„Wenn sie meine beste Freundin wäre, würde ich sagen – renn`!“ Lara Sienczak, Schauspielerin _Wien_50 Jahre_Malina_18.5.2021

Nach Wien kam ich durch Zufall. Ich habe mich an mehreren Schauspiel-Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum beworben. Nach der Aufnahme musste ich innerhalb von 10 Tagen nach Wien. Bin dann hängengeblieben. Das ist jetzt fünf Jahre her.

Mein Weg zum Schauspiel hat auch indirekt mit Wien zu tun (lacht). Als ich sieben Jahre alt war, schleppte mich mein Papa in das Musical „Elisabeth“ in Essen. Ich habe dann die CD rauf und runtergesungen. Dann spielte ich Schultheater. Ich habe immer Orte gesucht, an denen ich Theater machen kann. Mit sechzehn war ich am Tic-Theater Wuppertal. Dann ging es Schritt für Schritt mit Ausbildung und Engagements weiter.

Wien ist jetzt mein Zuhause geworden. Am Anfang war es schwierig aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl.

Je mehr man Wien kennt, desto mehr muss man diese Stadt lieben.

In Österreich dauert das Ankommen, das Angenommensein länger als in anderen Ländern – bis es so weit ist, sich Wienerin nennen zu dürfen. Ich habe noch immer nicht zu 100% das Gefühl, dass es so ist.

Ich lebe im sechsten Bezirk. Der Naschmarkt ist da ein toller Ort. Samstags am Morgen schaue ich aus dem Fenster und es sind schon so viele Menschen da. Das ist cool.

Es gibt so viel zu entdecken in dieser Stadt. Auch weniger Bekanntes wie etwa den böhmischen Prater.

Menschen machen eine Stadt aus. Ohne Menschen ist eine Stadt kühl.

Orte verknüpfen sich mit Erlebnissen. Neulich war ich mit einer Freundin spazieren, die gerade viel Liebeskummer hat, und zum Hinsetzen mussten wir immer wieder den Ort, die Sitzbank, wechseln, da es so viele Erinnerungen für sie gab.

Man erschließt sich neue Bezirke einer Stadt im Wohnen. Ich kenne im siebten/achten Bezirk jedes Cafè, jede Gasse. Der dritte Bezirk, der Romanschauplatz, ist für mich noch unerschlossen.

Im zweiten Studienjahr hat mir ein Dozent auf meine Frage nach zu lesenden Büchern fünf Bücher empfohlen – da war Malina dabei. Ich las es und es hat etwas ausgelöst. Ich habe es aber nie richtig fassen können. Dann kam ich auf den Film „Malina“. Das war im Zuge eines Referates auf der Uni. Malina ist schwer in Worte zu fassen, zu begreifen.

Malina ist ein Spiegel von Wien. Cafès, Orte. Es ist auch ein älteres, anderes Wien. Ivan fährt ja etwa immer mit dem Auto. Das ist für mich untypisch. Typisch ist auch die Wiener Wohnung im Roman.

Orte wirken immer unbewusst.

Die Persönlichkeit in Malina, die aus zwei klassisch binären Polen besteht, ist ein faszinierender Zugang. Da könnte auch eine Transidentität hineingelesen werden. Die Schriftstellerin wird als Frau wahrgenommen, am Ende verschwindet dieser Teil der Figur und es bleibt Malina.

Wir leben in einem binären Geschlechtersystem seit der Aufklärung. Mann und Frau wurden hier als Gegensätze konstruiert, ihnen wurden gegensätzliche Attribute zugeschrieben. Unser Denken ist in diesem Code gefasst. Kant u. C.G.Jung sind Ausdruck und Form dieser Tradition. Dies verändert sich im Moment. Diversität ist gerade ein Prozess.

Gefühlt hat die Gesellschaft was Feminismus angeht in den späten 1990er/2000er Jahren stagniert. Jetzt in den letzten Jahren tut sich wieder sehr viel. 50 Jahre Malina – es herrscht immer noch das Patriarchat. Auch wenn sich gesetzlich einiges positiv verändert hat.

Dominanz und Narzissmus, Ivan im Roman, das hat sich in dieser harten Struktur schon verändert. Es ist aber nicht verschwunden.

Dominanz wofür? Wenn wir über Utopien nachdenken – es braucht weniger Dominanz und mehr Empathie, das Herstellen von Augenhöhe. Sich und seiner Wünsche und jener des Gegenübers gewahr werden und Empathie und Kommunikationsfähigkeit entwickeln, anstatt Dominanz.

Empathie könnte den Schleier von Dominanz ersetzen.

Matriarchat ist nicht die Umdrehung von Patriarchat. Vielleicht könnten wir kulturell einfach Dominanz vergessen? (Lacht). Das wäre doch schön, es geht doch um ein Miteinander, um Empathie.

Persönlich beobachte ich bei manchen cis Männern (cis = bei Geburt zugewiesene Geschlechtsidentität, Anm.) den Trend/Hang zur Bindungsangst, auch eine emotionale Unreife. Was, denke ich, ebenfalls viel mit patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft zu tun hat.

Frauen und non-binäre Personen, denen bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeschrieben wurde, werden hingegen dazu sozialisiert, die Rolle des Care-Takers anzunehmen und dabei die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen.  Das ist ja auch im Roman so. Ivan hat seine Issues (Issue- emotionale Problemstellung; Anm.) und sie leidet daran. Zwei Welten treffen da aufeinander. In Ansätzen sehe ich das heute auch so. Dies hat viel mit Geschlechterbildern zu tun.

Patriarchale Sozialisierung prallt in cis heterosexuellen Beziehungen aufeinander. Damit das funktionieren könnte, bräuchte es die Aufopferung der Frau. Das widerspricht feministischen Idealen und ist natürlich grundsätzlich ungesund für beide.

Weiße heterosexuelle Männer haben sehr viel Macht gebündelt, intersektionaler Feminismus will dieses Bündel auflösen. Dass Macht einigermaßen gleich verteilt ist.

Die Philosophin Judith Butler sagt in ihrem Werk „Gender Trouble“, dass Machtstrukturen schon in der Konstruktion der binären Kategorien Mann und Frau eingeschrieben sind – es geht jetzt nicht darum in der binären Waage Mann Frau die Macht auszugleichen sondern die Waage auseinander zu nehmen.

Auch viele cis Männer leiden am Mannsein. Es ist mega ungesund, wenn gesagt wird „Männer weinen nicht“, „Ein Mann muss immer stark sein“ – das ist unmenschlich. Das ist eine Belastung. Die Jungs in meiner Schulklasse hatten da etwa viel Identitätsdruck.

Identitäten sind nie ganz innerlich frei. Da kommt viel von außen.

Es gibt bessere Identitätskategorien, wenn die Identitätskategorie Geschlecht wegfällt.

Was ist Liebe? Darf ich da Bücher empfehlen? (lacht) – Eva Illouz, „Warum Liebe weh tut“ und Liv Strömquist, „Der Ursprung der Liebe“, „Der Ursprung der Welt“ und „Ich fühl`s nicht“. Da werden die Einflüsse von Patriarchat und Neoliberalismus auf die Liebe dargelegt. Sehr spannend.

Mensch kann in der Liebe glücklich sein – ja!

Meine Beziehung ist frei von gesellschaftlichen Vorstellungen an Beziehung und Geschlecht. Ich habe eine Utopie der Liebe und alles andere stört da nicht, ist da nicht. Es ist ein Wunder, das ich im Moment erlebe, ich weiß nicht warum. Glück? (lacht)

Wenn sich Menschen finden, in denen ihre Vorstellungen von Unterordnung, Schutz passen, ist das auch, wertfrei gesehen, wunderbar. Beziehungsdynamiken sind sehr individuell.

Man kann auch in einer Beziehung einem masochistischen Part zustimmen, wenn es glücklich macht. Das kann auch total feministisch sein.

Gelebter Feminismus ist Freiheit.

Zur Frau im Roman, wenn sie meine beste Freundin wäre, würde ich sagen – renn`!

Wie kommt man aus so einer Beziehung wie im Roman aus? Ich weiß es nicht. Wir alle sind sozialisiert im Geschlechtermodell. Das ist in uns drin. Wie Kapitalismus, Neoliberalismus.

Schluss machen, aus der Ungargasse rausgehen!

Ja, es gibt Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube an die Liebe.

Liebe wächst und entwickelt sich.

Ich bin glücklich verliebt, es klappt super. Da ist jetzt alles leicht. Da kann ich mich auch im Romanbeginn wiedererkennen.

Wenn ich spiele, ist alles aus dem Unbewussten. Es kommt nicht aus dem Kopf sondern aus etwas tiefer Gesetztem. Es ist ein Schatz, mit dem die Auseinandersetzung lohnt, dem Platz einzuräumen.

Im Roman sind es Traumata und sie ist in einer Schleife gefangen. Sie kommt da nicht ganz raus. Es gibt keinen progress.

Ingeborg Bachmann sprach ja von einer Autobiographie. Die Schleifen der Gedanken wird man erst los, wenn man hinschaut.

Wiederholung entsteht durch Nicht-Auseinandersetzen. Das Unbewusste sucht die Auseinandersetzung.

Kunst kann Gedankenschleifen brechen. Eine Bühne ist auch stellvertretend, ein Ort der Reflexion eigener Schatten. Eine katharsis.

Psychoanalyse ist sehr wichtig. Da steckt viel drin, das einen persönlich und künstlerisch ausmacht – Intuition, Bauchgefühl. Es lohnt sich aber auch künstlerisch Vertrauen zu lernen.

In Malina ist viel von Bachmann zu spüren. Das kann jetzt aber auch ein Irrglaube sein.

Da ist viel Wärme, ich spüre eine Nähe zu Bachmann. Ich habe keine Ahnung warum.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Lara Sienczak _ Schauspielerin _Wien.

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

https://literaturoutdoors.com

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