Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit gut drei Jahren gehe ich ziemlich in Arbeit auf – und unter. Davon die letzten zwei Jahre vorwiegend im Heimbüro. Das heißt, ich stehe auf, stelle den Computer an, noch bevor ich aufs WC gegangen bin, und stelle ihn aus, wenn ich spätabends nicht mehr kann, ohne das Gefühl zu haben, wirklich etwas beendet zu haben. Das Verlangen, die Ansprüche der Arbeit an mich sind immer einige Schritte weiter als meine Fähigkeit, ihnen gerecht zu werden. Ich bin der rasende Hase, sie ist der stets schon präsente Igel. Das, was Marx früher Opium fürs Volk nannte, ist heute nicht mehr die Religion, sondern sind Arbeit und Netflix – zumindest, was mein Leben betrifft. Wenn ich frei habe (was selten passiert, weil es bedeutet, dass auch ich mir selbst ganz und gar freigeben muss), erfreue ich mich an meiner geliebten Familie, meinen Freundinnen und meinem Schrebergarten und seiner weiten Himmelsaussicht (die mir in der Stadt sonst überall fehlt). Das Schreiben als Teil meines Lebens, seit ich mit zehn ein Tagebuch mit rot-blauem Stoffeinband geschenkt bekam, entsteht in den freien Ritzen dieses heutigen Alltags und entfaltet sich am stärksten in den Ferien. Wenn ich einmal in Rente gehe, wird mein Tagesablauf durch einen Hund bestimmt werden, vielleicht einen „Aussie“ oder einen Hovawart oder einen Mischling, den ich mir dann hoffentlich, endlich, leisten werde.
Annette Hagemann, Lyrikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ruhe bewahren und den kleinsten Anlass zum Frieden beim Schopf ergreifen, bei sich bleiben und dennoch auch seine Ideale (die vielleicht gute Gründe haben, aber dennoch nicht die ganze Wahrheit sind) hinterfragen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst an sich und die Literatur sind schon immer die Hofnarren, die sagen, was sie sehen und erkennen können: dass der Kaiser keine Kleider trägt und auch sonst womöglich falsch liegt. Die Literatur ist schon immer zugleich drinnen (sonst hätte sie keine Sprache und nichts zu erzählen) und draußen (sonst hätte sie keine Einsichten und nichts zu erzählen). Literatur und vielleicht am meisten die Lyrik sind allein damit politisch, dass sie das Normgerechte verwirren, aufstöbern, verscheuchen und durch die sanften und betörenden Unverständlichkeiten und pluralen Rätsel ersetzen, die – im glücklichsten Fall – den Menschen helfen zu verstehen, dass sie keine Ahnung und daher auch keine Bedingungen zu stellen haben. Kunst und Literatur trainieren unsere Gesellschaft, wo sie können, in Empathie und in Ambiguitätstoleranz – und das ist schon ein großer Schritt in Richtung Weltfrieden.
Was liest Du derzeit?
„Brüder“ von Jackie Thomae und „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht Susan Sontags Satz: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“ Denn Schreiben ist wirklich ein wunderbares Werkzeug und Medium, um sich mit sich selbst und der Welt ins Verhältnis zu setzen. Und Klarheit können wir immer – und wie immer: gerade jetzt – gut gebrauchen.
Vielen Dank für das Interview, liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Annette Hagemann, Lyrikerin
Foto_privat.
18.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Gazing speechless, mourning hour, I can feel it, threat approaches. Venom chosen to devour, Ever human hate advances.
Powerless and yet not hopeless, Eloquence! oh! guide my way! Another light goes out, relentless, Call of sorrow ends the day. Ended freedom on command,
A game of snakes keeps moving further.
Children! Grow to understand, How war is nothing more than murder. And yet instinct seeks for kindness, Neither lost nor burdensome. Choose to end these times of darkness! Empathy must overcome
Da ist das Leben und da die Erinnerung. Der 10.Oktober in der Schule, die Polizeistation und der Führerschein. Stationen und Wege von Sprache und Leben.
Und jetzt Tehran. „Is it nice where you live?“„Wo ich lebe, Sir, liegt über allen ein Schweigen…Dirndln…Bierzelt…“ „Nice, nice, Baby!“
„Wenn mich die Traurigkeit längere Zeit nicht besucht, beginne ich mich heimlich nach ihr umzusehen…“
Jetzt Maulbeeren und Märtyrerbilder am Weg. Bilder am Weg im Kopf. Heute und damals. Da und dort.
„Inschallah! „Inschallah!“
Und da ist in der Erinnerung die Diva und der Leichenschmaus. Die Todesarten, nein Sterbensarten. Das Ende der Kindheit und der saure Regen…und die Sonne…da und dort…
Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Anna Baar, legt mit „Divan mit Schonbezug“ einen Erzählband vor, der in seiner sprachlichen Virtuosität wie seiner kaleidoskopartigen historisch-biographischen kritischen Zeitreise begeistert.
Anna Baar lädt zu einem fliegenden Teppich von Sprache, Nation, Identität, Schein und Sein von Lebenswelt und Gesellschaft, der alles scheinbar Feststehende unter den Füßen wegzieht und im Fliehen oder Bleiben erstaunt wie erschüttert darauf blicken lässt. Bei Anna Baar geht es im Schreiben immer um das Ganze des Lebens in Zeit und Raum. Und das Ankommen im Lesen ist dabei immer offen.
„Anna Baar schreibt mit so schonungsloser aufmerksamer Zärtlichkeit über Mensch und Welt wie es nur Liebende vermögen“
Lieber Klaus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache ca. um 6:30h auf, obwohl ich mir den Wecker für 6:55h gestellt habe. Kaffee, der zwanghafte Griff zum Handy (man könnte ja etwas versäumen), dann normalerweise ins Studio/Büro… doch im Moment eher nur Vermarktung/PR- Tätigkeiten, daher auch von zu Hause möglich.
Gerade (also heute) der erste Teil meiner 4 teiligen Jubiläumsreihe „20 Jahre Dope Noir“ erschienen. Konzerte im Moment kaum… die Pandemie hat ihre Verwüstung in den Köpfen der Menschen hinterlassen. Planungsunsicherheit bei Konzertveranstaltern…
Klaus Waldeck, Musiker/Produzent/Komponist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zusammenhalt. Halt in der Familie – sofern vorhanden. Ein optimistischer Blick in die Zukunft wäre zwar nötig… irgendeine Vision. Leider fast nicht möglich. Daher stehen wir eher am Beginn eines neuen Biedermeier Zeitalters.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Wesentlich wird sein, die Gräben die die Pandemie verstärkt hat wieder langsam zu schließen. Leider sehe ich hier keine baldige Lösung, eher im Gegenteil. Soziale Medien fungieren als Brandbeschleuniger und Echo-Kammern. Tendenziell sehe ich eher ein weiteres Auseinanderdriften.. angefeuert insbesonders von Gruppierungen, die sich moralisch über andere erheben.
Die Kunst kommt hierzulande oft als Letztes und sie kann gesellschaftlich auch wenig bewegen. Das gilt auch für die Musik. Bis zu einem gewissen Grad ist das verständlich.
Was liest Du derzeit?
Habe gerade von Kazuo Ishiguro „Klara and the Sun“ gelesen. Er ist einer der wenigen Autoren, von denen ich bisher noch nie entäuscht wurde
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich habe das Buch schon weitergegeben.. Auswendig weiß ich daraus kein Zitat;-).
Vielen Dank für das Interview lieber Klaus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!