„Kunst muss kompromisslos, mutig, radikal sein“ Thomas Antonic, Regisseur_Wien/USA 8.6.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

5:00 Yoga

6:00 Zazen

6:40 Dichten

7:00 Laufen

8:30 Kalt duschen, sauber machen, Nasenhaare entfernen usw.

9:00 Frühstück im Beisein meiner Sottocapa und meiner Consigliera, mit denen ich die weitere Vorgangsweise in diversen Projekten bespreche (oft auch via Zoom-Schaltung, weil wir eine interkontinentale Bewegung sind; momentan etwa konzentrieren sich unsere Geschäfte auf San Francisco, Wien, Berlin, Graz, Bangkok und Tropea). Dazwischen liest mir mein Segretario die wichtigsten E-Mails der letzten 24 Stunden vor und ich diktiere, falls notwendig, Antworten.

11:00 Dichten

13:00 Schwimmen

14:00 Lunch, oft auch mit Geschäftspartnerinnen (Verbündete, z.B. vom Poetry Planetariat, dem Black Quantum Futurism (BQF) oder dem in Kolumbien gegründeten Movimiento Poético Mundial (via Zoom)), mit denen taktische Manöver besprochen werden. Aktuell liegen hier die Schwerpunkte beispielsweise auf einem radikalen Kampf gegen einen als Identitätspolitik getarnten Sexismus und Rassismus und – mit Kolleginnen aus Berlin – auf der Erstellung einer völlig neuen deutschen Grammatik, in der es weder maskuline noch feminine Endungen bzw. generell keine Genera gibt.

15:00 居眠り (Inemuri)

15:20 Dichten

17:00 Rudern (an geraden Tagen) oder Bogenschießen (an ungeraden Tagen)

18:00 薙刀道 (Naginatadō)

19:00 Völliger Reizentzug („sensory deprivation“) in meinem Floating-Tank

20:00 Abendessen (außer es ist gerade Fastenzeit)

21:00 Musezeit bzw. Dolcefarniente oder irdische Vergnügen (z.B. Schweden Espresso oder Yab-Yum)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dichten und Yab-Yum.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich glaube eher nicht, dass „wir“ gesellschaftlich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Meines Erachtens befindet sich die „Gesellschaft“ – wobei ich nicht weiß, was das eigentlich sein soll, also sage ich besser „Menschheit“ – seit Jahrtausenden in einer Abwärtsspirale. Und sie besitzt zu wenig Intelligenz, um diesen Weg nach unten aufzuhalten (selbstfahrende Autos sind halt wichtiger). Konrad Bayers Satz aus dem sechsten sinn, „wo leben und eigentum bedroht werden, da hören alle unterscheidungen auf,“ stimmt wohl leider nicht. Oder es fühlen sich die meisten offenbar noch immer zu wenig bedroht. Was aber auch nicht stimmen kann, denn sonst würde es weniger Angst und Hass geben. Was Literatur, Musik, Kunst an sich betrifft … die müsste kompromissloser, mutiger, radikaler und weniger darauf ausgerichtet sein, ja nicht irgendwo anzuecken (oder nur pro forma, pseudoprovokativ). Aber nicht einmal dann wird die Kunst etwas bewirken. Einzelne werden aus ihr allerdings immer einen Gewinn ziehen.

Was liest Du derzeit?

Trickster Feminism von Anne Waldman, The Smallest Lights in the Universe der Astrophysikerin Sara Seager, geheime CIA-Dokumente, und immer wieder alles von ruth weiss und Autorinnen in ihrem Umfeld, da ich gerade ihre Biographie schreibe und jüngst einen Dokumentarfilm über sie fertiggestellt habe, der seine Uraufführung am 10. Juni beim Diagonale Film Festival in Graz hat.

Diagonale 2021 _
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz:

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Thomas Antonic_One More Step West Is the Sea: ruth weiss
Dokumentarfilm, AT 2021, 94 min., eOmdU
Donnerstag, 10.06., 19:00 Uhr, Schubertkino 2
Freitag, 11.06., 10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The art world is so fucking boring it could make your heart cry.“ (Jack Micheline)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Literatur- Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Antonic, Regisseur, Schriftsteller, Musiker

Amongst Nazis / Unter Nazis – faltershop.at

William S. Burroughs Hurts – Official Website | William S. Burroughs Hurts – Official Website (wsb-hurts.com)

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

7.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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