„Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance“ Florian Stanek, Schauspieler_ Wien 4.7.2021

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit probe ich für eine Operettenproduktion in Bad Ischl. Mein Tagesablauf ist immer sehr davon abhängig, ob ich gerade in einer Theaterproduktion engagiert bin, oder an meinen Texten arbeite. Beides hat seine Licht- und Schattenseiten. Während ich beim Schreiben die Freiheit genießen, alleine für meine Tagesplanung verantwortlich zu sein, tut es in Produktionen auch wieder gut, unter Menschen zu kommen und mit diesem äußeren Konstrukt eines Probenplans umgehen zu müssen. Zwischen diesen beiden Welten lebt es sich ganz abwechslungsreich. Zur Zeit sitze ich also in meiner Theaterwohnung, bereite mich morgens auf die Probe vor, arbeite mit den KollegInnen, gehe in meinen Pausen spazieren, bade in der Traun oder trinke herrlich bourgeois wie vor hundert Jahren Melange an der Esplanade und esse Marillenknödel. Es hat hier etwas von Venedig, wo man nicht mehr zwischen Kitsch und Realität unterscheiden kann und einem eigentlich nichts übrig bleibt, als sich dieser operettenhaften Illusion in die Arme zu werfen.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe. Was sonst? Gemeinsam mit meinem Komponisten Sebastian Brandmeir habe ich im letzten Jahr an einer Kammeroper über Corona gearbeitet. Ein Auftragswerk, wir hätten uns an das Thema sonst nicht herangetraut. Und bei dem ganzen Nachdenken über Coronaskeptiker und die Spaltung in unserer Gesellschaft kommt man doch immer wieder auf den gleichen Grund: Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance. Nicht, dass Streitlust und Auseinandersetzung dabei ruhiggestellt werden sollen – aber mit ein bissl Liebe geht es doch viel besser. Verzeihung, vielleicht eine Nebenwirkung von Franz Lehárs Musik, der ich zur Zeit viel ausgesetzt bin.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?

In dieser Zeit, wo der Tod so präsent war im allgemeinen Bewusstsein – denn das ist es ja, was jede Maske, jeder Test uns erzählt: Sie sollen vor dem Tod schützen – also nach dieser Zeit sind wir, glaube ich, alle ausgehungert nach schönen Dingen. Gemeinschaft, Essen, Kultur, Leben. Und nichts kann diesen Hunger mehr stillen, als das Theater/die Bühne. Denn es ist das unmittelbarste Erleben von Kunst, in seiner Vergänglichkeit, in dem gemeinsamen Erfahren. Wie schlimm war es, zu erleben, dass Theater als Stream einfach nicht funktioniert. Bei allen Innovationsversuchen fehlt doch immer das Wesentliche: Ich sitze mit anderen Menschen vor den Akteuren. Ich reagiere auf die, die reagieren auf mich, alle reagieren auf alle. Das ist eine dem Menschen eingeschriebene basale Erfahrung und ein Bedürfnis. Vielen Zuschauern ist ja nicht bewusst, dass jedes Sesselknarren, jedes Atmen den Verlauf des Abends beeinflusst. Zuschauer haben eine enorme Verantwortung. Die Art wie man zusieht, verändert das Gesehene, nicht nur für einen selbst, sondern für alle. Man merkt das schon bei einer Probe. Sobald jemand Neues den Raum betritt, egal ob der Intendant oder die Putzfrau, wird anders gespielt. Ich glaube, dass das Bewusstsein um diese Macht des Zuhörens auch für unsere Gesellschaft enorm relevant ist. Und das können wir im Theater erfahren.

Was liest Du derzeit?

Meine Schwester, die immer dafür sorgt, dass ich mit hochwertigem Lesestoff versorgt bin, hat mir „Fahles Feuer“ von Vladimir Nabokov geschenkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Liebe dich selbst wie deinen Nächsten.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Florian Stanek • Schauspieler | Sänger | Autor (flostanek.at)

Fotos_Konstantin Reyer

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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