„Diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen“ Thomas Arzt, Schriftsteller _ Wien 8.7.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Irgendwann um 4 meldet sich die Kleine und will ihr Flaschi trinken, dann schlummert sie noch bis 6. Die Größere meldet sich um halb 7. Wir versuchen bis 9 im Kindergarten zu sein. Hernach kutschiere ich die Kleine rum und kaufe ein. In einer Schlafphase beantworte ich E-Mails, schreibe ein paar Zeilen, mache mir Notizen… Dann Mittagspause mit meiner Frau, die neben dem Full-Time-Job versucht, mich „freizuspielen“, damit ich nachmittags auch mal auf die Bibliothek kann, oder ein Arbeitstreffen reinzwicke. Wenn die Große vom Kindergarten daheim ist, dreht sich alles ums Spielplatzspielen, Rumturnen, Kaspertheater improvisieren, Essen kochen… der ganz normale Wahnsinn. Abends schnell zu einer Lesung, oder daheim Geschichten erfinden, die Kleine in den Schlaf schunkeln und die Große bändigen. Die Tage vergehen im Flug. Literatur entsteht nebenbei. Und, wenn die Kraft reicht, nachts. Da ist dann endlich alles still.

Thomas Arzt _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Für mich ist es ein Mix aus Gelassenheit und Unruhe, der mir wichtig erscheint. Aufschreie und Panikmache stehen mittlerweile ja an der Tagesordnung. Relativierung und tiefgehender Diskurs fehlen zusehends. Ich übe mich also in Zurückhaltung und dennoch hartnäckiger Umtriebigkeit in Sachen Gesellschaftskritik. Daneben finde ich es wichtig, auf die Kinder zu hören!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbrüche ereignen sich entlang von Bruchstellen. Kunst müsste alles daran setzen, diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen. Und nicht davor zurückzuschrecken, selbst Verantwortung zu übernehmen.

So sehr von Neuanfängen in letzter Zeit die Rede war, so wenig wurde (wieder einmal) umgesetzt. Im Gegenteil. Vieles deutet darauf hin, dass die selben ausbeuterischen Systeme bedient werden, wie davor, auch in der Kunst. Letztlich sind die Mächtigen mächtiger, die Reichen reicher, etc. Viele sind mit einem „blauen Auge“ davongekommen, mich selbst eingeschlossen. Die Toten sind vergessen, aus Angst wird Übermut, unvernünftig sind immer „die Anderen“ und selbst laufe ich, weil ich es nicht besser weiß oder anders will, auf alten, gewohnten Bahnen. Schwer, das alles einzuordnen und dabei fröhlich zu bleiben. Zugleich agieren wir wohl bedauerlich menschlich und (aus meiner österreichischen Perspektive) unverhofft privilegiert.

Was liest Du derzeit?

Morgens Kinderbücher, zum Beispiel „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ (Werner Holzwarth, Wolf Erlbruch), tagsüber „Pathos und Schwalbe“ von Friederike Mayröcker, abends „Fiesta“ von Ernest Hemingway.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Papa, die Tränen sind wie Wasser. Fallen sie zu Boden, wachsen Blumen. Die sind schön.“ – „Und so vergeht die Traurigkeit?“ – „Ja.“ (Gespräch mit meiner Tochter)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Arzt _ Schriftsteller

Aktuell – Thomas Arzt, Schriftsteller

Foto_privat.

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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