„Jeder Mensch erschafft auf seine eigene Art und Weise“ Zehava Khalfa, Schriftstellerin_ Berlin 10.7.2021

Liebe Zehava, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zum Glück sind alle Kurse, die ich unterrichtet habe, mit dem Ausbruch der Korona online gegangen. Meine Arbeitszeiten liegen also am späten Nachmittag oder am Abend.

Morgens, bevor die Kinder aufwachen, schaffe ich es, ein paar Seiten zu schreiben. Nimm den Traum und die Gedanken heraus. Dazu gibt es eine Tasse heißen Kaffee mit Hafermilch. Dann frühstücken wir gemeinsam, es gibt Tage, da muss meine Tochter in die Schule und es gibt Tage, da muss mein Sohn, sich schnell organisieren und rausgehen und dann mache ich schon einen langen Spaziergang durch den Park, manchmal mit meiner Tochter, manchmal alleine.

Zu Hause arbeite ich an Kapiteln, die ich kurz vor den Corona-Einschränkungen geschrieben habe, um sie zur Übersetzung zu schicken und dann das Buch – die Geschichte auf Deutsch zu veröffentlichen. Gleichzeitig bereite ich eine weitere Gedichtsammlung zur Übersetzung vor.

Mittags, wenn meine beiden Kinder zu Hause sind, spielen sie zusammen oder lesen Bücher, ihre Lieblingscomics. während ich online Hebräisch unterrichte. Nach dem Abendessen ist dies meine Zeit, um an Übersetzungen zu arbeiten, ich tue dies gerne mit dem Zwitschern der Vögel von youtube. Im Bett lese ich noch ein paar Seiten aus dem nicht enden wollenden Buch 4321 von Paul Auster.

Zehava Khalfa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einerseits – schließlich steht jeder alleine vor seiner eigenen Realität und andererseits die Einsicht, dass wir alle gemeinsam im selben Boot sitzen. Und jeder sollte hinzukommen und sich gemeinsam um das Bewusstsein für verschiedene Themen bemühen, die mit unserer gemeinsamen Zukunft verbunden sind.

Während ich diese Dinge schreibe, spüre ich bereits einen Widerspruch in mir in Bezug auf meine Vorstellung, dass jeder mit seiner eigenen Realität allein zurechtkommt. Die Frage ist, inwieweit die individuelle Realität eines jeden wirklich durch die Aktualität von Politik und Gewalt beeinflusst wird. Inwieweit wird die Lebensqualität eines jeden Einzelnen durch den zufälligen Ort, an dem er geboren wurde, durch die zufällige Familie und durch sein zufälliges Schicksal beeinflusst. Wie sehr wir uns an Zugehörigkeit und Geschichte als formendes und verfestigendes Werkzeug festhalten. Und was, wenn wir sie für einen Moment beiseite legen, was werden wir dann herausfinden? Wenn wir unsere persönliche Karte, das Geschlecht, die nationale, religiöse Zugehörigkeit usw. abgelegt haben? Wer sind wir dann wirklich?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Dies kann als ein neuer Anfang gesehen werden, in meinen Augen ist die Literatur wie jede andere Kunst, ein integraler Bestandteil der Menschheit. Sie ist die pulsierende Seele im Körper und untrennbar. In einigen der Übersetzungen, mit denen ich mich beschäftige, habe ich das Zeugnis einer Holocaust-Überlebenden übersetzt, die in einer Gruppe von Frauen war. Sie und ihre Freundinnen erfanden einen Liedtext zu einer bekannten Melodie. Einerseits war ich erstaunt, wie Frauen, die kaum etwas aßen und hauptsächlich an ihr Überleben dachten, etwas erschaffen konnten, andererseits ist Kreation ein integraler Bestandteil des Lebens. Jeder Mensch erschafft auf seine eigene Art und Weise. Meiner Meinung nach haben die Corona-Beschränkungen die Kreativität nicht verhindert, obwohl es für mich in dieser Zeit schwieriger war, zu schreiben, da ich mehr mit den Kindern beschäftigt war, ich bin eine alleinerziehende Mutter, und abends und tagsüber arbeitete. Aber ich habe so viel wie möglich geschrieben.

Was liest Du derzeit?

Ich lese das Buch „4321“ von Paul Auster. Hoffe, es zu beenden, ich bin derzeit auf Seite 450. Einerseits ist es ein interessantes Buch, andererseits würde ich mich freuen, stattdessen andere Bücher zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Newsletter- Zahava Khalfa

Nun ist auch diese Zeit langsam angekommen, stolpernd  zwischen den Kalenderquadraten, verwandelte die Seiten in unsichtbare digitale Punkte

Jetzt ist auch das gekommen, diese Position des Sitzens, die kalte Berührung der Treppe am Hintern. Ich warte.

Du sagst nein, du bist noch nicht bereit. Die Kinder essen einen leicht trockenen Kuchen, mit kalter Milch zum Aufweichen.

Hier wirst du sehen, wie sich die Zeit in uns zu kleinen Plätzen verwandelt, auch deine Nachbarn sind laut, Kinder heulen aus allen möglichen Häusern.

Der Lärm der Autos sägt den Abend wie Scheiben. Schwarzbrot.

Vielen Dank für das Interview liebe Zehava, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zehava Khalfa, Schriftstellerin

Fotos_privat

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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