„Nein! Es gibt auch die Möglichkeit zu gehen.“ Veronika Kulcsar, Tänzerin_Romanjubiläum Malina _ Wien 30.6.2021

Ich habe schon als Kind Klavier gespielt und viel Sport gemacht. Bewegung und Musik waren immer wesentlicher Teil meines Lebens. Ich habe auch an Sportwettkämpfen teilgenommen. Erst war es Schwimmen, dann Volleyball. Beim Tanz war es dann zunächst Jazz, hiphop. Ich ging dann nach Wien, um Philosophie zu studieren.

Veronika Kulcsar_Tänzerin, Künstlerin

Dann unternahm ich Reisen nach Asien, Nepal, Thailand. Als ich zurück in Wien war, lud mich ein Freund ein, eine Performance zu filmen. Ich sah auf der Bühne etwas mir nicht Vorstellbares: Bewegung zur Musik, kein Theater, doch ein superstarker Ausdruck, keine feste Form, aber Synchronizität und freie Form. Die Form folgte Inhalt und Ausdruck. Das war wie eine Welt, die sich geöffnet hat. Augen, die sich geöffnet haben. Es war Liebe auf den ersten Blick (lacht). Da war ich zwanzig Jahre alt und habe dann konstant daran weitergearbeitet.

Tanz schafft Empathie. Es verbindet mit Mensch und Raum.

Ich bin niemand, die fest verwurzelt ist. Aber Wien ist mein Zuhause, my base, mein Nest.

Literatur inspiriert mich. Ich las schon als Kind viel und jetzt in den Coronazeiten auch vermehrt. Es ist eine Wechselwirkung zwischen den eigenen Gedanken, was mich beschäftigt, und den Büchern. Bücher verändern auch, es ist ein Geben und Nehmen.

Jede Erfahrung, jede Information, jedes Bild, verändert mich als Mensch, wird ein Teil von mir. Lesen, Tanz, Kunst sind so Treffpunkte, meeting points, und wir schöpfen daraus. Wir sind was wir sind aufgrund der Wechselwirkung von Innen- und Außenwelt und dem gegenseitigen Teilen.

Gesellschaftlich hat sich in den 50 Jahren seit Erscheinen des Romans viel getan. Aber ich denke, es ist wie eine Rolltreppe. Es muss weitergehen, sich weiterentwickeln. Es gilt nicht zu stoppen, nicht anzuhalten. Das betrifft Gesellschaft wie Selbstreflexion. Ich habe in Thailand intensiv Vipassana Meditation praktiziert. Mir wird jetzt immer bewusster, dass Erkenntnis ein aktiver Prozess ist. Wenn ich denke, jetzt „hab`ich`s“, und man stoppt, geht die Rolltreppe nach unten. Und das ist in gesellschaftlichen Fragen auch so. Entweder ist es ein aktives daran arbeiten oder verlieren. Entweder man macht es oder man verliert es. Ich denke Ingeborg Bachmann greift dies ja auch in ihrem Roman auf, dieses Aktivsein in Leben, Gesellschaft, in der Liebe. Und sie macht dies ganz radikal.

Bewusstsein ist nichts Passives. Es ist nicht etwas, das man kaufen kann.

Ich bin jetzt dreißig Jahre alt geworden. Da ist auch das Denken, jetzt habe ich viel hinter mir gelassen. Aber es gilt ständig an sich zu arbeiten, um sich zu entwickeln.

Mit dreißig bin ich nicht aufgewacht und war ein anderer Mensch. Natürlich hat sich viel verändert im Blick zurück auf die Zeit mit fünfzehn, neunzehn Jahren. Aber Geburtstage sind einzelne Schritte, die eher gesellschaftlich eine Bedeutung haben.

Unser Verständnis von Liebe ist freier geworden.

In jeder Form, in der wir eine Beziehung zu einem Menschen eingehen, Freundschaft, Liebe in unterschiedlichster Weise, ist es unglaublich wichtig, sich selbst zu kennen.

Wir spiegeln und entwickeln uns in unseren Freunden, Menschen um uns. Es ist Schönheit und Herausforderung. Dafür bin ich unglaublich dankbar.

Alle Menschen wollen geliebt werden und auch Liebe geben. Ich habe da ein Buch gelesen über eine Studie bei älteren Menschen, denen Haustiere gegeben wurden. Es zeigt sich, dass das Bedürfnis Liebe zu geben ein größeres Grundbedürfnis war als geliebt zu werden. Und Malina drückt dies ja auch aus. Wir sollten uns bewusst sein, dass beides extrem wichtig ist.

Wir tendieren in unserer Gesellschaft, auch in der Liebe, immer mehr zum „Haben-Wollen“, ohne zu fragen – wo ist das Schöne im Geben?

Patriarchale Strukturen gibt es nach wie vor in ganz vielen Gesellschaften. Wenn wir bedenken wie lange dies bestanden hat, wäre es naiv anzunehmen, dass es jetzt nicht mehr da.

In Liebesbeziehungen kann es viel Toxisches geben. Da steckt viel persönliches Erleben, etwa der Kindheit, drin. Bewusstwerden kann aber eine Chance werden. Da braucht es viel Stärke von beiden Seiten.

Wenn eine Frau merkt, wie im Roman, es gibt nur dieses „Verschwinden“ – Nein! Es gibt auch die Möglichkeit zu gehen. Alleine.

Wichtig ist zu sagen – „Ich bin mit mir selbst nicht alleine“. Und ich gehe eine Beziehung nur ein, wenn da etwas entsteht, wenn sich etwas entwickelt. Aber wo nicht etwas weggenommen wird.

Beziehungen entwickeln sich dynamisch. Es gibt Gutes und Schlechtes. Es gilt in einer Beziehung lösungsorientiert zu sein.

Leidensdruck kann ein Motor in der Beziehungsentwicklung sein. Wenn es nicht von beiden Seiten her ist, ist es schwierig.

Das Einzige was wir in einer Beziehung tun können, ist an uns selbst zu arbeiten. Wir tendieren rasch dazu, an anderen arbeiten zu wollen.

Das Selbstbewusstsein von Frauen kann für Männer ein Problem sein.

Gewalt ist Gewalt.

Eine Freundin von mir, nennt es „soul distancing“, dies meint in patriarchalen Gesellschaften, in denen die Frau nicht gehen kann aus der Ehe, Partnerschaft, damit aufzuhören Nähe zu suchen wo Nähe sein sollte aber nicht ist und sich innerlich abzugrenzen, um das was sie als Mensch, den schönen Teil ihrer Selbst, zu schützen. Das ist sehr tragisch, traurig, dass dies so oft und in so vielen Ländern noch nötig ist.

Ich selbst könnte „soul distancing“ nicht lange durchhalten.

Das Zerrissensein zwischen Ivan und Malina ist ja ein Spiegel. Es geht um Freiheit. Es sollte ein „Verschwinden“ im Spiegel sein, sich dort selbst zu finden. Das Finden, Definieren im Außen kann nicht gutgehen.

Es gibt heute so viele Beziehungsformen, Polyamorie, Polygamie, offene Beziehung, Monogamie, serielle Monogamie, monogamisch, ich weiß da wahrscheinlich nicht alle (lacht). Ich finde das superschön, weil Menschen sich da finden können und etwas ausleben können, das nicht geächtet wird, das ist super, nice.

Freiheit ist immer auch Verantwortung. Das gehört zusammen.

Oft funktionieren auch Negativ-Beispiele in der Liebe gut. Ich weiß nicht was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will.

Wir sollten von anderen Erfahrungen lernen können, ohne auch selbst auf die Herdplatte greifen zu müssen.

Liebe auf den ersten Blick gibt es.

Liebe ist ein Tun. Liebe besteht solange man danach handelt. Es ist mehr als ein Gefühl.

Liebe ist nie ein „Ich liebe das“. Liebe ist Bewegung, Verstärkung. Da ist Verbindung, Zuneigung, die gezeigt werden.

Liebe ist aktives Handeln. Schöne Gefühle kommen und gehen.

Liebe ist ein Wert, den ich konstant erhalten will.

Man kann sich in der Liebe entscheiden, sich von etwas abzuwenden, dann endet die Verbindung, die Liebe.

Es gibt auch einseitige Liebe. Das ist zu unterscheiden und ein schmerzvoller Prozess.

Liebe ist Sehen und Gesehen-Werden. Liebe ist Dasein.

Gegenseitiges Arbeiten in der Liebe verbindet.

Wir haben als Menschen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Im Guten wie Schlechtem.

Veronika Kulcsar_Tänzerin, Künstlerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Veronika Kulcsar_Tänzerin _Künstlerin_Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann _Mercure Grand Hotel Biedermeier_Wien_5_2021

veronikakulcsar.com | -Art is not a thing; it is a way.-

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s