„Mehr zu fühlen, wer man ist, dies sollte Liebe sein“ Linda Pichler_Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_ 11.7.2021

Als ich in Wien ankam, bin ich zunächst in die Nähe des Ungargassenlandes, dem Romanschauplatz von „Malina“ gezogen, es ist mir also ganz gut bekannt (lacht).

Linda Pichler, Schauspielerin_Wien

Das Schauspiel war immer meine Leidenschaft. Als Kind fragte ich meine Mutter ob das „Spielen auf der Bühne“ ein Beruf sei. Meine Mutter sagte: „Nein“ (lacht).  Später fragte ich meine Mutter warum sie mich da angelogen hat. Und sie sagte, sie hatte Angst vor den Kritiker*innen. Ich fand das sehr süß (lacht). Als ich mich dann für den Schauspielberuf entschied, unterstützte mich meine Familie sehr, dies ist bis heute so und ein großes Geschenk.

In meiner Jugendzeit gab es schon Bühnenerfahrungen im Landestheater Linz, auch danach. Ich war neunzehn Jahre alt als ich nach der Matura in Wien ankam. Zunächst studierte ich aber zwei Semester Politikwissenschaft in Wien. Dann hatte ich den Mut mich der Aufnahmsprüfung an der Schauspielschule zu stellen.

Die Beziehung zur Kunst war in meiner Familie immer vorhanden. Mein Vater ist Musiker. Meine Tante ist Bildende Künstlerin.

Wien ist eine sehr vielfältige Stadt. Mir war sofort klar, ich möchte in Wien bleiben. Es gibt sehr spannende Grätzl (Anm., Teile von Wohnbezirken) in Kultur und Lebensart hier. Und dieses authentische Wien funktioniert sehr gut.

Ich mag die Kontraste der Stadt, die Schönheit wie die wilderen Ecken.

Es gibt eine Herzlichkeit in dieser Stadt aber man ist halt auch gschert (lacht).

Ich finde auch das „Granteln“ sympathisch. Und ich kann ja auch zurückgrantln (lacht).

Ich bin grantiger geworden, seit ich in Wien bin (lacht).

Dieses authentische Wien begegnet einem jeden Tag. Etwa in der U-Bahn neulich als jemand noch in Zug sprang, was der Fahrer mit „Ana muas imma noch einekralln“ (Übersetzung – „Einer muss immer noch in die Lücke“). Ich finde das großartig. Ich hatte auch in meinem Wohnort Ottakring sehr schöne Begegnungen. Das von jemanden empfohlene Pfefferspray brauchte ich da nicht (lacht).

In der Schule begegnete mir Ingeborg Bachmann nicht.

Mich beeindruckt bei Ingeborg Bachmann diese Betonung von Utopie, Idealen in der Kunst. Das ist auch mir in meinem Selbstverständnis als Schauspielerin sehr wichtig.

Bachmann blickt aber auch in die sehr dunklen Täler des Menschseins. Mich interessieren auch die Abgründe in meiner Arbeit sehr.

Ich denke, es hat keinen Sinn, wenn es im Schauspiel nur um einen selbst geht.

Es geht in der Kunst immer um Erfüllung.

Theater ist dann interessant, wenn es befremdlich ist. Wenn ich mich aus Zuschauer*in auf der Bühne wiedererkenne.

Das Lesen des Romans war herausfordernd. Es gibt Textstellen, die schwer zugänglich sind und andere wiederum, die sofort ein Nachvollziehen ermöglich. Ich denke, Ingeborg Bachmann wollte dies auch so.

Der Roman hat auch sehr starke traumatische, düstere Bilder.

Bei manchen Passagen musste ich mich im Lesen damit begnügen, dass es nicht so nachvollziehbar ist. Das ist natürlich unbefriedigend als Leserin  (lacht) aber teil eines spannenden literarischen Konzeptes.

Ich finde den Zugang des Romans zu Geschlecht und Identität sehr spannend. Dieser männliche Blick existiert ja, wenn man sich selbst betrachtet als Frau. Ich empfinde das so.

Die Ich-Erzählerin blickt in einer Szene in den Spiegel und bezeichnet dies als wahre Existenz. Das macht eine innere Heimatlosigkeit sichtbar, die dann im Außen, in Ivan Halt sucht. Das ist natürlich eine ungesicherte Existenz.

Diese alten Rollenvorstellungen von Frau und Mann, diese Konditionierungen, da ist vieles noch sehr präsent. Es ist dann ein Ertappen an Tradition, die sich da innerlich Platz, Raum geschaffen hat.

Auch dieses Ellenbogen-, Konkurrenzdenken ist unserer Gesellschaft vorhanden. Ich habe etwa gehört, dass einer Kollegin empfohlen wurde in einem showreel nicht mit anderen Frauen aufzutreten, denn, es könnte ja sein, dass eine andere Frau dann die Rolle bekommen könnte. Ich fand das dermaßen  Sch…., ich halte mich da nicht dran. Ich werde drei tolle Frauen in meinem Showreel haben und wenn sie die Aufmerksamkeit bekommen, gönne ich das ihnen total. Dann ist die Rolle für sie und nicht für mich.

Feminismus ist Solidarität mit Frauen. Es gilt immer Türen offenzuhalten und nicht voreinander zuzuknallen. In meinem Beruf wie auch allen anderen. Ich bin mir sicher, dass war auch Ingeborg Bachmann sehr wichtig.

Ingeborg Bachmann spricht ja von dem „Kranksein der Männer“, der Verschiebung des Faschismus nach Kriegsende ins Private. Ich kann das gut nachvollziehen und meine, dass die Männer meiner Generation dahingehend jedoch gesünder sind.

Die Romanfigur Malina ist sehr enigmatisch, entzieht sich den Rastern von Zuordnungen. Das ist auch ein Teil seiner Anziehungskraft. Bei Ingeborg Bachmann selbst war es ja auch so.

Mich persönlich schrecken 0815 Männer in ihrem unreflektierten Reden über Frauen, weil sie sich und ihre Aussagen gar nicht selbst wahrnehmen.

Bei Ivan gibt es ein Arrangement in der Beziehung. Es sind Treffen und da geht es um wann/wo. Persönliches Interesse an der Partnerin gibt es nicht.

Das Unerreichbare in Ivan ist auch ein Teil seiner Anziehung.

Für Ivan gründet die Beziehung auf einer Vereinbarung gemeinsamer Zeit. Es ist da kein Verrat, kein Selbstbetrug. Das sehe ich eher in Malina. Da ist das Unglück, die Vernachlässigung, das „Nicht-Gesehen-Werden“ offenkundig.

Ich denke schon, dass man im Laufe einer Beziehung desillusioniert wird. Was gut ist und Auseinandersetzung, Beziehungsarbeit fordert.

Ich finde es spannend, wenn ich in einer Beziehung überrascht werde. Das kann auch eine Desillusionierung sein.

Begegnungen können Menschen erschüttern. Eigene Grenzen werden dann anders wahrgenommen.

Menschen suchen sich aus Gewohnheit das was sie schon kennen. Einfach weil es weniger bedrohlich ist. Das ist auch in der Liebe so.

Die Liebe beginnt mit der Geburt, den ersten Lebensjahren. Wir wiederholen diese Erfahrungen dann.

Auch das Schreckliche hat Vertrautheit und damit Wiederholung. Es fühlt sich sicherer an.

Familie kann ein Nährboden für ungesunde Beziehungen sein, wenn man nicht die Möglichkeit hat dies zu verarbeiten.

„Ich muss das und das noch tun damit ich geliebt werde“ – das ist eine Sackgasse.

Liebe auf den ersten Blick? Eine starke Anziehung und Projektion gibt es. Aber Liebe, das ist für mich ein zu schweres Wort, um es auf den ersten Blick festzumachen. Ich nehme das sehr ernst. Ich bin auch bei Freundschaften nicht anders (lacht). Es braucht Zeit, um mich emotional zu binden.

In Wien habe ich mich auf jeden Fall verliebt (lacht). Ich komme immer extrem gerne nachhause.

Wenn man verliebt ist, teilt man dies mit Stadt und Welt. Man möchte es hinausschreien (lacht). 

Offenes, ehrliches Reden ist ganz wesentlich in einer Beziehung. Wie auch immer diese Beziehung aufgebaut ist.

Jeder Mensch ist abhängig von anderen Menschen. Wenn es zu groß wird, wie bei Ivan, kann es eine Todesart sein, von der Bachmann ja spricht.

Mehr zu fühlen, wer man ist, und nicht weniger, dies sollte Liebe sein.

Phantastereien sind in einer Beziehung immer da. Es ist allerdings tragisch, wenn dies zur Flucht vor der Realität wird. Wenn das wonach man sich sehnt zur Vorstellung wird, an der man sich festklammert.

Liebe ist jemand um seiner selbst willen lieben.

Liebe ist Freiheit das wahre Selbst auszuleben.

Liebe – die Komplexität, das Sein eines Menschen zu schätzen und zu ehren.

Zelebrieren kann in der Liebe etwas sehr Schönes sein. 

Liebe – eine Übereinkunft das Leben gemeinsam, in allen Freiräumen, zu gestalten.

Liebe geht über das Erwartete hinaus.

Eine platonische Beziehung kann emotional intensiver sein als eine Liebesbeziehung.

Liebe kann in ganz unterschiedlichen Modellen gelebt werden.

Was ich Ingeborg Bachmann sagen würde? Ich wäre wahrscheinlich zu nervös dazu (lacht). Wahrscheinlich würde ich danke sagen.

Linda Pichler, Schauspielerin_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Linda Pichler_Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Wien_6_2021.

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„Verletzlich sein. Durchlässig. Mutig. Neugierig. DA SEIN.“ Corinna Orbesz, Clownin _ Wien 11.7.2021

Liebe Corinna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgen wird um 04:00 Uhr früh mein Wecker klingeln, und ich werde mich bereit machen für meine Schicht am Flughafen, wo ich Teilzeit arbeite. Es geht gerade wieder so richtig los! Die letzten eineinhalb Jahre war ich in Kurzarbeit  und sehr viel zu Hause.  

Von einem Tag auf den anderen, plötzlich Stillstand. Ruhe. Durchatmen können. Begreifen, was meine “Normalität” in den letzten Jahren war. Kunstpause.

Innehalten.

Resümee ziehen.

Und ein wenig Hoffnung.

Dass es möglich ist.

Dass ALLES möglich ist.

Corinna Orbesz, Clownin

Momentan proben wir wieder mit  “Die Schamlosen” (einer Produktion der Theaterarche) für einen Auftritt beim Kultursommer. Als wir uns im Jänner mit dem gesamten Ensemble auf diese Reise begaben, wussten wir nicht, ob und wann wir spielen können. Dann nach wochenlangen Proben – interne Premiere, ohne Publikum. Letztendlich – offizielle Premiere im Mai.

Die ganze Zusammenarbeit war unglaublich berührend und von einer gegenseitigen Fürsorge geprägt. Es hat uns allen gut getan – das Miteinander.

Ich habe gemerkt, WIE SEHR mir das Theater, das kreative Schaffen und arbeiten im Kollektiv gefehlt hat. Auch das wöchentliche Physical Theatre Training von ILIOS Théâtre, bei dem ich seit über vier Jahren dabei bin, hat mich sehr über diese schwierige Zeit gebracht. Wir haben Lösungen gefunden. Eine Zeit lang online trainiert, dann wieder outdoor. Kunst macht möglich. Öffnet neue Räume.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt und für alle Zeit – die Liebe. Immer schon. Die Liebe zur Welt und zu sich selbst. Denn sie war immer, ist immer und wird immer sein. Und ich denke, wenn wir uns ein für alle mal für die Liebe entscheiden, dann können wir nur gewinnen.

Wenn ich manchmal nicht mehr weiter weiß oder vor einer Entscheidung stehe, stelle ich mir immer eine dieser zwei Fragen: “Was würde die Liebe jetzt tun?” und “Ist das der Mensch, der ich sein möchte?”

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?

Die Krise hat uns unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Lange Verdrängtes wurde bewusst. Ungerechtigkeiten kamen noch mehr zum Vorschein. Es braucht Systemänderungen, gerechtere Verteilung, nachhaltigere Lebensweisen. Weg von immer mehr und billiger, hin zur Achtsamkeit. Eine Verlangsamung des Tempos. Mehr Engagement beim Klimaschutz. Solidarität.

Es braucht ein Miteinander.

Als Clownin sehe ich meine Aufgabe darin, mein Herz zu zeigen. Menschen zu berühren. Spuren zu hinterlassen. (Vielleicht kleine Clowsnasenabdrücke auf den Herzen der Menschen).

Und trotz aller Geschichten, Verletzungen und Narben, die wir alle mit uns tragen, sich immer und immer wieder aufs neue auszusetzen. Masken fallen zu lassen. Sich zeigen und echte, tiefe Begegnung zulassen. Verletzlich sein. Durchlässig. Mutig. Neugierig. DA SEIN.  Und dadurch vielleicht die Herzen der Menschen zu öffnen.

Ein Clown geht immer mit der inneren Haltung “Ich lege dir mein Herz zu Füßen” auf Menschen zu. Diese Haltung möchte ich mir bewahren.

Bertolt BRECHT spricht den Zuschauer seines Stückes “Der gute Mensch von Sezuan “ direkt an und fordert ihn zur tagespolitischen Umsetzung des Gezeigten auf: „Sie selber dächten auf der Stelle nach – Auf welche Weis ́ dem guten Menschen man – Zu einem guten Ende helfen kann. – Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! – Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!“

Was liest Du derzeit?

“Die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen” von Ralf Senftleben und

“Die Chubbuck-Technik – Ein Schauspiel-Lehrbuch” von Ivana Chubbuck

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die ganze Sache ist die, daß die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht.

Leo Tolstoi

Und! 🙂

Meiner Meinung nach ist das Allerwichtigste, daß der Clown als Mensch eine reine Seele hat. Oleg Popov

Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Corinna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin

Alle Fotos_privat.

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeder Mensch erschafft auf seine eigene Art und Weise“ Zehava Khalfa, Schriftstellerin_ Berlin 10.7.2021

Liebe Zehava, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zum Glück sind alle Kurse, die ich unterrichtet habe, mit dem Ausbruch der Korona online gegangen. Meine Arbeitszeiten liegen also am späten Nachmittag oder am Abend.

Morgens, bevor die Kinder aufwachen, schaffe ich es, ein paar Seiten zu schreiben. Nimm den Traum und die Gedanken heraus. Dazu gibt es eine Tasse heißen Kaffee mit Hafermilch. Dann frühstücken wir gemeinsam, es gibt Tage, da muss meine Tochter in die Schule und es gibt Tage, da muss mein Sohn, sich schnell organisieren und rausgehen und dann mache ich schon einen langen Spaziergang durch den Park, manchmal mit meiner Tochter, manchmal alleine.

Zu Hause arbeite ich an Kapiteln, die ich kurz vor den Corona-Einschränkungen geschrieben habe, um sie zur Übersetzung zu schicken und dann das Buch – die Geschichte auf Deutsch zu veröffentlichen. Gleichzeitig bereite ich eine weitere Gedichtsammlung zur Übersetzung vor.

Mittags, wenn meine beiden Kinder zu Hause sind, spielen sie zusammen oder lesen Bücher, ihre Lieblingscomics. während ich online Hebräisch unterrichte. Nach dem Abendessen ist dies meine Zeit, um an Übersetzungen zu arbeiten, ich tue dies gerne mit dem Zwitschern der Vögel von youtube. Im Bett lese ich noch ein paar Seiten aus dem nicht enden wollenden Buch 4321 von Paul Auster.

Zehava Khalfa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einerseits – schließlich steht jeder alleine vor seiner eigenen Realität und andererseits die Einsicht, dass wir alle gemeinsam im selben Boot sitzen. Und jeder sollte hinzukommen und sich gemeinsam um das Bewusstsein für verschiedene Themen bemühen, die mit unserer gemeinsamen Zukunft verbunden sind.

Während ich diese Dinge schreibe, spüre ich bereits einen Widerspruch in mir in Bezug auf meine Vorstellung, dass jeder mit seiner eigenen Realität allein zurechtkommt. Die Frage ist, inwieweit die individuelle Realität eines jeden wirklich durch die Aktualität von Politik und Gewalt beeinflusst wird. Inwieweit wird die Lebensqualität eines jeden Einzelnen durch den zufälligen Ort, an dem er geboren wurde, durch die zufällige Familie und durch sein zufälliges Schicksal beeinflusst. Wie sehr wir uns an Zugehörigkeit und Geschichte als formendes und verfestigendes Werkzeug festhalten. Und was, wenn wir sie für einen Moment beiseite legen, was werden wir dann herausfinden? Wenn wir unsere persönliche Karte, das Geschlecht, die nationale, religiöse Zugehörigkeit usw. abgelegt haben? Wer sind wir dann wirklich?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Dies kann als ein neuer Anfang gesehen werden, in meinen Augen ist die Literatur wie jede andere Kunst, ein integraler Bestandteil der Menschheit. Sie ist die pulsierende Seele im Körper und untrennbar. In einigen der Übersetzungen, mit denen ich mich beschäftige, habe ich das Zeugnis einer Holocaust-Überlebenden übersetzt, die in einer Gruppe von Frauen war. Sie und ihre Freundinnen erfanden einen Liedtext zu einer bekannten Melodie. Einerseits war ich erstaunt, wie Frauen, die kaum etwas aßen und hauptsächlich an ihr Überleben dachten, etwas erschaffen konnten, andererseits ist Kreation ein integraler Bestandteil des Lebens. Jeder Mensch erschafft auf seine eigene Art und Weise. Meiner Meinung nach haben die Corona-Beschränkungen die Kreativität nicht verhindert, obwohl es für mich in dieser Zeit schwieriger war, zu schreiben, da ich mehr mit den Kindern beschäftigt war, ich bin eine alleinerziehende Mutter, und abends und tagsüber arbeitete. Aber ich habe so viel wie möglich geschrieben.

Was liest Du derzeit?

Ich lese das Buch „4321“ von Paul Auster. Hoffe, es zu beenden, ich bin derzeit auf Seite 450. Einerseits ist es ein interessantes Buch, andererseits würde ich mich freuen, stattdessen andere Bücher zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Newsletter- Zahava Khalfa

Nun ist auch diese Zeit langsam angekommen, stolpernd  zwischen den Kalenderquadraten, verwandelte die Seiten in unsichtbare digitale Punkte

Jetzt ist auch das gekommen, diese Position des Sitzens, die kalte Berührung der Treppe am Hintern. Ich warte.

Du sagst nein, du bist noch nicht bereit. Die Kinder essen einen leicht trockenen Kuchen, mit kalter Milch zum Aufweichen.

Hier wirst du sehen, wie sich die Zeit in uns zu kleinen Plätzen verwandelt, auch deine Nachbarn sind laut, Kinder heulen aus allen möglichen Häusern.

Der Lärm der Autos sägt den Abend wie Scheiben. Schwarzbrot.

Vielen Dank für das Interview liebe Zehava, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zehava Khalfa, Schriftstellerin

Fotos_privat

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Diese Zeit zu nutzen, um über unseren inneren Zustand nachzudenken“ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin_Wien 9.7.2021

Liebe Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich führe ein sehr diszipliniertes Leben und habe gleichzeitig viel Freiheit. Ich tue das, was ich liebe, jeden Moment und konzentriere mich darauf, in allen Bereichen meines Lebens mein Bestes zu geben.

Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin _Sofia Cruz Rocha studio, 2019. Foto: Courtesy of the artist

Ich meditiere nach dem Aufstehen, dann fahre ich mit dem Fahrrad zu meinem Studio im 1060. Die Arbeit im Studio fokussiere ich auf meine Produktion. Am Nachmittag fahre ich nach Hause, und nach einer Mahlzeit und einer Pause arbeite ich weiter und beschäftige mich mit E-Mails, Büroarbeit. Ich lese zu verschiedenen Tageszeiten, um meine Wunschthemen zu recherchieren. Manchmal besuchen Freund oder Kollegen mein Studio während der Woche.

Solo show view, The Mystery of number 3, Galeria Enrique Guerrero, Mexico City, 2019 _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin Photo: courtesy of the gallery.

Samstags arbeite ich nicht und kümmere mich ausschließlich um mein Privatleben.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, es ist für uns alle wichtig, diese Zeit zu nutzen, um über unseren inneren Zustand nachzudenken, der alle Erfahrungen in jeden Bereich des Lebens beeinflusst.

Tun wir das, was wir wirklich tun wollen? Wie frei sind wir, wenn wir innerlich ständig Angst, Zweifel, Apathie oder Traurigkeit erleben? Wenn wir innerlich nicht frei sind, wie können wir dann die wahre Freiheit des Seins erreichen?


948 STAY AWAKE, 2021 Acrylic and air brush on canvas 60 x 60 cm _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

In diesem Prozess ist es wesentlich, in sich selbst zu schauen und durch diese Rückbesinnung auf sich selbst, sich mit dem ALLEN zu verbinden.

Kunst spielt eine Rolle der ästhetischen Beeinflussung, der Beeinflussung des kollektiven Unbewussten und damit der Vermittlung einer bestimmten Denkweise. Die Denkweise ist beim Autor des Werkes verankert. Die notwendigsten künstlerischen Diskurse für die Entwicklung der Menschheit in jeder Epoche stechen hervor.

Was liest Du derzeit?

Ich lese Texte der hermetischen Philosophie. Sie behandeln Autoren der Theorie und Praxis der Kabbalah, der Gnosis.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir benötigen keine Fernreise, bei der wir einen exotischen Meister in einer abgelegenen Höhle, auf einem Berggipfel, im tiefsten Dschungel oder in einem abgeschiedenen Kloster suchen. Wir sind genau jetzt dort, wo wir hingehören. Wir haben jetzt alles zur Verfügung, um den nächsten Schritt auf unserem einzigartigen Pfad zu schreiten. Der nächste Schritt kann eine Ausbildung in einer Weisheitsschule, ein Video, ein Artikel, ein Hörbuch, ein Erlebnis oder einfach ein inspirierendes Gespräch mit einem Berufskollegen sein. Erst wenn wir die erlangten Erkenntnisse im Alltag umsetzen, können wir sie verwirklichen.” Von https://t.me/HermeticWorldDE

Sky Installation, 2021 Fotos: Elena Kristofor _ Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Sofia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sofia Cruz-Rocha, Bildende Künstlerin

SOFIA CRUZ ROCHA

Fotos_Beschreibung im Text.

20.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen“ Thomas Arzt, Schriftsteller _ Wien 8.7.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Irgendwann um 4 meldet sich die Kleine und will ihr Flaschi trinken, dann schlummert sie noch bis 6. Die Größere meldet sich um halb 7. Wir versuchen bis 9 im Kindergarten zu sein. Hernach kutschiere ich die Kleine rum und kaufe ein. In einer Schlafphase beantworte ich E-Mails, schreibe ein paar Zeilen, mache mir Notizen… Dann Mittagspause mit meiner Frau, die neben dem Full-Time-Job versucht, mich „freizuspielen“, damit ich nachmittags auch mal auf die Bibliothek kann, oder ein Arbeitstreffen reinzwicke. Wenn die Große vom Kindergarten daheim ist, dreht sich alles ums Spielplatzspielen, Rumturnen, Kaspertheater improvisieren, Essen kochen… der ganz normale Wahnsinn. Abends schnell zu einer Lesung, oder daheim Geschichten erfinden, die Kleine in den Schlaf schunkeln und die Große bändigen. Die Tage vergehen im Flug. Literatur entsteht nebenbei. Und, wenn die Kraft reicht, nachts. Da ist dann endlich alles still.

Thomas Arzt _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Für mich ist es ein Mix aus Gelassenheit und Unruhe, der mir wichtig erscheint. Aufschreie und Panikmache stehen mittlerweile ja an der Tagesordnung. Relativierung und tiefgehender Diskurs fehlen zusehends. Ich übe mich also in Zurückhaltung und dennoch hartnäckiger Umtriebigkeit in Sachen Gesellschaftskritik. Daneben finde ich es wichtig, auf die Kinder zu hören!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbrüche ereignen sich entlang von Bruchstellen. Kunst müsste alles daran setzen, diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen. Und nicht davor zurückzuschrecken, selbst Verantwortung zu übernehmen.

So sehr von Neuanfängen in letzter Zeit die Rede war, so wenig wurde (wieder einmal) umgesetzt. Im Gegenteil. Vieles deutet darauf hin, dass die selben ausbeuterischen Systeme bedient werden, wie davor, auch in der Kunst. Letztlich sind die Mächtigen mächtiger, die Reichen reicher, etc. Viele sind mit einem „blauen Auge“ davongekommen, mich selbst eingeschlossen. Die Toten sind vergessen, aus Angst wird Übermut, unvernünftig sind immer „die Anderen“ und selbst laufe ich, weil ich es nicht besser weiß oder anders will, auf alten, gewohnten Bahnen. Schwer, das alles einzuordnen und dabei fröhlich zu bleiben. Zugleich agieren wir wohl bedauerlich menschlich und (aus meiner österreichischen Perspektive) unverhofft privilegiert.

Was liest Du derzeit?

Morgens Kinderbücher, zum Beispiel „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ (Werner Holzwarth, Wolf Erlbruch), tagsüber „Pathos und Schwalbe“ von Friederike Mayröcker, abends „Fiesta“ von Ernest Hemingway.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Papa, die Tränen sind wie Wasser. Fallen sie zu Boden, wachsen Blumen. Die sind schön.“ – „Und so vergeht die Traurigkeit?“ – „Ja.“ (Gespräch mit meiner Tochter)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Arzt _ Schriftsteller

Aktuell – Thomas Arzt, Schriftsteller

Foto_privat.

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist Sommer. Der Himmel ist höher, die Tage heller und das Leben leichter.“ Daniel Klaus, Schriftsteller_Berlin 7.7.2021

Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Wecker klingelt um 6.20 Uhr. Im Halbschlaf erinnern meine Frau und ich uns gegenseitig daran, die Kinder zu wecken. Pausenbrote schmieren, Haare kämmen, Schulranzen aufsetzen, Küsse verteilen, Masken richten. Dann schwinge ich mich aufs Rad und fahre zur Arbeit. Die nächsten sechs Stunden verbringe ich an der frischen Luft. Ich arbeite als Erzieher in einer Kita. Dort ist der große Renner gerade ‚Karate Kid mit Handkantenschlag‘, eine spezielle Form des Anschaukelns. Da ich nicht Vollzeit arbeite, bin ich bereits am Nachmittag wieder zu Hause. Ich spiele mit meiner Frau eine Runde Tischtennis und sie erzählt mir von Augustin, Karl Barth und Ulrich Zwingli. Ohne sie wäre ich ein dümmerer Mensch. Am Abend vor dem Zubettbringen spiele ich wieder, diesmal ein oder zwei oder drei Partien Backgammon mit meiner großen Tochter, während die kleine sich auf dem Trampolin die Schwerkraft aus den Beinen hüpft.

Daniel Klaus, Schriftsteller

Wann immer sich ein Zeitfenster öffnet, schreibe ich. Wenn ich gut bin, schon morgens vor der Arbeit, tagsüber in den kleinen Zwischenräumen, meistens aber nachts, wenn meine Frau und meine Töchter schlafen. An den Wochenenden schenken sie mir manchmal ein paar Stunden Schreibzeit am Stück. Als Dank koche ich ihnen dafür vegetarische Lasagne, die zwei Tage reicht.

Es ist Sommer. Der Himmel ist höher, die Tage heller und das Leben leichter.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie. Aufeinander schauen. Weite Herzen. Sich an dem freuen, was möglich ist. Halbvolle statt halbleere Gläser. Rhabarberlimonade. Laue Sommernächte. Eiswürfel, die in Gläsern klirren. Analoge Begegnungen und gute Gespräche.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ha! Das wüsste ich auch gern. Ich wünsche mir natürlich, dass die Literatur tröstet und heilt, dass sie Horizonte öffnet und Denken ins Positive verändert. Die Fähigkeit und Kraft dazu hat sie.

Was liest Du derzeit?

Die Paris Review Interviews mit Dorothy Parker, Francoise Sagan, Truman Capote, Ernest Hemingway…

Jochen Weeber: Das Wiehern der Seepferdchen (Erzählungen)

Callan Wink: Big Sky Country (Roman)

Philip Roth: The Great American Novel (Roman)

Rachel Kushner: Flammenwerfer (Roman)

Bastien Vivès: Eine Schwester (Graphic Novel)

Mariko Tamaki/Jillian Tamaki: Ein Sommer am See (Graphic Novel)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Karma Repair Kit: Items 1-4

1. Get enough food to eat,

and eat it.

2. Find a place to sleep where it is quiet,

and sleep there.

3. Reduce intellectual and emotional noise

until you arrive at the silence of yourself,

and listen to it.

4.

– Richard Brautigan

Daniel Klaus, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke dir, lieber Walter!

5 Fragen an Künstler*innen:

Daniel Klaus, Schriftsteller

http://www.danielklaus.com

Alle Fotos_Lidia Tirri

Lidia Tirri Fotografie Berlin

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Freiheit ist für mich mit Glück verknüpft“ Sarah Zaharanski, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 6.7.2021

Ingeborg Bachmann und ihr Werk sind omnipräsent, es gibt immer wieder neue Bezüge und Zugänge. Meine erste Begegnung war im Schauspielstudium in Graz. Da habe ich Ingeborg Bachmann als Schwerpunktthema eines Referates gewählt, da stand ihre Lyrik im Mittelpunkt. Ich war begeistert.

Sarah Zaharanski, Schauspielerin_Romanschauplatz_Ungargasse_Wien

Ich spielte dann 2019 in „Antigone“ am Stadttheater Klagenfurt. Die Regisseurin Lore Stefanek hat mich da auf den Film „Malina“ (1991, Regie: Werner Schroeter) mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle aufmerksam gemacht: „Diesen Film musst Du sehen!“. Barbara Schnitzler, eine tolle, erfahrene Kollegin, die ebenfalls in „Antigone“ mitspielte, erzählte mir damals auch, dass sie am Grab von Ingeborg Bachmann in Klagenfurt/Annabichl war, da bin ich dann auch hingefahren. Ich war erstaunt wie bescheiden das Grab war. Ich bin auch zweimal hingefahren, weil ich es beim ersten Mal nicht gefunden hab. Ich musste erst die Wegbeschreibung von meiner Kollegin bekommen (lacht), es ist ja ein sehr bescheidenes Grab.

Es ist grundsätzlich spannend wie Vermächtnis positioniert wird – auf persönlicher, literarischer und gesellschaftlicher Ebene. Wie positioniert sich eine Künstlerin/ein Künstler zeitlebens dazu selbst. Sind da Rückschlüsse zu ziehen was er/sie haben will oder auch nicht?

Ich kenne die Ungargasse, aber das Innere kannte ich nicht. Den Hof, das Stiegenhaus, den Keller. Dass sich alles so konkret verortet. Der Roman ist an sich ja sehr konkret mit seinen Orten.

Beruflich wollte ich unbedingt zuerst nach Deutschland, irgendwie hat es mich jetzt aber dann doch nach Österreich zurückgezogen, obwohl ich auch politisch mit Österreich nicht immer zufrieden bin. Hier gibt es eine große Neigung Themen zu verdrängen.

Als Land finde ich Israel unglaublich spannend. Ich war da zwar nur im Urlaub, aber ich habe danach auch eine zeitlang Hebräisch gelernt. Es ist eine wunderschöne Sprache. Es hat etwas Fließendes und gleichzeitig irgendwie auch was Hartes. Als wir die Familie eines Freundes besucht haben, war ich zum ersten Mal in einer Wohnung, in der es einen eigenen, bombensicheren Raum gibt. Das ist ein komplett anderes Leben als in Österreich.

In der politischen Perspektive von Partnerschaft ist Ingeborg Bachmann wegweisend. Sie war da eine Vorreiterin und hat sehr klar patriarchale Strukturen thematisiert. Da geht es um Kraft und Selbstbestimmtheit für Frauen. Um Haltungen und Positionen.

Wenn man in einer Partnerschaft lebt, verbringt man ja die meiste Zeit miteinander. Da kommen natürlich auch die schirchsten Sachen von einem raus. Wir Menschen versuchen uns ja normalerweise zusammenzureißen, aber da prallt dann das Kultivierte mit dem Archaischen aufeinander. Wo viel Licht ist, gibt es halt auch Schatten, das Verborgene. Das muss man halt irgendwie auch zulassen.

Ich finde schon, dass es in einer Partnerschaft Elemente gibt, die kriegsähnlich sein können – was so die Grundemotionen betrifft. Das ist aber halt auch ein Teil eines partnerschaftlichen Prozesses, eine gemeinsame Entwicklung. Wenn es aber wirklich zum „Krieg“ kommt, also einer „Gegnerschaft“, in der es um bewusstes Verletzen oder ums „Siegen“ geht, dann wird’s eher pathologisch. Dann sollte man es beenden. Es braucht da Mut, Erkenntnis und Konsequenz. Es kommt darauf an wie Menschen gestrickt sind, das ist halt sehr individuell.

Feminismus ist für mich ein gesellschaftliches Anliegen, auch die Männer in meiner Generation wollen diese Machtspiele nicht mehr.

Als Schauspielerin wurde ich sehr viel von Männern inszeniert und sehr oft wurden auch bloß Klischees von Frauen gezeigt. Das war dann immer wieder ein bloßes Reproduzieren. Frauen wie Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek haben begonnen das zu ändern und das ist auch für mich als Schauspielerin eine wichtige Blickänderung.

Im ersten Teil von „Malina“ wird diese unterlegene Beziehung der Frau zu Ivan offengelegt. Aufgrund jahrhundertelanger Tradition kann eine Frau da immer wieder reinfallen. Es gibt da die emotionale Ebene und die Reflexionsebene.

Ich habe meinen Beruf. Ich muss nicht alles tun, was der Mann sagt. Für mich ist es aber auch ein großes Ringen, um ein emanzipiertes Leben in einer Partnerschaft. Wir tragen kleine Kämpfe in der Partnerschaft aus. Aber auch nicht alles muss ein politisches Manifest sein.

Im Studium hatten wir ein Kameraseminar bei Käthe Kratz, die ja eine der ersten weiblichen Regisseurinnen im ORF war. Mit ihr wurde mir das erste Mal so richtig klar, was Feminismus ist. Danach habe ich bei mir zuhause ein Treffen angesetzt, und die Frauen aus allen Schauspieljahrgängen eingeladen. Wir haben dann Stücke mit weiblichen Hauptfiguren und von Autorinnen gesammelt, um sie unseren DozentInnen für die Szenenstudien vorzuschlagen. Den Jungs haben wir danach berichtet, dass wir unsere BHs verbrannt haben und es war voll die Aufregung. Das war ziemlich super (lacht). Wir hatten das Gefühl, wir müssen Sachen ausprobieren, die Frauen zwanzig Jahre vorher schon gemacht, angezündet hatten. Mir wurde bewusst, dass es da nicht um ein schnelles Posting geht, sondern um ein ständiges Bemühen, Verändern-Wollen. Es geht jetzt um klares Positionieren und Benennen von Macht und Missbrauch. Dass es kein T-Shirt-Feminismus wird, sondern nachhaltig ist. Was sind die Themen? 

Es gibt auch tolle Vorbilder. Ich treffe im Berufskontext immer wieder Kolleginnen, die ich bewundere und denke, geil was ihr macht und wo ich mir etwas abschauen darf – im Frausein, im Schauspielerinsein. Da habe ich nicht den Eindruck des Klischees von zickigen Schauspielerinnen, die sich von den Jüngeren bedroht fühlen. Ich fühle mich da oft sehr unterstützt.

Aber man darf halt nicht aus dem Blick verlieren, dass man als Frau in Europa ganz andere Möglichkeiten hat, als in anderen Kontinenten.

Die Frage von Partnerschaft sollte immer auch gesellschaftlich gesehen werden. Und diesen patriarchalen Druck gibt es. „Malina“ war und ist da auch ein wichtiger Impuls zur Bewusstwerdung: Wenn man als Frau maximale Freiheit anstrebt, kann man dabei draufgehen.

Persönlich fühle ich, dass mich weniger das Patriarchat, als vielmehr die Gesellschaft als Ganzes erdrückt. Weil es Regeln gibt, um bestimmte Ziele zu erreichen, die ich aber vielleicht nicht annehmen will. Ich möchte eigenen Entscheidungen folgen, aber finde, es ist in Kunst und Leben nur bedingt möglich. Das ist auch ein persönlicher Prozess. Etwa, was braucht es am künstlerischen Weg? Und was, wenn ich mich an bestimmte Regeln nicht halten möchte? Ich würde mir da mehr Freiheit wünschen und weniger Hierarchie. Für mich beschreibt „Malina“ ja dieses „Tun-Müssen – wieso?“.

Eine bewusste Entscheidung ist immer eine sehr kraftvolle, weil es auch oft eine Entscheidung gegen Regeln ist. Etwa gegen eine Rolle als Frau/Mann.

„Malina“ ist visionär, so klug in der Beschreibung des Menschseins. Das macht wahrscheinlich das Zeitlose aus.

Wir alle wollen in der Gegenwart ankommen, im Bewusstsein und Leben, im Jetzt. Die Analyse dazu, die Beschreibung im Kopf, greift aber immer zurück auf die Bausteine des Gewesenen. Das Jetzt ist ja eigentlich nur: wenn ich jetzt auf der Straße im Regen singe (lacht).

Freiheit ist für mich verknüpft mit Glück. Für mich ist Leben das, was man nicht plant. Man umarmt das Leben. Die Sonne, den Regen, trinkt Wein in Spanien. Ich bin da. Es ist super. Emotion, Bauchgefühl.

Emotionen sind Freiheit.

Ein Buch geht natürlich durch den Kopf. Das ist großartig, aber zuerst glaube ich, ist aber immer das Gefühl da, dann erst die Kunst, das Buch.

Seinen Leidenschaften nachgehen, seinen Weg finden. Für mich ist alles gut, was mich erdet. Ich bin sehr impulsiv und emotional (lacht).

Ich bin seit drei Jahren in Wien, fühle mich aber noch ein bisschen fremd. Ich hab hier aber bisher auch noch nicht Theater gespielt, jetzt kam Corona noch dazu. Ich brauche noch etwas Zeit mit dieser Stadt. Das Wesentliche sind für mich die Cafès und Bars (lacht). Einfach Begegnungsorte, Treffpunkte. Das war mein zwölfter, dreizehnter Umzug hier nach Wien.

„Malina“ inspiriert, bei allem Leiden seinen Weg zu gehen. Im besten Fall ist es ein glücklicher Weg – nicht nur schwer, sondern auch schön.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Sarah Zaharanski_Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann _Romanschauplatz Malina_5_2021

Sarah Zaharanski – Schauspielerin / Actress

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

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„art is the voice of the dead, the people long gone“ Ragnar Helgi Olafsson, writer Reykjavík, Iceland 6.7.2021

Dear Ragnar Helgi, what is your daily routine now?

My daily routine is non-existent. This is the situation today but also pre-covid, I am afraid. Many of my colleagues feel that a regular schedule as pivotal to efficiency. I don’t. Some days I am teaching (over Zoom or in person), some days I am working on book design assignments, some days I work as a trash-collector, some days I work as an editor of my publishing house Tunglið (The moon), some days I make poem-letters, some days I doing ornithology-work (like these last 10 days), some days I work on fiction, some days I write poetry and some days I don’t do much of anything.

These intermittent lockdowns that we have been experiencing over the last year, therefore haven’t been particularly helpful to my writing, some writers like the quiet but I like it only when contrasted with noise. Artists are different in this respect but I have found that being active in the world, engaging with projects, people or birds actually makes my writing more free and flowing. Too much solitude makes the joy I find in writing fade. On a perfect day I think I would be out in the world from morning and then back home by evening writing into the night. Out there somewhere over the horizon there is a perfect balance, struck there between withdrawal from the world and engagement with it, between the vita activa and the vita contemplativa – but I am still trying to find it. I’ll let you know if I stumble upon it.

What is particularly important for all of us now?

These days in Iceland spring is trying to be born from a merger of stinging artic winds and hars sunlight. The pools are open again (I need to swim every day), people are being vaccinated – and one almost hears a communal sigh of relief being breathed, by both nature and people. It is strange to see how fast we go into our old grooves: Embracing each other again, getting preoccupied by work again … I have a feeling most things will settle back into the way they were before. 2020 will be like a dream, forgotten as soon as it is over, much like the presidency of Donald Trump … like something that happened in another lifetime.

I always feel kind of uneasy about answering big questions like this, as if being an artist gives me some special insight. The artist sometimes sees into the future but that doesn’t mean he knows what it means. I know only what new beginnings I try to evoke every morning for myself personally and that is simply to remind myself to notice the space between the branches of the trees and to try not to smoke any cigarettes. Life is messy, I don’t really know how to work it, either on a personal level let alone, social or global one.

We will all now face a new departure, socially and personally. What will be essential and what role will literature, art itself, play?

Art can be useful in many ways. One thing I personally seek in art is the voice of the dead, the people long gone, be they homeric heroes or dirt poor Icelandic farmers from the 19th century. This makes me ever so slightly more humble, and hopefully also makes me less sure of my views and political opinions and my judgements of other people, living and dead. Art can be a great help to individuals and societies but usually this happens in ways that creators of the artwork didn’t plan. And I thank god for that. Otherwise the responsability would criple all creation.

What are you currently reading?

I have been re-reading a lot of the sagas since Christmas. Some I haven’t read since school. They are much better than I thought, stranger than I remembered, and also much richer with humour than I thought. I don’t know why but have a strange tendency to assume that the ancients never joked or fooled-around.

I am also reading a lot of old Icelandica, biographies of people from the 19th and early 20th century full of recollections of dreams, strange kindnessess, drownings, horrors and rhymes. On my tabel at the moment: „Breiðfirskar sagnir I and II“, these are true stories of humans and hidden people, from the islands of Breiðafjörður, which is an area I know well since I go birding there for a month every summer. 

I am also reading Anne Carson’s Glass, Irony and God. I am trying to choose which of her books I would like to translate into Icelandic. 

Which quote, which text impulse would you like to give us?

Earlier today I stumbled upon a note I made a while back, on the note it says that the quote is from Erwin Schrödinger: „Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik“ Naturwissenschaften numb. 23, 1935. P. 823–828. I don’t know where I found it and sure as hell don’t know how it connects to dead cats or living ones or Quantum mechanics in general but I think it is very helpful reminder to poets and artist, to never forget that: „There is a difference between a shaky or out-of-focus photograph and a snapshot  of clouds and fog banks.“

Ragnar Helgi Olafsson, writer, Schriftsteller

Thank you very much for the interview, dear Ragnar, all the best for you and your grandios literature projects!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ragnar Helgi Olafsson, writer, Schriftsteller

Ragnar Helgi Ólafsson – ELIF VERLAG

Fotos_1 bicnick B&W; 2 BET; 3 Saga Sigurdardottir.

25.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mich in Traumwelten flüchten, die Realität anpacken“ Tibor Schneider, Schriftsteller _Esslingen/D 5.7.2021

Lieber Tibor, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mich in Traumwelten flüchten, die Realität anpacken. Wie meine Traumwelten aussehen, zeigt die Kunst, meine zwei Gedichtbände „zimt fuer deutschland“ und soeben erschienene „magnesiumsgeschwindigkeit“. Die Realität bedeutet, meine Kriegserfahrung, Trennung, Schmerz, den Flüchtlingen helfen, die ich unterrichte, die schlimmeres Leid als ich erfahren haben, Whiskey und Schlaftabletten … zu meistern. Aber auch meine Kinder zu wickeln, Brei zu geben, in den Händen halten, Kissenschlacht regelmäßig sonntags im Bett zu machen, ein Lächeln in ihren Gesichtern zu erfahren. Das ist mein Alltag.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das vermag ich leider nicht einzuschätzen, was für uns alle besonders wichtig ist. Vielleicht einfach nur: zu überleben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn ich an den großen Roman „Glasperlenspiel“ von Hesse denke, dann hat das seelisch-geistige „Kastalien“, dann haben Literatur, Kunst sowie Literaturwissenschaft ausgedient und ein jähes Ende vor sich und vielleicht ist man schon kurz davor. Jedenfalls ist die Wahrnehmung durch Corona in der breiten Schicht der Bevölkerung die, dass es sich bei den obengenannten Bereichen um puren, nicht systemrelevanten Luxus handele, womit die Gesellschaft gar nicht mal mit Hesse nonkonform wäre. Ein Aufbruch erst danach, nach Corona, wäre aber denkbar und sogar möglich. In welcher Transformation auch immer dieser sein wird, lässt sich schwer sagen. Möglicherweise wird es, wenn Hesse Recht behält, ein harter, negativer Cut.

Was liest Du derzeit?

Ich lese sehr viele Youtube-Kommentare, Facebook-Comments und Co., weil diese einen unglaublichen sprachlichen Pool und eine Quelle der Kreativität für  mich bilden. Meine Gedichte sind ihnen verwandt: experimentell, post-dadaistisch ]what ever it means[ oder als: LOST in POSTpOETRY tragende und der heutigen Sprache des Hier und Jetzt (z. B. durch die so-called techne der „Facebook-Sprache“, die DADA damals nicht zur Verfügung stand) verpflichtete Texte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf jeden Fall Hegel:

„Das Andere für sich ist das Andere an ihm selbst, hiermit das Andere seiner selbst, so das Andere des Anderen, – also das in sich schlechthin Ungleiche, sich Negierende, das sich Verändernde. Aber ebenso bleibt es identisch mit sich, denn dasjenige, in welches es sich veränderte, ist das Andere, das sonst weiter keine Bestimmung hat; aber das sich Verändernde ist auf keine verschiedene Weise, sondern auf dieselbe, ein Anderes zu sein, bestimmt; es geht daher in demselben nur mit sich zusammen. So ist es gesetzt als in sich Reflektiertes mit Aufheben des Andersseins, mit sich identisches Etwas, von dem hiermit das Anderssein, das zugleich Moment desselben ist, ein Unterschiedenes, ihm nicht als Etwas selbst zukommendes ist.“ (G. W. F. Hegel, WdL I, S. 127)

Und weiter: „Die Bestimmung ist die affirmative Bestimmtheit als das Ansichsein, dem das Etwas in seinem Dasein gegen seine Verwicklung mit Anderem, wovon es bestimmt würde, gemäß bleibt, sich in seiner Gleichheit mit sich erhält, sie in seinem Sein-für-Anderes geltend macht.“ (G.W.F. Hegel, WdL I, S.132)

Tibor Schneider, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Tibor, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tibor Schneider, Schriftsteller

Fotos_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance“ Florian Stanek, Schauspieler_ Wien 4.7.2021

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit probe ich für eine Operettenproduktion in Bad Ischl. Mein Tagesablauf ist immer sehr davon abhängig, ob ich gerade in einer Theaterproduktion engagiert bin, oder an meinen Texten arbeite. Beides hat seine Licht- und Schattenseiten. Während ich beim Schreiben die Freiheit genießen, alleine für meine Tagesplanung verantwortlich zu sein, tut es in Produktionen auch wieder gut, unter Menschen zu kommen und mit diesem äußeren Konstrukt eines Probenplans umgehen zu müssen. Zwischen diesen beiden Welten lebt es sich ganz abwechslungsreich. Zur Zeit sitze ich also in meiner Theaterwohnung, bereite mich morgens auf die Probe vor, arbeite mit den KollegInnen, gehe in meinen Pausen spazieren, bade in der Traun oder trinke herrlich bourgeois wie vor hundert Jahren Melange an der Esplanade und esse Marillenknödel. Es hat hier etwas von Venedig, wo man nicht mehr zwischen Kitsch und Realität unterscheiden kann und einem eigentlich nichts übrig bleibt, als sich dieser operettenhaften Illusion in die Arme zu werfen.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe. Was sonst? Gemeinsam mit meinem Komponisten Sebastian Brandmeir habe ich im letzten Jahr an einer Kammeroper über Corona gearbeitet. Ein Auftragswerk, wir hätten uns an das Thema sonst nicht herangetraut. Und bei dem ganzen Nachdenken über Coronaskeptiker und die Spaltung in unserer Gesellschaft kommt man doch immer wieder auf den gleichen Grund: Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance. Nicht, dass Streitlust und Auseinandersetzung dabei ruhiggestellt werden sollen – aber mit ein bissl Liebe geht es doch viel besser. Verzeihung, vielleicht eine Nebenwirkung von Franz Lehárs Musik, der ich zur Zeit viel ausgesetzt bin.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?

In dieser Zeit, wo der Tod so präsent war im allgemeinen Bewusstsein – denn das ist es ja, was jede Maske, jeder Test uns erzählt: Sie sollen vor dem Tod schützen – also nach dieser Zeit sind wir, glaube ich, alle ausgehungert nach schönen Dingen. Gemeinschaft, Essen, Kultur, Leben. Und nichts kann diesen Hunger mehr stillen, als das Theater/die Bühne. Denn es ist das unmittelbarste Erleben von Kunst, in seiner Vergänglichkeit, in dem gemeinsamen Erfahren. Wie schlimm war es, zu erleben, dass Theater als Stream einfach nicht funktioniert. Bei allen Innovationsversuchen fehlt doch immer das Wesentliche: Ich sitze mit anderen Menschen vor den Akteuren. Ich reagiere auf die, die reagieren auf mich, alle reagieren auf alle. Das ist eine dem Menschen eingeschriebene basale Erfahrung und ein Bedürfnis. Vielen Zuschauern ist ja nicht bewusst, dass jedes Sesselknarren, jedes Atmen den Verlauf des Abends beeinflusst. Zuschauer haben eine enorme Verantwortung. Die Art wie man zusieht, verändert das Gesehene, nicht nur für einen selbst, sondern für alle. Man merkt das schon bei einer Probe. Sobald jemand Neues den Raum betritt, egal ob der Intendant oder die Putzfrau, wird anders gespielt. Ich glaube, dass das Bewusstsein um diese Macht des Zuhörens auch für unsere Gesellschaft enorm relevant ist. Und das können wir im Theater erfahren.

Was liest Du derzeit?

Meine Schwester, die immer dafür sorgt, dass ich mit hochwertigem Lesestoff versorgt bin, hat mir „Fahles Feuer“ von Vladimir Nabokov geschenkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Liebe dich selbst wie deinen Nächsten.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Florian Stanek • Schauspieler | Sänger | Autor (flostanek.at)

Fotos_Konstantin Reyer

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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