„Auf der Straße begegne ich ganz vielen leeren Blicken“ Birgit Graschopf, Bildende Künstlerin_Wien 28.6.2021

Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tagesstruktur hat sich während Corona nicht viel geändert, als selbstständige Künstlerin bin ich unabhängig von fixen Arbeitszeiten und bin außerdem sowieso gewohnt, alleine zu arbeiten. Sowohl im Atelier, als auch in der Dunkelkammer.

Allerdings war ich seit über einem Jahr nicht mehr auf Reisen, die für meine Fotoprojekte eine große Rolle spielen.

Das wird sich jetzt schnell wieder ändern, denke ich.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Genaues Hinschauen. Ich bin viele Wege zu Fuß gegangen während der Lockdowns, mit mehrstündigen Gehzeiten quer durch die Stadt, die Dunkelkammer, in der ich arbeite, ist in einem Außenbezirk Wiens und dorthin bin ich dann halt auch immer gegangen, anstatt öffentlich zu fahren.

Durch das Gehen nehme ich die Stadt im Besonderen sinnlich wahr, zum Beispiel der Geruch. In vielen Gassen und Gegenden riecht es aufgrund von Märkten, bestimmter Firmen und Geschäften und Grünflächen und vielen anderen Faktoren eigentümlich ortsbezogen. Doch ändert die jeweilige Jahreszeit und das Wetter ebenso den olafaktorischen Charakter eines Grätzels. Die unterschiedliche Gerüche sind mitunter begleitet von verschiedenen Geräuschen, Sprachen und Stimmungen.

Ich habe eine Veränderung der Menschen beobachten können bzw mir ist zunehmend mehr Resignation und Aggressivität im letzten Jahr aufgefallen. Auf der Straße und in den öffentlichen Verkehrsmitteln begegne ich Leuten, die sprichwörtlich „auszucken“ und sich sehr leicht provoziert fühlen, ebenso wie ganz vielen leeren Blicken.

Ich habe mich selbst oft sehr einsam und traurig gefühlt während des letzten Jahres und bin schon neugierig wie die neue Post-Corona-Wirklichkeit jetzt aussehen wird. Es wird jedenfalls anders als vor der Pandemie.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Meine Bilder zeigen Inszenierungen an ausgesuchten Orten, die mit dem Unwirklichen, Mysteriösen und in der letzten Bildserie mit dem Dystopischen zu tun haben. Ich werde weiter am Sichtbarmachen bestimmter menschlicher Stimmungen und Atmosphären arbeiten, die ein narratives Momentum beinhalten, das jeder für sich anders interpretiert und aufgrund der persönlichen Erfahrungen anders liest.

Die Kunst per se hat keine Aufgabe, sie muss nichts und ist niemanden verpflichtet. Kunst darf nicht instrumentalisiert werden, den sie hat keinen Zweck, auch nicht, um eine Pandemie aufzuarbeiten. Dann wäre es eine Therapie.

Was liest Du derzeit?

Als Bettlektüre Helmut Lethens jüngstes Buch „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug.“

„Witwe für ein Jahr“ von John Irving höre ich gerade als Hörbuch, wenn ich in der Dunkelkammer aufräume.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sinngemäß etwas von Peter Ustinov: Der Zweifel ist der Überzeugung vorzuziehen. Denn das Zweifeln lässt ein Umdenken zu und befähigt zu Selbstkritik und Toleranz. Wenn man von etwas überzeugt ist, sieht man keinen anderen Weg und da muss man aufpassen, den es könnte beschränkt sein.

Vielen Dank für das Interview liebe Birgit, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Birgit Graschopf, Bildende Künstlerin

Birgit Graschopf

Foto_Eva Keller

31.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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