„Alle werden die Schnauze richtig voll haben von dem Thema“ Olivia Kuderewski, Schriftstellerin_Berlin 11.6.2021

Liebe Olivia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Kaffee trinken, Arbeiten, Essen, Spaß haben, Schlafen gehen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Impfen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Weiß nicht genau, aber es wird sèeeeeeeeeeeehr viele Corona-Romane geben und das nervt mich jetzt schon. Alle werden die Schnauze richtig voll haben von dem Thema.

Was liest Du derzeit?

Erica Jong – Parachutes & Kisses

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ja, das ist toll.“ Ich drehte mich auf meinem Stuhl herum und sah ein bisschen in die Tiefe des Raums.

Sven Regener – Magical Mystery

Vielen Dank für das Interview liebe Olivia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Olivia Kuderewski, Schriftstellerin

Lux | Voland & Quist (voland-quist.de)

Foto_Alain Barbero

22.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass die Kunst nicht nur dazu da ist, um Touristen anzuziehen“ Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler_Wien 11.6.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als vor der Pandemie. Mein Tagesablauf ist vom Konflikt meiner viel zu vielen Leidenschaften geprägt. Sie streiten sich darum ganz oben auf die Agenda zu gelangen. Welche Interessen es schaffen und wann und wie lange sie meine Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen, entscheide ich recht spontan. Lust und Laune haben dabei ein gewichtiges Wort mitzureden, damit es aber nicht zu chaotisch wird versuche ich mich doch an ein paar Regeln und an eine gewisse Grundstruktur zu halten. Eine Regel ist, dass Interessen, die meinen Beruf betreffen vorrangig behandelt werden. Praktischerweise haben die meisten ohnehin etwas mit Kunst zu tun. Ich lese viel, schaue Dokus und besuche Museen und Ausstellungen.

Die wichtigste Regel ist aber, dass das Zeichnen oberste Priorität hat. Im Idealfall zeichne ich bis kurz nach Mittag. Danach habe ich den Kopf frei für all die anderen Sachen und Interessen, aber auch für berufliche und private Verpflichtungen, sowie Sport und Bewegung.  Am späten Nachmittag und gegen Abend bekomme ich oft wieder Lust zu zeichnen.

Dass es bis Ende Mai des Jahres abends keine Termine und Verpflichtungen gab, störte und belastete mich persönlich nicht. Im Gegenteil.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und sich nicht von der allgemeinen Aufgeregtheit – die vor allem in den Sozialen Netzen ausufert  – anstecken lassen. Ich habe den Eindruck, dass alle zu allem eine Meinung haben, ja haben müssen und diese auch lautstark und vehement verteidigen.  Aufgeregt, gar zornig, wird die eigene Auffassung überhöht und andere Meinungen mit leidenschaftlicher und nachdrücklicher Boshaftigkeit und Arroganz verächtlich gemacht. Ob die Ansichten auf richtigem Wissen beruhen spielt dabei selten eine Rolle. Ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung trifft es leider erschreckend oft.

„Es wird ja noch gesagt werden dürfen“, heißt es häufig. Ja, es darf, aber muss es auch immer?

Stefan Kahlhammer_

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass es auch wirklich ein Aufbruch und Neubeginn sein wird. Ich befürchte, dass auch versucht wird wieder so schnell wie möglich zum alten Status quo, wie er vor der Pandemie herrschte, zurückzukehren. Wir haben eine Zwangsruhe verordnet bekommen, viele Menschen sind aber innerlich nicht zur Ruhe gekommen. Sie sind aufgewühlt und unruhig, weil sie glauben sie hätten Wichtiges versäumt und glauben das Entgangene so schnell wie möglich wieder aufholen zu müssen.

Ich würde mir wünschen, dass diese aufgezwungene Pause nicht als Verlust, sondern als Chance begriffen wird. Damit es zu einem richtigen Neubeginn kommen kann, obliegt es jeder und jedem Einzelnen nachzudenken welche Veränderungen notwendig sind. Es erfordert Mut alles Bestehende zu hinterfragen, eingefahrene Wege, Denkweisen und Gewohnheiten zu durchleuchten und bei Bedarf zu ändern. Zum Nachdenken und zum Reflektieren bedarf es aber viel Kreativität. Um auf neue Ideen zu kommen braucht es die Bereitschaft sich von Musen inspirieren zu lassen. Und da kommt die Kunst ins Spiel.

Die Kunst kann den Part der Muse übernehmen. Der Kunst kann vor allem die Rolle von Ideenbringern zukommen. KünstlerInnen sind es von jeher gewohnt  Ideen zu entwickeln und sich kreative Wege zu überlegen, um diese umzusetzen. Sie sind feinfühlig und haben sensible Sensoren, um zu erkennen wo es falsch läuft. Sie können sich ernsthaft und tiefgründig mit einer Sache beschäftigen und daraus entstehen oftmals großartige neue Denkweisen und Ansätze. Genau das ist die Stärke der Kunst. Sie kann der Gesellschaft neue Ideen, Visionen und Utopien bringen und mögliche neue Wege aufzeigen.

Die Menschen müssen den KünstlerInnen aber auch zuhören und sich inspirieren und anspornen lassen. Dann werden sie erkennen, dass die Kunst nicht nur dazu da ist um Touristen anzuziehen, für Spaß und Ablenkung zu sorgen oder Räume zu verschönern, sondern ein wichtiger Teil ist, um eine Gesellschaft positiv zu verändern und weiterzubringen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe begonnen alte Kinderbücher wieder zu lesen bzw. neu zu entdecken.  Zum Beispiel die Bücher von Erich Kästner oder Roald Dahl. Aktuell lese ich „The Wind in the Willows“ von Kenneth Grahame.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir suchen die Wahrheit, finden wollen wir sie aber nur dort, wo es uns beliebt.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler

The Stefan Kahlhammer Official Website Home Page

Alle Fotos_Stefan Kahlhammer

12.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich erschreibe mir eine Welt“ Magda Woitzuck, Schriftstellerin_ Bachmannpreisteilnehmerin 2021 _Niederösterreich 11.6.2021

Bachmannpreis 2021_

Im Gespräch und Fotoporträt: Magda Woitzuck Schriftstellerin_Bachmannpreisteilnehmerin 2021

Ich lebe in Niederösterreich auf einem mittlerweile stillgelegten Bauernhof, ich bin da auch aufgewachsen. Ich habe jetzt eine Wohnung im ehemaligen Stall, wo ich auch arbeite. Der Weg zurück war auch mein Weg zu einer künstlerischen Existenz, die Möglichkeit dazu.

Als Schriftstellerin arbeite ich grundsätzlich wie andere Menschen von Montag bis Freitag. Früh aufstehen und dann zum Schreibtisch. Bei Projektarbeiten ist es manchmal sehr dicht und zeitintensiv, dann geht es auch in den Abend und das Wochenende. Es gibt aber dann auch wieder eine Freiheit der Zeiteinteilung.

Unser Bauernhof war eine biologische Landwirtschaft. Meine Eltern haben vieles selbst produziert, Brot, Würste, Marmelade und so weiter. Meine Mutter fuhr mit den Produkten auch auf den Markt. Wir hatten alles außer Kühe. Früher gab es noch mehrere Milchbauern in unserer Gegend und ich fuhr mit dem Radl und der Milchkanne, so eine klassische Emaille-Kanne, zur Nachbarin. Im Umkreis des Dorfes gibt es lokale Lebensmittelproduzenten. Lebensmittel direkt vom Bauern zu besorgen ist eine Organisationsfrage. Manchmal bekommt man auch Wild vom Jäger.

Die ländliche Verortung spielt in meinem Schreiben sicherlich eine Rolle. Es ist für mich jetzt schwer zu beurteilen ob das auch eine Seelenarbeit, Auf- oder Abarbeitung von Erlebtem ist. Grundsätzlich ist es eher die Topographie, die wichtig ist. Man schreibt über das was man kennt. Was einem vertraut ist. Das landet nie eins zu eins in einem Text, aber es fließt sicherlich einiges mit ein.

In den letzten Jahren schrieb ich viele Hörspiele. Im Hörspiel „Vom Fehlen des Meeres auf dem Lande“ (ORF 2013) spielt das Landleben eine große Rolle. Die Hauptfigur pendelt zwischen ihrem Zuhause auf dem Land und der weiten Welt hin und her. Im Dorfwirtshaus tauscht sie bei der Wirtin Muscheln und Schnecken gegen Schnitzel und Zigaretten, bis die Sehnsucht der Wirtin nach dem Meer zu groß wird und die ganze Sache eskaliert. Außer dem Wirtshaus und der Wirtin kommt auch der Wald vor, und ein Jäger. Aber eben auch das Meer.

In der Natur, im Umgang mit Tieren kann man die menschlichen Grenzen spüren. Da liegt ja auch eine gewisse Komik drin: der Mensch rauft mit der Natur herum, mäht den Rasen, jätet Unkraut, kämpft gegen Nacktschnecken, bestellt seine Felder, versucht, der Brombeerhecken Herr zu werden – und das Raufen hört nicht auf. Die Natur macht, was sie will und kann. Diese Unerschütterlichkeit, dieses einfach-vor-sich-hinwachsen, das finde ich sehr tröstlich. Da wird alle moderne Machbarkeit und die eigene Existenz relativiert. Man kann sich auch gut in der Natur verstecken. Und es lässt sich dort sehr viel entdecken. Das Verborgene um uns und das Verborgene in uns liegen ja oft sehr nahe beieinander.

Ich lebte in Wien und war und bin nach wie vor viel unterwegs. Zurück auf das Land zu ziehen war ein bewusster Schritt aus dem Urbanen. Die Ruhe war da ausschlaggebend, der Raum. Und der Horizont. Dass das Auge zum Horizont gehen kann. Die Farbe Grün hat da auch einen sehr großen Effekt. Es kann aber auch am Land sehr laut sein, das glaubt man ja nicht, Traktoren, Vögel, Hufgeklapper, brüllende Stiere, Wind (lacht), aber das ist natürlich anders als der Verkehrslärm in der Stadt.

In meiner Jugend war immer viel Arbeit am Bauernhof. Die Studienzeit in Wien war dann auch eine Zeit des Schreibens, der Zeit dafür.

Ich bin gerne umgeben von Tieren. Habe jetzt einen Hund und zwei Schildkröten, eine Katze. Und ich reite gerne am Hof meiner Freundin.

In der Schule hat mich eine Lehrerin im Schreiben sehr unterstützt. Da war ich zwölf. Diese Förderung in der Schule setzte sich dann fort. Es kam dann schon zu Textveröffentlichungen und Lesungen. „Fleischbeschau“ war eine meiner ersten Kurzgeschichten.

Es ging da um das Kommen des Tierarztes nach der Schlachtung. Wir hatten Schweine, die auch am Hof geschlachtet wurden. Nach dem Schlachten wurde das Fleisch von einem Tierarzt kontrolliert. Wenn alles  passte, bekam die Schweinehälfte einen Stempel und das Fleisch konnte weiter verkauft oder verarbeitet werden.

Meine Mutter stammt aus Polen, studierte in Wien Dolmetsch, mein Vater ist Österreicher und fuhr vorher zur See. Gemeinsam wagten sie den Weg eines Biobauernhofes. Es gab aber immer auch einen großen Freundeskreis von Künstler*innen. Das Landleben war so immer auch in Kontakt/Austausch mit dem Künstler*innenleben. Meine Eltern waren meinem Schreiben gegenüber sehr wohlwollend. Sie freuten sich. Meine Mutter unterstützte mich sehr. „Macht etwas, mit dem ihr glücklich seid“ sagte meine Mutter immer zu uns drei Geschwistern. Ich bin die älteste, habe einen jüngeren Bruder und eine jüngere Schwester.

Ich war sehr vorsichtig beim beruflichen Schritt zur Selbständigkeit als Schriftstellerin. Da war so viel Freude am Schreiben und dann die Angst durch diesen Schritt etwas zu zerstören. Es kam dann zufällig nach dem Studium. Als ich von einer Reise zurückkam, war da schon der nächste Auftrag. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Im letzten Jahr habe ich an einem 13-teiligen Feature-Podcast für SWR2 gearbeitet, an einer Dokumentation. Das war eine ziemliche Herausforderung. Das journalistische Arbeiten, die Regie, die Tontechnik, das war alles Neuland für mich. Es geht um eine Frau, die im Jahr 2000 in Wien für den Handel mit Haschisch verhaftet wurde. Ich bin gespannt wie die Veröffentlichung ankommt. Das wird unmittelbar nach dem Bachmannpreis sein. Dann schrieb ich ein Hörspiel und den Bachmannpreistext. Ich habe auch an einer Stückentwicklung für eine Performance mitgearbeitet.

Die Schriftstellerin und Bachmannpreisjurorin Vea Kaiser rief mich im Jänner des Jahres an und fragte mich ob ich einen Text zum Bachmannpreis hätte. „Nein“, sagte ich und überlegte was ich schreiben könnte. Ich griff dann eine Textidee auf und sandte den ausgearbeiteten Text an Vea. Im März bekam ich dann von ihr die Einladung. Ich war ziemlich überrascht, freute mich aber sehr. Das ist schließlich eine große Auszeichnung.

Es gab dann die Aufnahme für die Lesung vom ORF. Jetzt habe ich ein Technik-Paket des ORF mit einem Stativ und tablet zuhause, dazu eine präzise Anleitung für den Aufbau an den Tagen der Live-Übertragungen. Es gibt auch einen genauen Zeitplan zur online Anwesenheit. Am Dienstag vor der Eröffnung gibt es einen Testlauf. Ich hoffe, dass das Internet hält (lacht), auch hier am Land.

Der Bachmannpreis ist ein wesentlicher Teil des literarischen Jahres. Es ist etwas sehr Großes. Daher ist es jetzt sehr besonders für mich selbst dabei sein zu dürfen.

Das Live-Lesen ist natürlich eine Anspannung, da bin ich froh, dass ich nicht ins Studio muss (lacht). Aber Klagenfurt als so vielstimmiger Begegnungsort und Treffpunkt von Kultur und Literatur, Kolleg*innen und Interessierten, das ist sehr schade, dass dies heuer aufgrund der Umstände nicht möglich ist.

Unter uns Teilnehmer*innen gibt es jetzt im Vorfeld kein (online) Treffen oder einen weitgehenderen Austausch. Persönlich habe ich jetzt mit meiner Kollegin, Teilnehmerin Katharina Ferner Kontakt.

Ingeborg Bachmann, das ist oberstes Bücherregal.

Die Kindheit — da sind ganz viele erste Male, wo wir mit der Welt in Berührung kommen. Die ersten Male werden dann immer weniger. Und damit festigt sich unser Bild von der Welt, wir entdecken immer weniger Neues in ihr, verlieren da auch ein bisschen von unserer kindlichen Freude am Entdecken, von unserer Neugier. Schreiben ist ein Versuch, diese Freude und Neugier zu erhalten, oder sie vielleicht wiederzufinden.

Ich erschreibe mir eine Welt.

Worte, das sind Bausteine, aus denen sich eine Welt zusammensetzen lässt. Es ist ein bisschen wie Lego.

Im Hörspiel hast Du auch im Kopf, dass es speziell dialogisch, akustisch ist. Die Geschichte muss übers Hören verstanden werden, die Bildebene fehlt, aber im Gegensatz zu einem Buch kann man nicht zurückblättern. Und dann kommt noch dazu, dass zwischen mir und den HörerInnen mehrere Instanzen sind, die das Stück nochmal verändern: die Regie, die SchauspielerInnen, der Schnitt. Jede involvierte Person bringt noch einmal was eigenes mit, das am Ende in das Stück einfließt.

Im Prosaschreiben bin ich alleinverantwortlich. Ich schreibe den Text und der Leser liest ihn, da gibt es keine Instanzen dazwischen. Wie der Leser den Text liest, bleibt ihm überlassen, er wird nicht durch eine Stimme geführt, durch Musik oder Regie.

Ich würde mir wünschen, dass in der Literatur, Kunst nicht nur auf die ganz „Großen“ gesetzt wird, sondern Diversität erhalten und gefördert wird. Dass man sich was traut, nicht immer Angst hat, dass Publikum könnte etwas nicht mögen. Mehr Mut. Einfach mehr Mut (lacht).

Ich habe eine große Leidenschaft und Liebe für das Schreiben und freue mich sehr, dass ich das teilen darf. Ich hoffe, ich kann das noch lange machen.

Liebe Magda, ich darf Dich zum Abschluss des Interviews zu einem Bachmannpreis-Akrostichon, einer Buchstaben Assoziation in Wort oder Satz bitten:

Achrostikon _ Bachmannpreis

Breit

Aufregend

Chaos (inneres)

Heiß

Meer

Abenteuer

Nervös

Nahegehend

Prestige

Ritt über den Wörthersee

Exklusiv

Interessante Erfahrung

Souveränität

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Magda, alles Gute und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Teilnehmende Schriftsteller*innen im Gespräch:

Magda Woitzuck_ Schriftstellerin_Niederösterreich.

aktuelles und lesetermine – magdawoitzucks Webseite!

Fotos_Landschaft_Magda Woitzuck.

Interview und alle Fotos Portrait_Walter Pobaschnig _ Hotel Royal_Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

Infos Bachmannpreis 2021_ Bachmannpreis (orf.at)

„Sinnliche Live – Erfahrung funktioniert digital -zum Glück- noch nicht“ Benjamin Kornfeld, Schauspieler_Wien 10.6.2021

Lieber Benjamin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mich zieht es direkt zur Kaffeemühle, dann zum Siebträger (low budget, hätte aber gerne so ein Gastroding). Kaffee ist die erste Amtshandlung. Dann mache ich mir meistens irgendwas -natürlich- gesundes mit Haferflocken, Früchten und Joghurt. Mails checken, telefonieren, Newsletter Statistik checken, Listen exportieren, importieren, Kalendererinnerungen erstellen, meinen dutzendenden Whatsapp – Gruppen die nötige Aufmerksamkeit schenken, ob privat oder beruflich. Dabei höre ich manchmal Fm4 oder auch Techno, heute war es jedoch Mamy Blue (Remastered) von Ricky Shane.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität in der Kunst -und Kulturszene. Gegenseitige Unterstützung bei
Projekten aber auch einfach mal wieder herum strawanzen zu können und zu
dürfen. Tapetenwechsel, sprach die Birke.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/
Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst soll ein ständiges abstraktes Spiegelbild sein von dem was jetzt ist,
oder? Viele reden von Digitalisierungsformen der darstellenden Kunst. Neue
Formate. Kommt aber durch die reale unmittelbar sinnliche Live – Erfahrung
nicht aus. Und das funktioniert digital -zum Glück- noch nicht.

Was liest Du derzeit?

Die Arbeit der Nacht, Wie später ihre Kinder (leider länger nicht mehr
weitergelesen), viel Tagesschau, Zeit und standard und ab und an Tom of
Finland.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Optimist erklärt, dass wir in der besten aller Welten leben, und der Pessimist
fürchtet, dass dies wahr ist.

James Branch Cabell

Vielen Dank für das Interview lieber Benjamin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Benjamin Kornfeld, Schauspieler

Foto_Gregor Mantel

14.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst schafft einen Platz, an dem gemeinsam gelacht, gestaunt, zugehört, gesehen, diskutiert wird“ Renate Pirker, Künstlerin_Völkermarkt 10.6.2021

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinem Tagesablauf hat sich nicht sehr viel geändert. Ich verbringe viel Zeit zuhause, im Garten, im Wald und in meinem kreativen Arbeitsraum. Versuche zwischendurch immer wieder, einen Rhythmus zu finden, Regelmäßigkeiten in meinen Tagesablauf einzubauen was mir nicht immer gelingt mit Ausnahme von Aufstehen und Kaffee trinken. Momentan hat Jahreszeiten bedingt der Garten Vorrang. Die häuslichen Pflichten wie kochen, saubermachen, Einkauf etc. werden mehr oder weniger nebenbei erledigt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir gefällt der Gedanke „gemeinsam schaffen wir das“ sehr gut. Toleranz, Hilfsbereitschaft und so gut es geht einen positiven Blick in die Zukunft bewahren, das wären so meine Gedanken dazu. Wenn ich den Blick zwischendurch von mir selbst auf mein Gegenüber werfe, um zu sehen, ob und wie ich helfen kann, dann findet Austausch statt und ein Miteinander kann entstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an sich zu?

Ich denke, es ist uns durch diese Zeit noch bewusster geworden, wie wichtig
Kunst für uns ist. Dass Kunst einen Raum zur Begegnung, zum Austausch schafft
einen Platz an dem sich Menschen treffen an dem gemeinsam gelacht,
gestaunt, zugehört, gesehen, diskutiert wird, an dem Leben stattfindet. Dass
dies in Zukunft vielleicht noch mehr wertgeschätzt wird, nach dieser Zeit der
Entbehrungen.

Was liest Du derzeit?

Elisabeth Strout „Die langen Abende“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich gebe mir selbst gute Ratschläge, aber ich folge ihnen sehr selten“ Alice im
Wunderland.

Es is noch nie so gwesn, dass nit irgendwie gwesn war.

Renate Pirker, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Renate Pirker, Künstlerin

Alle Fotos_privat.

11.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ruth Weiss hat Wien immer geliebt“ Thomas Antonic, Regisseur/USA – Wien 10.6.2021

Ich arbeite seit längerem an einer Biographie über die vielseitige Dichterin und Performancekünstlerin Ruth Weiss, die zur selben Zeit wie William S.Burroughs (1936) in Wien lebte. Sie ist 1928 in Berlin geboren, 1933 nach Wien gekommen und dann 1938 mit ihren Eltern vor den Nazis als jüdische Familie nach New York geflüchtet.

Als junge zwanzigjährige Frau trampte sie dann über zwei Jahre per Autostopp quer durch die Vereinigten Staaten und ließ sich dann 1952 in San Francisco nieder.

Ruth Weiss sagte, dass sie Gedichte schrieb seit sie denken konnte und ihr erstes Gedicht bereits mit fünf Jahren verfasste und damit nie aufhörte. Das war das was sie machen wollte und nichts anderes kam für sie in Frage.

„..i`m 22.

don´t think i`ill make it to 30.

don`t think. write.

words are my friends. Words are wings. Protect…“

I always thought you black, Ruth Weiss

Ruth Weiss musste in ihrem Schreiben viele Jahre mit sehr wenig Geld auskommen, hatte Gelegenheitsjobs als Kellnerin, Postbeamtin, Tankwartin. Erst mit 70 Jahren, als das Buch von Brenda Knight, Women of the Beat Generation (1996) erschienen war, indem sie auch porträtiert ist, wurde sie bekannt. Die Beat-Generation wurde ja von Männern dominiert.

1955 lernte Ruth Weiss in Kalifornien Jack Kerouac kennen. Sie lebte damals im berühmt berüchtigten Hotel Wentley in San Francisco. Das war eine billige Spelunke mit Klo, Dusche am Gang, ein Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler. Jack Kerouac hang da auch vor Ort ab. Sie schrieben dann gemeinsam nächtelang Haiku Gedichte, die leider alle verschollen sind. Jack Kerouac trank Wein, Ruth Weiss trank Bier und am Morgen wurden sie von Neal Cassady abgeholt und sie fuhren auf den Portrero Hill in San Francisco und sahen gemeinsam dem Sonnenaufgang zu. Sie betonte immer wieder, dass dies eine Freundschaft zwischen Dichterkollegen und keine sexuelle Beziehung war.

Ruth Weiss hat schon Anfang der 1950er Jahre in New Orleans grellgrüne kurzgeschnittene Haare getragen, ist in Männerkleidung, weiß geschminkt aufgetreten und hat eigentlich das Genre Jazz&Poetry 1959 in Chicago erfunden. Später wurde dies in San Francisco von Lawrence Ferlinghetti und Jack Kerouac übernommen und auch auf Schallplatten veröffentlicht. Sie galten dann auch als Erfinder dieses Genres, aber es stammte von Ruth Weiss.

Sie wurde auch in den 1960/70er Jahren zu einer Underground Ikone, einer Vorreiterin der LBGTQ Bewegung. Für Ruth Weiss war die LBGTQ Bewegung sehr wichtig, lange bevor es diesen Begriff gab. Persönlich hat sie nicht über ihre Sexualität offensiv gesprochen. Sie war bisexuell und hatte mit 22 Jahren ihre erste Freundin, mit welcher sie mit einer Schreibmaschine bewaffnet quer durch die USA getrampt ist. Sie war dann 41 Jahre mit einem homosexuellen Künstler zusammen. Sie sagte dazu, dass die Sexualität da nie eine große Rolle spielte, weil sie zu sehr mit ihrer Dichtkunst beschäftigt war. Es war ihr wichtig, dass es in der Sexualität eine Freiheit gibt und dass da niemand schräg dafür angesehen oder gar verfolgt wird.

Ich habe Ruth Weiss 2012 in Wien persönlich kennengelernt, weil ich an einem Forschungsprojekt zu transnationalen Einflüssen der Beat Generation und der österreichischen Literatur gearbeitet habe. Ruth Weiss war bei dem Sprachsalzfestival in Tirol und kam da zufällig nach Wien, wo wir uns für ein Interview im Amerlinghaus trafen. Daraus ergaben sich weitere Gespräche und Treffpunkte in Österreich und den USA. Bei der vierten Begegnung entstand die Idee eine Biographie über sie zu schreiben. Ich erzählte dann davon einem befreundeten Filmwissenschaftler, Robert Dassanowsky, der meinte, ich sollte eine Kamera für die Interviews mit Ruth Weiss mitnehmen. Er wurde dann auch der Produzent meines heute bei der Diagonale in Graz präsentierten Film:

One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Regie/Buch: Thomas Antonic

Filme A-Z « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Ich begann 2017 bei Ruth Weiss zu filmen, lebte dazu eine Woche bei ihr. Sie hat ab 1983 so drei Autostunden nördlich von San Francisco in einem winzigen Dorf am Pazifik gelebt under red wood trees.

Ich entwickelte dann ein Konzept für einen Dokumentarfilm. Habe etwa Jazz&Poetry Performances von ihr gefilmt. Sie ist im hohen Alter von 89 Jahren noch mit einer Jazzband auf der Bühne gestanden.

Der weitere Plan war dann der Route ihrer Lebensorte San Francisco – New Orleans _ Chicago – New York, in umgekehrter Lebensreihenfolge zu folgen. Ich hörte dann auf diesem roadtrip meine Interviews mit Ruth Weiss im Radio. Da wusste ich, ich muss umdrehen und mehr von ihr erfahren.

Ich bin dann einem neuen Filmkonzept gefolgt, das mehr Ihrem spontanen Schreiben entsprochen hat. Zwischen 2017 und 2019 war ich dann mehrmals bei ihr und habe gefilmt.

2019 im Sommer begann ich dann den Film zu schneiden und fertigzustellen. Ruth Weiss ist im Juli 2020 verstorben. Es gab dann sehr schnell von der Diagonale Interesse und der Film läuft jetzt im aktuellem Programm.

Ruth Weiss sprach auch über eine mögliche unbewusste Zurückhaltung vor dem „Licht der Öffentlichkeit“, die mit ihren Nazi-Erfahrungen in den 1930er Jahren in Österreich zu tun haben könnte als sie sich verstecken und flüchten musste. Sie versuchte etwa über Innsbruck in die Schweiz zu fliehen, dies misslang und sie kam zurück nach Wien. Ein Freund ihres Vaters, der schon in New York war, schaffte es dann ein Visum für die Familie zu beschaffen mit dem sie alle im letzten Moment im Dezember 1938 fliehen konnten. Sie mussten dabei auf ein Schiff in Holland und reisten im Zug quer durch Deutschland.

„…in vienna our visa from New York awaited us.

There was still time to leave.

December 31st 1938 –

Midnight –

The last possible moment…“

Single Out, Ruth Weiss

Mit dreißig Jahren hat Ruth Weiss ihre Fluchtgeschichte vor den Nazis aufgeschrieben. 1993 wurde sie vom Holocaust Museum in New York interviewt. Dies war ein weiterer Impuls für autobiographische literarische Bezüge.

1998 wurde Ruth Weiss zu einem Beat-Generation Festival in Prag gemeinsam mit Lawrence Ferlinghetti eingeladen. Es kam da auch zu einer Versöhnung mit dem Autor und Verleger Lawrence Ferlinghetti, der ihre Bücher nicht auflegte.

In Prag sagte Ruth Weiss dann, „ich bin jetzt 4 Stunden entfernt von Wien“ und reiste so nach 60 Jahren das erste Mal wieder in ihre Heimatstadt.

Ruth Weiss hat dann über einen Kontakt in San Francisco zu Christian Ide Hintze an der Schule für Dichtung in Wien unterrichtet. Daraus ergaben sich dann weitere literarische Verbindungen etwa zur Edition Exil, in der ihre Gedichte erschienen oder zum Sprachsalz Festival in Tirol.

Sie hat Wien immer geliebt. Eine frühere Rückkehr, nach Europa zu fliegen, war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Punktuell kam es für sie immer wieder zu einer literarischen Auseinandersetzung mit den autobiographischen Erfahrungen der 1930er Jahre in Österreich.

„…old faces

New faces

Lifetalk

Deathtalk…

you have an accent; yes viennese….“

Single Out, Ruth Weiss

Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

Film: One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Thomas Antonic, Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Donnerstag, 10.06.
19:00 Uhr, Schubertkino 2

Freitag, 11.06.
10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Foto_Ruth Weiss_1959_Ruth Weiss Archiv

Interview _Walter Pobaschnig und Fanny Altenburger _Hotel König von Ungarn _ Wien_6_21.

Alle weiteren Fotos _ Walter Pobaschnig 6_21

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„Mutter“ Umjubelte Uraufführung des E3 Ensembles Wien_8.6.2021

Da ist der leere Raum. Die Stille. Die Dunkelheit. So beginnt es. Das Leben und die Wurzel. Nackt. Ohne Erde. Dasein.

Musik. Der Lebensgang. Rhythmus der Sehnsucht. Dunkel und schwer. Die Suche. Nach Licht. Hier, dort, irgendwo…

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Der Tanz des Lebens, das Ringlspiel – Sein-Wollen, Sein-Dürfen…

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Bis es wieder dunkel wird. Im letzten Gang im Trauergewand…

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Das Wiener E3 Ensemble lädt in seiner neuesten Produktion „Mutter“ das Publikum zu einer mitreißend tragisch absurden Seelenreise zu Sinn und Identität, Leben und Sehnsucht des modernen Menschen ein. Der leere Bühnenraum und die Trauerkleidung des Ensembles sind schon erste Assoziation eines Spiegelbildes der Seele in der hoffnungslosen Suche nach Orientierung, Anerkennung und Miteinander. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Dazwischen bewegen, reiben, erfinden und zerstören sich die Bedürfnisse des Menschseins. Sprache und Körper sind dabei Möglichkeit und Verhängnis, die immer wieder verstricken und fallen lassen. Umgeben ist alles von der Erschütterung des Todes. Seine stille überwältigende Macht räumt gleichsam in einem monströsen Fest des Absurden das Leben leer – „Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor…“.  

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Inszenierung und Darstellung begeistern in einer rasanten wie tiefgründigen Sprach- wie Körperdynamik, die gleichsam als Seelen-Katapult die Tragik des Lebens auf die Bühne schleudert. Wie hier der Alltag des Menschen zwischen Sehnsüchten und Missverständnissen als tägliches Sterben – tragisch-absurde „scheene leich“ – zelebriert wird, ist einzigartig. Einzigartig ist auch das Spieltempo, das von Beginn bis zum Finale mitreißt.

Es ist beeindruckend wie das so innovative Wiener Ensemble die Sehnsucht nach Leben und Sinn tief aus der dunklen Erde von Angst, Liebe, Familie und Gesellschaft der Zeit gräbt und künstlerisch transformiert. Die vielen Gang- und Stolperarten der Lebenswelt werden in tragisch-komischer Spielwucht zelebriert, dass es das Publikum in Lachen und Gänsehaut schüttelt und erschüttert. Ein Geschenk an das Publikum in begeisternder Kraft modernen Theaters in Unterhaltung wie Tiefsinn!

„Das E3 Ensemble lädt zu einer scheenen Wiener leich, die sich gewaschen hat – sensationell!“

Mutter _ Uraufführung _ E3 Ensemble Wien

mit ISABELLA JESCHKEMICHAELA SCHAUSBERGER und GERALD WALSBERGERMARKUS PECHMANN (Trompete), DARIO SCHWÄRZLER (Tuba) und ANNA TSOMBANIS (Saxophon), Dramaturgie THOMAS BISCHOF, Kostüm/Ausstattung PIA STROSS, Bühne/Grafik SEBASTIAN SPIELVOGEL, Künstlerische Beratung SUSANNE BRANDT.

Koproduktion von E3 Ensemble und perflux
Kooperation mit DAS OFF THEATER Wien
04., 05., 06., 08., 10. und 13. Juni 2021 um 20 Uhr
OPEN.BOX im DAS OFF THEATER
Kirchengasse 41, 1070 Wien

E3 Ensemble

Walter Pobaschnig 8.6_21

Alle Fotos_Walter Pobaschnig.

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„Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform“ Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Wien_ 9.6.2021

Lieber Jürgen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

JB: Das Reisen und die Auftritte, die ich vor der Pandemie regelmäßig hatte, fehlen mir zunehmend. Der Homeschooling-Alltag meiner Tochter hat in den letzten Monaten meine Vormittage strukturiert und damit eine wohltuende Konstante in die sonst so wirre Zeit gebracht. Am späten Vormittag laufe ich nach Möglichkeit 10 Kilometer, koche danach das Mittagessen, arbeite dann an meinen Aufträgen, Texten und meiner Musik und treffe mich sporadisch mit einer über die ganze Welt verstreuten Online-Community aus klassischen Gitarristinnen und Gitarristen, um gemeinsam Stücke von J.S. Bach, Arvo Pärt oder für Gitarre transkribierte Koramusik von Toumani Diabaté zu erarbeiten.

Abends schreibe, lese und musiziere ich noch ein paar Stunden oder schau mir Filme und Serien auf Netflix an. So gesehen klingt das gar nicht so schlecht – wären da nicht dieses permanente Endzeitgefühl und eine von mir so noch nie zuvor empfundene, zutiefst existentielle Bedrohung und Zukunftsangst, die mich seit Beginn der Pandemie ständig begleiten und mir selbst die kleinsten angenehmen Momente des Tages vergällen, oft noch bevor ich sie überhaupt bewusst wahrnehmen kann.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

JB: Eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit unseren sozialen, ökonomischen, medialen und gesamtgesellschaftlichen Parametern und mutige Schritte von uns allen, um eine solidarische, weniger profitorientierte, weniger verlogene und um vieles gerechtere Welt zu schaffen. Erkenntnisse diesbezüglich, die aus der globalen Entwicklung der Pandemie gezogen werden könnten, gäbe es ja einige. Ich zweifle aber angesichts der aktuellen täglichen Meldungen, ideologischen Debatten und uneinsichtigen politischen Diskurse, ob Schritte dahingehend je stattfinden werden, und befürchte leider eher das Gegenteil: Entsolidarisierung, wirtschaftliche Exzesse, Wirklichkeitsverzerrungen, massiver Konkurrenzdruck und eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, Musik, der Kunst an sich zu?

Ich weiß es nicht. Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform, ein zutiefst menschlicher Ausdruck und eine Sehnsucht, die täglich gelebt, aufrichtig praktiziert und genährt werden will. Ohne Hintergedanken, ohne Inszenierung, ohne Distinktionswillen, ohne Ideologie. Ich frage mich aber: Ist so eine Lebensform angesichts der aktuellen Entwicklung überhaupt noch möglich? Und wenn ja: Wen interessiert so etwas dann noch?

Was lest Du derzeit?

Francisco Cantú: No Man’s Land. 
Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen.
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

„Der Schein ist Sein. Wir entrinnen der Wirklichkeit nicht dadurch, dass wir uns täuschen oder getäuscht werden. Denn das Wirkliche ist dasjenige, zu dem wir nicht erfolgreich auf Abstand gehen können. Jeder Fluchtversuch scheitert hier daran, dass wir uns mitnehmen, dass also dasjenige, dem wir zu entkommen suchen – die Wirklichkeit – durch unsere Einbildung allenfalls verändert wird. Kein Gedanke und keine Tätigkeit bringen sie zum Verschwinden.“ (Markus Gabriel: Fiktionen)

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Jürgen Berlakovich – Text & Sound

Alle Fotos_Eva Kelety

BIO

Jürgen Berlakovich (*1970) ist Schriftsteller, Musiker und Klangkünstler. Er schreibt, komponiert und produziert Romane, Hörspiele, Soundinstallationen, Filmmusik, Soundscapes und Songs. Er verwendet DNA-Sonifikationen und sprachliche Mikropartikel in Kombination mit Gitarre, Bass und Elektronik für seine Kompositionen und Solokonzerte. Er betreibt das JSB Trio, ist Ensemblemitglied von The Vegetable Orchestra und war Co-Initiator des Literatur- und Musikperformance-Duos Sergej Mohntau. Berlakovich studierte Deutsche Philologie und Philosophie an der Universität Wien. Publikationen und Auftritte auch unter Juergen Berlakovich, J.S. Berlakovich, JSB und Takamovsky. Zuletzt erschienen: Tobman. Roman. (Klever Verlag / 2018); Sonic Counterpoint (Takamovsky / CD / Etymtone / 2016); Instrumentum Vocale. Ein Figurenpark aus Text und Klang (Buch & CD / Klever Verlag / 2014) Jürgen Berlakovich – Text & Sound

10.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Theater heißt Geschichten erzählen, neue Impulse zu bekommen“ Helena Vogel, Schauspielerin_ Wien 9.6.2021

Liebe Helena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Viel in meiner Wohnung vor dem Laptop sitzen, wenig auf der Bühne stehen.
Das ist sehr schade. Ich verlerne so langsam, wie man sich auf so einer Bühne
verhält. Dafür koche ich aber wieder mehr, kann öfter die Sonne genießen,
telefoniere mit Freund*innen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. Mit
ein paar Leuten aus meinem Jahrgang treffe ich mich regelmäßig. Und so
langsam kommt auch das Studium wieder ins Rollen. Jetzt, wo es wärmer und
heller wird, fühlt sich alles viel leichter an.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Uns etwas Gutes tun. Optimistisch bleiben. Lachen. Die Situation
nutzen und online den Kontakt mit Menschen wiederherstellen, an die man
sonst vielleicht gar nicht gedacht hätte. Das befruchtet und gibt neue Impulse.
Auf sich und seinen Körper hören. Sich austauschen. Im Moment befinden sich
die meisten in einem Gefühlswirrwarr und in einem ständigen Auf und Ab. Dies
akzeptieren. Rausgehen. Die Sonne genießen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der
Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass erstmal viel Unsicherheit, viele Ängste bleiben werden. Das ist
gerade für uns alle eine sehr anstrengende, ungewisse Zeit. Aber sie birgt auch
neue Chancen. Das Theater kann dabei helfen, Menschen wieder
zusammenzubringen. In der Kunst kann und wird unsere jetzige Situation
aufgearbeitet werden. Und Theater heißt Geschichten erzählen, Geschichten
sehen. Ich glaube, das fehlt gerade vielen Menschen: neue Impulse zu
bekommen aus dem Außen, mit anderen Leuten zusammen in einem Raum Unterhaltung genießen, sich in eine andere Welt entführen zu lassen. Der
Energieaustausch, der da stattfindet, die Gespräche, die nach einer Aufführung
entstehen. Netflix und Co können das nicht ersetzen. Unsere Theater können da
hoffentlich ansetzen und vielleicht sogar wieder mehr Menschen für sich
begeistern.

Was liest Du derzeit?

STRAFE von Ferdinand von Schirach. Das muss ich endlich einem meiner
Kommilitonen zurückgeben. Grüße an Jonas an dieser Stelle.
Und nebenbei lese ich schon ein bisschen rein in Imaginary Friend von Stephen
Chbosky. Fast 900 Seiten, das wird meine Lektüre für Donauinsel-Nachmittage.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.

Michael Ende in Momo

Vielen Dank für das Interview liebe Helena, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Helena Vogel, Schauspielerin

Foto_Anne Sophie Vogel

11.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss kompromisslos, mutig, radikal sein“ Thomas Antonic, Regisseur_Wien/USA 8.6.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

5:00 Yoga

6:00 Zazen

6:40 Dichten

7:00 Laufen

8:30 Kalt duschen, sauber machen, Nasenhaare entfernen usw.

9:00 Frühstück im Beisein meiner Sottocapa und meiner Consigliera, mit denen ich die weitere Vorgangsweise in diversen Projekten bespreche (oft auch via Zoom-Schaltung, weil wir eine interkontinentale Bewegung sind; momentan etwa konzentrieren sich unsere Geschäfte auf San Francisco, Wien, Berlin, Graz, Bangkok und Tropea). Dazwischen liest mir mein Segretario die wichtigsten E-Mails der letzten 24 Stunden vor und ich diktiere, falls notwendig, Antworten.

11:00 Dichten

13:00 Schwimmen

14:00 Lunch, oft auch mit Geschäftspartnerinnen (Verbündete, z.B. vom Poetry Planetariat, dem Black Quantum Futurism (BQF) oder dem in Kolumbien gegründeten Movimiento Poético Mundial (via Zoom)), mit denen taktische Manöver besprochen werden. Aktuell liegen hier die Schwerpunkte beispielsweise auf einem radikalen Kampf gegen einen als Identitätspolitik getarnten Sexismus und Rassismus und – mit Kolleginnen aus Berlin – auf der Erstellung einer völlig neuen deutschen Grammatik, in der es weder maskuline noch feminine Endungen bzw. generell keine Genera gibt.

15:00 居眠り (Inemuri)

15:20 Dichten

17:00 Rudern (an geraden Tagen) oder Bogenschießen (an ungeraden Tagen)

18:00 薙刀道 (Naginatadō)

19:00 Völliger Reizentzug („sensory deprivation“) in meinem Floating-Tank

20:00 Abendessen (außer es ist gerade Fastenzeit)

21:00 Musezeit bzw. Dolcefarniente oder irdische Vergnügen (z.B. Schweden Espresso oder Yab-Yum)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dichten und Yab-Yum.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich glaube eher nicht, dass „wir“ gesellschaftlich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Meines Erachtens befindet sich die „Gesellschaft“ – wobei ich nicht weiß, was das eigentlich sein soll, also sage ich besser „Menschheit“ – seit Jahrtausenden in einer Abwärtsspirale. Und sie besitzt zu wenig Intelligenz, um diesen Weg nach unten aufzuhalten (selbstfahrende Autos sind halt wichtiger). Konrad Bayers Satz aus dem sechsten sinn, „wo leben und eigentum bedroht werden, da hören alle unterscheidungen auf,“ stimmt wohl leider nicht. Oder es fühlen sich die meisten offenbar noch immer zu wenig bedroht. Was aber auch nicht stimmen kann, denn sonst würde es weniger Angst und Hass geben. Was Literatur, Musik, Kunst an sich betrifft … die müsste kompromissloser, mutiger, radikaler und weniger darauf ausgerichtet sein, ja nicht irgendwo anzuecken (oder nur pro forma, pseudoprovokativ). Aber nicht einmal dann wird die Kunst etwas bewirken. Einzelne werden aus ihr allerdings immer einen Gewinn ziehen.

Was liest Du derzeit?

Trickster Feminism von Anne Waldman, The Smallest Lights in the Universe der Astrophysikerin Sara Seager, geheime CIA-Dokumente, und immer wieder alles von ruth weiss und Autorinnen in ihrem Umfeld, da ich gerade ihre Biographie schreibe und jüngst einen Dokumentarfilm über sie fertiggestellt habe, der seine Uraufführung am 10. Juni beim Diagonale Film Festival in Graz hat.

Diagonale 2021 _
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz:

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Thomas Antonic_One More Step West Is the Sea: ruth weiss
Dokumentarfilm, AT 2021, 94 min., eOmdU
Donnerstag, 10.06., 19:00 Uhr, Schubertkino 2
Freitag, 11.06., 10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The art world is so fucking boring it could make your heart cry.“ (Jack Micheline)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Literatur- Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Antonic, Regisseur, Schriftsteller, Musiker

Amongst Nazis / Unter Nazis – faltershop.at

William S. Burroughs Hurts – Official Website | William S. Burroughs Hurts – Official Website (wsb-hurts.com)

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

7.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com