„Ruth Weiss hat Wien immer geliebt“ Thomas Antonic, Regisseur/USA – Wien 10.6.2021

Ich arbeite seit längerem an einer Biographie über die vielseitige Dichterin und Performancekünstlerin Ruth Weiss, die zur selben Zeit wie William S.Burroughs (1936) in Wien lebte. Sie ist 1928 in Berlin geboren, 1933 nach Wien gekommen und dann 1938 mit ihren Eltern vor den Nazis als jüdische Familie nach New York geflüchtet.

Als junge zwanzigjährige Frau trampte sie dann über zwei Jahre per Autostopp quer durch die Vereinigten Staaten und ließ sich dann 1952 in San Francisco nieder.

Ruth Weiss sagte, dass sie Gedichte schrieb seit sie denken konnte und ihr erstes Gedicht bereits mit fünf Jahren verfasste und damit nie aufhörte. Das war das was sie machen wollte und nichts anderes kam für sie in Frage.

„..i`m 22.

don´t think i`ill make it to 30.

don`t think. write.

words are my friends. Words are wings. Protect…“

I always thought you black, Ruth Weiss

Ruth Weiss musste in ihrem Schreiben viele Jahre mit sehr wenig Geld auskommen, hatte Gelegenheitsjobs als Kellnerin, Postbeamtin, Tankwartin. Erst mit 70 Jahren, als das Buch von Brenda Knight, Women of the Beat Generation (1996) erschienen war, indem sie auch porträtiert ist, wurde sie bekannt. Die Beat-Generation wurde ja von Männern dominiert.

1955 lernte Ruth Weiss in Kalifornien Jack Kerouac kennen. Sie lebte damals im berühmt berüchtigten Hotel Wentley in San Francisco. Das war eine billige Spelunke mit Klo, Dusche am Gang, ein Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler. Jack Kerouac hang da auch vor Ort ab. Sie schrieben dann gemeinsam nächtelang Haiku Gedichte, die leider alle verschollen sind. Jack Kerouac trank Wein, Ruth Weiss trank Bier und am Morgen wurden sie von Neal Cassady abgeholt und sie fuhren auf den Portrero Hill in San Francisco und sahen gemeinsam dem Sonnenaufgang zu. Sie betonte immer wieder, dass dies eine Freundschaft zwischen Dichterkollegen und keine sexuelle Beziehung war.

Ruth Weiss hat schon Anfang der 1950er Jahre in New Orleans grellgrüne kurzgeschnittene Haare getragen, ist in Männerkleidung, weiß geschminkt aufgetreten und hat eigentlich das Genre Jazz&Poetry 1959 in Chicago erfunden. Später wurde dies in San Francisco von Lawrence Ferlinghetti und Jack Kerouac übernommen und auch auf Schallplatten veröffentlicht. Sie galten dann auch als Erfinder dieses Genres, aber es stammte von Ruth Weiss.

Sie wurde auch in den 1960/70er Jahren zu einer Underground Ikone, einer Vorreiterin der LBGTQ Bewegung. Für Ruth Weiss war die LBGTQ Bewegung sehr wichtig, lange bevor es diesen Begriff gab. Persönlich hat sie nicht über ihre Sexualität offensiv gesprochen. Sie war bisexuell und hatte mit 22 Jahren ihre erste Freundin, mit welcher sie mit einer Schreibmaschine bewaffnet quer durch die USA getrampt ist. Sie war dann 41 Jahre mit einem homosexuellen Künstler zusammen. Sie sagte dazu, dass die Sexualität da nie eine große Rolle spielte, weil sie zu sehr mit ihrer Dichtkunst beschäftigt war. Es war ihr wichtig, dass es in der Sexualität eine Freiheit gibt und dass da niemand schräg dafür angesehen oder gar verfolgt wird.

Ich habe Ruth Weiss 2012 in Wien persönlich kennengelernt, weil ich an einem Forschungsprojekt zu transnationalen Einflüssen der Beat Generation und der österreichischen Literatur gearbeitet habe. Ruth Weiss war bei dem Sprachsalzfestival in Tirol und kam da zufällig nach Wien, wo wir uns für ein Interview im Amerlinghaus trafen. Daraus ergaben sich weitere Gespräche und Treffpunkte in Österreich und den USA. Bei der vierten Begegnung entstand die Idee eine Biographie über sie zu schreiben. Ich erzählte dann davon einem befreundeten Filmwissenschaftler, Robert Dassanowsky, der meinte, ich sollte eine Kamera für die Interviews mit Ruth Weiss mitnehmen. Er wurde dann auch der Produzent meines heute bei der Diagonale in Graz präsentierten Film:

One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Regie/Buch: Thomas Antonic

Filme A-Z « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Ich begann 2017 bei Ruth Weiss zu filmen, lebte dazu eine Woche bei ihr. Sie hat ab 1983 so drei Autostunden nördlich von San Francisco in einem winzigen Dorf am Pazifik gelebt under red wood trees.

Ich entwickelte dann ein Konzept für einen Dokumentarfilm. Habe etwa Jazz&Poetry Performances von ihr gefilmt. Sie ist im hohen Alter von 89 Jahren noch mit einer Jazzband auf der Bühne gestanden.

Der weitere Plan war dann der Route ihrer Lebensorte San Francisco – New Orleans _ Chicago – New York, in umgekehrter Lebensreihenfolge zu folgen. Ich hörte dann auf diesem roadtrip meine Interviews mit Ruth Weiss im Radio. Da wusste ich, ich muss umdrehen und mehr von ihr erfahren.

Ich bin dann einem neuen Filmkonzept gefolgt, das mehr Ihrem spontanen Schreiben entsprochen hat. Zwischen 2017 und 2019 war ich dann mehrmals bei ihr und habe gefilmt.

2019 im Sommer begann ich dann den Film zu schneiden und fertigzustellen. Ruth Weiss ist im Juli 2020 verstorben. Es gab dann sehr schnell von der Diagonale Interesse und der Film läuft jetzt im aktuellem Programm.

Ruth Weiss sprach auch über eine mögliche unbewusste Zurückhaltung vor dem „Licht der Öffentlichkeit“, die mit ihren Nazi-Erfahrungen in den 1930er Jahren in Österreich zu tun haben könnte als sie sich verstecken und flüchten musste. Sie versuchte etwa über Innsbruck in die Schweiz zu fliehen, dies misslang und sie kam zurück nach Wien. Ein Freund ihres Vaters, der schon in New York war, schaffte es dann ein Visum für die Familie zu beschaffen mit dem sie alle im letzten Moment im Dezember 1938 fliehen konnten. Sie mussten dabei auf ein Schiff in Holland und reisten im Zug quer durch Deutschland.

„…in vienna our visa from New York awaited us.

There was still time to leave.

December 31st 1938 –

Midnight –

The last possible moment…“

Single Out, Ruth Weiss

Mit dreißig Jahren hat Ruth Weiss ihre Fluchtgeschichte vor den Nazis aufgeschrieben. 1993 wurde sie vom Holocaust Museum in New York interviewt. Dies war ein weiterer Impuls für autobiographische literarische Bezüge.

1998 wurde Ruth Weiss zu einem Beat-Generation Festival in Prag gemeinsam mit Lawrence Ferlinghetti eingeladen. Es kam da auch zu einer Versöhnung mit dem Autor und Verleger Lawrence Ferlinghetti, der ihre Bücher nicht auflegte.

In Prag sagte Ruth Weiss dann, „ich bin jetzt 4 Stunden entfernt von Wien“ und reiste so nach 60 Jahren das erste Mal wieder in ihre Heimatstadt.

Ruth Weiss hat dann über einen Kontakt in San Francisco zu Christian Ide Hintze an der Schule für Dichtung in Wien unterrichtet. Daraus ergaben sich dann weitere literarische Verbindungen etwa zur Edition Exil, in der ihre Gedichte erschienen oder zum Sprachsalz Festival in Tirol.

Sie hat Wien immer geliebt. Eine frühere Rückkehr, nach Europa zu fliegen, war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Punktuell kam es für sie immer wieder zu einer literarischen Auseinandersetzung mit den autobiographischen Erfahrungen der 1930er Jahre in Österreich.

„…old faces

New faces

Lifetalk

Deathtalk…

you have an accent; yes viennese….“

Single Out, Ruth Weiss

Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

Film: One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Thomas Antonic, Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Donnerstag, 10.06.
19:00 Uhr, Schubertkino 2

Freitag, 11.06.
10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Foto_Ruth Weiss_1959_Ruth Weiss Archiv

Interview _Walter Pobaschnig und Fanny Altenburger _Hotel König von Ungarn _ Wien_6_21.

Alle weiteren Fotos _ Walter Pobaschnig 6_21

https://literaturoutdoors.com

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