„Ich bin der rasende Hase, die Arbeit ist der stets schon präsente Igel“ Annette Hagemann, Lyrikerin, Hannover 1.4.2022

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit gut drei Jahren gehe ich ziemlich in Arbeit auf – und unter. Davon die letzten zwei Jahre vorwiegend im Heimbüro. Das heißt, ich stehe auf, stelle den Computer an, noch bevor ich aufs WC gegangen bin, und stelle ihn aus, wenn ich spätabends nicht mehr kann, ohne das Gefühl zu haben, wirklich etwas beendet zu haben. Das Verlangen, die Ansprüche der Arbeit an mich sind immer einige Schritte weiter als meine Fähigkeit, ihnen gerecht zu werden. Ich bin der rasende Hase, sie ist der stets schon präsente Igel. Das, was Marx früher Opium fürs Volk nannte, ist heute nicht mehr die Religion, sondern sind Arbeit und Netflix – zumindest, was mein Leben betrifft. Wenn ich frei habe (was selten passiert, weil es bedeutet, dass auch ich mir selbst ganz und gar freigeben muss), erfreue ich mich an meiner geliebten Familie, meinen Freundinnen und meinem Schrebergarten und seiner weiten Himmelsaussicht (die mir in der Stadt sonst überall fehlt). Das Schreiben als Teil meines Lebens, seit ich mit zehn ein Tagebuch mit rot-blauem Stoffeinband geschenkt bekam, entsteht in den freien Ritzen dieses heutigen Alltags und entfaltet sich am stärksten in den Ferien. Wenn ich einmal in Rente gehe, wird mein Tagesablauf durch einen Hund bestimmt werden, vielleicht einen „Aussie“ oder einen Hovawart oder einen Mischling, den ich mir dann hoffentlich, endlich, leisten werde.

Annette Hagemann, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und den kleinsten Anlass zum Frieden beim Schopf ergreifen, bei sich bleiben und dennoch auch seine Ideale (die vielleicht gute Gründe haben, aber dennoch nicht die ganze Wahrheit sind) hinterfragen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst an sich und die Literatur sind schon immer die Hofnarren, die sagen, was sie sehen und erkennen können: dass der Kaiser keine Kleider trägt und auch sonst womöglich falsch liegt. Die Literatur ist schon immer zugleich drinnen (sonst hätte sie keine Sprache und nichts zu erzählen) und draußen (sonst hätte sie keine Einsichten und nichts zu erzählen). Literatur und vielleicht am meisten die Lyrik sind allein damit politisch, dass sie das Normgerechte verwirren, aufstöbern, verscheuchen und durch die sanften und betörenden Unverständlichkeiten und pluralen Rätsel ersetzen, die – im glücklichsten Fall – den Menschen helfen zu verstehen, dass sie keine Ahnung und daher auch keine Bedingungen zu stellen haben. Kunst und Literatur trainieren unsere Gesellschaft, wo sie können, in Empathie und in Ambiguitätstoleranz – und das ist schon ein großer Schritt in Richtung Weltfrieden.

Was liest Du derzeit?

„Brüder“ von Jackie Thomae und „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht Susan Sontags Satz: „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke.“ Denn Schreiben ist wirklich ein wunderbares Werkzeug und Medium, um sich mit sich selbst und der Welt ins Verhältnis zu setzen. Und Klarheit können wir immer – und wie immer: gerade jetzt – gut gebrauchen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Hagemann, Lyrikerin

Foto_privat.

18.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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