„He: geht es euch auch so – da draußen?“ Lu Bonauer, Schriftsteller_Basel 29.6.2021

Lieber Lu, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf?

Da wage ich mich kurz aus dem alltäglichen Getöse – und damit aus den geistigen Niederungen von all den unbedeutenden Pips und Klicks empor, die uns ständig anzuspringen und zu besetzen wünschen. Und sage forsch: Als freie Seele will ich mich gerne dagegen sperren, Worte wie „Tagesstruktur“, „Ablauf“, „Programm“ zu benutzen. Das sind eigentlich bereits Laute, die das eigene, das innere Rauschen überlagern, nach dem ich mich immerzu sehne; den Zustand – Leere oder Stille – den ich für die Gedankengärung brauche – letztlich um mich denken zu hören, um schreiben zu können. Diese Phasen des Schreibens sind derzeit rar. Verschiedenes Privates mithin Persönliches umtreibt mich. Dazu gehören für mich die Bubbles der vorherrschenden Wirklichkeit kaum. Wenn ich mich da ab und an nicht einklinken würde, meine Ohren hineinhalten würde, gerieten mir auch einige globalstattfindende Tragödien – welche Kräfte da auch immer mitwirken mögen – ein wenig mit ins Durcheinandertal. Wirrwarr und Schein. Da bevorzuge ich oft die Betrachtung von für mich wahren Dingen. Hüpfschritt eines Kindes. Felder im Wind. Was nicht heißt, dass ich mich nicht informiere, sehe jedoch weitaus Essenzielleres die Welt durchdringen und verdunkeln. Aber lassen wir das mal beiseite. Zum guten Glück hatte ich die Möglichkeit, für einige Monate im Schreibexil verschiedene Literarische Projekte anzugehen.

Tagesablauf?

Ich versuche früh aufzustehen. Immer mal wieder Kaffee. Sonst derzeit das Notwendige. Anderswo rauscht die Seele.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage zielt für mich irgendwie auf ein kollektives Bewusstsein ab. Für mich lässt sich darüber im Sinne „des Menschen im Kosmos“ reden. Aber ich verweigere mich dem Vorhandensein des kollektiven Bewusstseins gegenüber, wenn es sich aus etwas Diffusem herausbildet. Aus etwas heraus, das sich für mich in seiner Gesamtheit kaum verstehen lässt. Ein tragisches Ereignis – mit vielen damit verknüpften tragischen Schicksalen – durchstößt seit Monaten die Welt. Doch leitet sich daraus auch ein Kollektiv der Wichtigkeiten, der Dringlichkeiten, des Aufhorchens, der Sehnsüchte und so weiter ab? Gibt es nun plötzlich eine Gesellschaft mit einem gemeinsamen Sehnsuchtskern? Woraus speist dieser sich? Ein neuer Zusammenhalt – doch was sind die Bestandteile dieser Bindesubstanz? Aus welchem Labor stammen sie? Ein gemeinsamer Aufbruch – doch wohin? Gemeinschaft. Demut. Alles wünschenswert, natürlich, ja! Doch es scheint mir, als klaffen eben auch Wahrheit des Individuums und vorherrschende Wirklichkeit mehr und mehr auseinander. Längst beten wir die Herrlichkeit höherer Intelligenzen an, geben uns gottgleich und versuchen uns zugleich durchzuschlagen im Wirrwarr und was auf uns täglich an Nonsens einströmt. Wir sehnen uns nach Raum und Zeit, nach Rückzug, um alles zu ordnen, um wiederum globale Phänomene, Erschütterungen, Verschiebungen in Ruhe beobachten, wahrnehmen zu können. Ohnmachtsgefühl. Überdruss. Wesentlich-Sehnsucht. Vielleicht geht es nur mir – Nein, eigentlich glaube ich das nicht. He: geht es euch auch so – da draußen? Da – in Euch – da drinnen?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Bevor ich darauf antworte, möchte ich klarstellen, dass ich mir der Relativität von Wesentlichkeit, von Problemen und unterschiedlichen „Weltentwicklungszuständen“ gewiss bin. Wie diese Aufbrüche innerhalb unserer Wohlstandsgesellschaft (und das sind wir nun mal im Vergleich zu Armutsländern) – ob gezwungenermaßen oder erlösend – mitzumachen sind, wird sich wohl erst mit Abstand sagen lassen – nun gut, gelobt seien sie wohl kaum. Unabdingbar? Zu welchem Preis? Die äußeren Bewegungsfreiheiten werden bestimmt nicht grösser und unabhängiger. Die Einschränkungen schon. Gerechtfertigt? Wie ist mit all dem umzugehen? Dafür scheinen mir die inneren Bewegungsfreiheiten entscheidend zu sein. Sie dürfen, nein, sie müssen expandieren. In mehr Zeit. In mehr Raum. Um denken zu können. Um die großen Fragen, welche in den öffentlichen und medialen Debatten kaum vorkommen, wieder neu zu stellen. Ist die geistige Größe einer Gesellschaft nicht daran zu messen, mit welchen Fragen sie sich befasst? Wie sie mit den möglichen Antworten umgeht und diese in die Entwicklung und ihre gesetzliche Verortung einbindet? Dafür sei der Kunst, der Literatur ihren Impetus einzuräumen. Buchstäblich. Raum. Und Zeit haben für diesen Raum. Um sich den großen Fragen stellen zu können. Das wünschte ich mir. Mehr Zeitressourcen. Mehr Mittel dafür. Für alle Künstler.

Was liest Du derzeit?

Auf dem Stapel zuoberst: „Die Abenteuer und Irrfahrten des Gaviero Maqroll“. Die in einem Band zusammengefassten sieben Kurzromane des Kolumbianischen Schriftstellers, Álvaro Mutis, handeln ja von einem rastlosen Suchenden, irrend über die Meere und Flüsse dieser Erde. Das passt eigentlich ganz gut. Vielleicht müssen wir wieder mehr selber suchen und irren können, statt in all dem Gefundenen, was uns verwirrt, umherzuirren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Eigentlich wollte ich das Interview versöhnlicher angehen. Die Versöhnung mit der Welt ist ja ein ständiges Ringen darum – so wie es das ständige Ringen mit der eigenen Identität und Existenz gibt. Nun spricht aus mir eine gewisse Wut. Wut soll genauso ihren Ausdruck finden – wie andere Empfindungen. Doch bin ich eigentlich ein besonnener Mensch. Deshalb am Schluss diese Textstelle aus dem eben erwähnten Buch von Álvaro Mutis:

(…) Als sie an die Abgründe kamen, gingen die Maultiere unbeeindruckt weiter. Aber gelegentlich bewegten sie die Ohren, als witterten sie in der Ferne eine Gefahr. Am klaren, reglosen Himmel stieg der Mond mit friedlicher, beinahe versöhnlicher Gemächlichkeit auf. (…)

Lu Bonauer, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Lu, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lu Bonauer, Schriftsteller

https://www.literaturport.de/Lu.Bonauer/

Fotos_Matthias Dettwiler

1.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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