„Verletzlich sein. Durchlässig. Mutig. Neugierig. DA SEIN.“ Corinna Orbesz, Clownin _ Wien 11.7.2021

Liebe Corinna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgen wird um 04:00 Uhr früh mein Wecker klingeln, und ich werde mich bereit machen für meine Schicht am Flughafen, wo ich Teilzeit arbeite. Es geht gerade wieder so richtig los! Die letzten eineinhalb Jahre war ich in Kurzarbeit  und sehr viel zu Hause.  

Von einem Tag auf den anderen, plötzlich Stillstand. Ruhe. Durchatmen können. Begreifen, was meine “Normalität” in den letzten Jahren war. Kunstpause.

Innehalten.

Resümee ziehen.

Und ein wenig Hoffnung.

Dass es möglich ist.

Dass ALLES möglich ist.

Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin

Momentan proben wir wieder mit  “Die Schamlosen” (einer Produktion der Theaterarche) für einen Auftritt beim Kultursommer. Als wir uns im Jänner mit dem gesamten Ensemble auf diese Reise begaben, wussten wir nicht, ob und wann wir spielen können. Dann nach wochenlangen Proben – interne Premiere, ohne Publikum. Letztendlich – offizielle Premiere im Mai.

Die ganze Zusammenarbeit war unglaublich berührend und von einer gegenseitigen Fürsorge geprägt. Es hat uns allen gut getan – das Miteinander.

Ich habe gemerkt, WIE SEHR mir das Theater, das kreative Schaffen und arbeiten im Kollektiv gefehlt hat. Auch das wöchentliche Physical Theatre Training von ILIOS Théâtre, bei dem ich seit über vier Jahren dabei bin, hat mich sehr über diese schwierige Zeit gebracht. Wir haben Lösungen gefunden. Eine Zeit lang online trainiert, dann wieder outdoor. Kunst macht möglich. Öffnet neue Räume.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt und für alle Zeit – die Liebe. Immer schon. Die Liebe zur Welt und zu sich selbst. Denn sie war immer, ist immer und wird immer sein. Und ich denke, wenn wir uns ein für alle mal für die Liebe entscheiden, dann können wir nur gewinnen.

Wenn ich manchmal nicht mehr weiter weiß oder vor einer Entscheidung stehe, stelle ich mir immer eine dieser zwei Fragen: “Was würde die Liebe jetzt tun?” und “Ist das der Mensch, der ich sein möchte?”

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?

Die Krise hat uns unsere eigene Verletzlichkeit vor Augen geführt. Lange Verdrängtes wurde bewusst. Ungerechtigkeiten kamen noch mehr zum Vorschein. Es braucht Systemänderungen, gerechtere Verteilung, nachhaltigere Lebensweisen. Weg von immer mehr und billiger, hin zur Achtsamkeit. Eine Verlangsamung des Tempos. Mehr Engagement beim Klimaschutz. Solidarität.

Es braucht ein Miteinander.

Als Clownin sehe ich meine Aufgabe darin, mein Herz zu zeigen. Menschen zu berühren. Spuren zu hinterlassen. (Vielleicht kleine Clowsnasenabdrücke auf den Herzen der Menschen).

Und trotz aller Geschichten, Verletzungen und Narben, die wir alle mit uns tragen, sich immer und immer wieder aufs neue auszusetzen. Masken fallen zu lassen. Sich zeigen und echte, tiefe Begegnung zulassen. Verletzlich sein. Durchlässig. Mutig. Neugierig. DA SEIN.  Und dadurch vielleicht die Herzen der Menschen zu öffnen.

Ein Clown geht immer mit der inneren Haltung “Ich lege dir mein Herz zu Füßen” auf Menschen zu. Diese Haltung möchte ich mir bewahren.

Bertolt BRECHT spricht den Zuschauer seines Stückes “Der gute Mensch von Sezuan “ direkt an und fordert ihn zur tagespolitischen Umsetzung des Gezeigten auf: „Sie selber dächten auf der Stelle nach – Auf welche Weis ́ dem guten Menschen man – Zu einem guten Ende helfen kann. – Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! – Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!“

Was liest Du derzeit?

“Die Kunst, in schwierigen Zeiten nicht durchzudrehen” von Ralf Senftleben und

“Die Chubbuck-Technik – Ein Schauspiel-Lehrbuch” von Ivana Chubbuck

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die ganze Sache ist die, daß die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht.

Leo Tolstoi

Und! 🙂

Meiner Meinung nach ist das Allerwichtigste, daß der Clown als Mensch eine reine Seele hat. Oleg Popov

Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Corinna, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Corinna Orbesz, Clownin, Künstlerin

Alle Fotos_privat.

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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