„Mehr zu fühlen, wer man ist, dies sollte Liebe sein“ Linda Pichler_Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_ 11.7.2021

Als ich in Wien ankam, bin ich zunächst in die Nähe des Ungargassenlandes, dem Romanschauplatz von „Malina“ gezogen, es ist mir also ganz gut bekannt (lacht).

Linda Pichler, Schauspielerin_Wien

Das Schauspiel war immer meine Leidenschaft. Als Kind fragte ich meine Mutter ob das „Spielen auf der Bühne“ ein Beruf sei. Meine Mutter sagte: „Nein“ (lacht).  Später fragte ich meine Mutter warum sie mich da angelogen hat. Und sie sagte, sie hatte Angst vor den Kritiker*innen. Ich fand das sehr süß (lacht). Als ich mich dann für den Schauspielberuf entschied, unterstützte mich meine Familie sehr, dies ist bis heute so und ein großes Geschenk.

In meiner Jugendzeit gab es schon Bühnenerfahrungen im Landestheater Linz, auch danach. Ich war neunzehn Jahre alt als ich nach der Matura in Wien ankam. Zunächst studierte ich aber zwei Semester Politikwissenschaft in Wien. Dann hatte ich den Mut mich der Aufnahmsprüfung an der Schauspielschule zu stellen.

Die Beziehung zur Kunst war in meiner Familie immer vorhanden. Mein Vater ist Musiker. Meine Tante ist Bildende Künstlerin.

Wien ist eine sehr vielfältige Stadt. Mir war sofort klar, ich möchte in Wien bleiben. Es gibt sehr spannende Grätzl (Anm., Teile von Wohnbezirken) in Kultur und Lebensart hier. Und dieses authentische Wien funktioniert sehr gut.

Ich mag die Kontraste der Stadt, die Schönheit wie die wilderen Ecken.

Es gibt eine Herzlichkeit in dieser Stadt aber man ist halt auch gschert (lacht).

Ich finde auch das „Granteln“ sympathisch. Und ich kann ja auch zurückgrantln (lacht).

Ich bin grantiger geworden, seit ich in Wien bin (lacht).

Dieses authentische Wien begegnet einem jeden Tag. Etwa in der U-Bahn neulich als jemand noch in Zug sprang, was der Fahrer mit „Ana muas imma noch einekralln“ (Übersetzung – „Einer muss immer noch in die Lücke“). Ich finde das großartig. Ich hatte auch in meinem Wohnort Ottakring sehr schöne Begegnungen. Das von jemanden empfohlene Pfefferspray brauchte ich da nicht (lacht).

In der Schule begegnete mir Ingeborg Bachmann nicht.

Mich beeindruckt bei Ingeborg Bachmann diese Betonung von Utopie, Idealen in der Kunst. Das ist auch mir in meinem Selbstverständnis als Schauspielerin sehr wichtig.

Bachmann blickt aber auch in die sehr dunklen Täler des Menschseins. Mich interessieren auch die Abgründe in meiner Arbeit sehr.

Ich denke, es hat keinen Sinn, wenn es im Schauspiel nur um einen selbst geht.

Es geht in der Kunst immer um Erfüllung.

Theater ist dann interessant, wenn es befremdlich ist. Wenn ich mich aus Zuschauer*in auf der Bühne wiedererkenne.

Das Lesen des Romans war herausfordernd. Es gibt Textstellen, die schwer zugänglich sind und andere wiederum, die sofort ein Nachvollziehen ermöglich. Ich denke, Ingeborg Bachmann wollte dies auch so.

Der Roman hat auch sehr starke traumatische, düstere Bilder.

Bei manchen Passagen musste ich mich im Lesen damit begnügen, dass es nicht so nachvollziehbar ist. Das ist natürlich unbefriedigend als Leserin  (lacht) aber teil eines spannenden literarischen Konzeptes.

Ich finde den Zugang des Romans zu Geschlecht und Identität sehr spannend. Dieser männliche Blick existiert ja, wenn man sich selbst betrachtet als Frau. Ich empfinde das so.

Die Ich-Erzählerin blickt in einer Szene in den Spiegel und bezeichnet dies als wahre Existenz. Das macht eine innere Heimatlosigkeit sichtbar, die dann im Außen, in Ivan Halt sucht. Das ist natürlich eine ungesicherte Existenz.

Diese alten Rollenvorstellungen von Frau und Mann, diese Konditionierungen, da ist vieles noch sehr präsent. Es ist dann ein Ertappen an Tradition, die sich da innerlich Platz, Raum geschaffen hat.

Auch dieses Ellenbogen-, Konkurrenzdenken ist unserer Gesellschaft vorhanden. Ich habe etwa gehört, dass einer Kollegin empfohlen wurde in einem showreel nicht mit anderen Frauen aufzutreten, denn, es könnte ja sein, dass eine andere Frau dann die Rolle bekommen könnte. Ich fand das dermaßen  Sch…., ich halte mich da nicht dran. Ich werde drei tolle Frauen in meinem Showreel haben und wenn sie die Aufmerksamkeit bekommen, gönne ich das ihnen total. Dann ist die Rolle für sie und nicht für mich.

Feminismus ist Solidarität mit Frauen. Es gilt immer Türen offenzuhalten und nicht voreinander zuzuknallen. In meinem Beruf wie auch allen anderen. Ich bin mir sicher, dass war auch Ingeborg Bachmann sehr wichtig.

Ingeborg Bachmann spricht ja von dem „Kranksein der Männer“, der Verschiebung des Faschismus nach Kriegsende ins Private. Ich kann das gut nachvollziehen und meine, dass die Männer meiner Generation dahingehend jedoch gesünder sind.

Die Romanfigur Malina ist sehr enigmatisch, entzieht sich den Rastern von Zuordnungen. Das ist auch ein Teil seiner Anziehungskraft. Bei Ingeborg Bachmann selbst war es ja auch so.

Mich persönlich schrecken 0815 Männer in ihrem unreflektierten Reden über Frauen, weil sie sich und ihre Aussagen gar nicht selbst wahrnehmen.

Bei Ivan gibt es ein Arrangement in der Beziehung. Es sind Treffen und da geht es um wann/wo. Persönliches Interesse an der Partnerin gibt es nicht.

Das Unerreichbare in Ivan ist auch ein Teil seiner Anziehung.

Für Ivan gründet die Beziehung auf einer Vereinbarung gemeinsamer Zeit. Es ist da kein Verrat, kein Selbstbetrug. Das sehe ich eher in Malina. Da ist das Unglück, die Vernachlässigung, das „Nicht-Gesehen-Werden“ offenkundig.

Ich denke schon, dass man im Laufe einer Beziehung desillusioniert wird. Was gut ist und Auseinandersetzung, Beziehungsarbeit fordert.

Ich finde es spannend, wenn ich in einer Beziehung überrascht werde. Das kann auch eine Desillusionierung sein.

Begegnungen können Menschen erschüttern. Eigene Grenzen werden dann anders wahrgenommen.

Menschen suchen sich aus Gewohnheit das was sie schon kennen. Einfach weil es weniger bedrohlich ist. Das ist auch in der Liebe so.

Die Liebe beginnt mit der Geburt, den ersten Lebensjahren. Wir wiederholen diese Erfahrungen dann.

Auch das Schreckliche hat Vertrautheit und damit Wiederholung. Es fühlt sich sicherer an.

Familie kann ein Nährboden für ungesunde Beziehungen sein, wenn man nicht die Möglichkeit hat dies zu verarbeiten.

„Ich muss das und das noch tun damit ich geliebt werde“ – das ist eine Sackgasse.

Liebe auf den ersten Blick? Eine starke Anziehung und Projektion gibt es. Aber Liebe, das ist für mich ein zu schweres Wort, um es auf den ersten Blick festzumachen. Ich nehme das sehr ernst. Ich bin auch bei Freundschaften nicht anders (lacht). Es braucht Zeit, um mich emotional zu binden.

In Wien habe ich mich auf jeden Fall verliebt (lacht). Ich komme immer extrem gerne nachhause.

Wenn man verliebt ist, teilt man dies mit Stadt und Welt. Man möchte es hinausschreien (lacht). 

Offenes, ehrliches Reden ist ganz wesentlich in einer Beziehung. Wie auch immer diese Beziehung aufgebaut ist.

Jeder Mensch ist abhängig von anderen Menschen. Wenn es zu groß wird, wie bei Ivan, kann es eine Todesart sein, von der Bachmann ja spricht.

Mehr zu fühlen, wer man ist, und nicht weniger, dies sollte Liebe sein.

Phantastereien sind in einer Beziehung immer da. Es ist allerdings tragisch, wenn dies zur Flucht vor der Realität wird. Wenn das wonach man sich sehnt zur Vorstellung wird, an der man sich festklammert.

Liebe ist jemand um seiner selbst willen lieben.

Liebe ist Freiheit das wahre Selbst auszuleben.

Liebe – die Komplexität, das Sein eines Menschen zu schätzen und zu ehren.

Zelebrieren kann in der Liebe etwas sehr Schönes sein. 

Liebe – eine Übereinkunft das Leben gemeinsam, in allen Freiräumen, zu gestalten.

Liebe geht über das Erwartete hinaus.

Eine platonische Beziehung kann emotional intensiver sein als eine Liebesbeziehung.

Liebe kann in ganz unterschiedlichen Modellen gelebt werden.

Was ich Ingeborg Bachmann sagen würde? Ich wäre wahrscheinlich zu nervös dazu (lacht). Wahrscheinlich würde ich danke sagen.

Linda Pichler, Schauspielerin_Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Linda Pichler_Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

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