„Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform“ Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Wien_ 9.6.2021

Lieber Jürgen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

JB: Das Reisen und die Auftritte, die ich vor der Pandemie regelmäßig hatte, fehlen mir zunehmend. Der Homeschooling-Alltag meiner Tochter hat in den letzten Monaten meine Vormittage strukturiert und damit eine wohltuende Konstante in die sonst so wirre Zeit gebracht. Am späten Vormittag laufe ich nach Möglichkeit 10 Kilometer, koche danach das Mittagessen, arbeite dann an meinen Aufträgen, Texten und meiner Musik und treffe mich sporadisch mit einer über die ganze Welt verstreuten Online-Community aus klassischen Gitarristinnen und Gitarristen, um gemeinsam Stücke von J.S. Bach, Arvo Pärt oder für Gitarre transkribierte Koramusik von Toumani Diabaté zu erarbeiten.

Abends schreibe, lese und musiziere ich noch ein paar Stunden oder schau mir Filme und Serien auf Netflix an. So gesehen klingt das gar nicht so schlecht – wären da nicht dieses permanente Endzeitgefühl und eine von mir so noch nie zuvor empfundene, zutiefst existentielle Bedrohung und Zukunftsangst, die mich seit Beginn der Pandemie ständig begleiten und mir selbst die kleinsten angenehmen Momente des Tages vergällen, oft noch bevor ich sie überhaupt bewusst wahrnehmen kann.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

JB: Eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit unseren sozialen, ökonomischen, medialen und gesamtgesellschaftlichen Parametern und mutige Schritte von uns allen, um eine solidarische, weniger profitorientierte, weniger verlogene und um vieles gerechtere Welt zu schaffen. Erkenntnisse diesbezüglich, die aus der globalen Entwicklung der Pandemie gezogen werden könnten, gäbe es ja einige. Ich zweifle aber angesichts der aktuellen täglichen Meldungen, ideologischen Debatten und uneinsichtigen politischen Diskurse, ob Schritte dahingehend je stattfinden werden, und befürchte leider eher das Gegenteil: Entsolidarisierung, wirtschaftliche Exzesse, Wirklichkeitsverzerrungen, massiver Konkurrenzdruck und eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, Musik, der Kunst an sich zu?

Ich weiß es nicht. Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform, ein zutiefst menschlicher Ausdruck und eine Sehnsucht, die täglich gelebt, aufrichtig praktiziert und genährt werden will. Ohne Hintergedanken, ohne Inszenierung, ohne Distinktionswillen, ohne Ideologie. Ich frage mich aber: Ist so eine Lebensform angesichts der aktuellen Entwicklung überhaupt noch möglich? Und wenn ja: Wen interessiert so etwas dann noch?

Was lest Du derzeit?

Francisco Cantú: No Man’s Land. 
Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen.
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

„Der Schein ist Sein. Wir entrinnen der Wirklichkeit nicht dadurch, dass wir uns täuschen oder getäuscht werden. Denn das Wirkliche ist dasjenige, zu dem wir nicht erfolgreich auf Abstand gehen können. Jeder Fluchtversuch scheitert hier daran, dass wir uns mitnehmen, dass also dasjenige, dem wir zu entkommen suchen – die Wirklichkeit – durch unsere Einbildung allenfalls verändert wird. Kein Gedanke und keine Tätigkeit bringen sie zum Verschwinden.“ (Markus Gabriel: Fiktionen)

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Jürgen Berlakovich – Text & Sound

Alle Fotos_Eva Kelety

BIO

Jürgen Berlakovich (*1970) ist Schriftsteller, Musiker und Klangkünstler. Er schreibt, komponiert und produziert Romane, Hörspiele, Soundinstallationen, Filmmusik, Soundscapes und Songs. Er verwendet DNA-Sonifikationen und sprachliche Mikropartikel in Kombination mit Gitarre, Bass und Elektronik für seine Kompositionen und Solokonzerte. Er betreibt das JSB Trio, ist Ensemblemitglied von The Vegetable Orchestra und war Co-Initiator des Literatur- und Musikperformance-Duos Sergej Mohntau. Berlakovich studierte Deutsche Philologie und Philosophie an der Universität Wien. Publikationen und Auftritte auch unter Juergen Berlakovich, J.S. Berlakovich, JSB und Takamovsky. Zuletzt erschienen: Tobman. Roman. (Klever Verlag / 2018); Sonic Counterpoint (Takamovsky / CD / Etymtone / 2016); Instrumentum Vocale. Ein Figurenpark aus Text und Klang (Buch & CD / Klever Verlag / 2014) Jürgen Berlakovich – Text & Sound

10.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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