Liebe Annamaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin recht beeinflusst vom Ort, an dem ich aufwache – ich habe eine Wohnung in der Josefstadt und ein Häuschen im Wienerwald und verbringe etwa die Hälfte der Zeit am jeweiligen Ort. Meine Tagesabläufe variieren stark und sind von meinen Projekten geprägt. Ich arbeite sehr intensiv, dementsprechend wichtig sind für mich Momente der Stille und Phasen der Regeneration. Ich nehme mir auch bewusst Zeit, um Neues auszuprobieren und zu lernen, ich finde die Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen und den verschiedenen Phasen des Lernens sehr gesund, außerdem hat dies das natürliche Spiel in mein Leben zurückgebracht.
Ehrlichkeit und die Besinnung auf sich selbst. Die Menschen wurden in den letzten Monaten in einem außergewöhnlichen Maße auf sich selbst zurückgeworfen, das birgt ein unglaubliches Potential, auch wenn der Prozess unangenehm und schmerzhaft sein kann.
Als Mitmensch zählen nun Empathie und Ernsthaftigkeit, in dem Sinne, dass man die Zustände des anderen ernst nimmt und nicht aus dem eigenen Kontext heraus relativiert. Jeder agiert als Hauptrolle seiner Geschichte und in den seltensten Fällen weiß man als Nebenakteur über alle Hintergründe Bescheid, da fände ich es wichtig einfach Raum zu geben und da zu sein. Ein offenes Ohr und ein hörender Geist sind mehr wert als die meisten Ratschläge zusammen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Für mich ist die Konfrontation mit Kunst vergleichbar mit dem Betreten eines Raumes, man trifft darin aber auch immer einen Teil von sich selber an. Die Kunst, die während der Pandemie und danach entsteht, ist natürlich stark von ihr geprägt, Krisen waren schon immer ein Nährboden für Kunst.
Was aktuell passiert muss auch mal verdaut werden, Einsamkeit, Distanz und Isolierung sind große Themen, die in einer Begegnung in und durch die Kunst auch gemeinsam verarbeitet werden könnten.
Ich denke, den Menschen wurde auf unangenehme Weise klar, wie relevant Kunst für die Gesellschaft, nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Schaffenden ist, denn es braucht diesen Ernst der Menschen, die spüren und wissen, dass ihr Ausdruck es wert ist, entlohnt zu werden. Künstler sind die mehr oder weniger geheimen Vorbilder der Gemeinschaft – die, die sich trauen der inneren Stimme zuzuhören, zu wagen, zu machen, zu sagen, was eben aus dem Geist in die Welt muss.
Was liest Du derzeit?
„Wenn Mütter nicht lieben“ von Susan Forward und „Rettet das Spiel“ von Christoph Quark und Gerald Hüther
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Künstler ist ein Behälter für Emotionen, die aus der ganzen Welt kommen: vom Himmel, von der Erde, von einem Stück Papier, von einer vorübergehenden Form, von einem Spinnennetz.“ Pablo Picasso
Vielen Dank für das Interview liebe Annnamaria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Interessanterweise wie auch schon die Jahre davor, Covid-19 hat einige Menschen in meinen Lebensrythmus gezwungen, wie ich amüsiert feststellen konnte:
Aufstehen um 6 Uhr früh. Ausgiebiges Frühstück, danach Arbeit an meinem aktuellen Stück und/oder Text lernen. Dann Sport und Theaterproben. Dazwischen Castings, Networking, Festivalorganisation und ehrlicherweise „unwinding“ auf Youtube. Vorfreude auf das Abendessen, vorzugsweise immer mit Menschen wenn möglich! Um 9 ins Bett und lesen.
Lukas Johne, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es sollte uns klar sein, dass niemand die Antwort hat. Umso wichtiger ist es, solidarisch mit den Entscheidungen anderer umzugehen und sich in Toleranz zu üben um die Krise zu meistern. Die Zukunft ist in meiner Vorstellung pluralistischer und ökonomisch gerechter (Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen).
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufbruch und Neubeginn begleiten uns immer und überall. Ihre Abwesenheit führt zu einem falschen und gefährlichen Sicherheitsdenken. Ein permanentes Sich-Neu-Erfinden sollte ein Grundwert in unserer Gesellschaft sein, dann wären auch Krisen leichter abzufangen. Dazu muss man sich allerdings unangenehmen Themen wie Bequemlichkeit, Angst oder Obrigkeitshörigkeit stellen. In meinem Verständnis von Kunst stellt sie sich diesen Themen und nutzt ihre Mittel, um sie zugänglicher zu machen. Kunst bzw. in meinem Fall Film und Theater bereiten komplexe Zusammenhänge auf emotional zugängliche Weise auf. Die Werke von Shakespeare, Aischylos oder Kieslowski, bzw. die darin behandelten Themen geben der eigenen Identität Kontur und lehren Reflexion.
Was liest Du derzeit?
Immer mit mir in meinem Bett: SHAKESPEARE COMPLETE WORKS. Dazu Mario Puzo’s THE GODFATHER. Ein Büchlein über KünstlerInnen, die im 2. Weltkrieg ins südfranzösischen Exil gingen, das ich für eine Performance am 13.6. (auf 2000 Höhenmetern) lese. UNSTRUNG HEROES von Franz Lidz. Sukzessive arbeite ich mich unregelmässig und nebenbei an Cervante’s DON QUIXOTE und Dante’s GÖTTLCHER KOMÖDIE sowie an ULYSSES ab. Ich arbeite auch gerne mit dem Zufallsprinzip und hoffe dass mir der offene Bücherschrank bald wieder ein Buch von Douglas Coupland entgegenwirft, es muss allerdings im englischen Original sein.
Und in der aktuelle Ausgabe der Ö1 Bücherbox spreche ich mit Julia Reuter über THE PRICE OF SALT von Patricia Highsmith.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
So gut wie unmöglich sich zu entscheiden, es gäbe so viele offensichtliche Zitate aus aktuellen Stücken oder von oben genannten AutorInnen. Aber ich nehme eine meiner ganz persönlichen Lieblingsstellen:
Ah, when to the heart of men, was it ever less than a treason, to go with the drift of things, to yield in grace to reason and to bow and accept the end of a love or a season.- Robert Frost
Vielen Dank für das Interview lieber Lukas viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Adele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kurz vor dem Mittagsjournal wache ich auf, wische mir das Buch und den Laptop aus dem Gesicht, setzte mir den Kapuzenpulli auf, damit meine fettigen Haare verdeckt sind und gehe in die Küche, um mir einen frisch gepressten Orangensaft zu pressen. Dann ärgere ich mich über das viele Fruchtfleisch und meinen scheinbar notwenigen Konsum von Zitrusfrüchten. Ich lausche Passagen des Journals, bemühe mich dabei stets Störgeräusche aufzudrehen, wenn der mit dem Geilomobil, oder der mit dem gut gelüfteten Laptop sprechen und überlege mir, was ich die letzten Tage so nicht getan habe und mir heute wieder vornehmen könnte. Die Liste ist zum Glück sehr redundant, so kann mir niemals fad werden.
Der Plan wird geschmiedet, dabei eventuell eine Pflanze umgetopft, oder ein Tisch abgeschliffen.
Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin
Dann der dritte Kaffee. Ohne Kaffee geht sowieso meist nichts, also gehen schon irgendwie, aber – wirklich, – warum? Wichtig wird nun das Mittagessen, das muss nämlich so geplant sein, je nachdem wie das Abendessen aussieht. Dabei gelten folgende Regeln: 1) Am Abend ein großes Mahl, Mittagessen sehr gering halten
2) Am Abend ein schmächtiges Mahl, eventuell gar eine Jause, beim Mittagessen zulangen, was nur geht. Je reichhaltiger desto besser.
3) Gibt es Fisch, so muss dieser abgeholt werden, also eher geringes Mittagessen 4) egal, bestellen, meine Adresse ist weltbekannt.
Nach all der logistischen Arbeit habe ich mir das erste Bier verdient. Es ist kalt und erfrischt genau richtig, um nun ans Werk zu gehen. Nach mindestens 20 minütiger Schwerstarbeit des Denkens, das die Welt revolutionieren und ja! in Erstaunen versetzen wird, kommt das wohlverdiente Mahl und danach der sehr wohl wohlverdiente Kaffee.
Möglicher Weise treffen mit Menschen , obwohl ich dem ja prinzipiell schon kritisch gegenüber steh.
Dann werden Balken aus den Fenstern geworfen, um diese zu Sägen und schlussendlich in den Ofen werfen zu können.
Eventuell muss auch ein zaunloses Tor aufgeflext werden, Handschuhe und Brille(n) sind dabei von Vorteil. Nun etwas Tee und Literatur. Im besten Falle mit Schnee im Hintergrund und einem goldenen Engel neben sich. Ich spreche natürlich von Apotheker-Rum.
Nach ungefähr fünf Minuten müssen die sozialen Medien gecheckt werden, nicht das jemand ein Like vergessen hat zu setzten, wir sind ja alle cool. Dann ein Blick nach Links auf den Zirbenbrand, drei innerliche Nein und vier Worte später im Buch, wird beschlossen einer wird schon nicht schaden, nein, gar gut tun.
Das Buch liegt noch eine Weile in der Hand und liest die schweifende Blicke in die Landschaft. Dann wird es meist sehr spontan dunkel und der Salon erhellt. Dort wird Element of Crime und Betty Davis aufgelegt, geschmückt mit Lizzo und GURLS.
Die Flasche Brand wird unter die Lupe genommen, wichtige philosophische Diskurse erfunden und der Moment der absoluten Wahrheit bricht herein. Dann muss ich schlafen gehen, denn soviel Wahrheit ist schwer zu ertragen. Ja auch von mir. Täglich noch dazu.
Mancher Tags ist es auch etwas anders. Deshalb habe ich der Übersichtlichkeit halber ein Tagesroulette entworfen. Dabei wird der Tag in 5 Abschnitte gegliedert, diese wiederum beinhalten verschiedenste Aufgaben. Meist verläuft ein Tag mit mindestens 6 Punkten pro Abschnitt. Diese können sich auch wiederholen. Ab und an gibt es dann auch noch Abschnitt 0 und Abschnitt VI:
I
II
III
IV
V
a) Aufstehen zum Mittagsjournal
a) Kaffee trinken
a) in die Sonne schauen
a) bell hooks zur Weltpräsidentin erklären
a) (online) Veranstaltungen besuchen
b) Tee kochen
b) Phoenixen Rätsel lösen
b) Getränke besorgen
b) Arbeitstreffen
b) (online) Veranstaltungen durchführen
c) Buch/Computer aus dem Gesicht wischen
c) Brille suchen
c) Einheizen
c) Exceltabellen bearbeiten
c) Erledigte Tabs schließen
d) von einem vergessenen Rückruf aufwachen
d) Schlüssel suchen
d) Window-Online Shoppen
d) Onlinemeetings/-workshops vorbereiten
d) nach leistbarem Arbeitsraum suchen
e) Mails checken
e) Telefonieren
e) mit der Nagelschere Haarspitzen schneiden
e) Noch mehr Telefonate führen
e) Bandbesprechung
f) in die Werkstatt gehen
f) Pflanzen gießen
f) einen neuen Versuch des Aufwachens starte
f) Emails beantworten
f) Mit den Liebsten Platten hören
g) Video schneiden
g) Lesen
g) In Baumkronen starren
g) Laurie Anderson Platten hören
g) bell hooks Talks hören, oder darüber schwärmen
h) Orga Arbeit
h) An Einreichungen arbeiten
h) Kaffee kochen
h) Nummern arrangieren
h) Emails mit neuen Bücherbestellungen an die liebsten Buchhändlerinnen schicken
i) verkatert sein
i) Sound schneiden
i) Fehler im Circuit suchen
i) Vorkehrungen für Veranstaltungen treffen
i) Diskutieren
j) Dreck runter waschen
j) Drucken
j) Leistbaren Wohnraum suchen
j) Workshop halten
j) Late Night Arbeitstreffen
k) Tanzstunde
k) Löten
k) Final Mixes anhören
k) Schreiben
k) Kurz vor Deadlineende Einreichungen abschicken
l) zum Instrument rollen
l) Schweißen
l) Proben
l) Studio Arbeit
l) Drucke vorbereiten/ Siebe beschichten
m) Probe vorbereiten
m) Prokrastinieren
m) Teammeetings beiwohnen
m) Proben
m) Künstler:innen googlen und Arbeiten ansehen
n) Förderabsagen durchsehen
n) Farben gegen eine Wand werfen, oder auf mich
n) Einreichungen schreiben
n) Kaffee Adele vorbereiten
n) Aperolspritz nach Venediger Art trinken und Konzerten nachsehnen (z.B.: Biennale Eröffnung in Venedig für Renate Bertlmann)
o) Uni
o) Spielen/ Üben
o) Dokumentationen erstellen
o) Abrechnungen machen
o) Versuchen meine Arbeit in Worte zu fassen
p) Baustelle filmen
p) Nachbarinnen zuwinken
p) Rechtssituationen durchlesen
p) Freund:innen anrufen
p) Termine fixieren/herum schieben
q) ins Schmelzwasser hüpfen
q) Inspiration sammeln
q) Finanzpläne erstellen
q)
q) Homepage aktualisieren und mit selbstgelernten CSS Haks zerstören, dann versuchen zu fixen
r) Träume weiter träumen
r) Selbstbemitleiden
r) Üben, oder so tun als ob
r) Weltrevolution ausrufen
r) in der Werkstatt das Nachtfeuer entfachen
s) versuchen zu verstehen, wo ich gerade bin
s) Spazieren gehen
s) Booking vorbereiten
s) kleine Pause nach 12h Computerarbeit
s) mit Menschen neue Projektideen besprechen
t) ins C.I. Kaffee trinken und schreiben gehen
t) Zukunftspläne verwerfen
t) Für Projekte recherchieren und mich in Tabs verlieren
t) Schleifen und Lackieren
t) Erinnern welcher Tag heute ist und was am nächsten zu tun ist
u) die Kinder, die mich wecken, verfluchen
u) Essen bestellen
u) Neue Nummern schreiben
u) Feuer machen
u) täglich neue To-Do Listen schreiben
v) auf die Couch legen und irgendeinen Blödsinn schauen
v) Einkaufen
v) Ins Studio laufen
v) Auf Eisen hauen
v) Rider/Infopackerl ausschicken
w) Kaffee kochen
w) Realisieren, dass nichts offen hat
w) Projektideen ausarbeiten und mindestens dreimal verwerfen
w) Flexen
w) Material schneiden und bearbeiten
x) lesen/ hören was in den letzten Stunden passiert ist
x) Weltrevolution planen
x) Lesen
x) Werbung machen und Veranstaltungen erstellen
x) Archivmaterial hochladen
y) Konzertanfragen durchlesen
y) Buchhaltung machen
y) Schreiben
y) Schnell noch Einkaufen laufen
y) Spät-Nachts-Solo-Jam
z) mit Schlaf in den Augen zum Teammeeting auf Zoom
z) Organisieren/ Kuratieren/ Zeitpläne erstellen
z) Anrufe erledigen
z) Aufräumen/ Putzen
z) Geschriebenes umarrangieren/ verwerfen/ löschen/ abspeichern und nie mehr ansehen
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Leg dir die Dinge zu, die dir gut tun. Besorg dir den Schnaps, den du gerne trinkst. Den billigen Rotwein hast du schon viel zu oft in deinem Leben getrunken, besser wird er nicht und He! ein echter Aperol Spritzer, mit richtig gutem Prosecco und den besten grünen Oliven – genau das hast du dir verdient! Und dann trinken wir noch einen auf unsere vermissten Wirtinnen, die alle paar Wochen Scheinaufsperren und nichts bekommen für ihr allgemein anerkanntes Psychologinnendiplom! Wir malen Bilder für sie mit den allerbesten Acrylfarben, speziell in türkis, pink und weiß. Dann warten wir auf die nächste HFF Zusage und lieben unseren Comebackbonus bei der Buchhändlerin ums Eck und kaufen ein Ticket fürs Zukunftskino.
– Stopp. Moment Mal! Was war nochmal die Frage?
Achja, wichtig:
Zuhören, die Augen offen lassen und laut sein, wenn Ungerechtigkeit passiert. Aufstehen und Kritisieren. Reflektieren und auf sich selbst schauen, um auch wirklich für andere da sein zu können und nicht nur so tun als ob, oder einer Gruppe ohne Hinterfragen nachzulaufen.
Sich nicht neofeudalistischen Systemen unterordnen, sondern gemeinsam andere entwickeln und leben.
Selbstliebe nach bell hooks lernen, und ab und zu einfach mal die Pappn halten.
Auf neue Menschen zugehen und ihnen und sich selbst Raum geben.
Privilegien abchecken und nicht davon ausgehen, dass wir über eine Person einfach urteilen, oder uns mit ihr vergleichen können.
Wieder lernen ehrlich mit einander zu kommunizieren, das Ego mal auf Urlaub schicken und wenn möglich, mit einem One-Way-Ticket.
Nie aufhören zu lernen, nie aufhören zu hinterfragen, sehr wohl aber aufhören Menschen zu kategorisieren und traumatisieren.
Banden bilden, sich gegenseitig austauschen und bestärken. Anstrengend bleiben!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke nicht, dass wir „jetzt“ vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen, nehme aber gerne den Optimismus der Frage als Hoffnungsschimmer an. Soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung, struktureller Rassismus und Sexismus, ungerechte Verteilung von Geld und Ressourcen sind Problematiken, die uns seit Ewigkeiten als sozialer Organismus durchziehen. Das letzte Jahr hat dies nur für einige mehr an die Oberfläche geschwappt.
Wir stehen nach wie vor an dem Punkt unsere Gesellschaft kritisch hinterfragen zu müssen und aus der Geschichte zu lernen, nicht diese zu wiederholen. Sie neu zu formen und Raum zu schaffen. Da kann die Kunst schon helfen, Repetition im Pinselstrich, im Schweißpunkt, im Gliedsatz genügt meines Erachtens und kann hier auch ganz befreiend sein. Da muss es nicht anders ausgelebt werden. Durchziehen, Verbinden, Aufreißen und Stoßen, das kann die Kunst auch ganz gut.
Sie bietet sich auch gut als Therapieform an, bei etwaigen Machtfantasien zum Beispiel. Könnte doch vielleicht eine gute Ausbildungsvoraussetzung für manche Posten sein?
Aufzeigen, Vermitteln, Kritisieren, Aufmerksam machen, oder ein Refugium bieten, das alles kann die Kunst.
Aber sie kann auch Kapitalismus und Markt. Und wenn wir uns diesen ansehen, so fällt doch ein spezifisches Muster der darin Herumwandernden auf.
Somit wären wir wieder beim Anfang der Antwort.
Und der Frage: Wer ist Kunst?
Was liest Du derzeit?
Das Etikett der Zirbenbrandflasche, Amok und Koma von Heidi Pataki, Vom Ebro zum Dachstein, Just Kids von Patti Smith, Förderablehnungen für mein Album und All about Love von bell hooks.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Jo, na, mia zwa san wia da Senf, du bist schoaf und i bin siaß, mia zwa san wia da Senf und jedesmal wenn i di grias, dann denke ich unweigerlich daran, dass wir doch alle miteinander Wiaschtln san. Dann denke ich unweigerlich daran, padammdadamm, dass wir doch olle mitananda Wiaschtln san! – alte Wiener Lebensweisheit
Love is as love does. – bell hooks
P.S.: Ich fordere hiermit, dass das PR Budget der Regierung für Frauenhäuser und Gewaltprävention verwendet wird.
P.P.S.: „Wir“ haben mehr als genug Platz.
Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Adele, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Adele Maria Knall, Sängerin, Musikerin, Bildende Künstlerin
Liebe Amèlie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan gehe ich vormittags noch in die Schule. Endlich wieder – nach dem so langen Lockdown. Nachmittags habe ich musikalischen Unterricht. Bald beginnen die Schulferien und damit auch meine Proben für das nächste Theaterprojekt, wo ich mitspiele. Ich freue mich, dass jetzt alles wieder anfängt.
Amèlie Perschè _ singer/songwriter
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir wieder hinausgehen, Leute treffen, neue Dinge angehen, gerade junge Leute mussten doch sehr zurückstecken während der Lockdowns.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ein Neubeginn ist eine coole Sache. Ich freue mich sehr auf all die Dinge, die ich jetzt wieder tun kann. Vor allem, dass es wieder möglich ist, ins Theater zu gehen und ich auch selbst wieder auf der Bühne stehen kann. Ich freue mich schon sehr auf meine nächste Premiere am 8.9.2021! Das wird die ODYSSEE 2021 – eine ganz neue Version der bekannten Geschichte im Theater Arche in 1060 Wien. Ich finde Kunst und Theater kann sehr viel zu einem besseren Gesellschaftsbild beitragen. Und bei Leuten zum Umdenken und zu Veränderungen führen.
Was liest Du derzeit?
Gerade lese ich die Odyssee vom Homer. Das ist interessant, weil ich als Kind schon Percy Jackson gelesen habe. Es gibt da viele Parallelen, da der Autor sich an der griechischen Antike orientiert hat.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus „The Hill We Climb“ von Amanda Gorman: „We seek harm to none, and harmony for all.“
Vielen Dank für das Interview liebe Amèlie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe ein Morgenritual: Zunächst zwei Seiten schreiben ohne nachdenken, diese zwei Seiten dann lesen – kann ich jedem empfehlen. Ein wunderbares Mittel sich und sein Leben in den Griff zu kriegen oder zu behalten. Mittlerweile habe ich ein Regal, welches mit den täglichen autobiographischen Daten meiner letzten fünf Lebensjahre vollgestellt ist. Da ich nicht vorhabe damit aufzuhören, werde ich für diese Aufzeichnungen einmal einen ganzen Raum brauchen. Dabei kommen mir Ideen zu aktuellen Projekten, diese werden skizziert oder gleich umgesetzt und ich plane den Tag. Zum Abschluss meines Morgenrituals dann Sport – ohne Bewegung werde ich depressiv.
Ich ruhe mich aus. Es folgen Recherche und Projektkonzeption. Für mein aktuelles Kunst-Projekt EUROPEAN VISIONS etwa erforsche ich die Vorlieben von Personen unterschiedlicher sozialer Backgrounds in Bezug auf Kunstgemälde – hieraus entsteht eine Form der Porträt-Malerei. Neben der Malerei sind sehr viel Planung und Organisation nötig. Häufig muss ich jedoch schlicht Besorgungen machen.
Nach einer erneuten Pause endlich der Gang ins Atelier. Hier sind Raum und Zeit ganz meins.
Falls ich eine private Verabredung habe, bleibt für manch genannte Tätigkeit noch weniger Zeit, was mich dann ärgert. Verabredungen waren natürlich während des harten Lockdowns seltener der Fall. Das tat mir aber auch nicht gut – ich hatte den Eindruck ein wenig zu verwahrlosen. Mindestens zwei Stunden mehr Zeit am Tag wären schön.
Andrea Cochius, Konzeptkünstlerin, Malerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich Wesentliches fragen: Was brauche ich wirklich? Worauf kann und sollte ich verzichten? Welche Erinnerungen und Menschen bedeuten mir etwas?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Der erlebte Verzicht wird uns zunächst helfen Situationen, Menschen und Dinge bewusster wahrzunehmen, anstatt sie bedenkenlos zu konsumieren – ich hoffe, dass diese potenzielle Wahrnehmungs- und somit auch Verhaltensänderung über diesen Aufbruch hinaus halten wird. Da es seit eh und je die Aufgabe der Kunst ist, die Wahrnehmung zu schärfen, könnte sie sich auf diesen Prozess positiv auswirken.
Was liest Du derzeit?
„Das Adressbuch“ von Sophie Calle.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Und:
„Wer Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ (Karl Lagerfeld).
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ich habe schon als Kind Klavier gespielt und viel Sport gemacht. Bewegung und Musik waren immer wesentlicher Teil meines Lebens. Ich habe auch an Sportwettkämpfen teilgenommen. Erst war es Schwimmen, dann Volleyball. Beim Tanz war es dann zunächst Jazz, hiphop. Ich ging dann nach Wien, um Philosophie zu studieren.
Veronika Kulcsar_Tänzerin, Künstlerin
Dann unternahm ich Reisen nach Asien, Nepal, Thailand. Als ich zurück in Wien war, lud mich ein Freund ein, eine Performance zu filmen. Ich sah auf der Bühne etwas mir nicht Vorstellbares: Bewegung zur Musik, kein Theater, doch ein superstarker Ausdruck, keine feste Form, aber Synchronizität und freie Form. Die Form folgte Inhalt und Ausdruck. Das war wie eine Welt, die sich geöffnet hat. Augen, die sich geöffnet haben. Es war Liebe auf den ersten Blick (lacht). Da war ich zwanzig Jahre alt und habe dann konstant daran weitergearbeitet.
Tanz schafft Empathie. Es verbindet mit Mensch und Raum.
Ich bin niemand, die fest verwurzelt ist. Aber Wien ist mein Zuhause, my base, mein Nest.
Literatur inspiriert mich. Ich las schon als Kind viel und jetzt in den Coronazeiten auch vermehrt. Es ist eine Wechselwirkung zwischen den eigenen Gedanken, was mich beschäftigt, und den Büchern. Bücher verändern auch, es ist ein Geben und Nehmen.
Jede Erfahrung, jede Information, jedes Bild, verändert mich als Mensch, wird ein Teil von mir. Lesen, Tanz, Kunst sind so Treffpunkte, meeting points, und wir schöpfen daraus. Wir sind was wir sind aufgrund der Wechselwirkung von Innen- und Außenwelt und dem gegenseitigen Teilen.
Gesellschaftlich hat sich in den 50 Jahren seit Erscheinen des Romans viel getan. Aber ich denke, es ist wie eine Rolltreppe. Es muss weitergehen, sich weiterentwickeln. Es gilt nicht zu stoppen, nicht anzuhalten. Das betrifft Gesellschaft wie Selbstreflexion. Ich habe in Thailand intensiv Vipassana Meditation praktiziert. Mir wird jetzt immer bewusster, dass Erkenntnis ein aktiver Prozess ist. Wenn ich denke, jetzt „hab`ich`s“, und man stoppt, geht die Rolltreppe nach unten. Und das ist in gesellschaftlichen Fragen auch so. Entweder ist es ein aktives daran arbeiten oder verlieren. Entweder man macht es oder man verliert es. Ich denke Ingeborg Bachmann greift dies ja auch in ihrem Roman auf, dieses Aktivsein in Leben, Gesellschaft, in der Liebe. Und sie macht dies ganz radikal.
Bewusstsein ist nichts Passives. Es ist nicht etwas, das man kaufen kann.
Ich bin jetzt dreißig Jahre alt geworden. Da ist auch das Denken, jetzt habe ich viel hinter mir gelassen. Aber es gilt ständig an sich zu arbeiten, um sich zu entwickeln.
Mit dreißig bin ich nicht aufgewacht und war ein anderer Mensch. Natürlich hat sich viel verändert im Blick zurück auf die Zeit mit fünfzehn, neunzehn Jahren. Aber Geburtstage sind einzelne Schritte, die eher gesellschaftlich eine Bedeutung haben.
Unser Verständnis von Liebe ist freier geworden.
In jeder Form, in der wir eine Beziehung zu einem Menschen eingehen, Freundschaft, Liebe in unterschiedlichster Weise, ist es unglaublich wichtig, sich selbst zu kennen.
Wir spiegeln und entwickeln uns in unseren Freunden, Menschen um uns. Es ist Schönheit und Herausforderung. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Alle Menschen wollen geliebt werden und auch Liebe geben. Ich habe da ein Buch gelesen über eine Studie bei älteren Menschen, denen Haustiere gegeben wurden. Es zeigt sich, dass das Bedürfnis Liebe zu geben ein größeres Grundbedürfnis war als geliebt zu werden. Und Malina drückt dies ja auch aus. Wir sollten uns bewusst sein, dass beides extrem wichtig ist.
Wir tendieren in unserer Gesellschaft, auch in der Liebe, immer mehr zum „Haben-Wollen“, ohne zu fragen – wo ist das Schöne im Geben?
Patriarchale Strukturen gibt es nach wie vor in ganz vielen Gesellschaften. Wenn wir bedenken wie lange dies bestanden hat, wäre es naiv anzunehmen, dass es jetzt nicht mehr da.
In Liebesbeziehungen kann es viel Toxisches geben. Da steckt viel persönliches Erleben, etwa der Kindheit, drin. Bewusstwerden kann aber eine Chance werden. Da braucht es viel Stärke von beiden Seiten.
Wenn eine Frau merkt, wie im Roman, es gibt nur dieses „Verschwinden“ – Nein! Es gibt auch die Möglichkeit zu gehen. Alleine.
Wichtig ist zu sagen – „Ich bin mit mir selbst nicht alleine“. Und ich gehe eine Beziehung nur ein, wenn da etwas entsteht, wenn sich etwas entwickelt. Aber wo nicht etwas weggenommen wird.
Beziehungen entwickeln sich dynamisch. Es gibt Gutes und Schlechtes. Es gilt in einer Beziehung lösungsorientiert zu sein.
Leidensdruck kann ein Motor in der Beziehungsentwicklung sein. Wenn es nicht von beiden Seiten her ist, ist es schwierig.
Das Einzige was wir in einer Beziehung tun können, ist an uns selbst zu arbeiten. Wir tendieren rasch dazu, an anderen arbeiten zu wollen.
Das Selbstbewusstsein von Frauen kann für Männer ein Problem sein.
Gewalt ist Gewalt.
Eine Freundin von mir, nennt es „soul distancing“, dies meint in patriarchalen Gesellschaften, in denen die Frau nicht gehen kann aus der Ehe, Partnerschaft, damit aufzuhören Nähe zu suchen wo Nähe sein sollte aber nicht ist und sich innerlich abzugrenzen, um das was sie als Mensch, den schönen Teil ihrer Selbst, zu schützen. Das ist sehr tragisch, traurig, dass dies so oft und in so vielen Ländern noch nötig ist.
Ich selbst könnte „soul distancing“ nicht lange durchhalten.
Das Zerrissensein zwischen Ivan und Malina ist ja ein Spiegel. Es geht um Freiheit. Es sollte ein „Verschwinden“ im Spiegel sein, sich dort selbst zu finden. Das Finden, Definieren im Außen kann nicht gutgehen.
Es gibt heute so viele Beziehungsformen, Polyamorie, Polygamie, offene Beziehung, Monogamie, serielle Monogamie, monogamisch, ich weiß da wahrscheinlich nicht alle (lacht). Ich finde das superschön, weil Menschen sich da finden können und etwas ausleben können, das nicht geächtet wird, das ist super, nice.
Freiheit ist immer auch Verantwortung. Das gehört zusammen.
Oft funktionieren auch Negativ-Beispiele in der Liebe gut. Ich weiß nicht was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will.
Wir sollten von anderen Erfahrungen lernen können, ohne auch selbst auf die Herdplatte greifen zu müssen.
Liebe auf den ersten Blick gibt es.
Liebe ist ein Tun. Liebe besteht solange man danach handelt. Es ist mehr als ein Gefühl.
Liebe ist nie ein „Ich liebe das“. Liebe ist Bewegung, Verstärkung. Da ist Verbindung, Zuneigung, die gezeigt werden.
Liebe ist aktives Handeln. Schöne Gefühle kommen und gehen.
Liebe ist ein Wert, den ich konstant erhalten will.
Man kann sich in der Liebe entscheiden, sich von etwas abzuwenden, dann endet die Verbindung, die Liebe.
Es gibt auch einseitige Liebe. Das ist zu unterscheiden und ein schmerzvoller Prozess.
Liebe ist Sehen und Gesehen-Werden. Liebe ist Dasein.
Gegenseitiges Arbeiten in der Liebe verbindet.
Wir haben als Menschen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Im Guten wie Schlechtem.
Veronika Kulcsar_Tänzerin, Künstlerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:
Veronika Kulcsar_Tänzerin _Künstlerin_Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann _Mercure Grand Hotel Biedermeier_Wien_5_2021
Da wage ich mich kurz aus dem alltäglichen Getöse – und damit aus den geistigen Niederungen von all den unbedeutenden Pips und Klicks empor, die uns ständig anzuspringen und zu besetzen wünschen. Und sage forsch: Als freie Seele will ich mich gerne dagegen sperren, Worte wie „Tagesstruktur“, „Ablauf“, „Programm“ zu benutzen. Das sind eigentlich bereits Laute, die das eigene, das innere Rauschen überlagern, nach dem ich mich immerzu sehne; den Zustand – Leere oder Stille – den ich für die Gedankengärung brauche – letztlich um mich denken zu hören, um schreiben zu können. Diese Phasen des Schreibens sind derzeit rar. Verschiedenes Privates mithin Persönliches umtreibt mich. Dazu gehören für mich die Bubbles der vorherrschenden Wirklichkeit kaum. Wenn ich mich da ab und an nicht einklinken würde, meine Ohren hineinhalten würde, gerieten mir auch einige globalstattfindende Tragödien – welche Kräfte da auch immer mitwirken mögen – ein wenig mit ins Durcheinandertal. Wirrwarr und Schein. Da bevorzuge ich oft die Betrachtung von für mich wahren Dingen. Hüpfschritt eines Kindes. Felder im Wind. Was nicht heißt, dass ich mich nicht informiere, sehe jedoch weitaus Essenzielleres die Welt durchdringen und verdunkeln. Aber lassen wir das mal beiseite. Zum guten Glück hatte ich die Möglichkeit, für einige Monate im Schreibexil verschiedene Literarische Projekte anzugehen.
Tagesablauf?
Ich versuche früh aufzustehen. Immer mal wieder Kaffee. Sonst derzeit das Notwendige. Anderswo rauscht die Seele.
Lu Bonauer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Diese Frage zielt für mich irgendwie auf ein kollektives Bewusstsein ab. Für mich lässt sich darüber im Sinne „des Menschen im Kosmos“ reden. Aber ich verweigere mich dem Vorhandensein des kollektiven Bewusstseins gegenüber, wenn es sich aus etwas Diffusem herausbildet. Aus etwas heraus, das sich für mich in seiner Gesamtheit kaum verstehen lässt. Ein tragisches Ereignis – mit vielen damit verknüpften tragischen Schicksalen – durchstößt seit Monaten die Welt. Doch leitet sich daraus auch ein Kollektiv der Wichtigkeiten, der Dringlichkeiten, des Aufhorchens, der Sehnsüchte und so weiter ab? Gibt es nun plötzlich eine Gesellschaft mit einem gemeinsamen Sehnsuchtskern? Woraus speist dieser sich? Ein neuer Zusammenhalt – doch was sind die Bestandteile dieser Bindesubstanz? Aus welchem Labor stammen sie? Ein gemeinsamer Aufbruch – doch wohin? Gemeinschaft. Demut. Alles wünschenswert, natürlich, ja! Doch es scheint mir, als klaffen eben auch Wahrheit des Individuums und vorherrschende Wirklichkeit mehr und mehr auseinander. Längst beten wir die Herrlichkeit höherer Intelligenzen an, geben uns gottgleich und versuchen uns zugleich durchzuschlagen im Wirrwarr und was auf uns täglich an Nonsens einströmt. Wir sehnen uns nach Raum und Zeit, nach Rückzug, um alles zu ordnen, um wiederum globale Phänomene, Erschütterungen, Verschiebungen in Ruhe beobachten, wahrnehmen zu können. Ohnmachtsgefühl. Überdruss. Wesentlich-Sehnsucht. Vielleicht geht es nur mir – Nein, eigentlich glaube ich das nicht. He: geht es euch auch so – da draußen? Da – in Euch – da drinnen?
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Bevor ich darauf antworte, möchte ich klarstellen, dass ich mir der Relativität von Wesentlichkeit, von Problemen und unterschiedlichen „Weltentwicklungszuständen“ gewiss bin. Wie diese Aufbrüche innerhalb unserer Wohlstandsgesellschaft (und das sind wir nun mal im Vergleich zu Armutsländern) – ob gezwungenermaßen oder erlösend – mitzumachen sind, wird sich wohl erst mit Abstand sagen lassen – nun gut, gelobt seien sie wohl kaum. Unabdingbar? Zu welchem Preis? Die äußeren Bewegungsfreiheiten werden bestimmt nicht grösser und unabhängiger. Die Einschränkungen schon. Gerechtfertigt? Wie ist mit all dem umzugehen? Dafür scheinen mir die inneren Bewegungsfreiheiten entscheidend zu sein. Sie dürfen, nein, sie müssen expandieren. In mehr Zeit. In mehr Raum. Um denken zu können. Um die großen Fragen, welche in den öffentlichen und medialen Debatten kaum vorkommen, wieder neu zu stellen. Ist die geistige Größe einer Gesellschaft nicht daran zu messen, mit welchen Fragen sie sich befasst? Wie sie mit den möglichen Antworten umgeht und diese in die Entwicklung und ihre gesetzliche Verortung einbindet? Dafür sei der Kunst, der Literatur ihren Impetus einzuräumen. Buchstäblich. Raum. Und Zeit haben für diesen Raum. Um sich den großen Fragen stellen zu können. Das wünschte ich mir. Mehr Zeitressourcen. Mehr Mittel dafür. Für alle Künstler.
Was liest Du derzeit?
Auf dem Stapel zuoberst: „Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll“. Die in einem Band zusammengefassten sieben Kurzromane des Kolumbianischen Schriftstellers, Álvaro Mutis, handeln ja von einem rastlosen Suchenden, irrend über die Meere und Flüsse dieser Erde. Das passt eigentlich ganz gut. Vielleicht müssen wir wieder mehr selber suchen und irren können, statt in all dem Gefundenen, was uns verwirrt, umherzuirren.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Eigentlich wollte ich das Interview versöhnlicher angehen. Die Versöhnung mit der Welt ist ja ein ständiges Ringen darum – so wie es das ständige Ringen mit der eigenen Identität und Existenz gibt. Nun spricht aus mir eine gewisse Wut. Wut soll genauso ihren Ausdruck finden – wie andere Empfindungen. Doch bin ich eigentlich ein besonnener Mensch. Deshalb am Schluss diese Textstelle aus dem eben erwähnten Buch von Álvaro Mutis:
(…) Als sie an die Abgründe kamen, gingen die Maultiere unbeeindruckt weiter. Aber gelegentlich bewegten sie die Ohren, als witterten sie in der Ferne eine Gefahr. Am klaren, reglosen Himmel stieg der Mond mit friedlicher, beinahe versöhnlicher Gemächlichkeit auf. (…)
Lu Bonauer, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Lu, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein neues Zeitalter, das mit den 1980er Jahren anbricht.
Da sind Gesellschaft und Politik. Europa ist geteilt, der Eiserne Vorhang hängt mit schweren dunklen Wolken von Rüstung und Abschottung über den Beginn eines Jahrzehnts, in dem sich so viel verändern sollte. Und es beginnt mit Meinungsbildung und mit Kundgebungen besorgter Menschen in Westeuropa. Da ist ein starker Wille zu Veränderung und Frieden spürbar. Die Sorge und der Wille zur Zukunft, der Blick, die Bewegung in die Zukunft…
Da ist Kunst und Kultur. Die Musikbranche erlebt ganz neue Horizonte in den neuen Videoclip Formaten. Songs werden in Bildern präsentiert und eine neue innovative Kunstform erlebt Höhepunkte. Dies zieht auch in das TV ein. Charts, Hit Paraden werden zu Fixsternen am Fernsehhimmel. Und die Musik trägt auch zur Öffnung, Annäherung von West und Ost bei…“Ist das der Sonderzug nach Pankow?“…
Und da ist der Sport, der zunächst Olympia-Boykotte in Moskau (1980) und Los Angeles (1984) erlebt. Aber auch hier gibt es Öffnungen, Grenzen werden überschritten in Veranstaltungen und Kontakten…
Ein Jahrzehnt, in dem die Welt in Bewegung kommt und die gegen Ende des Jahrzehnts Ungeahntes ermöglicht…
Der renommierte Autor und Kolumnist, Jens Balzer, legt eine fulminante Darstellung, Beschreibung und Analyse des „High Energy“ Jahrzehnts der 1980er Jahre vor.
Es ist eine sehr gut Lesart, die einem gleichsam in Ereignisse und Diskussionen der Zeit eintauchen und teilhaben lässt. Zudem werden wesentliche Themen des Jahrzehnts anschaulich geöffnet.
„Ein Buch als fulminante Zeitreise in ein facettenreiches Jahrzehnt wie kein zweites!“
Julia Weber_Schriftstellerin_Zürich__Teilnehmerin _Tage der deutschsprachigen Literatur _ 2021
Julia Weber_Schriftstellerin
Liebe Julia, herzlichen Dank für Deine Teilnahme, Deinen spannenden Text wie Lesung!
Wo und wie hast Du die Preisverleihung und den Abschluss der Literaturtage in Klagenfurt miterlebt?
Ich saß in meinem Atelier am Zürichsee und draußen kreischten Kinder und auch andere Menschen in der Hitze. Freunde warteten in einem anderen Raum und nach der Preisverleihung bin ich zu ihnen gegangen und habe einen Kaffee getrunken. Dann bin ich in den See gesprungen. Er war leider nicht mehr sehr kalt, aber dennoch, das Tauchen, war wunderbar.
Wie sieht Dein Rückblick auf die Literaturtage aus?
Während der Lesung, bei der ich dabei war, aber passiv, weil sie bereits aufgezeichnet worden war und nun abgespielt wurde, war ich so voller Adrenalin, dass ich mich selbst in der Lesung unglaublich lahm fand. Das war seltsam. Ich war so sehr bereit etwas zu tun, zu lesen, zu singen, tanzen, streiten, irgendwie das Adrenalin in eine Aktion umzusetzen, aber alles, was ich tun konnte, war mir absolut motiviert beim Lesen zu zusehen.
Danach war ich glücklich.
Und als die Leere, die oft nach einer Aufregung einsetzt, weil man merkt, dass sich die Welt nicht verändert hat und man selbst auch nicht und überhaupt die Aufregung in keinem Verhältnis zur Realität steht, einsetzte, langsam Platz einnehmen wollte in mir, kamen Nachrichten von Menschen, die von Ruth berührt wurden, die mir mitteilten, dass es etwas gemacht hat, die Worte etwas angestellt hatten in Ihnen, da war ich wieder angefüllt. Und nun, das ist das Gute an einem vollen Leben, ist Klagenfurt wieder in die Weite gerückt und ich mache meine Sachen.
Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?
Ich hatte nach diesen Tagen, direkt nach der Lesung und Diskussion große Lust zu arbeiten, schreiben, das ganze Leben lang soviel wie möglich. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass in der Diskussion über meinen Text die Meinung vertreten wurde, der Text mache sich lustig über die Frau mit dem Becken auf dem man Picknicken könne oder der weiche Bauch, in den man einsinke. Das hat mich sehr erschreckt, denn niemals, niemals will ich mich lustig machen über eine Figur. Das ist nicht meine Kunst. Es gab viele Menschen, die das gar nicht gelesen haben, das hat mich sicher beruhigt, dennoch will ich doch schlussendlich auch Menschen mit meiner Sprache erreichen, die vielleicht diese Möglichkeit der liebevollen Betrachtung eines inperfekten Körpers nicht mitbringen, die vielleicht zu sehr gefangen sind in der gesellschaftlichen Auffassung von Schönheit und die sich gar nicht vorstellen können, dass, wenn man das Imperfekte beschreibt, es vielleicht nicht mehr imperfekt sondern sich zur Schönheit wandelt in unserem Blick. Daran will ich weiterschreiben.
Was sind Deine nächsten Schreibprojekte?
Aus Ruth, die bereits über 240 Seiten spricht und das Erzählte der anderen Figuren wiedergibt, soll ein Roman, ein Buch werden.
Liebe Julia, vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg weiterhin wie schönen Sommer!
Bachmannpreis 2021_Rückblick_Blitzlicht:
Julia Weber_Schriftstellerin_Bachmannpreistelnehmerin 2021
Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tagesstruktur hat sich während Corona nicht viel geändert, als selbstständige Künstlerin bin ich unabhängig von fixen Arbeitszeiten und bin außerdem sowieso gewohnt, alleine zu arbeiten. Sowohl im Atelier, als auch in der Dunkelkammer.
Allerdings war ich seit über einem Jahr nicht mehr auf Reisen, die für meine Fotoprojekte eine große Rolle spielen.
Das wird sich jetzt schnell wieder ändern, denke ich.
Birgit Graschopf, Bildende Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Genaues Hinschauen. Ich bin viele Wege zu Fuß gegangen während der Lockdowns, mit mehrstündigen Gehzeiten quer durch die Stadt, die Dunkelkammer, in der ich arbeite, ist in einem Außenbezirk Wiens und dorthin bin ich dann halt auch immer gegangen, anstatt öffentlich zu fahren.
Durch das Gehen nehme ich die Stadt im Besonderen sinnlich wahr, zum Beispiel der Geruch. In vielen Gassen und Gegenden riecht es aufgrund von Märkten, bestimmter Firmen und Geschäften und Grünflächen und vielen anderen Faktoren eigentümlich ortsbezogen. Doch ändert die jeweilige Jahreszeit und das Wetter ebenso den olafaktorischen Charakter eines Grätzels. Die unterschiedliche Gerüche sind mitunter begleitet von verschiedenen Geräuschen, Sprachen und Stimmungen.
Ich habe eine Veränderung der Menschen beobachten können bzw mir ist zunehmend mehr Resignation und Aggressivität im letzten Jahr aufgefallen. Auf der Straße und in den öffentlichen Verkehrsmitteln begegne ich Leuten, die sprichwörtlich „auszucken“ und sich sehr leicht provoziert fühlen, ebenso wie ganz vielen leeren Blicken.
Ich habe mich selbst oft sehr einsam und traurig gefühlt während des letzten Jahres und bin schon neugierig wie die neue Post-Corona-Wirklichkeit jetzt aussehen wird. Es wird jedenfalls anders als vor der Pandemie.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Meine Bilder zeigen Inszenierungen an ausgesuchten Orten, die mit dem Unwirklichen, Mysteriösen und in der letzten Bildserie mit dem Dystopischen zu tun haben. Ich werde weiter am Sichtbarmachen bestimmter menschlicher Stimmungen und Atmosphären arbeiten, die ein narratives Momentum beinhalten, das jeder für sich anders interpretiert und aufgrund der persönlichen Erfahrungen anders liest.
Die Kunst per se hat keine Aufgabe, sie muss nichts und ist niemanden verpflichtet. Kunst darf nicht instrumentalisiert werden, den sie hat keinen Zweck, auch nicht, um eine Pandemie aufzuarbeiten. Dann wäre es eine Therapie.
Was liest Du derzeit?
Als Bettlektüre Helmut Lethens jüngstes Buch „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug.“
„Witwe für ein Jahr“ von John Irving höre ich gerade als Hörbuch, wenn ich in der Dunkelkammer aufräume.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Sinngemäß etwas von Peter Ustinov: Der Zweifel ist der Überzeugung vorzuziehen. Denn das Zweifeln lässt ein Umdenken zu und befähigt zu Selbstkritik und Toleranz. Wenn man von etwas überzeugt ist, sieht man keinen anderen Weg und da muss man aufpassen, den es könnte beschränkt sein.
Vielen Dank für das Interview liebe Birgit, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!