„Dass die Kunst nicht nur dazu da ist, um Touristen anzuziehen“ Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler_Wien 11.6.2021

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als vor der Pandemie. Mein Tagesablauf ist vom Konflikt meiner viel zu vielen Leidenschaften geprägt. Sie streiten sich darum ganz oben auf die Agenda zu gelangen. Welche Interessen es schaffen und wann und wie lange sie meine Aufmerksamkeit beanspruchen dürfen, entscheide ich recht spontan. Lust und Laune haben dabei ein gewichtiges Wort mitzureden, damit es aber nicht zu chaotisch wird versuche ich mich doch an ein paar Regeln und an eine gewisse Grundstruktur zu halten. Eine Regel ist, dass Interessen, die meinen Beruf betreffen vorrangig behandelt werden. Praktischerweise haben die meisten ohnehin etwas mit Kunst zu tun. Ich lese viel, schaue Dokus und besuche Museen und Ausstellungen.

Die wichtigste Regel ist aber, dass das Zeichnen oberste Priorität hat. Im Idealfall zeichne ich bis kurz nach Mittag. Danach habe ich den Kopf frei für all die anderen Sachen und Interessen, aber auch für berufliche und private Verpflichtungen, sowie Sport und Bewegung.  Am späten Nachmittag und gegen Abend bekomme ich oft wieder Lust zu zeichnen.

Dass es bis Ende Mai des Jahres abends keine Termine und Verpflichtungen gab, störte und belastete mich persönlich nicht. Im Gegenteil.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und sich nicht von der allgemeinen Aufgeregtheit – die vor allem in den Sozialen Netzen ausufert  – anstecken lassen. Ich habe den Eindruck, dass alle zu allem eine Meinung haben, ja haben müssen und diese auch lautstark und vehement verteidigen.  Aufgeregt, gar zornig, wird die eigene Auffassung überhöht und andere Meinungen mit leidenschaftlicher und nachdrücklicher Boshaftigkeit und Arroganz verächtlich gemacht. Ob die Ansichten auf richtigem Wissen beruhen spielt dabei selten eine Rolle. Ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung trifft es leider erschreckend oft.

„Es wird ja noch gesagt werden dürfen“, heißt es häufig. Ja, es darf, aber muss es auch immer?

Stefan Kahlhammer_

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass es auch wirklich ein Aufbruch und Neubeginn sein wird. Ich befürchte, dass auch versucht wird wieder so schnell wie möglich zum alten Status quo, wie er vor der Pandemie herrschte, zurückzukehren. Wir haben eine Zwangsruhe verordnet bekommen, viele Menschen sind aber innerlich nicht zur Ruhe gekommen. Sie sind aufgewühlt und unruhig, weil sie glauben sie hätten Wichtiges versäumt und glauben das Entgangene so schnell wie möglich wieder aufholen zu müssen.

Ich würde mir wünschen, dass diese aufgezwungene Pause nicht als Verlust, sondern als Chance begriffen wird. Damit es zu einem richtigen Neubeginn kommen kann, obliegt es jeder und jedem Einzelnen nachzudenken welche Veränderungen notwendig sind. Es erfordert Mut alles Bestehende zu hinterfragen, eingefahrene Wege, Denkweisen und Gewohnheiten zu durchleuchten und bei Bedarf zu ändern. Zum Nachdenken und zum Reflektieren bedarf es aber viel Kreativität. Um auf neue Ideen zu kommen braucht es die Bereitschaft sich von Musen inspirieren zu lassen. Und da kommt die Kunst ins Spiel.

Die Kunst kann den Part der Muse übernehmen. Der Kunst kann vor allem die Rolle von Ideenbringern zukommen. KünstlerInnen sind es von jeher gewohnt  Ideen zu entwickeln und sich kreative Wege zu überlegen, um diese umzusetzen. Sie sind feinfühlig und haben sensible Sensoren, um zu erkennen wo es falsch läuft. Sie können sich ernsthaft und tiefgründig mit einer Sache beschäftigen und daraus entstehen oftmals großartige neue Denkweisen und Ansätze. Genau das ist die Stärke der Kunst. Sie kann der Gesellschaft neue Ideen, Visionen und Utopien bringen und mögliche neue Wege aufzeigen.

Die Menschen müssen den KünstlerInnen aber auch zuhören und sich inspirieren und anspornen lassen. Dann werden sie erkennen, dass die Kunst nicht nur dazu da ist um Touristen anzuziehen, für Spaß und Ablenkung zu sorgen oder Räume zu verschönern, sondern ein wichtiger Teil ist, um eine Gesellschaft positiv zu verändern und weiterzubringen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe begonnen alte Kinderbücher wieder zu lesen bzw. neu zu entdecken.  Zum Beispiel die Bücher von Erich Kästner oder Roald Dahl. Aktuell lese ich „The Wind in the Willows“ von Kenneth Grahame.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wir suchen die Wahrheit, finden wollen wir sie aber nur dort, wo es uns beliebt.

(Marie von Ebner-Eschenbach)

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Stefan Kahlhammer, Bildender Künstler

The Stefan Kahlhammer Official Website Home Page

Alle Fotos_Stefan Kahlhammer

12.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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