„Aufzeigen, vermitteln, kritisieren oder ein Refugium bieten, das alles kann die Kunst“ Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin_Wien 1.7.2021

Liebe Adele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kurz vor dem Mittagsjournal wache ich auf, wische mir das Buch und den Laptop aus dem Gesicht, setzte mir den Kapuzenpulli auf, damit meine fettigen Haare verdeckt sind und gehe in die Küche, um mir einen frisch gepressten Orangensaft zu pressen. Dann ärgere ich mich über das viele Fruchtfleisch und meinen scheinbar notwenigen Konsum von Zitrusfrüchten. Ich lausche Passagen des Journals, bemühe mich dabei stets Störgeräusche aufzudrehen, wenn der mit dem Geilomobil, oder der mit dem gut gelüfteten Laptop sprechen und überlege mir, was ich die letzten Tage so nicht getan habe und mir heute wieder vornehmen könnte. Die Liste ist zum Glück sehr redundant, so kann mir niemals fad werden.

Der Plan wird geschmiedet, dabei eventuell eine Pflanze umgetopft, oder ein Tisch abgeschliffen.

Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin

Dann der dritte Kaffee. Ohne Kaffee geht sowieso meist nichts, also gehen schon irgendwie, aber  – wirklich, – warum?
Wichtig wird nun das Mittagessen, das muss nämlich so geplant sein, je nachdem wie das Abendessen aussieht.
Dabei gelten folgende Regeln:
1) Am Abend ein großes Mahl, Mittagessen sehr gering halten

2) Am Abend ein schmächtiges Mahl, eventuell gar eine Jause, beim Mittagessen zulangen, was nur geht. Je reichhaltiger desto besser.

3) Gibt es Fisch, so muss dieser abgeholt werden, also eher geringes Mittagessen
4) egal, bestellen, meine Adresse ist weltbekannt.

Nach all der logistischen Arbeit habe ich mir das erste Bier verdient. Es ist kalt und erfrischt genau richtig, um nun ans Werk zu gehen. Nach mindestens 20 minütiger Schwerstarbeit des Denkens, das die Welt revolutionieren und ja! in Erstaunen versetzen wird, kommt das wohlverdiente Mahl und danach der sehr wohl wohlverdiente Kaffee.

Möglicher Weise treffen mit Menschen , obwohl ich dem ja prinzipiell schon kritisch gegenüber steh.

Dann werden Balken aus den Fenstern geworfen, um diese zu Sägen und schlussendlich in den Ofen werfen zu können.

Eventuell muss auch ein zaunloses Tor aufgeflext werden, Handschuhe und Brille(n) sind dabei von Vorteil.
Nun etwas Tee und Literatur. Im besten Falle mit Schnee im Hintergrund und einem goldenen Engel neben sich. Ich spreche natürlich von Apotheker-Rum.

Nach ungefähr fünf Minuten müssen die sozialen Medien gecheckt werden, nicht das jemand ein Like vergessen hat zu setzten, wir sind ja alle cool.
Dann ein Blick nach Links auf den Zirbenbrand, drei innerliche Nein und vier Worte später im Buch, wird beschlossen einer wird schon nicht schaden, nein, gar gut tun.

Das Buch liegt noch eine Weile in der Hand und liest die schweifende Blicke in die Landschaft.
Dann wird es meist sehr spontan dunkel und der Salon erhellt.
Dort wird Element of Crime und Betty Davis aufgelegt, geschmückt mit Lizzo und GURLS.

Die Flasche Brand wird unter die Lupe genommen, wichtige philosophische Diskurse erfunden und der Moment der absoluten Wahrheit bricht herein.
Dann muss ich schlafen gehen, denn soviel Wahrheit ist schwer zu ertragen. Ja auch von mir.
Täglich noch dazu.

Mancher Tags ist es auch etwas anders. Deshalb habe ich der Übersichtlichkeit halber ein Tagesroulette entworfen. Dabei wird der Tag in 5 Abschnitte gegliedert, diese wiederum beinhalten verschiedenste Aufgaben. Meist verläuft ein Tag mit mindestens 6 Punkten pro Abschnitt. Diese können sich auch wiederholen. Ab und an gibt es dann auch noch Abschnitt 0 und Abschnitt VI:

IIIIIIIVV
a) Aufstehen zum Mittagsjournala) Kaffee trinkena) in die Sonne schauena) bell hooks zur Weltpräsidentin erklärena) (online) Veranstaltungen besuchen
b) Tee kochenb) Phoenixen Rätsel lösenb) Getränke besorgenb) Arbeitstreffenb) (online) Veranstaltungen durchführen
c) Buch/Computer aus dem Gesicht wischenc) Brille suchenc) Einheizenc) Exceltabellen bearbeitenc) Erledigte Tabs schließen
d) von einem vergessenen Rückruf aufwachend) Schlüssel suchend) Window-Online Shoppend) Onlinemeetings/-workshops vorbereitend) nach leistbarem Arbeitsraum suchen
e) Mails checkene) Telefonierene) mit der Nagelschere Haarspitzen schneidene) Noch mehr Telefonate führene) Bandbesprechung
f) in die Werkstatt gehenf) Pflanzen gießenf) einen neuen Versuch des Aufwachens startef) Emails beantwortenf) Mit den Liebsten Platten hören
g) Video schneideng) Leseng) In Baumkronen starreng) Laurie Anderson Platten höreng) bell hooks Talks hören, oder darüber schwärmen
h) Orga Arbeith) An Einreichungen arbeitenh) Kaffee kochenh) Nummern arrangierenh) Emails mit neuen Bücherbestellungen an die liebsten Buchhändlerinnen schicken
i) verkatert seini) Sound schneideni) Fehler im Circuit sucheni) Vorkehrungen für Veranstaltungen treffeni) Diskutieren
j) Dreck runter waschenj) Druckenj) Leistbaren Wohnraum suchenj) Workshop haltenj) Late Night Arbeitstreffen
k) Tanzstundek) Lötenk) Final Mixes anhörenk) Schreibenk) Kurz vor Deadlineende Einreichungen abschicken
l) zum Instrument rollenl) Schweißenl) Probenl) Studio Arbeitl) Drucke vorbereiten/ Siebe beschichten
m) Probe vorbereitenm) Prokrastinierenm) Teammeetings beiwohnenm) Probenm) Künstler:innen googlen und Arbeiten ansehen
n) Förderabsagen durchsehenn) Farben gegen eine Wand werfen, oder auf michn) Einreichungen schreibenn) Kaffee Adele vorbereitenn) Aperolspritz nach Venediger Art trinken und Konzerten nachsehnen (z.B.: Biennale Eröffnung in Venedig für Renate Bertlmann)
o) Unio) Spielen/ Übeno) Dokumentationen erstelleno) Abrechnungen macheno) Versuchen meine Arbeit in Worte zu fassen
p) Baustelle filmenp) Nachbarinnen zuwinkenp) Rechtssituationen durchlesenp) Freund:innen anrufenp) Termine fixieren/herum schieben
q) ins Schmelzwasser hüpfenq) Inspiration sammelnq) Finanzpläne erstellenq)q) Homepage aktualisieren und mit selbstgelernten CSS Haks zerstören, dann versuchen zu fixen
r) Träume weiter träumenr) Selbstbemitleidenr) Üben, oder so tun als obr) Weltrevolution ausrufenr) in der Werkstatt das Nachtfeuer entfachen
s) versuchen zu verstehen, wo ich gerade bins) Spazieren gehens) Booking vorbereitens) kleine Pause nach 12h Computerarbeits) mit Menschen neue Projektideen besprechen
t) ins C.I. Kaffee trinken und schreiben gehent) Zukunftspläne verwerfent) Für Projekte recherchieren und mich in Tabs verlierent) Schleifen und Lackierent) Erinnern welcher Tag heute ist und was am nächsten zu tun ist
u) die Kinder, die mich wecken, verfluchenu) Essen bestellenu) Neue Nummern schreibenu) Feuer machenu) täglich neue To-Do Listen schreiben
v) auf die Couch legen und irgendeinen Blödsinn schauenv) Einkaufenv) Ins Studio laufenv) Auf Eisen hauenv) Rider/Infopackerl ausschicken
w) Kaffee kochenw) Realisieren, dass nichts offen hatw) Projektideen ausarbeiten und mindestens dreimal verwerfenw) Flexenw) Material schneiden und bearbeiten
x) lesen/ hören was in den letzten Stunden passiert istx) Weltrevolution planenx) Lesenx) Werbung machen und Veranstaltungen erstellenx) Archivmaterial hochladen
y) Konzertanfragen durchleseny) Buchhaltung macheny) Schreibeny) Schnell noch Einkaufen laufeny) Spät-Nachts-Solo-Jam
z) mit Schlaf in den Augen zum Teammeeting auf Zoomz) Organisieren/ Kuratieren/ Zeitpläne erstellenz) Anrufe erledigenz) Aufräumen/ Putzenz) Geschriebenes umarrangieren/ verwerfen/ löschen/ abspeichern und nie mehr ansehen



Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Leg dir die Dinge zu, die dir gut tun. Besorg dir den Schnaps, den du gerne trinkst. Den billigen Rotwein hast du schon viel zu oft in deinem Leben getrunken, besser wird er nicht und He! ein echter Aperol Spritzer, mit richtig gutem Prosecco und den besten grünen Oliven – genau das hast du dir verdient!
Und dann trinken wir noch einen auf unsere vermissten Wirtinnen, die alle paar Wochen Scheinaufsperren und nichts bekommen für ihr allgemein anerkanntes Psychologinnendiplom!
Wir malen Bilder für sie mit den allerbesten Acrylfarben, speziell in türkis, pink und weiß. Dann warten wir auf die nächste HFF Zusage und lieben unseren Comebackbonus bei der Buchhändlerin ums Eck und kaufen ein Ticket fürs Zukunftskino.

– Stopp. Moment Mal! Was war nochmal die Frage?

Achja, wichtig:

Zuhören, die Augen offen lassen und laut sein, wenn Ungerechtigkeit passiert.
Aufstehen und Kritisieren. Reflektieren und auf sich selbst schauen, um auch wirklich für andere da sein zu können und nicht nur so tun als ob, oder einer Gruppe ohne Hinterfragen nachzulaufen.

Sich nicht neofeudalistischen Systemen unterordnen, sondern gemeinsam andere entwickeln und leben.

Selbstliebe nach bell hooks lernen, und ab und zu einfach mal die Pappn halten.

Auf neue Menschen zugehen und ihnen und sich selbst Raum geben.

Privilegien abchecken und nicht davon ausgehen, dass wir über eine Person einfach urteilen, oder uns mit ihr vergleichen können.

Wieder lernen ehrlich mit einander zu kommunizieren, das Ego mal auf Urlaub schicken und wenn möglich, mit einem One-Way-Ticket.

Nie aufhören zu lernen, nie aufhören zu hinterfragen, sehr wohl aber aufhören Menschen zu kategorisieren und traumatisieren.

Banden bilden, sich gegenseitig austauschen und bestärken. Anstrengend bleiben!


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke nicht, dass wir „jetzt“ vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen, nehme aber gerne den Optimismus der Frage als Hoffnungsschimmer an. Soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung, struktureller Rassismus und Sexismus, ungerechte Verteilung von Geld und Ressourcen sind Problematiken, die uns seit Ewigkeiten als sozialer Organismus durchziehen. Das letzte Jahr hat dies nur für einige mehr an die Oberfläche geschwappt.

Wir stehen nach wie vor an dem Punkt unsere Gesellschaft kritisch hinterfragen zu müssen und aus der Geschichte zu lernen, nicht diese zu wiederholen. Sie neu zu formen und Raum zu schaffen.
Da kann die Kunst schon helfen, Repetition im Pinselstrich, im Schweißpunkt, im Gliedsatz genügt meines Erachtens und kann hier auch ganz befreiend sein. Da muss es nicht anders ausgelebt werden.
Durchziehen, Verbinden, Aufreißen und Stoßen, das kann die Kunst auch ganz gut.

Sie bietet sich auch gut als Therapieform an, bei etwaigen Machtfantasien zum Beispiel. Könnte doch vielleicht eine gute Ausbildungsvoraussetzung für manche Posten sein?

Aufzeigen, Vermitteln, Kritisieren, Aufmerksam machen, oder ein Refugium bieten, das alles kann die Kunst.

Aber sie kann auch Kapitalismus und Markt. Und wenn wir uns diesen ansehen, so fällt doch ein spezifisches Muster der darin Herumwandernden auf.

Somit wären wir wieder beim Anfang der Antwort.

Und der Frage:
Wer ist Kunst?

Was liest Du derzeit?

Das Etikett der Zirbenbrandflasche, Amok und Koma von Heidi Pataki, Vom Ebro zum Dachstein, Just Kids von Patti Smith, Förderablehnungen für mein Album und All about Love von bell hooks.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Jo, na, mia zwa san wia da Senf, du bist schoaf und i bin siaß, mia zwa san wia da Senf und jedesmal wenn i di grias, dann denke ich unweigerlich daran, dass wir doch alle miteinander Wiaschtln san. Dann denke ich unweigerlich daran, padammdadamm, dass wir doch olle mitananda Wiaschtln san!
alte Wiener Lebensweisheit


Love is as love does.
bell hooks


P.S.: Ich fordere hiermit, dass das PR Budget der Regierung für Frauenhäuser und Gewaltprävention verwendet wird.

P.P.S.: „Wir“ haben mehr als genug Platz.

Vielen Dank für das Interview liebe Adele, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Adele Maria Knall, Sängerin, Musikerin, Bildende Künstlerin

knall.art

Fotos_1,2,6 Anna Zet; 3 Martin Feilhauer; 4 Thomas Lieser; 5 Nina Bauer;

4.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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