Liebe Marina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
An meinen Tagesablauf hat sich so einiges geändert. Mein Hauptberuf ist Altenpflegerin. Seit der Pandemie muss ich während meiner Schichten immer eine Maske tragen. Ich muss, bevor ich die Einrichtung betrete, meine Temperatur messen, Laufzettel ausfüllen uvm. Auch den Bewohnern müssen mehrmals am Tag die Temperaturen gemessen werden. Die Hygienestandards wurden angehoben und die Dokumentation raubt einen viel mehr Zeit als vorher. Wenn ich nach Hause komme, sitze ich noch zehn Minuten im Auto und überlege, wie ich in den 3 Stock komme. So erschöpft bin. Vor der Pandemie war ich regelmäßig im Botanischen Garten, habe dort viele meiner Gedichte geschrieben und fotografiert. Ich konnte Kraft tanken. Während der Pandemie war der Botanische Garten geschlossen. Leider. Ich bin Mitglied im Würzburger
Autorenkreis. Seit der Pandemie finden keine Lesungen mehr statt und auch keine Treffen, außer Virtuelle. So langsam lockert sich das.
Marina Maggio,Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zusammenzuhalten, aufeinander achtgeben und wenn möglich sich gegenseitig unterstützen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Im Moment stehe ich auch vor einen beruflichen Neubeginn. Ich habe gemerkt und gespürt, dass der Beruf den ich ausübe, nicht mehr der Beruf ist, den ich bis zur Rente machen möchte. Die Kunst, ob es das Schreiben oder Fotografieren ist, nimmt immer größeren Raum ein in meinem Herz und verdrängt die gegenwärtige Arbeit. Die Freude ist mir abhandengekommen. In der Pflege arbeite ich gegen Windmühlen. Ich möchte für meine Gedichte beklatscht werden und nicht für eine Arbeit bei der ich auf dem Zahnfleisch nach Hause robbe.
Ich denke, dass das Verarbeiten der Pandemie eine wesentliche Rolle spielen wird , auch in der Kunst und der Literatur. Wir brauchen wieder „geistige Nahrung“.
Vor allem Kunst, die Mut macht und die Stellung bezieht. Eine Kunst, die das Erlebte zulassen darf, auch wenn es nicht immer schmeichelt. Wie wir ja gesehen haben, wurde die Kunst und Kultur eher als ein Tier behandelt, das man irgendwo aussetzt und zu dem man sagt: „Schau wie du selber zurechtkommst. Auf dich kann man verzichten!“ Das darf trotz einer Pandemie nicht wieder passieren.
Was liest Du derzeit?
Da ich gerade eine Weiterbildung zur Gerontopsychiatrischen Fachkraft mache, lese ich viel Literatur über psychische Störungen und Schmerzmanagement bei Demenz( „Der vergessene Schmerz“). Dann lese ich zurzeit die Bücher „Achtsam morden“ von Karsten Dusse und „Mein Prinz, ich bin das Ghetto“ (Gedichte) von Dincer Gücyeter.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer schon auf dem Meeresgrund war, fürchtet sich nicht mehr vor Pfützen“.
(Arthur Lassen)
Vielen Dank für das Interview liebe Marina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Marina Maggio, Schriftstellerin
Foto_privat.
18.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Ich bin in Taiwan aufgewachsen. Musik war für mich und meine Schwester ein Fixpunkt der familiären Früherziehung. Ich wollte aber selbst auch immer Musik hören, etwa beim Einschlafen oder beim Einsteigen ins Auto (lacht). Ich forderte stets laut: „Bitte, spiel` Musik!“. Es war dann für mich und meine Schwester vorgezeichnet, dass wir auch Musik beruflich machen wollen. Meine Schwester ist Pianistin.
Huei Chiang _ Geigerin
Mit drei Jahren spielte ich Zuhause etwas am Pianino. Meine Mutter leitete mich dann an. Dann kam ich an die Yamaha Musikschule. Dort gibt es gemeinsames Spielen der Kinder. Die Form und der Klang der Geige haben mich da sehr früh schon fasziniert. Und ich habe gesagt, „ich will Geigerin werden.“
Mit fünf Jahren entschied ich Geige zu spielen. Meine Eltern freuten sich auch darüber, da ja meine Schwester eine Klavierausbildung machte. Im Musikschulsystem von Taiwan ist es jedoch vorgegeben zwei Musikinstrumente zu lernen.
Mit sechzehn Jahren kam ich nach Salzburg ans Mozarteum und studierte Violine. Mit neunzehn Jahren ging ich nach Spanien und war zehn Jahre lang erste Geigerin in einem Kammerorchester. 2012 kam ich zurück nach Österreich, zuerst nach Salzburg und dann nach Innsbruck. Jetzt in der Corona Zeit bin ich nach Wien gezogen.
Wien ist für mich die schönste Stadt, in der ich bisher gelebt habe. Als Musikerin denke ich daran, dass hier Musiker wie Mozart, Schubert oder Beethoven gelebt haben. Es ist ein besonders Gefühl in jener Stadt zu leben, in der die Musik, die ich spiele, herkommt. Das finde ich sehr berührend. Es ist magisch und ich bin sehr dankbar hier zu leben.
Ich lese gerne – Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten. Noch mehr las ich in meiner Jugend.
Der Roman Malina erzählt so ehrlich über das Leben, die Liebe einer Frau und ihre Beziehungen. Ich denke da steckt auch viel von Ingeborg Bachmann selbst drinnen. Ich schreibe auch, bin jedoch keine Schriftstellerin, und dann schreibe ich über das was ich gut kenne, weiß.
Ingeborg Bachmann war sehr mutig, die Außen- und Innenwelt einer Frau zu beschreiben. Das war ja vor 50 Jahren nicht selbstverständlich.
Heutzutage ist es eine offene Welt, in der man über alles sprechen kann. Die Beziehungsrealitäten sind ja sehr vielfältig. Frau und Mann sind freier geworden.
Emotionen verarbeite ich in der Musik und im Schreiben. Ich denke Musik und Worte helfen einander. Wenn das Wort an Grenzen kommt, kann Musik diese Stimmung aufnehmen.
Wenn ich emotional sehr gedrückt bin, dann hilft mir ein Mittel: Tanzen! (lacht).
Bewegung ist ein Gefühl von Freiheit.
Liebe beschreiben? Oh, mein Gott (lacht). Ich denke, Liebe ist am Schwierigsten zu beschreiben. Es ist etwas so Großes, es gibt so viele Formen, Richtungen.
Liebe, das ist das Gefühl eines inneren Friedens mit sich und der Welt. Es ist ein Spüren, ein „Wow“ und ein Gefühl von Dankbarkeit.
Ich war lange Zeit verheiratet. Meine Geige ist aber die längste Beziehung, die ich hatte (lacht). In einer Beziehung gibt es immer verschiedene Phasen von Nähe und Distanz. Auch in der Musik gibt es das. Aber ich komme dann immer wieder zurück zur Musik, weil es das ist, was ich am Besten kann. In einer Beziehung kann es auch so sein. Man ist nicht immer 100 % verliebt. Nicht in einen Menschen, nicht in eine Geige. Liebe, Beziehung, Musik, da gibt es viele Ähnlichkeiten.
Musik gibt und braucht viel Energie. Etwa die Vorbereitung eines Konzertes. Es ist so viel Schönheit in der Musik, die erfüllt, manchmal spiele ich aber auch nur für mich. Als persönliche Freude.
Es ist für die Frau in der Gesellschaft schon vieles besser geworden. Aber nicht in allen Ländern. In Asien entscheiden Frauen viel Zuhause und die Männer haben auch Respekt.
Malina ist sehr poetisch geschrieben. Ich habe es in der englischen Fassung gelesen.
Ingeborg Bachmann hat eine eigene Sprache, um ihre Geschichte zu erzählen. Das ist sehr spannend. Ich sollte mehr deutschschreibende Autor*innen lesen (lacht).
Wenn ich verliebt bin, ist die Beziehung im Mittelpunkt.
Eine Beziehung kann ein Zirkus von Nähe und Distanz sein. Wie ist man in der Liebe glücklich? Ich habe darauf keine Antwort. Wichtig ist in jedem Fall sich selbst zu kennen.
Freunde von mir leben seit vielen Jahren in einer polyamorösen Beziehung. Sie sagen dies habe auch viele Herausforderungen.
Liebe, das ist auch wesentlich das Gefühl zu geben und dafür braucht es Richtung und Weg.
Liebe auf den ersten Blick habe ich persönlich erlebt. Es war dann allerdings ein langes Warten, zwei Jahre, auf diese Liebe. Ob es Liebe auf den ersten Blick auch in späteren Jahren gibt? Da ist in jedem Fall mehr Vorsicht dabei.
Ich schaue im Verliebtsein zunächst darauf, welcher Mensch er ist. Auch in der Beziehung, Liebe zu sich selbst. In jungen Jahren ist man verliebt mit der Idee verliebt zu sein.
Die Frau in Malina ist sehr sensibel. Sie spricht nicht viel mit Ivan. Sie schreibt das aus was in ihr ist.
Ivan? Er sollte mehr kommunizieren.
Malina? Dasselbe wie bei Ivan (lacht). Mehr auszudrücken was sie denken.
Es wäre zur Frau im Roman nicht korrekt zu sagen, das ist gut oder schlecht. Sie versucht ja rauszukommen aus den Zweifeln, der Unzufriedenheit. Aber irgendwie ist es auch ok. Es ist ihr Weg, vielleicht ihr ganz persönlicher Prozess des Lernens.
Der Roman ist eine Inspiration herauszufinden wie man liebt. Was passt zu meinem Leben? Das ist mein erster Eindruck beim Lesen.
Huei Chiang _ Geigerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Huei Chiang_Geigerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.
Liebe Roswitha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich schäme mich ein bisschen, aber ich schlafe zuerst einmal sehr lange. Ich frühstücke nicht, trinke aber einen Liter Tee, den ich mit intensiven indischen Gewürzen anreichere. Meine Morgengymnastik dauert 45 Minuten, danach (und manchmal dazwischen!) lese und beantworte ich E-Mails oder lese Zeitungsartikel. Mittags esse ich einen Salat oder – sehr schweizerisch – ein Birchermüesli. Normalerweise gehe ich vier bis fünf Mal pro Woche ins Hallenbad, wo ich einen Kilometer schwimme, Wenn «mein» Hallenbad geschlossen ist, ersetze ich das Schwimmen bei gutem Wetter mit einem Spaziergang im Wald hinter dem Haus. Ansonsten lese ich sehr viel. Ich habe das «Eingeschlossen sein» in diesem Winter dazu benützt, das Manuskript meines im September erscheinenden Buches «Wie ich alle Grenzen überschritt» zu überarbeiten. Heute Nachmittag will ich mich an die voraussichtlich letzte Geschichte machen. Es handelt sich bei meinen Texten um Erinnerungen an außergewöhnliche Ereignisse aus meinem ehemaligen Berufsleben als Reiseleiterin. Abends koche ich regelmäßig, im Schnitt einmal pro Woche gebe ich eine Einladung. Während der Pandemie durften wir nur zu viert sein, mittlerweile sind wir wieder zahlreicher. Oft schaue ich mir abends einen Livestream an – eine Oper, ein Konzert, auch schon eine Stadtführung in Hamburg oder öfters mal Literaturstreams.
Roswitha Gassmann, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir die Erkenntnisse, die wahrscheinlich die meisten von uns hatten während der Pandemie, ins neue Leben mitnehmen und etwas daraus machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Immer wieder unkten Pessimisten, dass die Kunst, die Kultur, irreparablen Schaden nehmen werde aufgrund der massiven Einschränkungen während der Pandemie. Als Optimistin denke ich, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Waren wir nicht alle glücklich, als die Museen ihre Tore vorsichtig wieder öffneten, die Theater, Opernhäuser, Konzerthallen wieder zum Spiel, zum Gesang, zur Musik luden. Viele von uns haben sich selbst erfunden während dieser außergewöhnlichen Zeit. Wesentlich wird sein, dass wir bewusster leben. Wir haben erkannt, dass auch heute noch Geschehnisse unser aller Leben einschränken können, dass wir nicht alles im Griff haben. Dass eine höhere Macht unser Leben bestimmt. Die Rolle der Kunst? Pablo Picasso hat gesagt: « Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen.» Genau das erwarten wir von der Kunst.
Was liest Du derzeit?
Vorgestern bis am Morgen um 05.00 Uhr (zum zweiten Mal): «Das Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells (Diogenes)
Gestern bis um 01.30 Uhr «Brief einer Unbekannten» von Stefan Zweig, Fischer-Verlag
Heute: «Vereinigungen» von Robert Musil, Telegramme-Verlag
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Man lebt nicht,
wenn man nicht für etwas lebt.
Robert Walser (1878-1956) Schweizer Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview liebe Roswitha, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Roswitha Gassmann, Schriftstellerin
Roswitha Gassmanns Erinnerungen an 20 Jahre Reiseleitungen werden im September im Telegrammer-Verlag unter dem Titel «Wie ich alle Grenzen überschritt» erscheinen.
Foto_privat
29.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Jedes Leben hat süße und bittere Zeiten. Dies betrifft das persönliche ebenso wie das kulturelle, gesellschaftliche Leben. Es trifft die Gegenwart auf den Punkt.
Ethel Merhaut_Sängerin
Gesellschaftlich gesehen ist heute das Süße die Fülle an Möglichkeiten, Zugängen, auch der Komfort des Lebens, bitter sind die Erfahrungen von Kontrollverlust. Bitter ist besonders die bedenkliche Situation von Antisemitismus und Rassismus.
Für uns Menschen ist der Kontakt zu uns selbst ganz wesentlich, um nicht die Empathie für scheinbar „kleine Dinge“ zu verlieren, für Menschen und Situationen und eine Gleichgültigkeit um sich greifen zu lassen.
Künstler*innen müssen zu jeder Zeit starke Persönlichkeiten sein, um sich gegen innere und äußere Zweifel behaupten zu können. Das war bei Ingeborg Bachmann so und ist heute so.
Künstler*in bedeutet selbstbewusst zu sein. Zuallererst kritisch gegen sich selbst zu sein aber zu wissen was man kann.
Meine Zugänge zur Musik, zur Auswahl meiner Lieder, ist zunächst der Text und dann kommt der Rhythmus, der Schwung dazu. Es hängt natürlich auch davon ab ob ich das Programm mit einem Orchester oder einer Band plane.
Ich selbst komponiere und texte nicht, es wird für mich gemacht (lacht). Mein Pianist, Belush Kerany, hat etwa ein Lied aktuell auf „süß und bitter“ geschrieben. Dabei geht es um weibliche Selbstbestimmtheit und Lust. Wir sind dabei auch an weiteren eigen Liedern zu arbeiten. Wir experimentieren da mit Moderne and Tradition.
In den 1960/70er Jahren zur Zeit der Romanentstehung gab es starre weibliche Rollenbilder. Da hat sich viel bewegt. Meine Generation sucht sich Beruf wie privates Leben doch freier aus. Wir studieren, heiraten oder heiraten nicht. Aber unsere Gesellschaft an sich ist nach wie vor sehr patriarchal. Männer sind die Chefs, sind in Führungspositionen.
Wenn ich mit Frauen arbeite, sind wir uns sofort bewusst, dass dies außergewöhnlich ist.
Wie das Leben einer Frau aussehen soll, ist noch sehr geprägt von alten, verstaubten Bildern. Da muss man sich nichts vormachen.
Die Künstler*innen, Schauspieler*innen, Sänger*innen der 1920/30er Jahre waren für Frauen Vorbilder hinsichtlich Selbstbewusstsein und Freiheit, auch wenn diese Künstler*innen natürlich im gesellschaftlichen Kontext, der männerdominiert war, auch in der Kunst, lebten, leben mussten.
Die Künstlerinnen der 1920/30er Jahre sind etwas in Vergessenheit geraten und damit auch diese starke künstlerische, weibliche Stimme der Zeit. Wer kann etwa Künstlerinnen dieser Zeit aufzählen? Meine Musik sucht dies aufzunehmen, diese große Kunst, das Gedächtnis und diese große weibliche Kraft.
Jeder Mensch hat Abgründe. Die Kunst geht diesen nach. Wie weit – ist eine persönliche Entscheidung. Ich bin keine Grenzgängerin.
Die Beschäftigung mit dem eigenen Ich ist in der Kunst unumgänglich. Ich habe aber keinen freudianischen Zugang zu meiner Kunst.
Pure, innere Lust existiert in unserer Gesellschaft nicht. Es gibt die „Lust an“, nicht die Lust an sich – diese läuft nur im Untergrund, in gesellschaftlichen Nischen.
Lust wird von unserer Gesellschaft ignoriert.
Wir leben in Beziehungen. Da gibt es einen Austausch, Energien – im positiven Sinn.
Ich schätze Traditionen – auf entspannte Weise.
Ingeborg Bachmann lernte ich in der Schule kennen. Aktuell lese ich gerne junge russische Autorinnen.
Ethel Merhaut, Sängerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Ethel Merhaut_Sängerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.
Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das kommt ganz darauf an ob und mit welchem Projekt ich gerade beschäftigt bin. Grundsätzlich bin ich aber ein Frühaufsteher und lerne gerne morgens meinen Text. Organisatorisches u. Administratives gehört ebenfalls zum Job. Laufen ist mir auch sehr wichtig. Einerseits macht es den Kopf frei, andererseits dient es der Fitness. Im Lockdown wurde einem auch wieder bewusst, welch tollen Beruf wir ausleben können. Es sind Ideen entstanden. Diese gilt es nun in die Tat umzusetzen. Nachzudenken über Vieles aber manchmal auch nur sinnloses Spielen mit den eigenen Gedanken – auch das gehört dazu. Im Grunde genommen, ist kein Tag wie der andere. Einen fixen Tagesablauf gibt es nicht.
Peter Wolf, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Belastendes abwerfen. Die Langsamkeit des Lockdowns in den Alltag mitnehmen. Es zumindest versuchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Es gilt zuerst mal wieder in den Alltag zu finden. Wieder mit mehreren Menschen zu kommunizieren, ihnen nah zu sein. Ich habe für mich bemerkt, dass das gar nicht so einfach ist. Die Sehnsucht danach, Kunst live zu erleben war groß. Für Künstler wie auch für jene die Kunst konsumieren. Welcher Art auch immer. Ich genieße es wieder auf der Bühne zu stehen. Ich erfreue mich an den glücklichen Gesichtern im Publikum. Dieses Wohlgefühl gilt es zu vermitteln. Die Kunst kann das.
Was liest Du derzeit?
Im Lockdown konnte ich mit Kollegin Caroline M. Hochfelner einen Audio Blog starten. „Latrinenpoesie- Wenns mal schnell gehen muss“, heißt das Ding – Humorvolle Kurzgeschichten, Gedichte und kurze Szenen aller Art. Bunt gemischt. Dafür gilt es Texte zu finden. http://www.latrinenpoesie.at – hört mal rein
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat eines an MS erkrankten bringt die derzeitige Situation auf den Punkt: „Sehen wir nicht immer das Negative, denken wir an das was möglich ist.„
Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist zumindest werktags von dem Fulltime Job geprägt, den ich seit mehr als 20 Jahren ausübe. Allerdings findet der seit über einem Jahr komplett im Home-Office statt. Das war anfangs sehr angenehm. Mittlerweile sind meine sozialen Kontakte im Kollegen- und Freundeskreis beinahe ausnahmslos gegen Null gefahren, alles findet online oder am Telefon statt, und das nervt. Es fühlt sich an, als hätte mich jemand zum Stubenarrest verdonnert, und ich weiß bis heute nicht, weshalb.
Ich schreibe viel weniger als früher. Mir fehlen die Ideen, die alltäglichen Beobachtungen. Viele meiner Texte sind spontan entstanden, auf der Straße, in Cafés, auf einer Parkbank, manchmal im Auto. Da ich das Haus kaum noch verlasse, fehlen diese Eindrücke und Anregungen. Filme oder Bücher liefern nur selten Inspiration, und wenn, dann nur Second Hand. Ich hab mich für den Moment damit abgefunden, hoffe aber sehr, dass die Muse mich wieder küsst, sobald ich die Maske endgültig absetzen darf.
Andreas Frank, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, es ist wichtig, die Füße noch ein wenig still zu halten. Wir befinden uns hoffentlich auf dem abklingenden Ast dieser Pandemie, zumindest hier in Europa. Doch in anderen Ländern, auf anderen Kontinenten sterben die Menschen noch immer in Massen. Es ist noch nicht vorbei!
Ich habe Verständnis für alle, die nun auf einen Schlag nachholen wollen, was sie über mehr als ein Jahr verpasst haben, vor allem für die jungen Menschen. Meine Bitte: macht, was geht, aber bleibt weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir werden sicherlich eine Art Neubeginn erleben, aber den kann ich nicht voraussagen. Um die Kunst mache ich mir keine Sorgen. Die hat seit ewigen Zeiten alle Krisen und die schlimmsten Katastrophen überstanden. Die Kunst macht einfach weiter, weil sie von Individuen erschaffen wird, die neben und über den Dingen stehen. Menschen, die anders sehen und empfinden als die meisten von uns. Und die wird es immer geben.
Was ich mir nicht wünsche: Dass nach dem hoffentlich absehbaren Ende dieser Pandemie eine Flut von künstlerisch ambitionierten Corona-Reflexionen in Wort, Ton und Bild auf uns heranrollt. Ich denke, die Leute sind durch, sie haben das Thema satt. Ich will nicht dafür sprechen, dass die Kunst der Ablenkung dienen soll, aber im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als ein wenig Abwechslung durch Museen, Kinos, Theater, Konzerte, Straßenfeste, Trödelmärkte, Reisen, Kneipen- und Restaurantbesuche etc., alles was geht. Und da möchte ich vorerst nichts von dem Thema hören, das uns nun schon so lange beschäftigt.
Was liest Du derzeit?
Seit Beginn des letzten Jahres lese ich fast ausschließlich Biographien und Autobiographien. Die Bände können gar nicht dick genug sein. Das Hineinversetzen in ein fremdes und bedeutsames Leben in anderen Zeiten und an anderen Orten ist für mich der beste Weg, mich von den aktuellen Wirren und Sorgen abzulenken, meine Gedanken auf Reisen zu schicken und dabei noch etwas zu lernen. Nachdem ich die neue Biographie von Benjamin Moser über Susan Sontag, eine der einflussreichsten US-Amerikanerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gelesen habe, dachte ich, es wäre eine angemessene Idee, mit „Autobiographie der Alice B. Toklas“ auch ein umfangreiches und sehr schönes Buch über eine der einflussreichsten US-Amerikanerinnen der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, nämlich Gertrude Stein, zu lesen. Das Buch stammt noch aus den Beständen meines Studiums. Ich habe es immer gern, wenn man durch die Lektüre eines neuen Buches an die alten Bücher erinnert wird, und sie dann erneut in die Hand nimmt und liest.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da gäbe es unzählige. Da ich jedoch gerade in die Autobiographie der Alice B. Toklas vertieft bin, die natürlich die Autobiographie der Gertrude Stein ist, möchte ich folgende Passage zitieren, die ihr von Amerika geprägtes Demokratieverständnis inmitten der Schrecken des ersten Weltkriegs in Europa widerspiegelt: „(…) als gute Demokratin behandelte sie einen Menschen wie den anderen. Wenn man sich so verhält, sagte sie, dann hilft einem jeder und bei allem. Wichtig ist nur, betont sie immer, dass einem der Sinn für Gleichheit tief im Blute steckt. Dann tut jeder alles für den anderen.“ Das ist ein schönes Sinnbild dafür, was Demokratie außerhalb des rein politischen Kontexts auch bedeuten kann. Was sie eigentlich sagen will: Seid nett zueinander!
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Andreas Frank, Schriftsteller
Foto_privat.
8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Gion Mathias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Tage und Abläufe sind verschwunden; es ist herrlich!
Gion Mathias Cavelty, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Kein jetzt zu kennen; es nie gekannt zu haben; es nie kennen zu werden/zu wollen/nichtzuwollen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Beginnen wir weniger, immer weniger; beginnen wir nichts mehr! Ich habe es im meinem Buch «Endlich Nichtleser – die beste Methode, mit dem Lesen für immer aufzuhören» (erschienen anno 2000) dargestellt. Das nichtgelesene Buch ist das beste; noch besser ist das nichtgeschriebene Buch. Das nichtgesehene Stück ist wunderbar; noch wunderbarer ist das gar nie aufgeführte Stück. Eine Ausnahme mache ich bei der Bündner Nusstorte. Davon kann ich nicht genug kriegen. Ich könnte eine nach der anderen verputzen. Es müsst die unendliche Bündner Nusstorte geben!
Was liest Du derzeit?
Ich lese nichts, ich lasse mich auch nicht einmal mehr lesen. Ich lese auch nicht, was ich schreibe; ich schreibe auch nichts; weiss nicht, wann ich zum letzten Mal einen Buchstaben gesehen habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
«Jedem Aufhör’n wohnt ein Zauber inne» (Nomen Nescio)
Vielen Dank für das Interview lieber Gion Mathias, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Michal, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache früh auf um noch bisschen Zeit zum Lesen oder Schreiben zu haben, bevor auch die Familie wach wird. Dann geht´s richtig los. Das Dauerchaos beginnt. Ich arbeite in der einzigen deutschsprachigen Bibliothek in Bratislava. Da bin ich meistens um 8:30 Uhr. Ich lebe umgeben von Büchern und Geschichten. Schöner geht´s nicht. Am frühen Abend lese ich dann den Kindern vor, wir sind auch fast jeden Tag draußen an der frischen Luft. Wenn Nachwuchs dann im Bett liegt, so um 20:30, lese oder schreibe ich noch kurz.
Michal Hvorecky, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Anstand bewahren. Ich befürchte eine Rückkehr des Zeitalters der Irrationalität. Weil die Unwahrheit ihre zersetzende Wirkung heute immer stärker entfaltet.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ohne Kultur war es über ein Jahr sehr still. Doch in der slowakischen Politik gibt es kaum Bewusstsein für die schwierige Situation der Kunst- und Kulturszene. Die Kultur wurde auch nicht Teil unseres Zukunftsplans für den Corona-Wiederaufbau. Die Kultur oder die Wissenschaft gehören nicht zu den langfristigen Zielen der umstrittenen Viererkoalition. Diese Gleichgültigkeit und kulturelle Arroganz sollen sie sich lieber sparen.
Was liest Du derzeit?
Olga Tokarzcuk: Taghaus, Nachthaus. Ein großartiges Buch aus der Mitte Europas.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ideologie diente ihrer Natur nach immer dazu, Verbrechen ein übermenschliches Antlitz zu verleihen, sodass diese Verbrechen den Eindruck erwecken, dass sie nicht von Menschen verursacht wurden, sondern von einer unbegreiflichen, mächtigen Hand der Geschichte.“ Milan Šimečka, Tschechoslowakischer Autor und Dissident.
Michal Hvorecky, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Michal, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Ich habe viel von der Welt gesehen, aber Wien ist mein Heimathafen geworden. Diese Stadt hat einen speziellen Zauber, der einem immer wieder zurückkehren lässt. Das ist wahnsinnig schön.
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin
Wien hat ein spezielles Lebensgefühl. Da ist Lebendigkeit und Gemütlichkeit. Ich schätze das sehr.
Ich bin definitiv ein Stadtkind, bin in der Stadt aufgewachsen. In Wien schätze ich auch die Natur, das Grün, das Wasser. Gestern etwa war ich am Kahlenberg wandern. Diese Verbindung von Stadt und Natur ist einzigartig.
Ich habe Malina vor Jahren auf Empfehlung gelesen. Malina ist kein Buch, das man in einem Stück verschlingt, es braucht Pausen dazwischen. Es ist kein Roman, aus dem man unmittelbar mit einem Supergefühl rausgeht. Da muss man die Gefühle erst mal sacken lassen.
Ingeborg Bachmann schafft es in ihren Leser*innen Emotionen zu wecken, in Prosa und Lyrik, das ist ganz besonders.
Malina regt an, eigenen Gefühlen, Gedanken nachzugehen. Es sind alles Situationen, die man ja selbst schon erlebt hat. In dieser abstrahierten, zugespitzten Form laden sie sehr direkt zum Nachdenken ein. Das ist sehr spannend und dieses intensive Erlebnis habe ich bei wenigen Büchern gehabt.
Die Ich-Erzählerin nimmt im Roman ihr Innerstes, ihre Gedanken, ihre Gefühle radikal auseinander. Sie zerreißt es fast dabei, dass sie sich so sehr mit sich beschäftigen muss.
Sie macht sich sehr abhängig von Ivan. Sie wartet ewig darauf, dass er sich vielleicht meldet. Seine Telefonnummer kreist in ihrem Kopf. Sie ergreift ja sehr selten die Initiative. Sie wartet auf Ivan, auf ein Zeichen der Zuneigung und vergeht fast dabei.
Ich denke, dass dieses Machtverhältnis in der Liebe auch heute noch oft vorkommt. Dieses Muster einer passiven Frau, die Wünsche, Vorstellungen hat aber nicht diese zu thematisieren, umzusetzen sucht. Auch wenn sich das Frauen-, Männerbild etwas gewandelt hat, ist diese Abhängigkeit teil von Beziehungsrealitäten der Gegenwart.
Zu Ivan ist die Beziehung komplett emotionsgesteuert. Malina ist der logische, rationale Part.
Es ist für die Frau im Roman ein Warten auf das „gnädige“ Zuwerfen von Krumen, Körnchen der Zuneigung seitens Ivan. Und daran zerbricht sie. Diese Beziehungskonstellation des Romans könnte auch genau heute in dieser Form stattfinden.
Wenn man selbst in dieser Situation ist und sich so verschossen hat in einen Menschen, ist es natürlich schwierig und herausfordernd zu sich selbst zu finden. Auch Zugänge von außen sind da natürlich schwierig.
Das Wichtigste ist in jedem Fall selbst die Initiative zu ergreifen. Anzurufen, Kontakt aufzunehmen, zu sprechen.
Die Frau müsste ein klares Wort sprechen – „so sind meine Erwartungen, so möchte ich es bzw. so möchte ich es nicht.“ Und dies ist zu klären und dann, wenn es nicht möglich ist, ist es zu beenden.
Sie tut aber alles, um Ivan, diese wenigen gemeinsamen Stunden, nicht zu verlieren obwohl es so eine toxische Situation ist.
Ivan ist eine Wunschvorstellung von ihr. Er wird idealisiert auch wenn er das in seinen Taten bei Gott nicht ist. Aber sie legt so viel Wert auf ihn. Ein großer Teil ihrer Energie geht dahin.
Nur mit Ivan erlebt sie aber auch glückliche Momente, das findet ja mit Malina nicht statt. Mit Ivan wirkt sie lebendig. Sie könnte es vermutlich auch woanders erleben aber sie projiziert dies vollständig auf Ivan.
Im Idealfall kann ein Mann Persönlichkeitsanteile von Ivan und Malina in einer Beziehung leben. Körper und Geist verbinden. Dies trifft auch für die Frau zu.
In der Liebe ist natürlich immer Projektion. Im Idealfall ist es natürlich nicht so viel wie im Roman (lacht).
Die Erzählfigur Malina, das ist der rationale Teil in ihrem Gehirn, der logisch und sachlich hinsieht. Grundsätzlich lässt der Roman aber offen ob Ivan und Malina reale Persönlichkeiten sind oder Aspekte ihres Selbst.
Malina blickt distanziert, rational auf die Situation, sagt „so schaut`s aus“ aber das will sie gar nicht wahrnehmen und hören.
Logik, Rationalität ist wichtig aber Emotionen müssen miteinbezogen werden. Ein Rat für Malina.
Politisch gesehen wird die Gleichstellung von Frau und Mann heutzutage vermehrt in den Blick genommen und es bewegt sich auch etwas. Faktisch gesehen, sind wir von einer Gleichstellung noch ziemlich weit entfernt.
In einer Romanszene wird das gesellschaftliche Machtverhältnis von Mann und Frau etwa beispielhaft thematisiert. Sie wird da von jemanden sofort geduzt und geht dann darauf ein und sagt, dass sie sich oft wie „ein Du“ behandelt fühlt und nicht wie „ein Sie“. Das kann ich bestätigen, dass dies als Frau öfter vorkommt. Ich weiß genau was Ingeborg Bachmann damit meint, dass man nicht auf demselben Level wie jenem des Mannes behandelt wird sondern ein „kleines“ Stück darunter. Das ist leider Gottes auch heute noch so und man muss als Frau dagegen ankämpfen, sich behaupten.
Im Roman sind auch die Gespräche mit der Lebenswelt, der sozialen Umgebung zentral. Deren Meinung ist für die Ich-Erzählerin ganz wesentlich. Das ist auch ein Druck, eine Belastung für sie. Das ist mit der heutigen social media Welt zu vergleichen. Alle posten nur glorreiche Momente, geben vor, dies und das zu sein. Das ist aber nicht die Realität des Lebens.
Dieses social media Konstrukt macht alles das präsenter was man vielleicht selbst nicht hat. Das kann dann persönlich dramatische Ausmaße annehmen.
Der zweite Romanteil mit den grausamen Albträumen vom übermächtigen Vater kann ja für das männliche Geschlecht an sich stehen. Das könnte als unbewusster Ausdruck der Rolle, des Leidens wie Sterbens der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft stehen, den „Todesarten“, von denen Bachmann spricht.
Im Unterschied zu den Träumen, die ja immer ein Horrorszenario darstellen, ist es bei Ivan eine Belohnung für das lange Warten, das Aushalten. Es ist ein Genießen. Da ist kein Zwang, keine Pflicht wie in den Albträumen. Es ist eine Freiwilligkeit und dann wieder das Warten auf diesen Moment.
Es sind Gewohnheiten, Kompromisse, die man in einer Partnerschaft auch akzeptiert. Wenn es ein noch gesundes Ausmaß ist, ist es einfach das getroffene Arrangement. Wenn es ungesund wird und gar gewalttätig, dann heißt es zu reagieren, zu agieren. Da darf man nichts idealisieren.
In langen Beziehungen läuft man oft Gefahr die ganzheitlichen Aspekte des Menschseins im „In-der-Liebe-sein“ zu verlieren. Es ist die Kunst beides zu verbinden, das Rationale, das Reden und die Körperlichkeit. Das ist herausfordernd und schwierig wie wunderschön im immer wieder entdecken, leben.
Die Beziehung zu Ivan ist ja sehr chaotisch. Die Rituale, das Schachspiel etwa, sind der Versuch eine Struktur zu schaffen, Ordnung zu geben. Und Ivan auch ein Stück weit zu binden – „wir haben eine gemeinsame Routine“.
Die Frau gibt ja im Roman ihre künstlerische Tätigkeit, das Schreiben, auf, weil alles Andere überwiegt. Das finde ich als Künstlerin selbst sehr tragisch. Es tut mir in der Seele weh, dieses Aufgeben der Freude und Leidenschaft, die sie ja in der Kunst gefunden, gelebt hat.
Der Roman führt einem in extremer Form vor Augen wie es als Mensch nicht laufen darf.
Es gab so viele Momente im Buch wo ich schlucken und das Buch weglegen musste. Man will sie da auch an der Hand nehmen und auch wachrütteln.
Der Roman macht auch auf die Gegenwart aufmerksam und das wichtige Hinsehen, Zuwenden, Mitgehen mit den Menschen um uns. Oft können einem kleine Gesten ja aus einem emotionalen Tief rausholen. Ein Schritt zum Augenöffnen und einer Perspektive.
Es gibt sehr viele Ivans da draußen, denen ich gerne mal die Meinung geigen würde (lacht) – „achte drauf, welche Auswirkungen deine Handlungen haben!“
Es gibt noch genug Individuen, die gefühlt vor 50 Jahren in ihrer Weltanschauung stehengeblieben sind.
Liebe Sandra, darf ich Dich abschließend zu einem Achrostikon, Wortassoziation, zum Romantitel bitten:
M enschlichkeit
A ufgeben
L iebe
I ntensiv
N ervosität
A nfang
Das Buch gibt viele Denkansätze. Es kann für Leserin/Leser ein Anstoß sein.
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:
Sandra Bell_Schauspielerin, Sängerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.
Liebe Jovana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zwischen den „Konstanten“ – Arbeit, Einkäufen und üblichem Wasauchimmer – stecken die Momente des Lebenswerten: Eine ruhige Minute zum Lesen, eine Stunde zur körperlichen Übung oder Klavierspielen; der Vers, der mir endlich einfällt und ein monatelang sich quälendes Gedicht auflöst. Kleine-große Weisheiten, die mein fünfjähriger Sohn auf dem Weg zum See hervorbringt. Solche Momente versuche ich (und mich an ihnen) festzuhalten.
Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In schweren Zeiten leidet alles: Körper, Geist, Immunität; am meisten aber, die Menschlichkeit. Es klingt floskelhaft, aber wir sollten mehr als sonst füreinander da sein. Manchmal sind die gesperrten Wege eben die „richtigen“, weil wir keine Wahl haben, als umzudrehen und uns einen neuen zu suchen. Oder zu bahnen?
Ungewissheit bringt uns dazu, aus der Komfortzone hinauszutreten. Das Leben waghalsiger zu nehmen, auch etwas fatalistischer: Ja, was habe ich denn wirklich zu verlieren? Alles ist so fragil, außer der Lebenslust. Sie ist das Unkraut, das wir um jeden Preis pflegen (oder eher, sein lassen) müssen: so hartnäckig und unerziehbar, wie ein bockiges Kind. Aber es gibt dennoch nur die bedingungslose Liebe zurück.
Für mich sind Kunst, Kind und Lebenslust Synonyme. Solang man nur so viel wie eine Spur davon in sich wiederfindet, ist noch nichts verloren!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Inhalt finden in uns selbst – ist zwar keine allgemeingültige Formel, aber ein guter Anfang. In uns selbst sollten wir das „Erz“ finden, egal wie unscheinbar; es von überflüssigem Material – Ängsten, Zweifeln – möglichst befreien und aufheben. Es kann alles sein: Inspiration, Idee, Aktion. Das Wichtigste: Es muss für uns selbst eine Bedeutung haben. Das gibt dem Dasein einen inhärenten Zweck; aber nur so können wir auch für die anderen gut sein. Man braucht dafür Geduld (lasst es euch von der ungeduldigsten Person der Welt sagen!), viel Arbeit, aber auch andere Menschen.
Die Kunst könnte dabei eine große Rolle spielen, unabhängig davon, ob man sie selbst schafft oder „nur“ Rezipient ist. Kunst ist das Echte am (Da)Sein. Die Befreiung der Fantasie, die Fähigkeit, in andere Welten hineinzuspähen und darin die Antworten – oder vielleicht neue spannende Fragen – zu finden, ist der Beginn der Selbsterkenntnis. Eigene Grenzen verschieben, immer in neuen Richtungen, das ist vielleicht die Kunst des Lebens.
Was liest Du derzeit?
Sexual Personae von Camille Paglia, Simultan von Ingeborg Bachmann und Zarazna zona („Ansteckungszone“), ein Gedichtband von zwei wundervollen Künstlern aus Kroatien, Damir Radić und Andrijana Kos-Lajtman. Zwischendurch immer Gedichte, mehr Gedichte… und noch Gedichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Apropos Neubeginn, greife ich an dieser Stelle auf meine Germanistikstudium-Zeit zurück (damals meine „Neugeburt“, in einer anderen Sprache). Im Unterschied zur gesprochenen, ist die deutsche Literatursprache aber für eine Nicht-Muttersprachlerin ein dicht zugewachsener Weg. (Komfortzone, Fehlanzeige!)
Einer der ersten Autoren, die ich als Studentin im Original gelesen habe – und dessen „monumental schlichte“ Sprache für mich immer noch als Wegweiser funktioniert – weiß es: „Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag.“
—- Thomas Mann, Der Tod in Venedig
Vielen Dank für das Interview liebe Jovana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Jovana Nastasijevic, Schriftstellerin
Alle Fotos_privat
8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.