phänomen der Mehrdeutigkeit unserer bunten, widersprüchlichen Welt auseinandersetzen und sich an ihr abarbeiten.

Der Mensch braucht diese Widersprüchlichkeit der Welt und seines Hierseins, um sich selbst zu entdecken. Ein großer Anteil aller Menschen wird immer mit der Unentscheidbarkeit und Vagheit des Lebens hadern und sich irgendwo zwischen den Polaritäten des Lebens suchen und positionieren wollen. Und solange der Mensch das tut, so lange finden und erfinden wir Kunst, zwischen den Zeilen, den Noten, den lustvoll verspielten Rüschen der Mode, im Pinselschwung, im Hammerschlag…

Wir brauchen die Kunst so sehr um das Absterben des Individuellen zugunsten des Typus zu vermeiden. Kunst ist die kraftvolle, verdichtete Bewegung gegen die eindeutige Vereindeutigung der Welt.

Wir brauchen die Kunst, damit uns das Grauen vor der Monotoniesierung der Welt nicht auffrisst. Diese Angst vor der Nivellierung auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die Bräuche der Völker schleifen sich ab. Trachten werden Uniform. Sitten international. Die Städte ähneln sich immer mehr. Da ist diese leise Angst vor dem Aufhören aller Individualität. Alles gleich, lässt sich leichter kontrollieren. Kunst wird sich vielen polarisierenden, brennenden Fragen unserer Zeit entgegenstellen.

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Momo von Michael Ende

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wir sind eins

verloren

eins ums andere

im meer der kreuze

auf brettern stehend die die seele deuten

vereiste herzen auftauen

erstickte seelen entschleiern

morgentau trinken

wie saure milch

und wenn es auf und nieder wallt

und immer weiter im gesetz

die brust sich hebt und senkt

hüllt mich das nichts in seine wogen

und lügt mir fülle vor wo keine ist

nur heiße luft

– Christine (macht sich Gedanken über Kunst & Theater & das Leben an sich während Corona).

Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Christine Winter_Schauspielerin / Theaterregisseurin / Texterin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christine Winter, Schauspielerin, Theaterregisseurin, Texterin

Christine Winter – Aktuell

Christine Winter | Linktree

Fotos_ 1,2, 8-11 privat; 3,4,5 Martin Erker; 6, 7 Thomas Huntke; 12 Tetjana Ivanova 

21.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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